Feldreport 2: Die Erde fällt aus dem Nest

Ein innerer Konflikt von planetaren Ausmaßen. Es geht um Leben und Tod. Autor Gerhard Richter muss entscheiden: Rettet er ein Meisenküken oder überlässt er es der Natur?

Gerhard Richter

Nur zwanzig Schritte von meiner Haustür entfernt, stolpere ich in einen moralischen Abgrund. Erschrocken bleibe ich stehen, nehme den Feld-Schreibtisch von der Schulter. Auf dem Pflaster vor mir piepst ein kleiner Vogel, ein Meisenküken, viel Flaum, kaum Federn und sehr hilflos. Hüpft herum, auf der Suche nach seinem Nest, seinen Eltern, seinem warmen behüteten zu Hause. Es muss herausgefallen sein. Oder seine Brüder und Schwestern haben es hinaus geschubst. Aus Versehen, oder mit Absicht, weil das Nest zu eng war und das Küken sich nicht zu wehren wusste. So was passiert immer wieder. Natur kann grausam sein. Und jetzt ist dieses Küken auf´s harte Pflaster gefallen, ausgerechnet vor meine Füße.

Ich könnte auch grausam sein und einfach weitergehen. Das Schicksal des kleinen Vogels könnte mir egal sein, ich könnte ihn der Natur überlassen. Die „Natur“ hat ihre eigenen Mechanismen in solchen Fällen. Eine Katze würde die kleine Meise schnappen und verspeisen. Oder mit ihr spielen, bis sie tot ist und sie dann liegen lassen. Nach ein paar Minuten würden die Fliegen den kleinen Kadaver entdecken. Sie würden ihre Eier auf dem toten Körper ablegen. Kleine weiße Gelege zwischen den Federn. Daraus schlüpfen dann Maden und die würden den toten Vogel bis auf die Knochen zerfressen. Vorher kämen schon die Ameisen und holten sich ihren Teil. Oder Wespen oder Hornissen. Es gibt eine Menge Tiere, die den Körper einer kleinen Meise zu schätzen, und zu verwerten wissen. Das Leben der Meise wäre zu Ende, und der kleine Leichnam würde dazu beitragen, dass andere Tiere leben. An all das denke ich, während der Vogel vor meinen Füßen hüpft und jämmerlich piepst. In sein Nest zurückfliegen kann er noch nicht, dafür ist er zu klein. Und Erfahrung mit Menschen hat er offensichtlich auch nicht, denn sonst würde er vor mir flüchten. Macht er aber nicht, sondern er hüpft zwischen meine Schuhe und fiept mit weit aufgerissenem Schnabel. Seine Eltern sollen ihn hören. Aber wer hört ihn? 

Ich! 

Ich schaue mich um. Von den Eltern ist nichts zu sehen. Kein Vater, keine Mutter. Und selbst wenn sie das Küken fänden, es ist unwahrscheinlich, dass die Eltern ihr Kind wieder zurück ins sichere Nest hieven können. Wie auch, eine Meise ist kein Helikopter – nicht gebaut für den Transport von kleinen Vögeln. Mir ist jedenfalls kein Fall bekannt, in dem eine Meisenmutter ihr Küken packt und damit ins Nest fliegt, so wie eine Katze mit ihren Zähnen ihr Kitten am Nacken packt und nach Hause trägt. Meisen können sowas nicht, hat die Natur nicht vorgesehen. Und somit ist das Urteil gesprochen - das Küken scheint verloren. Aber wir Menschen sind ja auch ein Teil der Natur. Und das bedeutet: 

Ich könnte es retten! Ich könnte das Küken ins Nest zurücksetzen, seinen sicheren Tod verhindern. 

Nur wo ist das Nest? Irgendwo muss es ja sein, allzu weit kann das Küken nicht weggehüpft sein. Es gibt nur einen kleinen Birnbaum hier im Hof, und dessen Blätter sind so licht, dass ich ein Nest schnell entdecken würde. Aber Fehlanzeige. Ich beobachte die Mauern um mich herum, zwischen den uralten Backsteinen gibt es viele Risse und Löcher und in so einem Hohlraum könnte die Meisenfamilie hausen. Meisen brüten gern in Höhlen, das kann ich mir zusammenreimen, sonst würde man ja nicht Meisenkästen als Bruthilfe aufhängen. Oder doch in dem Weinstock, der sich bis in den zweiten Stock hinauf hangelt. Oder in dem buschigen undurchdringlichen Efeu, welcher die ganze gegenüberliegende Wand begrünt. Still stehe ich da, lausche angestrengt, ob ich irgendwo in den Wänden das Piepsen der anderen Jungen höre. Aber in dem Blätterrauschen, Schwalbengezirr und fernen Autolärm erlausche ich keinen Hinweis auf ein Meisennest. 

Dann sehe ich sie.

Eine Blaumeise hüpft von Ast zu Ast. Sie hat mich bemerkt und nun beobachten wir uns gegenseitig. In ihrem Schnabel trägt sie ein kleines Bündel Würmer, sicherlich Futter für den Nachwuchs. Wenn ich nur lange genug warte, fliegt sie zu ihren Jungen und verrät mir dadurch ihr Nest. Aber genau das will sie offensichtlich vermeiden. Die Blaumeise fliegt mit ihren Würmern mal hierhin, mal dorthin, nur nicht ins Nest. Sie macht das absichtlich, um mich zu verwirren, glaube ich, um mich abzulenken. Klar: Sie will ihre Jungen zu schützen. In ihren Augen bin ich so gefährlich wie eine Katze, und die hat es auf ihre Jungen abgesehen. Woher soll sie wissen, dass ich ihr Junges retten will, und nicht fressen? 

Fünf endlose Minuten lang hält die Blaumeise das durch, flattert mit ihrem Wurm-Bündel aufgeregt vom Weinstock zum Efeu und wieder zurück. Sie steckt in einer Zwickmühle. Verrät sie das Nest, fresse ich die Jungen, verrät sie das Nest nicht, fressen die Jungen nichts und hungern. Das ist schwer zu ertragen für eine Mutter. 

Für mich ist schwer zu ertragen, dass das Küken so schutzlos um meine Füße herum hüpft. Also nehme ich es in die Hand. Überraschenderweise lässt es sich leicht fangen. Es kuschelt sich in meine warme Handfläche, klammert sich mit den zarten Krallen an meinen Finger. Und dieses Festkrallen löst in mir eine ungeheure Reaktion aus! Wir sind plötzlich verbunden. Plötzlich bin ich für dieses kleine Wesen verantwortlich. Das Küken hat sonst niemanden. Ich bin seine Rettung, seine Hoffnung, und genau das spüre ich in dem verzweifelten Griff, mit dem es sich an meinen Finger krallt. Als wolle es mich nie wieder loslassen, als wäre ich jetzt seine Mutter, als hinge Leben und Tod einzig von mir ab. Von meiner Entscheidung. Und es ist ja tatsächlich so. Na super! Das hab ich jetzt davon. 

Jetzt kann ich unmöglich zurück.

Ich muss für das Küken sorgen, es großziehen. Aber was kommt da auf mich zu? Brauche ich eine Rotlichtlampe, um das Küken zu wärmen? Was frisst so eine kleine Blaumeise? Fange ich jetzt Fliegen, grabe nach Würmern? Und wie schütze ich den kleinen Vogel vor unserer Katze, die überall im Garten und in der Wohnung herumstreunt und räubert und Mäuse und Vögel frisst. Bekommt sie jetzt Hausverbot, während das Küken bei uns wohnt? Und wie bringe ich dem Küken später das Fliegen bei? Geht das ganz von selbst oder braucht es ein Vorbild? Lauter Fragen kreisen in meinem Kopf, auf die ich keine Antwort habe. Fest steht nur, jetzt wo ich Verantwortung für dieses kleine Wesen trage, muss ich einiges verändern. Aber will ich das? In mir beginnt ein Kampf. Lasse Ich mich von einem Vogelbaby aus meiner Komfortzone schubsen? Ich kann doch nichts dafür, wenn dieser Vogel aus seinem Nest plumpst. So vergehen Minuten , während das Küken in meiner Hand ruhiger wird und mich ganz hoffnungsvoll anpiept. 

Auch der Blaumeisenmutti ist das nicht entgangen. Sie sieht, dass ich ihr wehrloses Küken nicht auffresse, sondern vorsichtig in der Hand halte. „Wenn du mir zeigst, wo du wohnst, dann bring ich dein Junges wieder zurück ins Nest“, denke ich. Als könnten Meisen Gedanken lesen. 

Noch immer flattert die Meise aufgeregt hin und her. Ruhig halte ich ihr Küken in der Hand, strecke der Meisenmama den Arm entgegen. „Ich bringe es dir wieder. Ich muss nur wissen wohin“, denke ich möglichst laut und so einfach, dass es eine Meise versteht. Lange stehe ich so da. Wunder brauchen Geduld. Tatsächlich flattert Meisenmama von ihrem Ast am Weinstock los und schlüpft in eine Mauernische.

Ziel erreicht.

Dort also hat sie gebrütet. Dorthin gehört das Küken. Jetzt kann ich die Rettungsaktion starten. 

Ich hole einen Karton und setze das Findelkind hinein. Gar nicht so leicht, seine Krallen von meinem Finger zu lösen. Sofort setzt wieder das ängstliche Piepsen ein. Aber im Karton ist es erst mal sicher. Dann hole ich eine Leiter. Unterwegs treffe ich meinen Nachbarn, der das Drama um das Meisenküken beobachtet hat. 

„Das geht sowieso kaputt“, sagt er. 

„Kann ja sein“, sage ich. „Wenn ich nichts mache, dann geht es sowieso kaputt. Ich muss es doch wenigstens versuchen.“

Er zuckt mit den Schultern und schaut zu, wie ich die Leiter vor der Hauswand aufbaue, den Karton mit dem Küken nehme, bis zur Mauerritze hochklettere und das Küken vorsichtig hinein bugsiere. Hinter der Ritze ist ein Hohlraum und da drinnen piepsen die anderen Jungen. Vielleicht rufen sie panisch nach ihrer Mutter, vielleicht jubeln sie über die Rückkehr ihres Geschwisters, vielleicht protestieren sie auch dagegen. Was ich mir da zurecht reime hat möglicherweise nicht die Bohne mit dem zu tun, wie eine Meisenfamilie wirklich tickt. 

So eine artübergreifende Rettungsaktion ist in der Tierwelt ja eher selten. Manchmal – so hört man - ziehen Hündinnen Katzenbabys auf. Müssten sie ja nicht, das Verhalten ist ihnen nicht angeboren. Ihr Beschützerinstinkt ist ja nicht auf Katzenbabys programmiert. Und trotzdem säugen sie fremde Jungen, retten damit schutzlose Kreaturen. 

Und auch ich habe gerade ein kleines gefiedertes Leben gerettet. Sehr zufrieden steige ich von der Leiter und sehe nach oben. Ich habe meine Verantwortung wahrgenommen und ein Blaumeisenküken gerettet, ins sichere Nest zurückgebracht. Eine kleine Heldentat. 

„Wenn du es schon angefasst hast, dann nehmen sie es nicht mehr an“, unkt mein Nachbar und macht eine Bierdose auf. Für ihn geht es nicht um Leben und Tod, Er will nur Recht behalten. Er wünscht sich geradezu, dass das Küken ´kaputt geht´. Sein Bild der Natur hätte sich bestätigt - die grausame Natur, die erbarmungslos jede Schwäche mit dem Tod bestraft. 

Er fühlt sich selbst als Teil dieser erbarmungslosen Natur.

Ein Rettungsversuch wäre eine Störung der natürlichen Ordnung. Ich kann die Haltung meines Nachbarn auch nachvollziehen. Aber der kleine Vogel hat ja nicht seinen Finger umkrallt, sondern meinen. Die Hilflosigkeit dieses Wesens zu spüren und meine Macht, es zu retten, haben mich tief berührt. 

Jedes Tier will leben und geht davon aus, dass ein anderes Tier das auch weiß. Ein Küken kennt die Welt noch nicht. Es kennt nur die Regeln im Nest. Dass es zufällig an einen Menschen geraten ist, und nicht an eine Katze war natürlich Glück. Und dass es an mich geraten ist und nicht an meinen Nachbarn war doppeltes Glück. Ich habe die Botschaft der kleinen Krallen verstanden: Rette mich, ich habe sonst niemanden. Ich hätte den Vogel auch angeekelt abschütteln können: Igitt, gleich kackt er mir auf die Hand. Hab ich aber nicht. Das bisschen Kükenkack hätte ich vertragen. Die Aussicht war aber auch anstrengend, von einem Piepmatz aus der Komfortzone geschubst zu werden. 

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich in dem Augenblick nicht nur an den kleinen Vogel gedacht. Ich habe an die ganze Erde gedacht. Die ist ja auch in einem Wandel, der für viele Lebewesen sehr gefährlich ist. Täglich sterben nicht nur Millionen Tiere, sondern ganze Arten. Die sind dann einfach weg. Für immer. Das wissen wir. Das steht alle paar Tage in der Zeitung. 

Aber die krallen sich nicht an meinen Finger. Die sterben irgendwo weit weg, verborgen in Büschen und Hecken, in Wiesen und Äckern. Irgendwo gibt es dann ein letztes Exemplar einer Art. Das weiß vermutlich gar nicht, dass es das letzte Exemplar ist. Oder doch? Sucht es nach einem Partner, um sich zu paaren und findet keinen? Klammert es sich dann an einen Zweig und hofft auf ein Wunder? Fängt es irgendwann an, zu verzweifeln? Schaut stumm in die Wolken, die es nie wieder sieht, und auch nicht seine Nachkommen? Während ich auf der Autobahn ganz in der Nähe vorbeifahre und das gar nicht bemerke? Obwohl ich grade im Radio einen Bericht über das Artensterben höre? 

Das sind selbstquälerische Gedanken, die sich in meinem Kopf eingenistet haben. Ich versuche sie abzuschütteln. Schließlich habe ich den Vogel ja ins Nest zurückgesetzt, meine Pflicht erfüllt. Mit leichtem Herzen klappe ich den Feld-Schreibtisch auf, nehme die Hermes Baby heraus und tippe in die Tasten, wie ich die kleine Meise gerettet habe und sich daraus ein Gefühl für den Rest der Tierwelt entwickelt hat. 

Am nächsten Tag gehe ich dort wieder vorbei. Die kleine Meise liegt tot auf dem Pflaster. Sie ist wieder aus dem Nest gefallen. 

„Hab ich doch gesagt“, knurrt mein Nachbar. Er ist sichtlich froh, dass er recht behalten hat. Ich bin nur traurig. Arme kleine Meise. Ich erinnere mich an den Griff ihrer kleinen Krallen um meinen Finger. Ihr Leben in meiner Hand. Ich konnte mich entscheiden. Dieses Gefühl kann ich nicht mehr vergessen. Die Meise war so hilflos und sie hat mir völlig vertraut. Diese Hoffnung in mich trage ich jetzt noch mit mir herum, wie einen Ring am Finger. Ich glaub, ich hab jetzt eine Meise. Und diese Meise sorgt dafür, dass ich nun ständig das Gefühl habe, die Erde sei doch aus dem Nest gefallen und liegt jetzt in meiner Hand.

Nachtrag:

Die Flugbegleiter − die Naturjournalisten haben mir einen wertvollen Hinweis zum Umgang mit Jungvögeln gegeben! Denn "Oftmals sind die Tiere nicht aus dem Nest gefallen. Auf jeden Fall gilt: Nicht anfassen. Im konkreten Fall hätte die Meisenmutter den Jungvogel evtl. gefüttert. Die Intervention war evtl. das Todesurteil, da hatte der Nachbar Recht.

https://www.nabu.de/tiere-und.../voegel/helfen/01945.html"

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Es sind Berichte meines Selbstversuchs. Es ist mein Versuch das Verhältnis zur Natur zu klären und erfahrbar zu machen. Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Dafür verlege ich meinen Schreibtisch in die freie Landschaft und setze mich mit meiner mechanischen Schreibmaschine den unmittelbaren Eindrücken von Feld, Wald und Wiese aus. Ich protokolliere meine Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen.

Der nächste Feldreport erscheint am Samstag, den 13.7.2019.

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