Gänger im Roggen

Schönheit und Schrecken der Monokultur

Gerhard Richter

Ein mit alten Birken und Eichen gesäumter Sandweg führt aus Zootzen hinaus in die Felder. Der Wind lässt die Blätter rauschen, die Vögel zwitschern und die Grashüpfer zirpen den jahrhundertalten Soundtrack des Brandenburger Sommers. Rechts und links des Weges wächst kniehoch Kraut und Unkraut aller Arten. Heruntergefallene Äste und vertrocknetes Gras werden mehrfach überwuchert. Ameisen, Käfer und Fliegen krabbeln und summen. Bis auf den Trecker, der mit seinen breiten Reifen hier immer ins Roggenfeld einfährt, lebt es sich sehr ungestört.

Mein Schreibtisch in der Spur

Das Roggenfeld ist gelb, fast Gold und nah an der Reife. Jeder Windhauch lässt die Halme schwingen und jede Böe streichelt ein neues Wellenbild ins Feld. Der Trecker dagegen hat nach seiner jüngsten Fahrt durchs Feld bleibende Spuren hinterlassen. Er muss erst vor kurzem hier gewesen sein: Die niedergewalzten Halme sind teilweise noch grün und die Ähren daran in etwa so weit gereift, wie die aufrechten ringsum. Die Abdrücke der Reifen sind so breit, dass ich in einer der beiden Fahrspuren meinen Schreibtisch aufstellen kann. So krümme ich keinen gesunden Halm, schone die mühevolle Saat des Bauern und bringe die Ernährungssicherheit des Landes nicht ins Wanken. Schließlich wächst hier bestenfalls Brot, Tierfutter oder Rohstoff für Biogas.

Die Ähre

Ich sehe mir den Roggen genauer an: Die Körner wachsen dicht gedrängt in zwei Doppelreihen. Jede Ähre sieht ein wenig aus, wie eine Vierkantfeile. Jedes einzelne Korn hat eine Granne, eine haarfeine harte Verlängerung so lang wie ein Fingerglied. Ich zähle die Roggenkörner: In jeder Ähre drängen sich 60 bis 80 einzelne Körner. Die Ähren hängen schwer am Halm und zeigen schon zu Boden. Die Grannen zielen auf die Erde, wohin sie fallen, wenn sie reif sind für die Besiedelung der Umgebung. Die Samen dienen ja seit es Pflanzen gibt, für deren Vermehrung und Verbreitung. Seit wir Menschen Roggen kultivieren, werden die Samen jedoch gedroschen und gemahlen und sorgen für Einkunft und Sattheit.

Die Halme

Sicherlich ist dieser Roggen eine moderne Züchtung. Jede Pflanze treibt drei bis acht Halme, die in kleinen Büscheln zusammenstehen. Sind sie alle aus einem Samenkorn gewachsen? Was auch erst auf den zweiten Blick auffällt: Die Halme besitzen fast keine grünen Blätter. Die wenigen Blättchen, die an den Halmknoten sitzen sind vertrocknet und zu dünnen fingerlangen Strichen eingerollt. Nur eine lächerliche Erinnerung an die sattgrünen Kraftwerke der Urpflanze, welche Sonnenlicht in Stärke wandeln. Nun begleiten die welken Blätter die Superpflanze nur noch, wie sie, allein von der Kraft der Wurzeln und des Düngers getrieben, nach oben schnellt. Ein Wolkenkratzer, der sich ganz ohne Bauarbeiter wie von selbst errichtet.

Die Roggenbüschel

Auf der obersten Etage der Ähren sieht das Feld aus wie eine kuschlige gelbe Decke. Unten auf der Erde herrscht militärische Ordnung. Die Roggen-Büschel stehen wie die Soldaten einer Armee dicht nebeneinander in schnurgeraden Reihen. Jede Reihe im exakt gleichen Abstand zur nächsten, etwa zwei Handbreit. Die Erde ist hellbraun und feinsandig. Roggen wächst auch auf schlechten Böden. Während auf dem Streifen zwischen Feldweg und Acker eine üppige Flora wuchert, wächst zwischen den Reihen der Roggenbüschel nur wenig. Neben meinem Feldschreibtisch, sechs Schritte vom Feldrand entfernt entdecke ich dünne Gräslein, die – von der züchtenden Hand des Menschen unberührt – nur Blätter haben und keine Ähren. Ein mickriges Gegenstück zum modernen Getreide, dessen höchsten Halme bis an die Brusttasche meines Hemdes reichen.

Unkraut und Insekten

Eine Wicke sehe ich. Weil sie aus eigener Kraft keine Höhe gewinnen kann, hat sie ihren zarten Trieb um vier Roggenhalme gewunden und schraubt sich nun, selbst zu einer Wendeltreppe werdend, hinauf ins Licht. Ein Marienkäfer krabbelt auf einem ihrer schmalen Blätter. Eine dieser gelb-schwarzen Fliegen, die vorgeben eine Wespe zu sein, schwebt vor den winzigen weißen Blüten und nippt Nektar. Ansonsten kann ich kaum Insekten entdecken. Doch! Da ist noch ein Gänger im Roggen: Ein schwarzer glänzender Käfer eilt über den sonnenbeschienenen Sand zwischen den Roggenbüscheln und dem Unkraut, und eine einzelne Ameise ist ebenfalls auf Erkundungsgang. Sie ist ein Teil der Wildnis am Wegrand, der sich mit seinen Antennen in das Kornfeld hineintastet.

Weiter Weg über das Kornfeld

Es ist wohltuend hier zu sitzen. Im Rücken der Sandweg und die Eichen und vor mir ein wogendes Meer aus Nahrung. Eine Fliege landet auf meiner Hermes Baby und sonnt sich auf der warmen Abdeckklappe der Farbbandspule. Im Dorf kläfft ein Hund. Der Wind rauscht in den Eichenblättern. So klingt Idylle. Zwei Kohlweißlinge torkeln in das Feld, tauchen immer wieder ein in die Ähren und flattern in unvorhersehbarem Zickzack weiter. Das Kornfeld ist etwa so groß wie 20 Fußballfelder. Dahinter wieder ein Waldsaum und Blumenwiesen. Ein weiter nahrungsloser Weg für die Kohlweißlinge, die offensichtlich nur schwer die Richtung halten können.

Ich – Gänger im Roggen

Auch ich erhebe mich von meinem Klapphocker und folge der Fahrspur des Treckers tiefer ins Feld. Wo die grobstolligen Reifen des Treckers rollten, gehe ich – nun selbst ein Gänger im Roggen – auf einem Teppich aus plattgewalzten Halmen. Die halbreifen, in die Erde gedrückten Ähren sind der Preis dieses Maschineneinsatzes. Was auch immer der Bauer dort verspritzte, es war es ihm wert, dafür einen Teil der Ernte zu opfern.

Alles Unkraut vernichtet

Je weiter ich gehe, desto dichter und kräftiger werden die Roggenbüschel. Zur Mitte des Feldes hin, hat der Landwirt offensichtlich besser gedüngt. Auch die Ähren gedeihen größer und länger. Schwer und kühl wie kleine Fische liegen sie in meiner Hand. Unten auf dem Boden wächst nichts anderes. Zwischen den Roggenbüscheln nur nackter Sand. Die Sonne findet keine Winde, kein Gras, keine Ameise, nichts. Nur ein grünlicher Belag, der aussieht wie getrocknete Algen. Was hier zur Blüte kommt ist trostlose Effektivität. Alles Unkraut ist vernichtet.

Glyphosat

Ich bin auf eine schockierende Weise fasziniert von dieser Kargheit und Dichte. Der ganze Acker ist radikal ausgeräumt, hier darf nur Roggen wachsen. Wie mit magnetischen Kräften werden sämtliche Wesen des Wegrands ferngehalten. Und auch ich fühle mich ausgeschlossen aus dem Kreis der Geduldeten und Erwünschten. Hier gelten andere Gesetze. Als wäre hier alles unter Wasser oder unter der totalen Herrschaft einer tödlichen Substanz. Glyphosat?

Käfer ist fehl am Platze

Auf dem plattgewalzten Roggenteppich zu meinen Füßen finde ich einen Käfer, dessen halbkugeliger Körper blaumetallisch glänzt. Schnell hebe ich ihn auf mit dem Drang, ihn zu retten. Der Käfer ist ein schillerndes Wunderwerk der Natur, das hier ganz fehl am Platze wirkt. Ich lasse ihn über meine Finger krabbeln und trage ihn hinaus aus diesem Feld, zum Wegrand, wo ich ihn auf eine trompetenförmige weiße Wickenblüte setze.

Ökologie und Glyphosat

Zurück an meinem Klappschreibtisch wird mir bewusst, dass ich genau an einem Übergang sitze – zwischen der weitgehend gelassenen Natur des Sandwegs mit seinem wilden Randbewuchs und einem Acker, der sich nach dem Einsatz von Glyphosat komplett der Millionen Jahre alten Ökologie widersetzt. Dieses Roggenfeld ist ein Schlag in die Magengrube der Evolution.

Am Rand des Ackers erhole ich mich langsam. Die Grashüpfer zirpen und von den Eichen zwitschern die Vögel. Hier fühle ich mich geborgen und genährt in einer Kultur, die es versteht im Einklang zu wirtschaften. Der Wesenskern dieses Feldes jedoch, mit seiner Effektivität und seiner mörderischen Monotonie verstört mich noch immer. Einerseits berauscht mich die Fülle und Größe der Ähren, reiner Nährstoff im Überfluss. Andererseits wirkt das Feld abstoßend und unappetitlich, wie ein Braten ohne Beilage, eine Familienpizza für Singles oder der Teller mit fettem Speck am Bett eines Magenkranken.

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