Denkmal aus Vollmond und Beton

Fieldwriter Gerhard Richter schreibt über ein verlassenes Sägewerk und wie die Natur es zurückerobert

Gerhard Richter

An der Straße nach Dossow steht auf der rechten Seite schräg und rostig ein Saurier von einer Straßenlaterne. Der Reflektor aus Blech erinnert an ein Ruderboot für Kinder. Die Lampe leuchtet seit Jahren nicht mehr. Aber sie markiert immer noch die Einfahrt zu einem verlassenen Sägewerk.

Hier wurde früher Holz gelagert und gesägt – so jedenfalls wird es erzählt. Übrig geblieben ist eine Fläche aus Betonplatten. An der südwestlichen Ecke des Geländes steht ein Trafohaus. Der etwa zweistöckige Turm aus weißen Klinkersteinen steht kalt und leer. In seinem Inneren hütet er eine tempelhafte Stille. Sie wird gelegentlich von Metalldieben, Müllsündern und Vandalen zerstört. Weiße Scherben von Isolatoren liegen am Boden verstreut, ausgerissene Grasbüschel und ein zerbrochenes hölzernes Gestell, das so verrenkt daliegt, dass ich nicht mehr erkennen kann, ob es einmal eine Lampe war oder eine Garderobe.

Schwarze daumendicke Kabelstummel ragen aus der Wand und zeugen von den enormen Kraftströmen, die hier geflossen sind. Die Kabel, die Transformatoren und andere verwertbare Innereien sind längst entwendet. Auch die Stahltür ist aus den Angeln gerissen. Das Trafohaus mit seinem traurigen wertlosen Inventar ist das Wahrzeichen dieser aufgegebenen Gewerbefläche.

Wohin ich schaue: Beton, Beton, Beton!

Alles für Menschen Nützliche ist abmontiert und weggebracht worden. Geblieben ist der nackte Beton. Darunter liegt ein Stück Erde, seit Jahrzehnten lichtlos und trocken. Es gibt Betonfelder größer als Tischtennisplatten. Eng und schwer liegen sie aneinander. Wo sich ein kleiner Spalt dazwischen zeigt, drängen Grasbüschel nach oben ins Licht. Sie haben es geschafft diese Sperrschicht zu überwinden, eine Sperrschicht zwischen fruchtbarem Boden unten und der Sonne und den Wolken darüber.

Jetzt, kurz vor Mitternacht, sind die Wolken weitergezogen. Der Himmel ist hell und offen. Der Vollmond scheint ruhig und senkrecht auf diese Betonwüste. Die Platten sind noch nass vom Regen. Das Spiegelbild des Mondes zittert in einer windbewegten Pfütze.

Gemächlich baue ich den Klappschreibtisch auf, setze mich auf den Hocker an die Hermes Baby-Reiseschreibmaschine und schaue nach oben. Der Mond in seiner Umlaufbahn ist eine gigantische Uhr, welche die Zeit in Monaten und Jahren misst. Gemessen an der Zeit, die der Mond schon um unseren Planeten kreist, ist die Geschichte dieses Stückchens Erde nicht mehr als ein Fingerschnips. Eine Firmengeschichte, interessant für den Dorfchronisten. Mag sein, dass die Dachbalken der Häuser in den Dörfern ringsum noch von diesem Sägewerk stammen – die Kinder, die darunter schlafen, wissen schon nichts mehr davon.

Wie lange ist es her, dass hier der letzte Baum in Bretter gesägt wurde? Es muss zu DDR-Zeiten gewesen sein. Übrig blieb ein steinernes Monument. Ein Boden-Denkmal, aber wofür? Still sitze ich und lausche in die Nacht und in die Vergangenheit.

Ich höre das Grundrauschen unserer Zivilisation. Der Fernverkehr der Autobahn A24 dröhnt herüber wie eine Asphaltsaite, in Schwingung versetzt vom nächtlichen Verkehr. Über mir schleppt ein Verkehrsflugzeug mit röhrenden Turbinen seinen Kondensstreifen am Mond vorbei. Hinter mir quaken zwei Enten, während sie flatternd den Schlafplatz wechseln. Im Acker nebenan trompetet ein Kranich.

Der Mond ist so hell, dass ich und mein Schreibtisch einen scharfen Schatten werfe. Die Nacht entfaltet ihre Magie. Der Blick in den lichten Raum des Weltalls und die feuchte kühle Nachtluft erwecken in mir das Gefühl, ich säße im Inneren eines dieser bläulich schimmernden Gletschereis-Bonbons.

Ich sehe den Vollmond, also bin ich

Irgendwo im Universum, nachts draußen, stellen sich mir wie immer erhebende Fragen: Wie kommt es, dass ein so großer und schwerer Brocken wie der Mond scheinbar gewichtslos am Himmel schwebt, während jeder Stein, den ich hochwerfe, wieder zu Boden fällt? Und wie kommt es, dass ich die Geräusche des Sägewerks mit meinen inneren Ohren wahrnehmen kann, obwohl sie längst verklungen sind?

Ich höre das dumpfe Dröhnen der Stämme, wenn sie vom Stapel kullern und gegeneinanderprallen. Darüber das Kreischen der Säge, die mit ihren Zähnen ins Holz fährt. Und über diesem Lärm wiederum brüllen sich die Arbeiter Warnungen und Kommandos zu. Klingt das alles nur in meiner Phantasie oder vibrieren die Betonteile noch immer im Echo dieses Lärms?

Das Sägewerk hat sich als Wirtschaftsbetrieb längst amortisiert: Die Sägegatter sind abgeschrieben, Löhne gezahlt, die Gewinne ausgegeben oder reinvestiert. Der wirtschaftliche Teil des Unternehmens mit seinen Belegen, Lohnzetteln und Zinstabellen ist davon geflattert. Ebenso die Maschinen. Den Beton ließ man einfach liegen. Keine Zahl in keiner Bilanz steht mehr in Bezug dazu, und wer soll für die Entsiegelung aufkommen?

Hier ist nichts mehr, was sich rechnen könnte. Schon gar nicht die Natur, die taucht in der Bilanz nicht auf. Dabei hätte sie das Gelände gern wieder zurück. An allen Rändern werkelt die Natur mit ihrem ganzen Arsenal an Geschöpfen an der Wiederbesiedelung. Ich sitze ziemlich genau in der Mitte der Betonfläche. Hier ist es noch völlig unbelebt, und die graue Fläche wirkt wie blanker Knochen ohne Haut.

Eine offene Wunde auf dem Planet Erde. Mit großer Kraft und Energie haben Menschen hier aus einem Stück Natur ein komplexes planvolles funktionierendes Sägewerk geschaffen. Auf seine Art ein bewundernswertes Stück Kultur, mit deren Hilfe sich Wald in Wohlstand verwandelt hat. Nun wird das Sägewerk nicht mehr gebraucht. Anstatt den Beton aufzubrechen, wegzuräumen und das Flurstück der Natur wieder zur Verfügung zu stellen, wird es ihr regelrecht vorenthalten, geradezu blockiert. Ein Denkmal für Unkultur. Sein Name könnte lauten: “Nehmen ohne zurückzugeben“.

Das Ausmaß des Denkmals: 185 Schritte lang, 40 Schritte breit

Ich schaue mir dieses Denkmal genauer an. Neben der Betonfläche gibt es zur Straße hin ein massives Fundament. Es besteht aus zwei parallel verlaufenden Sockeln aus Beton. Jeder Sockel ist etwa fünf handbreit hoch. Diese beiden Sockel wirken wie ein Bollwerk gegen die Natur, die sich in Gestalt eines jungen Wäldchens gegen den doppelten Verteidigungswall erhoben hat.

Zwischen den beiden Sockeln ist ein langgestrecktes Becken ebenfalls aus Beton. Über dieses Becken lassen die halbwüchsigen Birken und Erlen ihre Zweige hängen und ihre Blätter fallen. Die herabgefallenen Blätter modern schwarz auf dem Betonboden – eine Frühform von Humus.

Aber nicht nur die Bäume lagern ihre Reste ab. Auch Müllsünder. Es gibt mehrere Haufen von Schutt: Ziegelbruch, Fliesen und Mörtelbrocken bilden neue, an Hohlräumen reiche und von Chemikalien verseuchte Untergründe. Nur wenige Pflanzen wurzeln auf diesen Schutthaufen. Die trotzigen grünen Stängel wirken wie aufgepflanzte Fähnchen triumphierender Pioniere. Bis jemand neuen Schutt darüber kippt.

Aus den beiden langgestreckten Betonsockeln ragen im Abstand eines Schrittes jeweils zwei Schrauben heraus: Halterungen für damalige schwere Geräte. Nun, da sie unnütz und rostig in die Luft ragen, sind um die Schrauben Beilag-Scheiben aus Moos gewachsen. Selbst im Mondlicht kontrastiert das Rostrot der Schrauben hervorragend mit dem Moosgrün.

Daneben die Flechten mit ihren Blau- und Grüntönen. Die Besiedlung verläuft fleckenweise. Auf dem monochrom grauen Beton markiert die Natur jeden Erfolg als Farbtupfer. Auf den Sockeln stehen lose Quader – ebenfalls aus Beton – hüfthoch und bestimmt halbtonnenschwer. Sozusagen die Hochalpen dieses Geländes. Auf ihrer Oberseite sind rechteckige Löcher, eine Aussparung, wie für einen Balkenfuß. Diese Berg-Seen sind randvoll mit Regenwasser. Das Wasser ist leicht grünlich von Algen, aber noch klar genug, um am Grund Blätter zu sehen. Sie sind vollgesogen und wirken schleimig. Wer mag in diesem Becken siedeln? Eine Brut Mückenlarven, die hastig heranreift, bevor im Sommer die Becken austrocknen und die Blätter am Grund rascheln?

Die Natur trifft hier auf verschiedene geologische Mikro-Formationen. Und jeder Winkel hat sein eigenes Besiedelungsstadium. An schattigen Stellen wuchert Moos. Auf den Flächen, von denen das Wasser schnell abfließt, liegen Keimlinge, die vertrocknet sind. Der Samen einer Birke ist in eine Ritze gefallen und sprießt. Nun klemmt das Stämmchen bereits im engen unnachgiebigen Spalt und drückt und drückt. Die Birke muss – will sie mehr Raum zum Wachsen haben – auf die Arbeiter der Erosion warten: auf Frost, Wind, Regen und Hitze. Aber diese Kräfte wirken sachte ein Jahrhundert.

Ein paar Pflänzchen könnten helfen, könnten ihre Wurzeln in feinste Ritzen pressen und diese aufsprengen. Aber die Betonplatten bieten weder Grund noch Raum zum Keimen. Es gibt nur ein wenig Sand, den die LKW, welche die Betonfläche hin und wieder überrollen, aus ihren groben Reifenprofilen rieseln lassen. Wind und Regen spielen mit dem Sand und modellieren daraus Dünen, Flusstäler und andere geologische Formationen. Alle im Millimeterbereich.

Wie auf einem unbelebten Planeten

Die Betonplatten dulden kein Leben. Alles was keimt wird fortgespült oder verdorrt in der Sonne. Im Ganzen wirkt dieses Areal wie ein öder Planet, der im Universum seine eigene Evolution erlebt. Vor meinen Augen spielt sich Erdgeschichte ab. Und das alles im Licht des Vollmondes. Was für eine Szenerie!

Wer auch immer dieses Stück Erde hier genutzt hat, er hat es in einem unbelebten Zustand hinterlassen: Nackter Fels, eine lebensfeindliche Wüste. Ein Rückschritt von 500 Millionen Jahren.

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