Birken, Stille, Knall

Gerhard Richter tippt in einer erschütterten Landschaft und spürt das Echo des Krieges.

Gerhild Vent Gerhard Richter sitz am Klappschreibtisch im Bombodrom

Die rot-weiß gestrichene Schranke steht offen und gibt den Weg frei in eine explosive Landschaft: Das sogenannte `Bombodrom´ bei Gadow. Ich folge dem Sandweg, der von schweren Militär-Fahrzeugen so ausgefahren und vom Regen so ausgewaschen ist, dass er mal nach links, mal nach rechts zu kippen scheint. Pfützen spiegeln den blauen Himmel. Zu beiden Seiten des Weges ist die Erde mit Kampfmitteln verseucht. Jahrzehntelang haben Jagdflugzeuge und Bomber ihre Fracht abgeladen - als Zielübung für die Piloten. Die Bomben waren scharf und aus der sicheren Deckung am Boden beobachteten die Militärs, wie wirkungsvoll es knallte. Detonationen, die Himmel und Erde beben ließen. Über die Jahrzehnte haben Panzer und Tiefflieger eine besondere Landschaft geformt. Aus dem ursprünglichen Kiefernwald entstand in der Mitte des Geländes eine Heide mit Brüchen, Gräben und Kratern. Die Militärs sind seit zehn Jahren abgezogen, geblieben ist die Todesgefahr. Das Betreten des gesamten ehemaligen Truppenübungsplatzes ist verboten und das finde ich auch ratsam, denn in der sandigen Erde liegen tausende Blindgänger mit ihrer gespeicherten Sprengkraft, und ihre Zünder warten nur auf meinen Schritt.

Ich wage mich mit dem Klappschreibtisch nur ein paar Meter in das Gelände hinein, setze mich direkt auf den Weg, der als sicher gilt. Wenn ich der Illustration auf Warnschild neben mir glauben darf, dann könnte jeder Schritt abseits der Wege in die Invalidität führen. Dabei ist der Wald sehr verlockend.

Ein langer Spaziergang wäre jetzt toll

Hier wachsen Birken und Kiefern in großzügigen Abständen nebeneinander. Die Stämme der Birken leuchten weiß in der Sonne. Die dunkelgrünen Kiefern kontrastieren prächtig. Dazwischen Gras und Moos, weich wie Plüsch. Eine Kulisse, die an Kinderbücher und Märchen denken lässt. Das Rotkäppchen könnte hier entlang schlendern, mit seinem Korb voll Wein und Kuchen, auf dem Weg zur kranken Großmutter. Es könnte tatsächlich vom Wolf angesprochen werden. Es gibt hier welche. Aber Wölfe sind, anders als in dem Märchen, scheu und würden dem Rotkäppchen aus dem Weg gehen. Viel gefährlicher sind die Kugelbomben, die dem Rotkäppchen - würde es beim Blumenpflücken drauftreten - die feinen Schuhe, die weißen Strümpfe und die Mädchenbeine zerfetzen. Eine grauenhafte Vorstellung. Lieber richte ich meine Aufmerksamkeit auf die Natur links und rechts des Weges.

Ein Metallpfosten ragt aus der Erde. An seinem oberen Ende ist ein Plastikkasten, dessen Deckel fehlt. Ein Bündel feiner bunter Kupferkabel ragt aus dem kaputten Kasten - die Reste eines Kommunikationssystems. Zu Zeiten des Übungsbetriebs stand hier vielleicht ein Wachtposten und diese Kabel warnten vor einem anfliegenden Bomber. Jetzt schweigen die blanken Draht-Enden die Kiefernnadeln an. Dazwischen eine nervöse Spannung. Die Blindgänger detonieren manchmal auch ganz unvermittelt.

Die Zünder rosten mit der Zeit

Ich schaue in den Wald. Seitdem die Jagdbomber nicht mehr über die Wipfel donnern, ist die Stille zurückgekehrt. Sie gedeiht in sanfter Klarheit, ruht heilend über dem Gras. Ein paar früh geschlüpfte Mücken bilden einen Mini-Schwarm und umkreisen sich in unrunden Flugbahnen, wie torkelnde Elektronen einen Atomkern. Als Zeiger einer dreidimensionalen Uhr sind die Mücken der einzige Hinweis darauf, dass hier Zeit vergeht.

Und auch die Birken fesseln meinen Blick. Ihr Wuchs ist ungewöhnlich. Birken sind sehr lässige Bäume, weil sie ihre Zweige schlaff hängen und im Wind baumeln lassen. Diese Birken hier recken ihre Äste steil in die Höhe, auch die äußersten Zweiglein ragen senkrecht nach oben. Die Birken sind noch jung und strotzen vor Spannkraft. Innerlich sammelt sich aller Saft für den Austrieb. Tausende Knospen an den Spitzen der Zweige verleihen dem Baum einen rotbraunen Saum. Der strahlend blaue Himmel unmittelbar hinter dem Knospensaum wirkt plötzlich grün. Eine seltsame Farb-Verschiebung, wie bei einem Van-Gogh-Gemälde. Wie kommt das, frage ich mich. Die Birkenblätter sind doch noch in die Knospen gezwängt. Aber in ihrer Vorstellung, in ihren Gedanken sind sie vielleicht schon draußen und leuchten zartgrün. Und ich kann – als wäre die Zukunft schon gegenwärtig - die künftigen Blätter als Farbe ahnen!

Ich befinde mich in einem Psychotop und staune ein paar Minuten

Die allgegenwärtige Lebensgefahr, die scheinbare Abwesenheit von Zeit, und meine plötzliche Fähigkeit, Farben der Zukunft zu sehen, machen diesen Wald zu etwas Besonderem. Zwischen den Bäumen schwebt eine andere Stimmung, eine andere Physik. Aber welche? Immerhin herrschte hier jahrzehntelang ein Krieg, zwar nur zur Übung, aber doch mit enormen Detonationen und Lärm in der Größenordnung einer Naturgewalt. Diese Landschaft ist erschüttert. Der Wald und die Heide haben die Menschen satt. Und die Menschen haben sich – weil sie hier Bomben und Blindgänger verstreuten, selbst ausgesperrt. Sie haben dieser Landschaft ihre militärische Logik aufgezwungen, die Erde von einem hilflosen Opfer zu einem potentiellen Täter gemacht. Die Luftwaffe hat den Wald quasi aufgerüstet, ihn in ein wehrhaftes Wesen mutiert, das harmlose Ausflügler und Waldbummler in Stücke sprengt. Nur ortskundige Pilzsammler streunen im Herbst umher, dazu übers Jahr ein paar Jäger, Förster und der Kampfmittelbeseitigungsdienst. Abgesehen von diesen wenigen Menschen, bleibt dieses Riesen-Areal beinahe unberührt und mit seinem explosiven Erbe zwischen den Wurzeln ganz sich selbst überlassen.

Gute Geister sind zurückgekehrt und bewachen die Stille. Die Stille ist intensiv und ersehnt und wirkt wie ein heilsamer Wickel auf einer schmutzigen, leicht entzündlichen Wunde. Erde und Himmel beben nicht mehr. Aber die Bomben unter den Bäumen lassen die Wurzeln noch ängstlich krampfen. Mein Gefühl: Diese Landschaft ist noch krank, aber behütet. Noch hundert Jahre, und sie ist ganz genesen und wieder ganz gelassen.

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