Feldreport 1: Schüsse in die Bratpfanne

Ein Stunde Wald, die Sie nie wieder vergessen. Autor Gerhard Richter nimmt Sie mit zu einem ungewöhnlichen Rendezvous. Der Fieldwriter und seine alte Hermes Baby-Schreibmaschine treffen eine alte Bekannte, die sich irgendwie verändert hat: Die Natur des 21. Jahrhunderts.

Es ist genauso, wie ich befürchtet habe.

Ich sitze in der freien Natur, nichts fällt mir ein. Ich lausche auf die Stimme von Mutter Erde. Höre auch Vogelgezwitscher, aber niemand spricht zu mir. Es ist ernüchternd. Aber was hatte ich erwartet? Dass die Natur einfach so losplappert und mich zutextet? Das wäre wohl wirklich zu viel verlangt von meinem ersten Versuch des Field Writing – dem Schreiben im freien Feld. Aber ich lasse mich nicht enttäuschen. Dafür habe ich mich zu sehr darauf gefreut, diesen Selbstversuch zu starten: In der Landschaft sitzen und die Natur auf mich wirken lassen. Oder das, was wir Menschen daraus gemacht haben. Ich spanne also ein Blatt Papier in die Walze meiner 60 Jahre alten mechanischen Hermes Baby-Schreibmaschine, und tippe die Überschrift. „Erster Versuch“. Ein Glücksgefühl blubbert in mir hoch, der Zauber des Anfangs. Gerade bin ich dabei, eine lang empfundene Sehnsucht zu stillen, ein ganz intimes Abenteuer zu wagen.

Field Writing. Draußen sein und schreiben.

Erst mal alles beiseitelassen, was ich weiß und gelesen habe. Nichts von dem wiedergeben, was andere erzählt oder geschrieben haben. Nur spüren, was mir der Moment mitteilt. Am schönsten wäre es – und das ist schließlich irgendwo in meinen Genen eingeschrieben – wenn ich mal wieder spürte, dass ich Teil von etwas unglaublich Großem bin: Der Natur. Aber ich merke nichts. Ich bin nur ein Mensch, der sonntags ab und zu durch Wiesen spaziert oder durch den Wald radelt, dabei seinen eigenen Gedanken nachgeht, blind und taub für die Debatten und Sorgen der übrigen Geschöpfe.

So ein „Naturerlebnis“, wie es mir vorschwebt, braucht vermutlich doch etwas mehr Zeit. Ich muss einsinken. Wenn es so etwas wie einen Sinn für die Sprache der Tiere gibt, dann ist er nach den vielen Jahren am Schreibtisch völlig verschüttet. Mein Sensor für das Gewimmel der Lebewesen ist getrübt, meine Antenne für die uralten Weisheiten des Waldes abgeknickt. Oder kann es sein, dass die Natur verstummt, wenn sich ein Mensch nähert? So wie auf dem Schulhof, wenn sich der Klassentrottel dazustellt und alle auf den Boden starren und schweigen. Na gut, wenn die Natur nicht mit mir sprechen will, dann plaudere ich halt einfach los. Für die Natur ist es ja auch neu, dass hier jemand sitzt, eine Schreibmaschine auf den Knien balanciert, und hinein tippt, was er sieht und denkt. Wir müssen uns halt einfach erst mal wieder kennenlernen, die Natur und ich. Bei einer Party mit fremden Menschen und alten Bekannten würde man sagen: Ankommen, auf die Atmosphäre einlassen.

Jenseits des Feldwegs, genau mir gegenüber wächst eine Birke mit zwei Stämmen. Sie trägt frisches Grün. Ihre Rinde ist unten grob und grau, erst in drei Metern Höhe beginnt sie weiß zu leuchten. Sie wächst an einer Böschung vor freiem Feld. Darauf ein grüner Flaum junger Keime. Obwohl ich schon seit 20 Jahren auf dem Land lebe, weiß ich erst, ob es Raps, Mais oder Roggen ist, wenn mir die Pflanzen schon an die Knie reichen. Hinter dem Feld beginnt der Kiefernwald. Kiefern erkenne ich sofort. Ich überlege, wie viele Bäume ich unterscheiden kann: Ahorn, Eiche, Birke, Kiefer, Weide, Pappel, Linde, Lärche und Kastanie. Schwieriger wäre es, wenn ich sagen müsste, ob ein Baum jetzt eine Fichte oder Tanne ist, eine Robinie oder Akazie, eine Erle oder Esche.

Die Kiefer hinter mir ist mir sehr vertraut.

Gibt’s massenhaft in Brandenburg. Dieses Exemplar ist hoch, bestimmt 20 Meter. Ihre Äste schließen sich über mir zu einem lichten Schirm aus seltsam abgewinkelten Ästen. Kiefern sehen immer irgendwie verkrüppelt aus, ihnen fehlt es an Symmetrie und Grundordnung. Mit ihren Verrenkungen erinnern sie mich an expressionistische Tänzer. Aber sie lassen viel Licht durch und auch viel Himmel. Das macht Kiefern sympathisch. Sie sind nicht so düster wie Fichten, die einen Schatten werfen wie ein Brett. Durch die Baumkrone der Kiefer hindurch sehe ich ein Flugzeug. Eigentlich sehe ich nur den Kondensstreifen von Ast zu Ast wandern. Der Höhenwind treibt ihn langsam nach Osten, wobei sich ganz gemächlich weiße Wölkchen daraus lösen und nach rechts und links davon driften – Schafe auf einer blauen Weide.

Ich sitze auf einer Holzbank zwischen der Hohen Heide und Blandikow, zwei Dörfern im Nordwesten Brandenburgs. Die Holzbank ist roh gezimmert. Ihre Sitzfläche besteht aus einem halben Stamm, getragen von zwei runden Stücken. Die Bank ist alt, die Oberfläche verwittert. Ihr Holz ist fast schwarz, aufgesprungen und rissig. Sie ist bedeckt mit Kiefernnadeln und weißen Klecksen Vogelkacke. Ameisen und Asseln krabbeln durch die Furchen – und andere winzige Tiere, die ich nur wahrnehme, wenn sie sich bewegen. Die Bank steht an einem Feldweg, der fast so rot leuchtet wie Ziegel. Das habe ich hier in der Gegend um Blandikow öfters beobachtet. Die beiden Fahrspuren sind niedergewalzt, in den Schlaglöchern, wo sich die Feuchtigkeit sammelt, sind die Abdrücke grobstolliger Reifen. In der Mitte des Feldwegs, etwas erhöht, wuchert Gras.

Vor kurzem fegte ein Sturm über diese Gegend. Drei Kiefern liegen quer im Wald, umgerissen vom Wind, die Wurzelballen mit einer Scheibe Erde dran einfach hochgeklappt, wie ein Scharnier. Der Regen hat schon Sand abgespült. Wie auf einer Tafel aus dem Naturlehrpfad kann ich die Erdschichten studieren, von der Grasnarbe über die dunkelgraue Humusschicht bis zum rötlich gelben Sand, der offensichtlich zu wenig Halt geboten hat. Die langen Wurzeln, die bisher in der Erde nach Halt und Wasser suchen, sind abgerissen und ragen nutzlos in die Luft. Sie zeigen in die Richtung, aus der der Sturm kam, wie dünne anklagende Zeigefinger, oder die Fühler eines Frühwarnsystems, das zittert und vibriert, wenn der nächste Sturm heraufzieht und die übrigen Bäume sich mit ihren Wurzeln festkrallen in der Erde.

Die herausgerissene Erde erinnert mich an offene Wunden.

In einem der Löcher, in der mal die Wurzelscheibe stand, liegt eine Bratpfanne. Sie ist aus Edelstahl mit Mehrschichtboden aus Aluminium. Das sorgt auf dem Herd für gute Wärmeverteilung. Für ihren Besitzer war sie eine gute Zielscheibe – das zeigen die vier Einschusslöcher im Pfannenboden. Ich überlege, ob man das nun up- oder downcycling nennt.

Ein ungewöhnliches Geräusch reißt mich aus den Gedanken. Motoren. Zwei Quads knattern vorbei – diese offenen Geländefahrzeuge mit vier dicken Reifen und Verbrennungsmotor. Die Fahrer tragen papageienbunte Schutzkleidung. Sie sind ganz auf ihre Maschinen konzentriert und versuchen, den Schlaglöchern auszuweichen. Die Bodenbleche ihrer Fahrzeuge streifen die Spitzen der Grashalme in der Mitte des Feldwegs. Die beiden Fahrer scheinen mich nicht zu bemerken, wie ich da mit meiner Schreibmaschine sitze und alles aufschreibe. Als sie außer Sichtweite sind und der Lärm der Motoren langsam leiser wird, spüre ich eine Veränderung: Die beiden Fahrer haben mich von der Zivilisation entfernt. Als Beobachter von Wald und Quads fühle ich mich plötzlich dem Wald verwandter als meinen zwei motorisierten Artgenossen. Behutsam kehrt die Stille aus dem Wald zurück und hüllt mich ein.

Es stimmt also wirklich: Bei meinem ersten Feldschreibversuch bin ich der Natur ein kleines Stückchen näher gerückt. Erstaunt/Zufrieden/Benommen/Beglückt verstaue ich die Schreibmaschine in ihrem Blechkoffer und radle nach Hause.

Was mir vor allem in Erinnerung bleibt, ist die Bratpfanne mit den Einschusslöchern. Warum hat mir die Natur bei unserem ersten Date ausgerechnet so etwas Skurriles gezeigt?

Was will sie mir damit sagen?

Ein paar Monate später bin ich wieder an derselben Bank gegenüber der Birke und suche nach der Bratpfanne. Der Waldrand hat sich verändert. Die Forstarbeiter haben eine Rückegasse geschlagen – eine breite Schneise abgeholzt für die Maschinen. Die Fahrzeuge haben tiefe Spuren im Waldboden hinterlassen. Offensichtlich hatten es die Waldarbeiter auf die verwertbaren Teile des Sturmholzes abgesehen. Von den umgekippten Kiefern fehlen die Stämme, nur noch die Äste liegen herum. Die Wurzelscheiben stehen immer noch senkrecht, aber die dicken Stämme fehlen. Abgesägt und abtransportiert. Die Kiefern – die expressionistischen Tänzer – sind entkleidet, ausgeweidet, gefleddert, mit der Kettensäge zerteilt in „nützlich“ und „wertlos“. Nach der Wut des Sturms kam nun noch die rohe Kraft der Maschinen über den Wald. Alles organisch Gewachsene liegt nun über- und durcheinander. Die Bratpfanne finde ich nicht. Aber ein paar andere Dinge, achtlos zurückgelassener Müll: Eine billige Sonnenbrille aus Plastik mit ausgebrochenem Glas, das Einwickelpapier eines Kräuterbonbons, eine kleine, leere Schnapsflasche und einen Kronkorken mit einem aufgedruckten Stern. Ich sammle den Müll auf, will ihn zu Hause in die Tonne werfen. Aber irgendetwas bremst mich. Etwas Verführerisches. Dieser Nachmittag am Waldrand verlangt nach einem Dialog. Ich will dieses achtlos verstreute Material irgendwie ordnen, ein Bild entstehen lassen, etwas damit machen, was meiner Natur entspricht. Ratlos halte ich Brille, Bonbonpapier, Flasche und Kronkorken in den Händen und sehe mich um.

Mir fällt ein Maulwurfshügel auf, heller Sand auf dunklem Waldboden. Sieht aus wie ein geologischer Fremdkörper. Als habe eine tiefere Erdschicht ein Körperteil durch den Waldboden gezwängt, um zu sehen, wer da oben herumfuhrwerkt. Der Erdgeist fragt sich, was da sägt und rumpelt und schießt. Wer da gefallene Tänzer entbeint. Und auch noch seinen Müll vergisst. Aus Neugier und vielleicht auch aus Wut schiebt er einen kleinen Erdhügel aus dem Waldboden. Ein Fragezeichen aus Sand auf der Suche nach dem Gesicht der Unholde.

Meine Antwort sieht so aus: Ich stecke die Schnapsflasche als Nase in den Maulwurfshügel, das Bonbonpapier wird zum Mund und der Kronkorken mit Stern das Auge. Zuletzt setze ich dem Maulwurfshügel die Sonnenbrille auf. So sah er also aus, der grobe Waldarbeiter: Auf einem Auge blind, Zucker lutschend und vom Alkohol benebelt. Nicht sehr vorteilhaft, aber ein treffendes Bild.



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Es sind Berichte meines Selbstversuchs. Es ist mein Versuch das Verhältnis zur Natur zu klären und erfahrbar zu machen. Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Dafür verlege ich meinen Schreibtisch in die freie Landschaft und setze mich mit meiner mechanischen Schreibmaschine den unmittelbaren Eindrücken von Feld, Wald und Wiese aus. Ich protokolliere meine Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen.

Die Feldreporte sind das erste halbe Jahr kostenlos. Ab November 2019 sind sie im Abo oder als Einzelkauf verfügbar. Dafür dann mit zusätzlichem Podcast.

Der nächste Feldreport erscheint am Samstag, den 8.6.2019.

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