Exzellenzstrategie: Verbunderitis geht anders

Die Politik sieht sie als Zukunftsmodell. Doch die Universitäten halten sich bei der Bildung neuer Verbünde bislang zurück. Kommt da noch mehr? Von BildungsForscher Jan-Martin Wiarda

13. Dezember 2016

Der Zeitplan zur Exzellenzstrategie ist nichts für Freunde eleganter Sprache. Am 1. Dezember, so kann man da nachlesen, endete die „Abgabefrist für Absichtserklärungen zur geplanten Einreichung von Antragsskizzen zu Exzellenzclustern“. Im Klartext: Bis dahin mussten die Universitäten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mitteilen, a) ob sie ins Rennen gehen wollen und b) mit wie vielen Projekten und zu welchen ungefähren Themen. Die Antragsskizzen selbst müssen sie dann bis 3. April 2017 abgeben.

Am Freitag nun hat DFG-Präsident Peter Strohschneider ein paar interessante Zahlen verkündet: 192 Absichtserklärungen haben die Universitäten nach Bonn geschickt. Strohschneider selbst hatte noch vor drei Wochen gesagt, die DFG erwarte „mehrere hundert Antragsskizzen“. Und jetzt also 192: Eine Flut sieht anders aus. Allerdings betont die DFG, die Absichtserklärungen seien noch unverbindlich: Es könnten also am Ende mehr oder weniger Skizzen eingehen. Vor sechs Jahren hatten die deutschen Universitäten 247 Bewerbungen angekündigt, damals allerdings inklusive Graduiertenschulen und Zukunftskonzepten.

Und noch zwei aktuelle Zahlen, die Strohschneider am Freitag mitteilte: Lediglich 44 der Absichtserklärungen wurden von mehreren Universitäten im Verbund abgegeben, davon sieben von drei Universitäten. Auch von „Verbunderitis“ kann keine Rede sein.

Was die Wettbewerbstaktik angeht, lassen sich schon jetzt zwei grundverschiedene Vorgehensweisen unterscheiden. Da sind die Hochschulleitungen, die von Anfang an ihre „Strategiefähigkeit“ unter Beweis stellen wollen und die Mehrheit der Forscherideen schon im Vorfeld aussortiert haben. Nach dem Motto: Von uns kommen nur Anträge von „hochdekorierten Wissenschaftler“ mit der „bestmöglichen internationalen Vernetzung“ und dem „größten Innovationspotenzial“ (bitte entschuldigen Sie die unvermeidbare, da lebensnahe Aneinanderreihung solcher Textbausteine). Und es gibt die Rektorate, die nicht jetzt schon die Stimmung an ihrer Universität verderben wollen. Die meinen, das mit dem Aussortieren sollten doch bitte die von der DFG bestellten Gutachter übernehmen.

DFG-Präsident Strohschneider spricht von "Risikovermeidungsstrategie"

Beide Vorgehensweisen haben ihre Tücken. Erstere, weil einige Rektorate die Auswahl offenbar an den universitären Gremien vorbei betrieben haben – was angesichts des Revivals von Senatsmacht und „Professorenmehrheit“ mittelfristig riskant sein könnte. Die Taktik des Durchwinkens wiederum strapaziert die Leistungsfähigkeit der Gutachter und erweckt von vornherein den Eindruck, man schmeiße alles in den Ring in der Hoffnung, irgendwas werde dann schon die nötige Begeisterung auslösen.

Womöglich ist auch das Teil der „Risikovermeidungsstrategie“, die DFG-Präsident Strohschneider neulich im ZEIT-Interview bei einigen Universitäten entdeckt haben möchte. Ein Interview übrigens, mit dem Strohschneider in der Szene ziemlichen Ärger ausgelöst hat. „Darf der das?“, haben Rektoren hinter vorgehaltener Hand gefragt, auch Wissenschaftsminister zeigten sich irritiert. Es gehe ja wohl nicht an, dass ein DFG-Präsident, der von Bund und Ländern mit der Durchführung von Teilen des Wettbewerbs betraut sei, sich schon im Vorfeld abfällig über einzelne Teilnehmer und Strategien äußere.

Konkret hatte Strohschneider sich auf „gemeinsame Vorhaben in Berlin, Rhein-Main oder im Ruhrgebiet“ bezogen, von denen er offenbar eine gemeinsame Bewerbung in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ erwartet. Größe per se sei kein Qualitätsmerkmal, die „international als modellhaft betrachteten Universitäten sind viel kleiner als die deutschen.“

Vielleicht waren Strohschneiders Äußerungen aber auch voreilig. Ich habe mich in den vergangenen Wochen umgehört, und die tatsächliche Zahl der Verbundanträge für die Förderlinie "Exzellenzuniversitäten" könnte (analog zur Zahl der Anträge für Exzellenzcluster) geringer ausfallen, als viele vermuten. Dass bei den Münchner Universitäten die Chemie nicht stimme, zumindest zwischen den Präsidenten, und eine Zweier-Bewerbung um den Exzellenz-Titel deshalb nicht in Frage komme (übrigens trotz fünf gemeinsam geplanter Cluster!), gilt ja fast schon als Gemeinplatz. Ebenso wie die weit verbreitete Meinung, dass sich die geographische Verteilung der Hochschulen in Baden-Württemberg für gemeinsame Exellenzuni-Anträge nicht eigne. Doch wie ist das bei den anderen? Schauen wir uns mal die bislang am häufigsten gehandelten Verbund-Kandidaten an.

Berlin prescht vor, in München stimmt die Chemie nicht

Offiziell müssen die Hochschulen erst Anfang 2018 ihre Absicht erklären, ob sie allein oder zusammen „Exzellenzuni“ werden wollen. Umso erstaunlicher war es, dass die Berliner Technische Universität, die Freie Universität (FU) und die Humboldt-Universität (HU) satte anderthalb Jahre vorher ihre Verbundbewerbung verkündet haben. Erstaunlich und eigentlich nur erklärbar mit der politischen Dynamik im Vorfeld der Abgeordnetenhauswahl, die im September stattgefunden hat. Dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), der am Donnerstag vom Parlament wiedergewählt wurde, das Wissenschaftsressort selbst übernommen hat, passt genau in dieses Bild: Keine zweite Exzellenz-Bewerbung wird so politisch sein wie die Berliner. Was nicht gegen ihre wissenschaftliche Berechtigung spricht, denn schon in den vergangenen Exzellenzrunden waren die Berliner Universitäten (vor allem FU und HU) über Cluster und Graduiertenschulen extrem eng vernetzt. Und von den insgesamt 14 Cluster-Anträgen, die TU, FU und HU (inklusive Charité) in der nächsten Runde einreichen wollen, sollen offenbar 13 mindestens zu jeweils zweit gestellt werden.

Aachen und Köln wollen nicht zusammen

Die beiden Exzellenzunis Köln und Aachen, die ebenfalls als gemeinsame Partner gehandelt werden, werden dagegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit getrennte Antragswege bei der Förderlinie "Exzellenzuniversitäten" gehen. Es gebe vor allem seitens der RTWH Aachen kaum den Willen, sich auf einen Verbund einzulassen, ist zu hören. Die Kölner wiederum schielen offenbar noch Richtung Bonn (und eventuell Düsseldorf), doch ist hier alles offen – auch deshalb, weil anders als in Berlin die Politik in Nordrhein-Westfalen keinerlei (nennen wir es mal euphemistisch) Erwartungsdruck auf die Universitäten ausübt, sondern sich komplett heraushält. Bislang gibt es immerhin schon eine gemeinsame Graduiertenschule der Universitäten Köln und Bonn. Dennoch müssten Köln, Bonn und Düsseldorf am gemeinsamen Narrativ (a la: „Wir waren wissenschaftlich immer schon untrennbare Geschwister“) noch ein bisschen dichten, um das von Strohschneider wie auch vom Wissenschaftsratsvorsitzenden Manfred Prenzel demonstrativ beschworene Primat des „wissenschaftsgeleiteten Verfahrens“ zu erfüllen.


Echte Liebe an der Ruhr

Bei den Universitäten in Bochum, Duisburg-Essen und Dortmund ist das anders. Sie arbeiten seit fast zehn Jahren in der „Universitätsallianz Ruhr“ zusammen, haben gemeinsame Forschungsprofilschwerpunkte entwickelt, zusammen mit der Stiftung Mercator das „Mercator Research Center Ruhr“ gegründet und sich auch sonst strategisch eng verzahnt – zum Beispiel im einzigen Bochumer Exzellenzcluster RESOLV. Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen, spricht fast schwärmerisch von einer „mehrdimensionalen Kooperation“, von der Lehre über die Nachwuchsförderung bis hin zur Internationalisierung: Die drei Unis betreiben zum Beispiel gemeinsame Auslandsbüros in Moskau, New York und in Brasilien. Logisch, dass sie jetzt auch an die DFG mehrere gemeinsame Anträge vorgemeldet haben: Zweimal wollen Bochum und Dortmund zusammengehen, einmal Dortmund und Duisburg Essen, ein weiteres Mal fungieren sogar alle drei Unis als Antragsteller. Und bei sämtlichen Allianz-Projekten (auch bei dem fünften Cluster, den Bochum allein beantragen will) sind Forscher der drei Universitäten mindestens mit eingebunden. Bei ihnen verhält es sich insofern fast schon umgekehrt: Wenn sie sich nicht im Verbund bewerben, dürften die Gutachter zu Recht fragen: Warum eigentlich nicht?

Frankfurt ziert sich

Als die TU Darmstadt, die Universität Mainz und die Frankfurter Goethe-Universität vor einem Jahr die länderübergreifende Allianz „Rhein-Main-Universitäten“ gründeten, gab es viel Beifall aus Wissenschaft und Politik. Doch bis heute hat lediglich die TU Darmstadt einen formalen Senatsbeschluss gefasst, der sich zu einer gemeinsamen Exzellenz-Bewerbung im Dreier-Bund bekennt. TU-Präsident Hans Jürgen Prömel sagt, es sei "langfristig die beste Wahl, wenn sich die drei Universitäten zusammentun, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen."

Womöglich ist die Formulierung "langfristig" mit Bedacht gewählt. Denn aus Frankfurt kommen auffällig zurückhaltende Töne. Erstmal müssten die drei Universitäten in der ersten Förderlinie, den Clustern, zeigen, dass sie miteinander erfolgreich kooperieren könnten, sagt Unipräsidentin Birgitta Wolff. Eine pikante Aussage, denn die Frankfurter und Mainzer haben zwar drei gemeinsame Antragsskizzen an die DFG gemeldet, doch die Darmstädter sind als Antragsteller bislang nirgendwo dabei. Prömel betont jedoch, zwischen Darmstadt und den beiden anderen Unis seien in fünf Initiativen "wechselseitige Beteiligungen vorgesehen – ähnlich wie beim aktuellen Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, den die Goethe-Uni allein beantragt hat, an dem TU-Forscher aber durchaus beteiligt sind.

Birgitta Wolff sagt demgegenüber, es wäre doch auch "ein schöner Erfolg", wenn die Universitätsallianz "drei starke, aufeinander bezogene Einzelbewerbungen" nach sich zöge, „das zeigte doch ebenfalls, dass wir eine dynamische Wissenschaftsregion sind“. Die Frankfurter dürften in einem solchen Fall übrigens die größten Chancen haben: Allein in der letzten Exzellenzrunde haben sie drei Exzellencluster errungen, die Mainzer einen und die Darmstädter: keinen. Genau umgekehrt sieht das Bild bei der auslaufenden Förderlinie der Graduiertenschulen aus: Hier hat Darmstadt zwei, Mainz eine, Frankfurt: keine.

Die vergangene Woche fällige Ankündigung der Skizzen heißt übrigens nicht, dass beim konkreten Antrag nicht noch weitere Antragsteller hinzukommen dürfen – eine Hintertür ist also auch für die „Rhein-Main-Universitäten“ noch offen, bis Anfang April die Skizzen selbst eingereicht werden müssen.

Hamburg und Bremen: Bislang ergebnisloses "Abtasten"

Aus den Universitäten in Hamburg und Bremen schließlich ist zu hören, man habe sich wiederholt "abgetastet", doch ob daraus ein gemeinsamer Antrag hervorgehe, sei offen. Besonders das Hamburger "offen" hört sich ehrlich gesagt ziemlich zweifelnd an. Auch Überlegungen Bremens, mit Oldenburg oder Kiel eine Allianz zu bilden, sind dem Vernehmen nach nicht allzu weit fortgeschritten. Noch unwahrscheinlicher scheint ein Verbund zwischen Hamburg und Kiel zu sein.

Und das dürfte es dann schon gewesen sein mit den möglichen Verbundbewerbungen in der Förderlinie "Exzellenzuniversitäten" – falls nicht noch ein Überraschungsbündnis um die Ecke kommt. Vielerorts beklagen Uni-Strategen dasselbe Problem: Jahrelang haben die Wissenschaftsministerien ihre Universitäten aus Effizienzgründen darauf getrimmt, (negativ formuliert) "Doppelstrukturen" zu ihren Nachbarhochschulen abzubauen – nun fehlen (positiv gefasst) die "Synergieeffekte", die gemeinsame Bewerbungen generieren würden – schon in den Clustern (siehe ihre obige Zahl), erst recht aber in Verbundbewerbungen.

Gut möglich also, dass es im Wettbewerb, wenn es denn die gewonnenen Cluster zulassen, nur zwei Zusammenschlüsse geben wird: den Berliner und den der drei Ruhrgebietsuniversitäten. Ein Run auf das neue Modell Verbundantrag ist das nicht gerade. Denn offenbar gilt es unter Rektoren als größtes Risiko, eine Bewerbungsstrategie zu verfolgen, die als Risikovermeidungsstrategie gebrandmarkt werden könnte. Eine ironische Wendung, die ausgerechnet Peter Strohschneider gefallen dürfte. 

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