Es ist zum Lachen und zum Weinen

Der Kinofilm „The Square“ entzaubert die schöne, neue Museumswelt

Von Carmela Thiele

alamode

30. Oktober 2017

Es gibt Filme, da ist einem am Ende nicht zum Reden zumute, da wirkt etwas nach, was schwer in Worte zu fassen ist. „The Square“ ist vom Verleih als Gesellschaftssatire angekündigt, die in einem Museum zeitgenössischer Kunst spielt. Der Film ist aber mehr als das, nämlich ein Panorama feiner Beobachtungen, verschränkter Erzählebenen und ins Absurde kippender Szenen inmitten der Normalität einer europäischen Großstadt. Am Ende triumphieren – jedenfalls vordergründig – der schnöde Mammon, die reichen Förderer des X-Royal Museums. Doch sind auch sie nicht allein verantwortlich für die emotionale Kälte, die den Helden am Ende ins Aus katapultiert. Das Tribunal tagt in Form einer Pressekonferenz, bei der einer die Konsequenzen ziehen muss, weil in seinem Museum etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Von Grenzsituationen erzählen darf die Kunst, wenn aber die Grenze der Geschmacklosigkeit überschritten ist, stürzt sich die Meute auf den Skandal. Zu Recht?

Dass ein Museumsjob solche Risiken bergen kann, hätte sich der lässige, auch ein bisschen eitle, aber im Grunde doch engagierte Museumsdirektor Christian nicht träumen lassen. Er bekommt zu spüren, was passiert, wenn die Routine des Lebens aus dem Takt gerät. Ziemlich früh im Film fällt er auf Taschendiebe herein. Er wird auf der Straße in ein Handgemenge verwickelt, und schon sind Handy und Portemonnaie weg. Die Diebe nutzen sein Pflichtbewusstsein aus und bestätigen das Vorurteil, dass man sich von dubiosen Randexistenzen besser fern halten sollte. So einfach ist das dann doch nicht, aber das geht einem erst später auf. Dann wird klar: Anfangs gehorcht der Museumsmann eher zögerlich geltenden Normen und kommt einer scheinbar bedrohten Frau zur Hilfe, am Ende wühlt er verzweifelt im Müll, um den Zettel mit der Telefonnummer eines Jungen wiederzufinden, an dem er selbst schuldig geworden ist. Das sind zwei ganz unterschiedliche mentale Verfassungen.

Und das klingt nach Drama, ist es mitunter auch. Es geht um nichts weniger als die immer weiter auseinander-klaffende Schere zwischen arm und reich, um den Mangel an Mitmenschlichkeit und Vertrauen in den Nächsten. Die schöne, cleane Museumwelt gibt für dieses große Thema eine überraschend gute Kulisse ab, soll doch die politische Kunst der Gegenwart eben solche Fragen thematisieren. Auch stimmt äußerlich eigentlich alles in dem coolen, aber nicht unpersönlichen Ambiente aus Glas und Beton. Das Team des X-Royal Museums ist divers, jung und alt, weiß und schwarz. Ein Senior-Kollege trägt weißen Pferdeschwanz und kommt mit Baby zum Meeting, was für einen toleranten Arbeitgeber spricht, aber leider die Konzentration der Runde beeinträchtigt.

Ein Mann steht auf einer festlich gedeckten Tafel
Dieser Künstler übertreibt nun aber doch: Die Mitglieder des Förderkreises kurz vor der Schockstarre.
alamode

Wie Toleranz mit Wirklichkeit kollidieren kann, wird auch bei einem zugegebenermaßen nicht unbedingt realitätsfernen Künstlergespräch deutlich. Im Publikum sitzt ein Mann mit Tourette-Syndrom, der in Rätseln sprechende Kuratorin und den Künstler, der Pyjama unter seinem Jackett trägt, unflätig beschimpft. Das ist insofern schrill, weil der Zwischenrufer unfreiwillig den wie hohle Phrasen klingenden Fachjargon der beiden Redner kommentiert. Die bemühen sich, die Störung zu ignorieren, und auch das Publikum verlangt, den kranken Mann gewähren zu lassen, ohne aber zu realisieren, dass der Kranke in diesem Fall wie der Gesunde klingt. Die Situation wird unerträglich, aber keiner will eine persönliche Entscheidung treffen. Immer wieder scheinen im Film solche widersprüchlichen Momente auf, bei dem das Regelwerk einer modernen, humanen Gesellschaft versagt.

Höhepunkt einer ganzen Reihe solcher schrägen Situationen ist das festliche Dinner des Fördervereins. Die Performance eines russischen Künstlers, der sich als Gorilla inszeniert, soll der gediegenen Veranstaltung den richtigen Kick bringen. Doch steigert sich Oleg so sehr in seine Rolle hinein, dass er die Kontrolle verliert, zum Tier wird und die Abendgesellschaft in Schockstarre versetzt. Erst als er eine attraktive Frau zu Boden wirft und Schlimmeres zu erwarten ist, löst sich einer der Männer aus der Masse, andere folgen und der Mob stürzt sich auf den entfesselten Künstler.

Diese Episode ist wie so vieles in dem Film mehrdeutig. Es geht nicht nur um das sich bahnbrechende Wilde, das im Museum nur ästhetisch kondensiert vorkommen darf. Der Regisseur und Drehbuch-Autor Ruben Östlund illustriert ein atavistisches Verhaltensmuster, spielt aber auch mit Symbolen. Denn der Affe galt im Mittelalter als Symbol des Lasters, später als ein zwischen Intelligenz und Triebhaftigkeit schwankendes Wesen, im 19. Jahrhundert war er Attribut des Künstlers. Und es ist noch nicht lange her, dass Jörg Immendorff den Ex-Kanzler Schröder mit Pavianen im Hintergrund gemalt hat.

Immerhin war er in ihr drin

Wir alle sind auch noch ein bisschen Tier, aber so richtig nur ganz selten. Gesellschaftlich akzeptierte Enthemmung findet im Film bei ohrenbetäubender Musik auf der Museumsparty statt, und es ist klar, dass die Sympathien des Filmautors eher beim bis zur Erschöpfung tanzenden Direktor liegen als bei der mit ihrem Smartphone beschäftigten PR-Assistentin, deren perfekte Frisur an dem Abend noch kein bisschen gelitten hat. Der Abend endet für Christian im Bett der Journalistin Anne, die ihn ein paar Tage zuvor interviewt hat. One-Night-Stand, passiert, warum also einen Gedanken darüber verschwenden. Keiner würde auf die Idee kommen, dass dem mechanischen Sex, der jetzt folgt, bei den Beteiligten eine Empfindung hinterlässt. Doch besteht Anne später auf so etwas wie ein Beziehungs-gespräch, sie brauche das, sagt sie, immerhin war er in ihr drin. Aber dies kommt ebenso fordernd wie kühl rüber, und es ist nicht einfach, sich moralisch ganz auf ihre Seite zu schlagen. Christian ist irritiert, er vertraut schon länger seiner Wahrnehmung nicht mehr. Alles geht drunter und drüber.

Ein Mann und eine Frau in einem Museum
War da nicht was? Christian erinnert sich nur mehr verschwommen.
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Die zeitgenössische Kunst wirkt im Film ziemlich banal, das Sprechen über sie gerinnt meist zur Farce. Dem Museumsmann wird das zunehmend bewusst. Er repetiert vor dem Spiegel seine Rede, die er als spontane Abweichung vom Manuskript inszeniert, was dann auch gut ankommt. Als er jedoch seinen Töchtern seine neue Ausstellung „The Square“ zeigt, muss er wirklich improvisieren. Er erzählt die Geschichte seines Vaters, der noch ohne Begleitung als Sechsjähriger durch Stockholm stromern durfte. Heute aber würden Eltern den Mitmenschen nicht mehr trauen, und Kinder stünden permanent unter Aufsicht. Das Quadrat, das die Künstlerin im Schlosshof markieren ließ, soll eine Zone der Mitmenschlichkeit sein, wo Nächstenliebe keine hohle Phrase ist. Für einen Moment scheint das Kunstwerk geglückt.

Privat gerät Christian immer tiefer hinein in üble Verstrickungen. Sein Assistent hat sein gestohlenes Handy geortet und kommt auf die Idee, in alle Briefkästen des heruntergekommenen Mietshauses anonyme Drohbriefe zu werfen. Tatsächlich bekommt Christian seine Sachen zurück, doch macht ihn ein kleiner Junge ausfindig, der ihn mit den Folgen seiner Aktion konfrontiert. Seine Eltern glaubten nun, er sei der im Brief angesprochene Missetäter. 

Und auch das ist ein wiederkehrendes Motiv des Films: der abgerissene Bettler als Gegenfigur zu der gepflegten Erscheinung des Kunstpublikums. Während diese den strauchelnden Direktor am Ende fallen lassen, findet der in einer schwierigen Situation Hilfe bei einem alten Mann, der zwischen den automatischen Türen des noblen Einkaufszentrums sein Gebet verrichtet, bevor er seinen Pappbecher wieder platziert.

Vertrauen wird zu einer seltenen Währung

Vertrauen wird in diesem Film zu einer seltenen Währung. Insofern ist die Gesellschaftssatire auch eine Fabel, die am Ende an das Gute im Menschen appelliert. Natürlich bleiben ein paar echte Lacher nicht aus, etwa als eine Reinigungskraft im Museum ein paar der auf den Boden aufgehäufelten Kieselsteine weggesaugt hat, und die Kuratorin wegen dieser Lappalie die Versicherung informieren will. Aber auch die Eröffnungsgäste, die sich wie Hungernde auf das Gratis-Buffet stürzen, die Reporter, die scheinbar kritische, aber doch eher stereotype Fragen stellen, und nicht zuletzt die verantwortungslosen Social-Media-Hipster sind peinliche Gestalten.

Die beiden Nerds verkaufen dem Museum tatsächlich ein Werbevideo, dessen Logik nicht anders als pervers zu nennen ist. Aufmerksamkeit schafft hat es aber schon, es wird sogar „viral“. Aber diese Aktion kostet Christian den Job – nicht aber das Leben. Der Film hat zu Recht die Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes gewonnen, trotz Überlänge ein wunderbarer, mal leichter, mal nachdenklicher Film. Und die Kunst, die darin zum Popanz einer übersättigten Gesellschaft wird, hat glücklicherweise noch einiges mehr zu bieten, als in „The Square“ gezeigt wird. Das muss schon noch gesagt werden, nach einem solch kunstvoll komponierten Film.