Schlaflose Jugend in Deutschland

RiffReporter-Umfrage liefert erschreckende Ergebnisse: Die Schule beginnt hierzulande fast überall zu früh. Viele Kinder und Jugendliche müssen mitten in der Nacht aufstehen. Aber es gibt Lösungen.

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Hamburg, 06.02.2019

VON PETER SPORK

Es ist morgens früh, viertel nach sieben, in irgendeiner x-beliebigen deutschen Kleinstadt. Noch ist es stockdunkel.

Zunächst wirkt alles menschenleer. Völlig ausgestorben. Das ändert sich aber, sobald ich mich dem Bahnhof nähere. Immer mehr Kinder und Jugendliche drängeln sich auf der Straße. Doch irgendetwas stimmt nicht. Ganz allmählich wird mir klar: Diese Kinder sind so still. Kaum eines lacht oder redet. Den Gesichtern fehlt vor lauter Schlaftrunkenheit die Mimik. Es sind Schüler*innen, die aus der Umgebung mit der Bahn angereist sind und nun flugs zur Schule müssen. Es werden immer mehr. Die Szenerie wird immer gruseliger. Wie seltsam „untot“ oder „seelenlos“ wirkt diese Jugend. Aber es sind definitiv keine Zombies.

Die meisten gehen in kleinen Grüppchen, manche auch alleine. Sie latschen schlurfenden und langsamen Schrittes, oft auch gesenkten Hauptes vor sich hin, mittlerweile fast schon massenhaft. Wie ferngesteuert zieht es sie voran. Je später es wird, desto hastiger und freudloser werden sie. Die Stille ist unerträglich. Sie ist beklemmend.

Erwachsene sehe ich auf dem gesamten zwanzigminütigen Weg vom Hotel zum Bahnhof nicht. (Die nehmen ja meist das Auto, wenn sie früh zur Arbeit müssen.) Lachen höre ich so gut wie keines. Laute Stimmen schon gar nicht. Mir begegnen nur diese völlig verschlafenen und verhuschten „Würmchen“, die teilweise wohl schon zwei Stunden zuvor von ihren Eltern aus den Träumen gerissen worden sind. Sie mussten rechtzeitig den Vorortzug zur Schule erwischen. Grauenhaft. Und so überflüssig.

Der Name der Kleinstadt tut nichts zur Sache. Solche Städte gibt es in Deutschland überall. Die logische Konsequenz: Die meisten Schüler werden hierzulande niemals richtig wach. Fast alle schlafen viel zu wenig. Der durchschnittliche Grundschüler sollte zehn bis elf Stunden schlafen. Selbst Zwölfjährige brauchen im Mittel neuneinhalb Stunden Schlaf, Teenager neun Stunden. Wie soll das gehen, wenn die Schule schon um acht Uhr oder früher beginnt?

Morgendämmerung über einer Straße
Der Schulweg beginnt in Deutschland viel zu oft schon vor der Morgendämmerung - egal ob im Schulbus, Zug oder elterlichen Auto.

Am schlimmsten ist die Lage in den fortgeschrittenen Jahrgängen. „Nur acht Prozent der Jugendlichen schlafen werktags so viel, wie es gängigen Empfehlungen entspricht“, fand der Priener Schlafmediziner Ulrich Voderholzer schon vor Jahren heraus. Die Situation hat sich nicht gebessert. Im Gegenteil: Neunt- und Zehntklässler schlafen unter der Woche in Deutschland fast zwei Stunden weniger als sie sollten. Nicht etwa in der ganzen Woche - nein, in jeder Nacht, immer wieder, von Montag bis Freitag. Das können die Jugendlichen auch dann nicht am Wochenende aufholen, wenn ihre Eltern sie „bis in die Puppen“ schlafen lassen.

Dieses Resultat einer repräsentativen Befragung veröffentlichte die Krankenkasse DAK-Gesundheit gerade erst im „Präventionsradar 2018“. Fast gleichzeitig publizierten Schlafforscher aus Seattle, USA, eine Studie, die zeigt, was zumindest für Teenager eine der simpelsten und effektivsten Lösungen wäre: den morgendlichen Schulbeginn nach hinten zu verlegen.


Was die Jugend in der ersten Stunde lernt, vergisst sie sowieso wieder


Viele Lehrer sind überzeugt: Die erste Stunde könnte man in der Regel ersatzlos streichen. Was die Jugend zwischen acht und neun Uhr morgens lernt, vergisst sie sowieso wieder. Schlafforscher, die sich mit den Folgen von Schlafmangel auskennen, oder Chronobiologen, die erkunden, welchen individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus unsere Biologie vorgibt, wundern solche Behauptungen nicht. Als zuständige Experten weisen sie schon seit Jahren darauf hin, dass zumindest Jugendliche ab einem Alter von zehn bis zwölf Jahren, die um acht Uhr oder früher in der Schule sein müssen, „biologisch gesehen mitten in der Nacht unterrichtet werden“, so nahezu wortgleich der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg und der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley.

Neben dem erhöhten Schlafbedarf haben die Jugendlichen nämlich ein zweites Problem: Ihre biologische Uhr tickt verzögert. Forscher haben inzwischen in vielen Studien gezeigt, dass Teenager nahezu komplett in Richtung „später Chronotyp“ oder Eule tendieren – meist sogar extreme Eulen sind. Anders als bei Klein- und Grundschulkindern sowie Erwachsenen ab etwa 25 Jahren, fehlen in dieser Altersgruppe die so genannten Lerchen oder Frühaufsteher. Selbst wer chronobiologisch aufgrund bestimmter von den Eltern geerbter Genvarianten eine Lerche ist, wird zwischen 12 und 25 Jahren zur moderaten Eule, wer ohnehin zur Eule tendiert, wird zu einer Art „Monster-Eule“.


Es nützt in der Regel nichts, Jugendliche früher ins Bett zu schicken


Dadurch werden im Grunde alle Jugendlichen abends relativ spät müde und wachen morgens sehr spät auf – zumindest, wenn man sie lässt. Es nutzt ihnen auch nichts, wenn die Eltern sie früher zu Bett schicken. Im Gegenteil: Dann können sie oft nicht einschlafen, vertreiben sich die Zeit gerne mit ihren Smartphones, was zusätzlich Schlaf raubt oder entwickeln schlimmstenfalls eine Schlafstörung.

Weil es jedoch auch bei Jugendlichen manche gibt, deren innere Uhr im Vergleich mit Altersgenossen extra stark verzögert tickt, hat das Problem noch eine zweite Dimension: Einer niederländischen Studie aus dem Jahr 2015 zufolge, sind Klausuren erst dann gerecht, wenn sie um die Mittagszeit geschrieben werden. Zuvor haben die besonders ausgeprägt zur späten Rhythmik neigenden Schüler*innen einen klaren Nachteil.

Über diese und viele weitere wissenschaftliche Resultate zum Thema habe ich unlängst hier im RiffReporter Online-Magazin Erbe&Umwelt bereits berichtet:

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Der Artikel löste viele Reaktionen und auch einige Diskussionen aus. Ich beschloss deshalb, der Sache genauer auf den Grund zu gehen: Fängt die Schule in Deutschland wirklich so früh an, wie immer behauptet wird? Wen trifft es besonders hart? Wo sollte man ansetzen, um das Problem für alle Seiten halbwegs befriedigend zu lösen? Und wer entscheidet letztlich über den morgendlichen Schulbeginn?

Deshalb habe ich alle Bundesländer angeschrieben. Und ich habe eine Umfrage in sozialen Netzwerken und hier bei RiffReporter gestartet. Daran beteiligten sich erstaunlich viele Schüler*innen und Eltern. Die Resultate sind zwar nicht repräsentativ, aber immerhin sind die Schul- und Aufstehzeiten von fast 400 Kindern und Jugendlichen zusammengekommen. Ich bin dankbar für die große Beteiligung. Sie bringt etwas mehr Licht ins Dunkel um den Schulbeginn in Deutschland. Und das ist bitter nötig.


Wir werden nicht darum herumkommen, den Schulbeginn nach hinten zu verlegen


Im Folgenden möchte ich die Ergebnisse und Antworten präsentieren. Ich will erklären, warum wir nicht darum herumkommen werden, zu allererst den Schulbeginn nach hinten zu verlegen. Und ich werde zeigen, dass es noch eine Reihe weiterer begleitender Maßnahmen geben sollte. Es geht um einen umfassenden Vorschlag für eine neue Lern- und Zeitkultur an Deutschlands Schulen – für gleichsam ausgeschlafenere und aufgewecktere Kinder und Jugendliche.

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Schon eine kleine Zeitverschiebung hat große Effekte

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Im Osten scheint die Lage besonders schlimm

68 Prozent der Schüler*innen stehen vor 6:30 Uhr auf

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„Wecken um 6:00 Uhr, um 6:05, 6:10, 6:15, 6:20... Aufstehen um 6:30 Uhr.“

Wie bekommen die Jugendlichen wieder mehr Schlaf? 

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