Kampf dem Wecker, Lob der Waschmaschine

Der Chronobiologe Till Roenneberg hat ein bemerkenswertes Buch vorgelegt.

Gut lesbar und wissenschaftlich fundiert setzt er sich darin vehement für unser aller Recht auf Schlaf ein. Eine Rezension.

Es war kurz vor Mitternacht, irgendwo tief im Regenwald des zentralbrasilianischen Berglands, als der Chronobiologe Till Roenneberg aufwachte. Er erwachte aber nicht nur einfach so aus dem Schlaf, sondern auch im übertragenen Sinn. In dieser Nacht sollte ihm klar werden, wie universell die Erkenntnisse seiner Wissenschaft sind – nicht nur die seiner zahlreichen Kolleg*innen, sondern auch die vielen Daten, die er selbst mit seinem Team in den vergangenen Jahren mühsam zusammengetragen hatte.

Zunächst verließ der Professor am Institut für Medizinische Psychologie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität einfach nur sein Bett. Er hatte bereits fünf Stunden geschlafen und war hellwach. Nun stand er mitten in der Hütte seiner Gastgeber. Sie gehören zu den Quilombos, einer Gruppe ehemaliger Sklaven, die sich vor langer Zeit selbst befreit hatten und seitdem in diesem abgelegenen Winkel des Landes ohne jede Elektrizität und anderes künstliches Licht leben. Tags zuvor war der Forscher nach langer und beschwerlicher Wanderung mit Begleitern angekommen. Am Abend hatte es aus diesem Anlass ein Fest gegeben, viele Quilombos aus der Nachbarschaft waren gekommen. Roenneberg war aber zu müde, um den Gesprächen in der fremden Sprache längere Zeit zu folgen. Er ging früh zu Bett.

Zuvor schaute er noch einmal zum Himmel und genoss die dunkle Neumondnacht. „Ich war mir sicher, noch nie so viele glitzernde Sterne über mir gesehen zu haben wie in diesen Bergen“, erinnert er sich in seinem neuen Buch „Das Recht auf Schlaf“. Das erstaunlichste aber war, dass es im Inneren der Hütte noch viel dunkler war als draußen. Auch wenn sie sich praktisch nur hören konnten, saßen die Menschen fröhlich beieinander, waren hellwach, machten Scherze und erzählten Geschichten. Als einzige, minimale Lichtquelle glomm ein Ofen vor sich hin.

Kurz vor Mitternacht war es also fünf Stunden später. Doch sehr zum Erstaunen des Chronobiologen war die Versammlung im Hauptraum noch immer in vollem Gang. Er setzte sich zu den Gastgebern und ihren Nachbarn und leistete ihnen Gesellschaft. Nach und nach verabschiedeten sich die Gäste, es wurde leerer, und irgendwann waren nur noch die Jugendlichen aktiv. Roenneberg ging wieder zu Bett. Er war sehr zufrieden, denn er hatte gerade anschaulich gelernt, dass vieles von dem, was er und andere Chronobiologen und Schlafforscher in Laboratorien oder Umfragen bei Menschen in der technisierten Welt seit Jahrzehnten ermittelt haben, auch hier gilt: fernab jeder Industrie und Elektrizität.

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Buchcover „Das Recht auf Schlaf. Eine Kampfschrift für den Schlaf und ein Nachruf auf den Wecker.“ dtv München 2019.
Das neue Buch von Till Roenneberg: „Das Recht auf Schlaf. Eine Kampfschrift für den Schlaf und ein Nachruf auf den Wecker.“

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Das Buch

Till Roenneberg: Das Recht auf Schlaf. Eine Kampfschrift für den Schlaf und ein Nachruf auf den Wecker. dtv München 2019 (Hardcover, 272 Seiten, 20,00 Euro).

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