Gesundheit beginnt vor der Zeugung

Muss die Präventionspolitik umdenken?

Gleich drei Artikel im führenden Mediziner-Fachblatt „The Lancet“ fordern mehr Aufmerksamkeit für ein bislang eher belächeltes Thema: Die präkonzeptionelle Gesundheit. Das Protokoll eines Paradigmenwechsels.

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Hamburg, 08.06.2018

VON PETER SPORK

Viele Mediziner, Psychologen und Biologen denken derzeit um. Sie betrachten Gesundheit nicht länger als Zustand, sondern als Prozess, der jeden Menschen täglich begleitet. Mit seiner Hilfe passen wir uns stetig an die Anforderungen unserer spezifischen Umwelt und unseres Lebensstils an. Diese Betrachtung ist eine logische Konsequenz aus der modernen Genregulationsforschung. Sie belegt, dass Umwelteinflüsse und Veränderungen etwa der Ernährung oder des Bewegungsverhaltens die Aktivierbarkeit zahlreicher Gene in wichtigen Organen dauerhaft verstellen können.

Unsere Zellen haben eine Art Gedächtnis für Umwelteinflüsse und Lebensstilfaktoren. Im Idealfall hilft uns dieses Gedächtnis, zeitlebens besonders widerstandsfähig zu sein und dabei möglichst lange geistig rege und gesund zu bleiben. Andreas Plagemann, Leiter der Forschungsabteilung an der Klinik für Geburtsmedizin der Berliner Charité beschreibt unser Leben konsequenterweise als „individuellen, permanent umweltabhängigen Entwicklungsprozess“. Unsere Entwicklung endet demnach nicht mit der Adoleszenz sondern wir verändern uns auch als Erwachsene biologisch stetig fort. Plagemann nennt das die „Ontogenese bis ins Alter.“ 

Die Gesundheit unserer Enkel beginnt ein Stück weit bereits bei der Gesundheit unserer Kinder

Klar scheint also, dass unsere Gesundheit im Sinne einer neuen Definition als lebensbegleitender Anpassungsprozess erst mit dem Tod endet. Doch wann startet sie? Wann beginnen Umwelteinflüsse auf uns einzuwirken sowie uns und unsere Molekularbiologie zu prägen? Spontan mag man die Geburt als Start der Gesundheit eines Menschen erklären. Allerdings hat sich längst herumgesprochen, wie wichtig auch die Zeit im Mutterleib für die Ausprägung zahlreicher oft erst sehr viel später wirksamer Erkrankungsrisiken ist. Die Frage, wie wir wurden, was wir sind, beantwortet Plagemann nicht ohne Grund so: „Maßgeblich durch die natürlichen und sozialen Umwelt- und Entwicklungsbedingungen, unter denen wir als Individuum schon im Mutterleib und in den ersten Lebenswochen heranwuchsen.“

Was und wie viel die Schwangere isst, ob und wie viel Alkohol sie trinkt, ob sie traumatisiert wird oder Zigaretten konsumiert: All das bestimmt mit darüber, wie krankheitsanfällig ihr Kind später im Leben sein wird. Der Trierer Psychobiologe Dirk Hellhammer, der auf vier Jahrzehnte erfolgreiche Stressforschung zurückblickt, sagt, „frühkindliche Einflüsse sind mit Abstand der größte Risikofaktor für stressbezogene Gesundheitsstörungen“. Traumatische Erlebnisse der Mutter während der Schwangerschaft oder des Kindes im ersten Lebensjahr fänden sich „bei etwa 50 bis 70 Prozent aller Patienten mit derartigen Leiden“.

Großmutter, Mutter und Enkelin auf einem Bild.
Drei Generationen auf einem Bild. Vieles spricht dafür, dass Großmutter und Mutter mit ihrem Lebensstil bereits die Gesundheit der Enkelin geprägt haben.
Großvater, Sohn und Enkel auf einem Bild.
Präkonzeptionelle Gesundheit betrifft selbstverständlich auch das männliche Geschlecht: Großvater, Sohn und Enkel.

Offenbar startet unsere Gesundheit also mit der Zeugung. Oder doch nicht? Ist selbst diese Annahme zu kurz gegriffen? Gleich drei Artikel im führenden Mediziner-Fachblatt The Lancet blicken jetzt weit über diese Grenze hinaus. Ihnen zufolge beginnt die Gesundheit eines Menschen nicht erst in dem Moment, in dem Samen- und Eizelle verschmelzen. Sie beginnt bereits Monate bis Jahre zuvor. Sie beginnt im Leben der vorangegangenen Generation. Die Artikel schildern eindrucksvolle neue Befunde über die so genannte präkonzeptionelle Gesundheit – also darüber, wie bereits die Lebensstile beider Eltern in der Zeit bevor sie ihre Kinder zeugen deren spätere Krankheitsanfälligkeit beeinflussen (doi: 10.1016/S0140-6736(18)30311-8, -30312-X, -30313-1).

Das Fazit der Autoren ist eindeutig: Zukünftige und potenzielle Eltern sollten in Zukunft viel mehr als heute unterstützt, entlastet und beraten werden. Die Gesellschaft sollte deutlich mehr in die Gesundheit aller Heranwachsender und junger Erwachsener investieren. Mediziner und Gesundheitsberater sollten zudem vermehrt nach Frauen Ausschau halten, die eine Schwangerschaft planen.

Zum Beispiel sollte man zukünftige Eltern zu ausgewogener, nicht zu kalorienreicher Ernährung mit frischen Zutaten und ausreichender Bewegung motivieren, über ungesunde Verhaltensweisen wie das Rauchen oder starken Alkoholkonsum noch besser aufklären sowie gezielte Maßnahmen gegen Übergewicht oder Mangelernährung ergreifen. Bei zukünftigen Müttern sollte man zudem besser als heute auf ausreichende Blutspiegel wichtiger Mikronährstoffe wie Folsäure oder Eisen achten. 

„Wir müssen die Politik der öffentlichen Gesundheit überarbeiten.“ (Judith Stephenson)

All diese Maßnahmen seien vergleichsweise kostengünstig. Vor allem aber sei es bestens angelegtes Geld. Denn von den Investitionen profitierten nicht nur die Betroffenen selbst, sondern zusätzlich die folgende Generation. Die Gabe von Folsäure zum Beispiel sei ein schon heute allgemein akzeptiertes und entsprechend gut untersuchtes Mittel zur Steigerung der Gesundheit des Nachwuchses. Achte man in der Zeit von zwei bis drei Monaten vor und nach der Empfängnis auf einen ausreichenden Folsäurespiegel bei der Mutter, verringere sich um 70 Prozent das Risiko des Kindes, einen Neuralrohrdefekt zu bekommen – einen offenen Rücken zum Beispiel.

Dass Folsäuremangel von schwangeren Frauen das Fehlbildungsrisiko des Kindes erhöht, ist schon lange bekannt. Das wird unter anderem damit erklärt, dass das Vitamin wichtig für ein Ko-Enzym ist, das den Zellen bei der Regulierung ihrer Gene hilft. Es existieren mittlerweile aber auch Indizien, dass vielleicht sogar der Folsäurespiegel im Blut der Väter wichtig ist. Kanadische Biologen entdeckten bei männlichen Mäusen, die zeitlebens kaum Folsäure in der Nahrung hatten, systematische epigenetische Veränderungen in den Spermien. Gleichzeitig kamen deren Jungen besonders häufig mit Geburtsfehlern zur Welt (doi: 10.1038/ncomms3889).

Es gebe Hinweise aus großen epidemiologischen Studien bei Menschen, dass auch die Ernährung von Vätern vor der Zeugung ihres Nachwuchses die Gesundheit der Kinder beeinflussen könne, schreiben die Forscher. Ihre Studie – wenngleich ein Tierexperiment – lasse vermuten, was dabei im Detail geschehe: Je nach Nahrung könne die Maschinerie der Enzyme, die die Genaktivität kontrollieren, ihre umfangreiche Arbeit in der Zeit rings um die Befruchtung mal mehr, mal weniger gut erledigen. Folsäuremangel führe dabei offenbar zu Fehlern. Und das gefährde mitunter die gesunde Entwicklung. Sicher ist es noch zu früh, nun ähnlich wie bei Müttern mit Kinderwunsch auch den Vätern Folsäuretabletten zu verschreiben, aber auf eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sollten auch die Väter allemal achten. 

Verschiedene Arten von Blattsalat.
Das bekannteste Beispiel dafür, dass auch heutige Eltern sich schon vor der Zeugung des Nachwuchses aktiv um dessen Gesundheit kümmern, ist die gezielte Folsäureeinnahme bei Frauen mit Kinderwunsch. Doch auch zukünftige Väter sollten wahrscheinlich mehr auf ihren Folsäurespiegel achten. Der auch Vitamin B9 genannte Mikronährstoff findet sich unter anderem in Blattsalaten und anderen grünen Blattgemüsen, aber auch in Weizenkeimen, Hülsenfrüchten (rote Linsen), Eigelb, Sonnenblumenkernen und vielem mehr.
Maxmann / Pixabay

Das Zeitfenster vor der Empfängnis „ist eine kritische Zeit, in der der Gesundheitsstatus der Eltern – einschließlich ihres Körpergewichts, ihres Stoffwechsels und ihrer Ernährung – das Risiko ihrer Kinder beeinflusst, später im Leben eine chronische Krankheit zu bekommen“, sagt deshalb auch Judith Stephenson vom Institute for Women`s Health am University College London, eine der Hauptautorinnen der Lancet-Artikel. Und sie fügt an: „Wir müssen jetzt die Politik der öffentlichen Gesundheit so überarbeiten, dass sie hilft, diese Risiken zu reduzieren“

Unsicher sind sich die Experten noch, was die Dauer des maßgeblichen Zeitfensters betrifft. Bisher bezeichnet man die präkonzeptionelle Phase als die letzten drei Monate vor der Empfängnis, vor allem weil dies die durchschnittliche Zeit ist, die Paare mit Kinderwunsch benötigen, um erfolgreich zu sein. Manche Präventionsmaßnahmen der zukünftigen Eltern, wie zum Beispiel eine Normalisierung des Körpergewichts bei stark Über- oder Untergewichtigen, benötigen mitunter aber ein bis mehrere Jahre Zeit. Andere Maßnahmen wie eine Anhebung des Folsäurespiegels im Blut oder die Enthaltsamkeit von Suchtmitteln, wirken hingegen schon nach einigen Wochen.

Die Experten schlagen deshalb vor, die Präkonzeption je nach Blickwinkel unterschiedlich zu bemessen: Biologisch gesehen seien es die Tage bis Wochen vor der Zeugung bis zur Einnistung des befruchteten Eis. Individuell gesehen starte die präkonzeptionelle Phase bereits mit dem Kinderwunsch der Eltern. Aus der Warte der öffentlichen Krankheitsvorsorge aber müsse sie oft schon Monate bis Jahre früher beginnen, nämlich zu dem Zeitpunkt, zu dem man damit anfängt, die Gesundheit der zukünftigen Eltern positiv zu beeinflussen um Krankheitsvorsorge für die folgenden Generation zu betreiben. 

Überernährung und Zigaretten verändern bei Männern die Spermien

Auch an diesem Punkt adressieren die Forscher übrigens ganz bewusst nicht nur die Frauen. Viele neue Studien zeigen nämlich, dass die Männer mit im Boot sitzen, wenn es um präkonzeptionelle Gesundheit geht. Die Ernährung, der Zigarettenkonsum, das Stressniveau und andere Faktoren verändern nachweislich die Qualität der Spermien. Schon vor zwei Jahren zeigten Forscher um Romain Barrès von der Universität Kopenhagen beispielsweise, dass adipöse Männer, sie sich ihren Magen operativ verkleinern lassen, ein Jahr später deutlich veränderte Spermien aufweisen (doi: 10.1016/j.cmet.2015.11.004).

Offenbar sorgte allein der Umstand, dass die Männer sehr viel weniger als früher aßen, für „einen dramatischen Umbau der Methylierungen an der DNA der Spermien“, so die Forscher. Es wurden also so genannte Methylgruppen (CH-3) an das Erbgutmolekül an- oder abgebaut. Dadurch und auch auf anderem Weg veränderte sich die epigenetische – also neben- oder zusatzgenetische - Struktur der Keimzellen. Und damit transportieren sie „unter dem Druck von Umwelteinflüssen auf dynamische Weise“ sehr wahrscheinlich auch geänderte Botschaften in das zukünftige Leben. Epigenetische Strukturen verändern zwar nicht den genetischen Code, aber sie enthalten Informationen darüber, welche ihrer geerbten Gene die Zellen der neu entstehenden Organismen besonders gut benutzen können und welche weniger gut.

Das könne erklären, warum die Kinder übergewichtiger Väter oft ebenfalls zu Störungen des Stoffwechsels neigten, weiß Barrès. Anders als man früher dachte, scheinen streng genetisch vererbte Übergewichts- oder Diabetes-Gene dafür jedenfalls nicht nötig zu sein. Diese These untermauert inzwischen übrigens auch eine Vielzahl von Studien mit Nagetieren. Egal ob bestimmte Vergiftungen, traumatische Erlebnisse, eine Fehlernährung oder Anpassungen an eine Hitzeperiode: Sowohl Mütter als auch Väter scheinen Informationen zu solchen Einflüssen auf außergenetischem Weg weiter zu vererben.

Sollten sich all diese Resultate eines Tages auch beim Menschen bestätigen, wird es schwer fallen, überhaupt noch eine Grenze für den Beginn der präkonzeptionellen Phase zu finden. Streng genommen hätte unsere Gesundheit dann ja bereits im Leben der Großeltern begonnen – spätestens in der Zeit, bevor diese unsere Eltern gezeugt hatten. 

„Die Freude an einer gesunden Lebensweise müsste uns allen sozusagen in die Wiege gelegt werden.“ (Dirk Hellhammer)


Doch das ist Zukunftsmusik. Noch geht es vor allem darum, die Wege besser zu erforschen, auf denen es unserer Gesundheit überhaupt gelingt, die Grenzen zwischen den Generationen zu durchbrechen. Nach dem derzeitigen Wissensstand seien „epigenetische, zelluläre, metabolische und physiologische Effekte beteiligt“, weiß Keith Godfrey von der MRC Lifecourse Epidemiology Unit an der University of Southampton und ebenfalls Hauptautor eines der aktuellen Lancet-Artikel: „Noch besser zu verstehen, welches die Mechanismen sind und welche Faktoren sie antreiben, ist besonders wichtig, weil es dabei hilft, zukünftige Gesundheitsempfehlungen für die Zeit vor der Konzeption festzulegen.“

Egal wie diese Suche ausgeht, die neuesten Erkenntnisse dürften schon bald dazu beitragen, dass auch weiterhin - so wie in den vergangenen 180 Jahren - die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung stetig steigt. Die wichtigste Botschaft der drei Fachartikel sollten wir alle jedenfalls schon jetzt verinnerlichen: Die Gesundheit unserer Enkel beginnt ein Stück weit bereits bei der Gesundheit unserer Kinder. Stressforscher Dirk Hellhammer hat das bereits begriffen, als er unlängst im großen Erbe&Umwelt-Interview forderte: „Die Freude an einer gesunden Lebensweise müsste uns allen sozusagen in die Wiege gelegt werden, indem die Gesellschaft bereits die Eltern kleiner Kinder und die Kinder und Jugendlichen selbst sehr viel mehr als heute entlastet und unterstützt.“

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