Ein Leben

Wer wir sind, wer wir waren, wer wir sein werden: Unser Leben in zehn mal zehn Jahren. Von Christian Schwägerl (Text) und Peter Spork (Fotos)

Ein Beitrag im RiffReporter-Magazin „Erbe&Umwelt

Hamburg, 23.12.2019

Mit dem Jahr 2020 beginnt ein neues Jahrzehnt. Und hier, im RiffReporter-Magazin Erbe&Umwelt, steht der fünfzigste Beitrag an. Beides möchte ich feiern mit einem außergewöhnlichen Essay von einem besonderen Autor: Christian Schwägerl hat ihn für das Magazin ZEIT Wissen verfasst. Jetzt schenkt er den Leser*innen von Erbe&Umwelt eine ausführliche und aktualisierte Langfassung. Das könnte kaum besser passen. Denn Schwägerl beschreibt ein archetypisches menschliches Leben, aufgeteilt in zehn Abschnitte von zehn Jahren wie wir werden, was wir sind. Natürlich kann so eine Beschreibung nicht die ganze Vielfalt unseres Lebens erfassen oder ihr gar gerecht werden. Jedes Leben verläuft anders, dessen ist sich natürlich auch der Autor voll bewusst. Die zehn Kapitel bieten vielmehr einen auch von Experten gelobten Überblick, der Phasen, Überraschungen, Entwicklungen, Entscheidungen beschreibt.

Die Fotos zum Essay stammen von mir. Leben ist offen und weit. Leben ist Wandel. Leben kann stürmisch, kitschig, ruhig, dramatisch sein. Leben benötigt aber auch Rhythmus und Beständigkeit. Genauso ist der Himmel über uns. Er verändert sich stetig, oft auf sehr komplexe Weise, und doch bleibt er immer der gleiche. Viele Elemente wie Morgenröte und Abenddämmerung kehren zudem zyklisch zurück. Deshalb illustriere ich diesen Beitrag mit Fotos dieses einen irdischen Himmels, den ich an vielen verschiedenen Orten in Europa aufgenommen habe.

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Allen Leser*innen wünsche ich ein himmlisch gutes neues Jahrzehnt.

Ihr Peter Spork

Rot beschienene Wolken in der Morgendämmerung
Morgenröte

VON CHRISTIAN SCHWÄGERL

Null bis zehn

Die Zeugung ist der Eintritt in die Zeit. Wenn Ei- und Samenzelle verschmelzen, sind wir noch mikroskopisch klein. Die Stoffe, aus denen sich über die Nahrungsmittel unsere Körper bilden, sind noch weit in der Welt verstreut. Aber eine einmalige Bauanleitung existiert nun und ein Programm, sie durch Zellteilung zu vermehren. Aus unbelebter Materie formt sich – geführt von den frisch entstandenen Chromosomenpaaren samt ihren Kontroll- und Steuermechanismen – ein menschliches Wesen.

Wir entstehen unter Umständen, die wir uns nie selbst aussuchen können: Die Vorgeschichte der Eltern und ihrer eigenen Vorfahren ist in die DNA eingeschrieben, Lebensumstände prägen die epigenetischen Muster, die darüber entscheiden, wann und wie aus DNA welche Eiweiße werden und den Körper aufbauen. Wir suchen uns auch nicht aus, ob die Schwangerschaft glücklich und stressfrei verläuft, oder unter Trauma oder Medikamenten, ob wir in Alkohol und Drogen gebadet werden und mit Entzugserscheinungen zur Welt kommen – oder nicht.

Dann die Geburt, der Weg aus der Fruchtblase ans Licht: Es ist nicht selbstverständlich, diesen dramatischen Übergang zu überleben. Vor zweihundert Jahren starb bei uns noch jeder fünfte Säugling, in vielen armen Ländern bleibt auch heute ein erschreckend hoher Anteil der Neugeborenen nur wenige Tage am Leben. In Deutschland sterben von 100.000 männlichen Neugeborenen 356 im ersten Lebensjahr und von 100.000 weiblichen Babies 301.

Einem Kind, das heute in Deutschland zur Welt kommt, liegt also in den allermeisten Fällen ein langes Leben zu Füßen, zumindest statistisch gesehen: rund 78 Jahre, wenn es ein Junge ist, rund 83 Sonnenumkreisungen bei einem Mädchen. So viel Zeit, so viele Möglichkeiten, so viele gangbare Lebenswege. Und die Lebenserwartung steigt, täglich um Stunden. Die Hälfte der heute geborenen Mädchen kann sogar damit rechnen, hundert zu werden. 

Ein langer Weg beginnt: Zu atmen gelingt von selbst, essen bald auch. Aber das Meiste will gelernt sein. Wir Menschen sind in hohem Maße unfertig und alleine nicht überlebensfähig. Wir brauchen Verbündete: unsere Eltern, andere Bezugspersonen, damit wir überleben, um überhaupt an den Punkt zu kommen, an dem wir unser Überleben selbst in der Hand haben. Kaum ein anderes Lebewesen ist nach der Geburt so schlecht für das Leben gerüstet wie wir, alles hängt davon ab, in einem engen Netz von Mitmenschen durch Versuch und Irrtum zu lernen, zu lernen, zu lernen – das Krabbeln, Stehen, Gehen, Sprechen, Denken, Fühlen.

Im Kopf läuft ein ständiges neuronales und molekulares Feuerwerk, das all dies möglich macht: Jeden Tag bilden sich Millionen Nervenzellen neu, sprießen Synapsen. Von Anfang an spielen Gene, Mitmenschen und Umwelt ein gemeinsames Konzert, nur selten entscheidet ein Einfluss allein darüber, welches Leben genau nun seinen Lauf nimmt. Aus Wörtern werden Gedanken, aus Impulsen Emotionen, aus Ideen Anschauungen.

Wer in der Kindheit das Glück hat, von liebenden Eltern versorgt zu werden, zehrt davon ein Leben lang. Wer vernachlässigt oder schlecht behandelt wird, kann dies später vielleicht überwinden, aber es erfordert Anstrengung.

Ständig erleben kleine Kinder Neues – neue Menschen, Tiere, Pflanzen, Maschinen – und fangen an, in ihrem Kopf Modelle von der Welt um sie herum zu bauen. Modelle auch davon, wofür sie belohnt werden und wofür nicht, was gut tut und was nicht, was mein ist und was dein. Es gibt viele Geschenke. Wir empfangen, während wir lernen, zu geben. Beim Spielen üben wir soziales und asoziales Verhalten, die Grenzen von Mit- und Gegeneinander, den Wechsel von Versuch und Irrtum.

Das wachsende Ich ist immer auch ein soziales Ich

Bis zum vierten Lebensjahr entwickelt sich eine Vorstellung davon, dass Menschen innere Zustände haben, und dass sich die eigenen von denen der anderen unterscheiden können: das kleine, aber wachsende Ich ist immer auch ein soziales Ich. Manche Forscher sagen: das Ich entsteht von Außen. Die Kindheit ist auch die Phase unserer größten Hilflosigkeit und die Phase, in der die Möglichkeit zu größtmöglicher Verletzung und Traumatisierung gegeben ist.

Die Zeit selbst ist in diesen allerersten Lebensjahren eigentlich ein natürlicher Verbündeter, sie ist einfach da, liegt vor uns, ohne die Last eigener Vergangenheit. Dabei sind wir tief in der Vergangenheit verwurzelt: der des Lebens, der Menschheit, der eigenen Vorfahren, der Eltern. Was die Eltern erlebt haben, kann prägen, wie unser Erbgut funktioniert.

Mit der Zeit zu leben heißt für Kinder, unbeschwert in der Gegenwart sein zu können, ungetrübt von Zukunftsplanung und Zukunftsängsten. Wer Glück hat, darf seinen eigenen Rhythmus finden und sich auch mal langweilen, findet treue Freunde, erlebt seine Umwelt mit allen Sinnen und entwickelt Vertrauen in sich, die Familie, die Welt. Weniger gut hat es, wer in einer abgestumpften, verflachten Umwelt lebt oder gegängelt wird, wer durch karrierefixierte Eltern oder traumatische Erlebnisse einer forcierten Reifung unterworfen ist.

Langsame Reifung kann Gutes bewirken

Schnelle, erzwungene Entwicklung heißt, gegen die Zeit leben zu müssen. Langsame Reifung kann dagegen später im Leben viel Gutes bewirken. Wer Glück hat, kann sich in den ersten zehn Lebensjahren viel im Freien bewegen, bekommt Essen aus frischen Zutaten, lernt seinen Körper und seine Mitmenschen lieben und hat keinen übervollen Terminkalender. In der Kindheit nehmen viele Erwachsenenkrankheiten ihren Lauf – und auch die Gesundheit und  das Wohlbefinden von später. Bald kommt der erste Kontakt mit gesellschaftlichen Institutionen, vor allen mit der Schule.

Dort geht es nicht nur darum, ob man Freude am Lernen entwickeln kann, sondern mindestens genauso sehr darum, tagtäglich ein dichtes Netz an Beziehungen außerhalb der eigenen Familie zu navigieren – und Freundschaften zu entwickeln. Freundschaften werden für den weiteren Lebensweg so prägend sein wie die eigene Familie.

Erste Passionen entstehen, und das muss nicht immer Fußball oder Reiten sein. Sie geben Raum, wirklich Eigenes zu entdecken und zu erleben, sich abzugrenzen von den Interessen der anderen, einen selbst gewählten Weg zu gehen, ohne dass feststeht, wohin er führt. Denn darin liegt eine Essenz des westlichen Lebens von heute: es folgt keinem starren Schema, es gibt so viele Ausnahmen wie Regeln.

Kleine weiße Wolken vor strahlend blauem Himmel. in der MItte zwei Möwen.
Möwen über der Irischen See

Zehn bis zwanzig

Der lange Weg in die Selbständigkeit beginnt. Es ist eine riesige, aufregende und auch gefährliche Expedition und Orientierungsreise: Wer bin ich? Was will ich? Wann kann ich? Heranwachsende entdecken ihr Denken und ihre Körper nochmals neu, ihre Talente und ihre Umwelt. Sie begreifen, dass die Welt auch anders sein könnte, als sie sich bisher dargeboten hat. Die Emanzipation aus dem Schoß der Eltern oder anderer Bezugspersonen verläuft mal langsam und ruhig, mal schnell und brutal, mal rebellisch, mal angepasst. Das ist bei jedem anders.

Es geht darum, sich zu erleben und zu entwickeln, indem man sich von Eltern und anderen Autoritäten abgrenzt, Neues ausprobiert, seine Kräfte misst, Grenzen erlebt und erkundet, wie sie gesprengt werden können.

Wie sich im Inneren einer Schmetterlingsraupe bestehende Strukturen auflösen, so läuft in der Pubertät auch im menschlichen Gehirn ein gewaltiger Umbauprozess ab. Alte Verbindungen werden zerstört, neue entstehen. Das Heranreifen selbst, die Summe aller Veränderungen, ist unsichtbar. Doch treffen Pubertierende auf jemanden, den sie eine Weile nicht gesehen haben, ist die Überraschung groß: Bist das wirklich Du? Warst Du nicht eben noch ein Kind?

Von Natur aus überschwemmen die Hirnanhangdrüsen den Körper mit Hormonen, die in den zuständigen Organen den großen Wandel hin zur Geschlechtsreife einleiten. Weil ihre Körper im Umbruch sind, schnell wachsen und neue Merkmale wie Brüste und Schamhaare ausbilden, ist diese Zeit für Jugendliche anstrengend. Oft sind sie leicht reizbar und brauchen viel Schlaf, vor allem morgens, weil der Biorhythmus verschoben ist.

Das routinierte Denken der Eltern kollidiert mit eigenen, frisch gefundenen Einstellungen. Das lässt ganz natürlich Konflikte entstehen und einige Grenzerfahrungen. Sofern diese nicht zu tiefer Entfremdung und Zerwürfnissen führen oder bei einem Autounfall am Baum enden, was zum Glück selten ist, können sie, – was zwischendurch ganz und gar unwahrscheinlich erscheint – einen Sinn haben: Sie können die Reife zum eigenständigen Denken und Urteilen bewirken und helfen, Gefahren einzuschätzen und Begierden zu steuern.

Hintergrund: Die frühesten Einflüsse auf unser Leben

Auch Jugendliche brauchen die Nähe und Liebe der Eltern

Neue Maschinen treten ins Leben: Computer und Smartphones können den Horizont erweitern oder uns zu digitalen Sklaven machen. Auch wenn sie es leugnen, brauchen Jugendliche und junge Erwachsene noch einiges von dem, was Kinder brauchen, auch wenn sie es den Eltern nicht mehr so unmittelbar zeigen: Nähe, Liebe, Aufmerksamkeit, nur eben nach ihren eigenen Regeln.

Mädchen ringen in dieser Zeit vor allem um Beziehungen in Cliquen, Jungen oftmals um ihren sozialen Status in einer Gruppe. Aus Freundeskreisen leuchten vielleicht einzelne Individuen heraus: die erste Freundin, der erste Freund. Körperliche Liebe, vielleicht schon Sex, stoßen die Türe in das Erwachsenenleben auf, zur Möglichkeit, selbst Kinder zu zeugen.

Rund zwei Drittel der deutschen Jugendlichen hatten mit 17 bereits Geschlechtsverkehr. Bei unseren Vorfahren war es durchaus normal, in diesem Alter bereits Vater oder Mutter zu sein, heute hat sich dies nach hinten verschoben. In der westlichen Welt ist diese Phase vielmehr vom Lernen geprägt. Deutsche zwischen 10 und 18 Jahren verbringen durchschnittlich 3,5 Stunden am Tag mit Lernen. Zwischen 25 und 45 Jahren sind es nur noch 19 Minuten. Zwar gilt das alte Dogma, dass nur Heranwachsende etwas Neues wirklich gut lernen können, nicht mehr. Aber es stimmt weiter, dass das Wissen und vor allem die Lerngewohnheiten aus dieser Zeit prägend für das weitere Leben sein können: ein Horizont entsteht.

An die Adoleszenz erinnern wir uns später im Leben besonders gut

Es gilt, Talente zu entfalten und Neigungen zu entwickeln, zudem, die eigene Wissbegier und Lernweise in Balance mit dem zu bringen, was Curriculum und Schulsystem vorgeben. Manchmal gelingt die Balance auch nicht. Das muss keine Katastrophe sein. Es gibt durchaus Menschen, die einen Schulabbruch gut überstehen und ihre Talente anders oder erst verspätet ausleben. Sich Ziele zu setzen, was auch immer diese Ziele sind, hilft, durch die Zeit des Heranwachsens zu navigieren.

So werden aus tausend wählbaren Türen deutlich weniger, und diese Einschränkung kann gut tun. Ob man die Ziele dann wirklich erreicht, ist etwas anderes. Die Zeit des Heranwachsens kann von wilden Parties geprägt sein oder von politischem, mitmenschlichem Engagement, von trauriger Einsamkeit oder quietschfidelen Freundschaften, von Stubenhockerei oder Interkontinentalreisen auf eigene Faust: es wird die Zeit sein, an die später im Alter die Gedanken und Erinnerungen besonders häufig zurückgehen.

Erinnerungen aus anderen Lebensphasen fallen in der Regel deutlich schwächer aus. „Erinnerungshügel“ nennen das die Psychologen. Vielleicht ist es gut, das ab und an mit zu bedenken.

Dramatische Wolke hinter einer Düne.
Abziehender Sturm an der Küste

Zwanzig bis dreißig

Mit 20 sind von 100.000 Männern, die gleichzeitig geboren wurden, noch 99.344 am Leben und von 100.000 Frauen 99.490.

Wer glaubt, mit zwanzig Jahren schon ausgewachsen zu sein, irrt. Ja, der Körper sprießt nicht mehr in die Höhe, der Penis wird nicht mehr länger, die Brüste, zumindest bis zu einer Schwangerschaft, nicht mehr größer.

Doch im Gehirn, das maßgeblich unsere Persönlichkeit formt, geht die Reifung weiter, bilden sich neue Strukturen und, fast noch wichtiger, werden alte Strukturen abgebaut, so wie ein Gärtner Unkraut jätet, nur dass es hier von selbst passiert, im ununterbrochenen Wechselspiel von Genen, Genregulation, Gehirn und Umwelt.

Die erste große Entwicklungsphase ist erst mit 24, 25 Jahren abgeschlossen, wenn der präfrontale Kortex, der wichtig für die Ich-Entwicklung und soziale Entscheidungsprozesse ist, als letzter Hirnteil seine erwachsene Form annimmt. Wie Menschen dann sind – ob einzelgängerisch oder sozial, egoistisch oder gemeinsinnig, gewissenhaft oder nachlässig, emotional stabil oder schwankend, neugierig oder lernunwillig – ist nun in starkem Maße entschieden.

Es gibt natürlich ein Leben lang die Chance, an sich zu arbeiten, sich zum Guten wie zum Schlechten zu ändern. Das geschieht aber immer in Bezug zu der Persönlichkeit, die man Mitte zwanzig geworden ist. Wer zum Beispiel mit 25 nicht kriminell ist, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit später im Leben nicht mehr.

Wer sein Innenleben gut beobachten und auch lenken kann, hat deutlich erhöhte Chancen auf glückliche, zufriedene Zeiten in hohem Alter. Menschen, die jetzt in der Lage sind, in Gemeinschaft zu leben, verschiedene Blickwinkel auf Sachverhalte zu sehen und Konflikte zu lösen, sind gut auf die wachsende Verantwortung vorbereitet, die nun ins Leben treten kann: Wir müssen wichtige Entscheidungen treffen, für einen Ausbildungsplatz, für einen Studienplatz, für einen Wohnort, für den oder die Partner*in. 

Der Höhepunkt der „flüssigen Intelligenz"

In dieser Zeit können wir von den Eltern unabhängig werden: Wünsche erfüllen, erstmals ganz auf eigene Faust auf große Reisen gehen, Sparen, Investieren, an die Rente denken, Studienschulden zurückzahlen? Es gibt starken Druck, engen sozialen Normen zu genügen, es kostet Kraft, sich davon frei zu machen.

Es sind schwierige Entscheidungen zu fällen. Die Vielzahl von Optionen können, wenn man nicht aufpasst, ein eigener Stressfaktor werden. Erstmalig ergibt sich dadurch auch die Chance auf existentielle Irrtümer. Für viele sind gerade das heilsame Erfahrungen, da sie Korrekturen vornehmen können. Andere erleben zum ersten Mal die Angst, die frisch gewonnene Selbständigkeit könnte direkt in ein existentielles Unglück führen.

Trotzdem erleben sich viele Menschen in dieser Phase immer noch behütet und beschützt durch Eltern, Chefs oder Professoren und Lehrer. Sie sind noch in einem Alter, in dem sich ältere Erwachsene nicht selten ihrer annehmen und ihnen helfend zur Seite stehen.

Plötzlich will man nicht mehr älter wirken, sondern jünger

Was in Lebensläufen zwischen 20 und 30 Jahren passiert, hat sich in letzter Zeit radikal geändert. 1970 waren mit 25 Jahren schon achtzig Prozent der US-Amerikaner verheiratet, 2005 waren es nur noch halb so viele. Vor wenigen Jahrzehnten galten Frauen, die mit Ende 20 ihr erstes Kind bekamen, noch als „alte Mütter“, heute entwickelt sich dies zur Normalität, obwohl frühes Elternsein durchaus auch heute Vorteile haben kann. Mitte 20 sind Menschen biologisch und körperlich sehr häufig auf der Höhe ihrer Kraft. In diesem Alter ist auch die „flüssige Intelligenz“, also zum Beispiel das schnelle Erinnern, auf dem Höhepunkt. Das Gehirn bildet nun fast überall keine neuen Nervenzellen mehr. 

Eine wichtige Ausnahme ist der Hippocampus tief im Innern des Gehirns. Hier sprießen vor allem bei körperlicher Bewegung und geistigen Herausforderungen bis ins höhere Erwachsenenalter Neuronen, die neues Lernen und die Orientierung in Zeit und Raum unterstützen. Mit der Zeit zu leben kann heißen, die Stärken dieser Lebensphase als zeitlich begrenztes Geschenk zu schätzen und zu pflegen, und nicht als selbstverständlichen Dauerzustand anzusehen.

Einen Wink dafür gibt ein neues Lebensgefühl: bis Mitte der zwanziger Jahre wollen viele Menschen älter wirken als sie sind, nun aber jünger.

Der Himmel über dem Bodensee.
Der Himmel über dem Bodensee.
Peter Spork

Dreißig bis vierzig

In der heutigen Gesellschaft beginnt mit dreißig Jahren die Hochleistungsphase, die Zeit der „Kompression“. Wir wenden alles an, was wir bisher gelernt haben, leben aus, wer oder was wir geworden sind, nutzen Werkzeuge und Maschinen mit hoher Intensität. Und alles passiert gleichzeitig: Menschen gründen Familien, die Zeit und Liebe erfordern. Das durchschnittliche Heiratsalter der Deutschen liegt heute bei rund 33 Jahren bei Männern und 31 Jahren bei Frauen. Aber gleichzeitig sollen möglichst alle im Beruf volle Leistung erbringen, um Karriere zu machen oder wenigstens nicht aussortiert zu werden.

Manche müssen sich gleichzeitig um trotzige Kinder, chronisch unzufriedene Chefs und bereits um fragile Eltern kümmern. Die weitere Karriere ist unklar, das Vermögen typischerweise noch nicht groß, aber zugleich steht die Frage an, ob man für die Familie ein Haus kaufen soll. Andere entscheiden sich nun bewusst für andere Lebensformen: den Verzicht auf Kinder und Familie, den Ausbruch aus Karrierezwängen. Verschiedene Selbstbilder stehen im Wettbewerb, etwa das „Eltern-Ich“, das für Hingabe steht und für Verschmelzung mit der Erziehungsaufgabe, das mit dem „Erwachsenen-Ich“ konkurriert, also dem Drang zu eigenem, unabhängigen Erleben, von Sex über Ausgehen bis Reisen. Wer sein Erwachsenen-Ich vergisst, vergisst sich selbst, wer es überbetont, vernachlässigt seine Mitmenschen.

Zeit brauchen jetzt auch Engagement und Ehrenämter, wenn man sie nicht auf das Pensionsalter aufschieben und dann doch nie verwirklicht. Entwicklungspsychologen orten in dieser Lebensphase eine wichtige Weiche für späteres Wohlbefinden: Die starken Kräfte der „Kompression“ können direkt oder zeitverzögert in Krankheit, Depression und Eheunglück führen. Wer sich von diesen Kräften nur antreiben lässt, ohne zu steuern, kann rasch überfordert sein und von dem geplagt werden, was heute „Burn-out“ heißt. 

Beruf, Familie und Erwachsenenleben – alles kommt auf einmal

Menschen neigen dazu, die Bedeutung von Einkommen, Statussymbolen und Vermögen für ihr Lebensglück zu überschätzen. Viele Psychologen mahnen deshalb zur Entschleunigung und dazu, die eigenen Lebensphasen bewusst anders zu planen: zum Beispiel können Frauen wie Männer so mutig sein, für die ersten Jahre mit den Kindern das berufliche Engagement zu reduzieren, aber dafür dann zum Beispiel später über den 70. Geburtstag hinaus erwerbstätig bleiben.

Gezielte Pausen können auch sinnvoll sein, um nochmals intensiv neue Fähigkeiten und neues Wissen zu erlernen, oder, etwa in einem Sabbatical, wichtige Grundfragen zu beantworten: bin ich mit dem richtigen Menschen zusammen? Bin ich im richtigen Beruf? Bin ich der Mensch geworden, der ich sein wollte und sein will?

Das kann dazu führen, die eigene Lebensweise zu festigen. Oder aber den Weg der Trennung und des Neuen zu gehen. So lässt sich vielleicht der wachsenden Gefahr entgehen, im Falle des Scheiterns persönlicher oder beruflicher Pläne zu verbittern. Die Komplexität von Partnerschaft, Beruf, Familienleben eröffnet ganz neue Aspekte des Lebens. Während die junge Erwachsenenzeit eher von kurzfristigen Thrills lebte, steht nun für viele erstmals, Dauerhaftigkeit und Vertiefung auf dem Programm.

Erste Spuren des Alters

Erste Ausbruchsphantasien und natürlich auch konkretes Ausbrechen aus Beziehungen und Karrieren sind die Folge. Für viele ist es ein schmerzhaftes Jahrzehnt, voller Irrungen und Wirrungen. Pessimisten und Melancholiker verstärken ihre negativen Gefühlswelten. Für die spätere Gesundheit werden jetzt, und nicht erst mit 45 oder 50, wichtige Weichen gestellt: wer sich regelmäßig bewegt, ein enges Netz von Freunden unterhält und sich gesund ernährt, steigert seine Chancen auf ein gesundes Alter enorm.

Hintergrund: Das gefühlte Alter und das biologische Alter

Die Lebensweisen in dieser Zeit beeinflussen im Körper, vor allem im Gehirn, wichtige Entwicklungsprozesse und können den Ausbruch etwa einer Demenzerkrankung um entscheidende Jahre verzögern. Ob jemand jetzt zum Eigenbrötler wird oder aber lebendige Beziehungen zu vielen Menschen pflegt, sagt das Glück im weiteren Leben besser voraus als alle anderen Faktoren. Lieber Überstunden zu machen oder aber mit Freunden zu essen, Sport zu machen oder im Ehrenamt anzupacken, ist nun viel mehr als eine banale Alltagsfrage. Menschen spüren in diesem Jahrzehnt erste Anzeichen des Alters an ihrem Körper.

Bei Frauen lässt die Fruchtbarkeit deutlich nach, Männer, die keinen Sport mehr treiben, werden viel schneller dick als in früheren Jahren, weil sich der Stoffwechsel verlangsamt. Noch schränkt das Altern das Leben aber nicht ein. Das bietet die große Chance, den Körper für später gut vorzubereiten und Interessen auch außerhalb von Beruf und Familie zu verfolgen. Die eigenen Eltern werden nun in vielen Fällen alt – was will man noch rechtzeitig mit ihnen gemeinsam tun und erleben?

Dunkle Gewitterwolken, darunter ein heller Lichtstreif über aufgewühlter See und einem menschenleeren Strand.
Aufziehender Sturm an der niederländischen Küste

Vierzig bis fünfzig

Mit etwa vierzig Jahren (und nicht erst mit fünfzig) ist, im Durchschnitt der Bevölkerung, die Lebensmitte erreicht. Männer können mit 40 Jahren erwarten, noch 40 Jahre zu leben, Frauen auf weitere 44 Jahre vorausblicken.

Optimistisch könnte man bei seinen Lebensprojekten vom Juni des Lebens sprechen, in dem im guten Fall viele Früchte heranwachsen, bestimmte Pflanzen noch gesät oder nachgesät werden können, andere aber bereits frühzeitig absterben und verfallen. Wer noch keine Kurskorrekturen vorgenommen hat, wird nun vielleicht dazu gezwungen.

Zum Beispiel Verheiratete: Scheidungen erfolgen im Durchschnitt fünfzehn Jahre nach der Hochzeit, und jede dritte Ehe zerbricht heute binnen fünfundzwanzig Jahren. Da dies nur selten über Nacht passiert, laufen in diesem Jahrzehnt entscheidende Prozesse ab: Vertiefung oder Entfremdung, Miteinander oder Gegeneinander? Für manche ist das Leben in dieser Zeit ein ruhiger, langsamer Fluss, bei anderen kommt es zu radikalen Umbauten am eigenen Lebensentwurf. Wieder andere holen nach, was sie lange hinausgezögert haben, verfolgen unerfüllte Träume von früher oder entdecken alte Leidenschaften wieder.

Der große Vorteil liegt in der wachsenden Erfahrung

Patchwork-Familien mit bunten, oftmals komplizierten Beziehungsgeflechten entstehen. Kinderlose Frauen stehen vor der Aufgabe, Frieden mit ihrem Lebensweg zu schließen. Die biologische Alterung macht sich im Körper nun stark bemerkbar, nicht nur an grauen Haaren, die sich wegfärben lassen. Bei Männern wie Frauen beginnen die Hormone, die in der Pubertät die Reifung hin zur Fruchtbarkeit gesteuert haben, deutlich weniger zu werden, mit tiefgreifenden Folgen für die weibliche Fruchtbarkeit, und, auch bei Männern, für das Vitalitätsgefühl.

Dafür setzt vielleicht schon bei den eigenen Kindern die Adoleszenz ein. Eltern müssen die schwierige Balance zwischen Distanz und Nähe nun selbst meistern. Das Reifen der Kinder bringt es in Reichweite, selbst Großeltern zu werden: Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit wird härter, aber Verdrängung funktioniert noch. Ängste vor Altersarmut und späterer Einsamkeit kommen auf, Menschen suchen nach Lösungen dafür.

Die Verantwortung für das Wohlbefinden der eigenen Eltern sowie von älteren Verwandten und Freunden wächst. Das verlangt nicht selten Abstriche beim eigenen Lebensgenuss, bietet aber auch eine Chance, diese Beziehungen mit neuem Leben zu erfüllen.

Nicht nur im Berufsleben treten oftmals statt ständiger Neuerungen und Expansion Routinen in den Vordergrund. Das spart auf den ersten Blick Energien, birgt aber auch Gefahren: Aus Langeweile kann Erschöpfung wachsen, allzu viel Selbstgewissheit kann dazu führen, dass einen ganz überraschend jüngere Konkurrenz aussticht.

Positiv hilft der Zuwachs an Wissen und Erfahrung, der einem von den Jahren geschenkt wird. Man erkennt Muster, die Jüngere nicht sehen, kann von selbst Bezüge herstellen, die sie noch nicht kennen, durchschaut Machtspiele und Modeerscheinungen. Menschen werden in dieser Phase selbst zu Mentoren von anderen und beginnen, ihre Erfahrungen weiterzugeben – und selbst wieder von Jungen zu lernen.

Das zu nutzen und auszubauen heißt, mit der Zeit zu leben. Viele beginnen aber, gegen die Zeit zu leben und verzweifeln an Falten und grauen Haaren, die sie sorgsam wegretuschieren lassen.

Der Himmel über Berlin
Der Himmel über Berlin
Peter Spork

Fünfzig bis sechzig

Mit 50 sind von 100.000 Männern, die gleichzeitig geboren wurden, noch 96.198 am Leben und von 100.000 Frauen 97.770.

Der Körper sendet nun bei vielen Menschen unüberhörbare Signale: die Kräfte lassen schneller nach, die Sinne werden schwächer, Stress fühlt sich noch anstrengender an, es fällt zunehmend schwer, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

Ohne Training bauen die Muskeln viel schneller ab als früher, um mehrere Prozent pro Jahr. Eine Grundregel von Alternungsforschern lautet daher: Im Alter muss man mehr machen und nicht weniger. Unter Gleichaltrigen wächst nun eine gewisse Kluft: mit zunehmendem Alter fällt das seelische und körperliche Wohlbefinden bei verschiedenen Menschen deutlicher auseinander, wird vielfältiger, polarisierter.

Die einen fühlen sich zunehmend gebrechlich, schwach und verbraucht, während die anderen scheinbar alterslos durch die Gegend springen.

Doch das Thema Tod tritt unvermeidlich ins Leben und wirft Sinnfragen neu auf, auch wenn bei denen, die es bis hierhin geschafft haben, die Lebenserwartung stetig steigt. Wahrscheinlich hat man nun bereits selbst eine Erkrankung erlebt, die nicht nach ein paar Tagen wieder verschwunden ist, oder man kennt nun einen Gleichaltrigen, den es „erwischt“ hat, mit einer schweren Krankheit oder einem überraschenden Herzinfarkt. 

Jetzt sind neue Ziele angesagt

Das Leben liefert harte Erfahrungen von echten Verlusten, aber wie gehe ich damit um? In früheren Jahrzehnten stand die „primäre Kontrolle“ im Vordergrund, das aktive Anstreben von Zielen. Nun geht es zunehmend auch um das, was Entwicklungspsychologen „sekundäre Kontrolle“ nennen: man gestaltet sich selbst um, setzt sich neue Ziele, wenn man merkt, dass man nicht mehr alles direkt kontrollieren und erreichen kann, was früher einmal wichtig war. Wenn man rigide an den Zielen aus jüngeren Jahren festhält, steigt das Risiko von Depression und Unzufriedenheit stark an.

Es ist deshalb oftmals auch ein Jahrzehnt der Resignation, oder von Abstürzen in Alkohol oder Depression: „Ich habe alles falsch gemacht. Mein Leben war sinnlos. Allen anderen geht es besser als mir.“

Für jene, die in Zufriedenheit auf ihrem Lebensweg sind, beginnen  die Jahrzehnte der größten Ruhe und Ausgeglichenheit, die Würfel sind gefallen, das Leben meint es gut. Gegen die Zeit zu leben hieße, auf Biegen und Brechen an alten Zielen festzuhalten, mit der Zeit zu leben, sich neue, angepasste Ziele zu setzen. Das Gehirn ist dafür plastisch genug.

Viele Menschen schalten in dieser Lebensphase von Expansion auf Erhalt um. Es geht also – buchstäblich wie im übertragenen Sinn – nicht mehr darum, endlich einen Marathon in Bestzeit zu laufen, sondern es dauerhaft zu schaffen, zwei Mal die Woche zehn Kilometer zu bewältigen.

Bevor Routinen sich zum Feind entwickeln, kann man sie aufbrechen: in neue Stadtteile oder Erdgegenden reisen, das Navigationsgerät ausschalten, Zeit schaffen, um Neues zu lernen, sich Lebenslügen stellen und sie akzeptieren oder überwinden. Es wird immer wahrscheinlicher, dass die Kinder nun aus dem Haus sind und die eigenen Eltern nicht mehr leben. Beides kann schmerzhaft sein, und öffnet zugleich neue Möglichkeiten: sich neu zu erfinden, die eigene Identität weiterzuentwickeln, sich neue Betätigungsfelder im Ehrenamt oder Hobby zu suchen, die Beziehungen zum Partner und zu Freunden zu intensivieren. 

Die Überraschung, wie gut es einem geht

Es kann gut tun, jüngere Freunde zu gewinnen. Ein guter Wissenschaftler zu sein, heißt nun nicht mehr unbedingt, eine geniale Einzelleistung zu vollbringen, sondern junge Forscher auf geniale, inspirierende Weise zu betreuen. Ein guter Vorgesetzter zu sein bedeutet, delegieren zu können und Weitblick zu entfalten.

Bei vielen Menschen stellen sich nun harte Ängste vor dem nahenden höheren Alter ein, vor Krankheit und Tod. Aber dafür gibt es weniger Gründe als je zuvor: Bei vielen verschieben gesunde Ernährung und Sport den radikalen Verfall des Körpers weit hinter den 75. Geburtstag.

Auch deshalb kommt zunehmend das zu tragen, was Entwicklungspsychologen das „Paradox des Wohlbefindens“ nennen.

Das subjektive Wohlbefinden lässt trotz fortschreitenden Alters nicht zwangsläufig nach, zahlreichen Studien zufolge bleibt es gleich oder steigt sogar, zumindest bis sechzig. Dann kann es unter den richtigen Bedingungen längere Zeit auf einem Plateau verharren. Wie lange das so ist, hängt auch von eigenen Anstrengungen ab und von der Einbettung in ein gutes Netz von Mitmenschen.

Über eine Landstraße ziehen Wolken hinweg.
Wolken unterwegs

Sechzig bis siebzig

Fünfundsechzig ist das neue Fünfundfünfzig – so sagen es Demographen und Alterungsforscher. 1916 wurde das Rentenalter auf fünfundsechzig Jahre festgesetzt. Viele Menschen waren da schon körperlich erschöpft, nicht mehr belastbar und dem Tod nahe. Nur drei von zehn Deutschen erreichten überhaupt diese Altersgrenze. Heute sieht es anders aus. Viele Manager, Künstler, Politiker kommen erst jetzt, oder noch später, zum Zenit ihres Schaffens.

Die „neuen Alten“ sind in großer Zahl auf Elektrorädern unterwegs, reisen um die Welt, nehmen aktiv am Leben teil. Der Eintritt ins Rentenalter heißt schon lange nicht mehr, dass man dann automatisch aufhört zu arbeiten: die einen verdienen weiter Geld, weil sie es mangels Altersvorsorge und Vermögen müssen, die anderen, weil sie erfüllende Tätigkeiten nicht einfach wegen eines erreichten Datums aufgeben wollen. In dieser Phase verfügen die Deutschen im Durchschnitt über ihr größtes Geldvermögen.

Jetzt heißt es, Kredite abzubezahlen, die eigene Lebensführung an ein geringeres Einkommen anzupassen, oder auch etwas zu verschenken. Das lohnt sich, denn das alternde Gehirn spendet viel mehr Belohnungsgefühle für Schenken als das jüngere Gehirn.

Altruistisch zu sein macht im Alter deutlich mehr Freude als in jungen Jahren. Und überhaupt kann sich jetzt Altersmilde breitmachen. Das Verlangen nach Harmonie und emotionaler Stabilität wächst ebenso wie die Fähigkeit, zu vermitteln und zu moderieren. Ältere Menschen fangen an, die Dinge positiver zu sehen als jüngere, sie werden oftmals gutmütiger, auch ihre Spendenbereitschaft steigt. Psychologen sprechen von einem „Positiv-Filter“. 

Das alternde Gehirn hilft uns, die Welt positiv zu sehen

Wenn man Menschen mit 70 Jahren Fotos von lächelnden und von bedrohlichen Gesichtern zeigt, nehmen sie letztere viel schwächer wahr als Jüngere. Dadurch werden Kräfte frei. Es geht nun für einen selbst um das Hinauszögern von Abbauprozessen, nicht ihre Umkehr. Dabei hilft es, öfters Sachen zu machen, bei denen man nicht weiß, was rauskommt, sich immer wieder auch außerhalb seiner Komfortzonen zu bewegen, neugierig zu bleiben und sich weiterzuentwickeln.

Laut Statistischem Bundesamt verbringen Menschen im Rentenalter nur zwei Minuten pro Tag mit Lernen – etwas mehr kann durchaus gut tun. Zudem haben sie mit zwei Stunden und vierzehn Minuten nur unwesentlich länger sozialen Umgang mit Mitmenschen als diejenigen, die mitten im Beruf stehen – auch hier gibt es viel Raum. Denn die Terminlast nimmt ab, viel Zeit wird frei, die mit Sinn gefüllt sein will.

Wer es schafft, 70 zu werden, hat gute Chancen, bis Mitte 80 zu leben. In diesem Alter sind von 100.000 Männern, die gleichzeitig geboren wurden, aber nur noch 78.006 am Leben und von 100.000 Frauen 87.452.

Vorsorge entwickelt sich daher zu einem zentralen Thema. Aber gesund zu bleiben muss nicht heißen, ständig zum Arzt zu gehen: auch Kunstkurse und Waldspaziergänge können gesund halten.

Ebenso wichtig wird Rückschau auf das, was das Leben bisher schon gegeben hat, vielleicht auch auf frühere Ängste, die mit dem Altern verbunden waren. Beim Erinnern wirkt ebenfalls der „Positiv-Filter“: Im Rückblick erscheint – mit Ausnahme wirklich traumatischer Erlebnisse, die sich im Kopf verselbständigen – vieles weniger schlimm, als es früher empfunden wurde.

Abendhimmel mit Kondensstreifen durchzogen
Abenddämmerung

Siebzig bis achtzig

Was man sich als Jugendlicher und jüngerer Erwachsener nie vorstellen konnte, einmal in Richtung achtzig zu gehen, ist nun alltägliche Realität. Das Arbeitsgedächtnis ist nicht besser geworden, es fällt schwerer, Dinge gleichzeitig zu tun oder unter Stress Leistungen zu erbringen. Man muss manche Dinge aufgeben, die man früher gerne gemacht hat, weil sie zu anstrengend sind und Schmerzen auslösen. Überhaupt wird für viele Menschen Schmerz ein Begleiter, mit dem sie sich arrangieren müssen. Aber viel mehr Fähigkeiten als erwartet sind erhalten geblieben. Die Liebe zum Leben erlischt meistens nicht. Und die moderne Medizin bietet ein immer größeres Arsenal an Ersatzteilen, vom Hüftgelenk bis zum Hirnschrittmacher.

Manche Menschen verwandeln sich in Cyborgs, so viel Technik kommt in ihnen zum Einsatz. Viele sprühen auch mit achtzig Jahren noch vor Energie. Natürlich kommen Sorgen auf, dass der Körper länger lebt, als man will. Angst vor Gebrechlichkeit und Demenz zu viel Platz zu lassen, wäre nun aber selbst ein großer Stressfaktor, der Lebensqualität raubt. 

Die Reihen der Gleichaltrigen lichten sich

Wenn Umfeld und Gesellschaft es erlauben, können Menschen in dieser Phase sich als Bereicherung erleben: Sie können mit ihrer Erfahrung und mit einer moderierenden Art den Jüngeren helfen. Zudem können sie die Jüngeren entlasten, etwa bei der Kinderbetreuung. Enkeln und anderen Kindern bieten Ältere eine andere Perspektive auf das Leben als die Eltern. Für Frauen wird es in diesem Jahrzehnt wahrscheinlich, dass ihr Mann zum Pflegefall wird oder sie ihn verlieren.

Nun ist, für Männer wie Frauen, Fürsorge und Hingabe für den anderen erforderlich. Männer sterben im Durchschnitt mit rund 76 Jahren. Allerdings reicht die sogenannte fernere Lebenserwartung für Männer, die das Alter von achtzig erreichen, deutlich weiter in die Zukunft, bis 88. Bei Frauen sind es knapp 90 Jahre.

Unter Frauen sind selbst mit 80 Jahren von 100.000 gleichzeitig Geborenen noch 71.527 am Leben, weshalb sie in Pflegeheimen überdurchschnittlich häufig andere Frauen antreffen. Bei Männern ist die Zahl bereits auf 55.150 gesunken.

Hintergrund: Sportliche Menschen sind auch im Alter anders

Mit sich ins Reine kommen

Es wird normal, an Beerdigungen teilzunehmen. Der Verlust des Partners und von Freunden stellt Menschen vor neue Herausforderungen: die Trauer zu überwinden, mit der Einsamkeit umzugehen, ein neues Wohn- und Lebensumfeld zu finden, das dem Alter angemessen ist. Viele Menschen ziehen jetzt Bilanz und wenden sich nach innen, manche entdecken ihre religiöse Seite neu, denn es geht darum, mit der eigenen Endlichkeit ins Reine zu kommen.

Glaube ich wirklich an ein Leben danach? Was bleibt zu tun, was zu erleben? Wie werde ich ideell in der Erinnerung meiner Mitmenschen fortleben? Was will ich in den kommenden Jahren noch besitzen, was verschenken? Noch bestehen viele Möglichkeiten, das zu beeinflussen.

Jetzt können auch jüngere Freunde von großer Hilfe sein. Wer sie nicht hat, kann sie vielleicht noch finden. Im ganzen Körper schreiten Abbauprozesse voran, Hirnmasse, Knochensubstanz und Muskelmasse schrumpfen.

Aber immer noch lässt sich der Abbau durch altbekannte Methoden hinauszögern. Klare Tagesstrukturen geben Halt. Hobbys außerhalb der Familie bereichern das Leben. Statt des 10-Kilometers-Laufs gibt es nun vielleicht einen täglichen Spaziergang. Es ist nicht zu spät für eine neue Vorliebe. Nicht einmal für eine neue Liebe.

Ein Regenbogen wölbt sich über einem Obelisken am Himmel
Regenbogen über Dublin

Achtzig bis neunzig

Willkommen in der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe. Bis 2050 wird sich die Zahl der Menschen über achtzig Jahren in Deutschland den Prognosen zufolge auf zehn Millionen Menschen mehr als verdoppeln. Vom Wohlbefinden und der gesellschaftlichen Teilhabe dieser Altersgruppe hängt in Zukunft viel ab. Wenn jeder siebte oder achte Deutsche bettlägrig wäre, wäre die Gesellschaft wahrscheinlich überfordert. Aber zumindest in Deutschland wächst nicht allein die Zahl der Lebensjahre, sondern auch die Zahl der gesunden Lebensjahre.

Wir nähern uns, allerdings langsam, dem Ideal, dass die Phase von Krankheit und Siechtum ganz am Ende des Lebens kompakt stattfindet und sich nicht qualvoll lange hinzieht. Heute kommt noch voll zum Tragen, dass das Allgemeinbefinden der Älteren stark auseinanderklafft. Die einen leben im Alter von achtzig mit verstopften Arterien, unterdurchbluteten Gehirnen, Diabetes oder den Folgen von Schlaganfall und Herzinfarkt.

Die anderen treffen sich auf dem Tennisplatz und in Vereinen, surfen im Internet, chatten mit ihren Enkeln und unternehmen große Reisen. Jetzt wirkt sich am stärksten das aus, was man früher im Leben getan und gelassen hat. All die Morgende, an denen man sich zum Sport überwunden hat, summieren sich nun kraftvoll positiv in Knochen, Muskeln, Gehirn. 

Genetik wird im hohen Alter wieder wichtiger

Der Verlust von Freunden wiegt schwer, aber nicht so stark, wenn man in ein reiches Beziehungsnetz eingebunden ist, das mehrere Generationen überspannt. Ja, es gibt die prosozialen Athleten, die verbittert früh sterben, und die eigenbrötlerischen Zigarrenraucher, die glücklich und zufrieden steinalt werden, aber in der Tendenz ist es eben doch anders. Je älter man wird, desto stärker beeinflussen wieder die Genetik und vermutlich auch die epigenetische Prägung das Geschehen, das heißt, der direkte Einfluss etwa von gesunder Ernährung sinkt – ist aber immer noch deutlich vorhanden.

Die Gene werden ungenauer darin, die jeweils richtigen Eiweiße herzustellen, sie produzieren erratisch molekularen Krimskrams, der dem Körper nicht dient. In vielen Zellen ist die DNS-Sequenz mutiert, Blutgefäße und Gewebe versagen ihren Dienst. Epigenetische Markierungen sitzen oft an falschen Stellen., Gene werden fehlerhaft reguliert. Warum und wie genau das biologische Altern stattfindet, ist noch nicht erforscht. Bekannt ist aber, dass der Stoffwechsel schädliche Substanzen nicht mehr so effektiv abbaut wie früher. So kommt es dazu, dass sich im Gehirn oftmals Eiweiß-Plaques ablagern, die zum Schrumpfen und Absterben ganzer Areale führen. 

Hintergrund: Neues aus der Alterungsforschung

Plötzlich wird es vorstellbar, trotz Demenz weiterzuleben

Ab achtzig trifft es jeden siebten, ab fünfundachtzig jeden vierten Deutschen. Für die Demenzkranken beginnt eine Reise weg von der mit den Mitmenschen geteilten Wirklichkeit und eine anstrengende Zeit für die Pflegenden. Gefährlich sind jetzt auch Stürze aller Art, von denen sich die Betroffenen oftmals nicht erholen.

Dennoch sind viele Menschen dankbar für jeden Tag, den sie erleben dürfen. Sie können nicht mehr verstehen, warum sich früher in den Wunsch, möglichst lang mit Kindern, Enkeln, Freunden zu leben, so viel Angst gemischt hat.

Vorsätze, sich bei der Diagnose von Alzheimer oder Krebs sofort umzubringen oder auf medizinische Behandlung zu verzichten, verblassen. Trotz aller Härten und Hürden kann das Leben weiter Freuden bieten. Kleinere, bescheidenere Freuden, aber dennoch Freuden. Die Frage, ob sie wieder jung sein wollten, beantworten nicht alle mit ja. Manchen erscheint diese Aussicht einfach als zu anstrengend.

Eine rosa von der restlichen Sonne angestrahlte Wolke am Abendhimmel
Abendstimmung

Neunzig bis einhundertzwanzig

Der Traum von einem wirklich langen Leben, jetzt geht er in Erfüllung – aber auch so, wie man sich es vorgestellt hat? Es sind gar nicht so wenige, die diese Phase maximalen menschlichen Alters erreichen. Von 100.000 Menschen, die vor neunzig Jahren geboren wurden, sind bei den Frauen jetzt noch 32.370 am Leben, bei den Männern 18.346. Das Leben kann trotz Krankheiten und Schmerzen unerwartet lange weitergehen.

Wer 100 wird, befindet sich in kleiner, aber wachsender Gesellschaft. Von jeweils 100.000 gleichzeitig Geborenen schaffen das knapp 3000 Frauen und gut 1000 Männer. Mehrere Hunderttausend Menschen weltweit sind bereits älter als hundert Jahre, ihre Zahl wächst stark.

Der menschliche Lebenszeitrekord liegt bei 122 Jahren und 164 Tagen – wie weit wir diese Spanne noch ausdehnen können, ist offen.

Leben wird zur Höchstleistung: Was früher ohne Mühen und große Planung ging – aufzustehen, Essen zu machen, einzukaufen – kann einem nun erscheinen wie früher ein Marathonlauf. Hilfe von Familie, Freunden oder Pflegern wird jetzt in vielen Belangen unverzichtbar.

Hochbetagte stehen vor der Aufgabe, an diesem Kontrollverlust nicht zu verzweifeln. Aber das gelingt vielen überraschend gut: Sie haben die Kunst des Alterns gelernt. Zu ihr zählen ständige Kompromisse und die Anpassung an das Unvermeidliche.

Die Rückkehr der frühesten Erinnerungen

Hochbetagte haben das Privileg, nicht nur auf ein Jahrhundert eigenes Leben, sondern auch auf hundert Jahre Menschheitsentwicklung, Naturveränderung, Technologiesprünge zurückblicken zu können, sofern das Gedächtnis mitspielt. Wer heute hundert Jahre alt ist, kam mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur Welt und hat noch eine Welt weitgehend ohne Telefone erlebt. Besonders Hochbetagte sind oft erstaunlich gut darin, sich an ihre Kindheit und Jugend zu erinnern.

Für Menschen, die im hohen Alter mit Demenz leben, spannt sich der Bogen besonders stark in die Vergangenheit zurück. Sie leben häufig zeitweise wieder in der Kindheit und Jugend. Manche rufen nachts nach Mami und Papi oder wollen Aufgaben erledigen, denen sie als Jugendliche nicht nachgekommen sind.

Bei den psychisch Gesunden passiert Ähnliches in abgeschwächter Form. Weil das Gehirn immer schlechter darin wird, neue Erinnerungen zu bilden, treten Erinnerungen an frühere Lebensphasen stärker in den Vordergrund. Ein Großteil des Lebens ist aber der eigenen Erinnerung nicht zugänglich – so viel, was passiert ist, ist unwiederbringlich verschwunden.

Die Altersmilde kommt nun vielfach voll und ganz zum Tragen. Vor allem Menschen in der allerletzten Lebensphase neigen dazu, altruistisch zu sein und den Bedürfnissen der Zurückbleibenden gerecht zu werden. Wichtiger als die Frage, wie sie selbst sterben, ist ihnen, wie es ihren Nachkommen ergehen wird. Erben und Schenken sind schon länger große Themen.

Der Weg zurück in die Natur

Das Leben geht zu Ende. Es kann passieren, dass das passiert, was man früher nie wollte: im Krankenhaus an Schläuchen zu liegen. Manche Menschen entfalten dann einen Willen zum Sterben, andere klammern sich auch noch an den letzten Sekunden fest, sind dankbar für die Beatmungsmaschinen und Sonden, mit deren Hilfe sie weiter existieren können. Ruhig und gelassen im Kreis einer Familie zu sterben oder in Gegenwart von Freunden, ist nun ein Ideal.

Palliativmediziner beobachten, dass Menschen im Großen und Ganzen so sterben, wie sie gelebt haben. Kämpfernaturen begehren gegen das Ende auf, ruhige Charaktere verabschieden sich leise. Der Glaube daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, gibt vielen Menschen bis zur letzten Sekunde Hoffnung.

Die Stoffe, aus denen Menschen bestehen, gelangen nun dorthin zurück, woher sie immer gekommen sind: dem Kreislauf der Natur. Was auch immer geschehen ist und geschehen wird, es ist ein Wunder, das nun zu Ende geht.

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Beratung

  • Prof. Ulman Lindenberger, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
  • Prof. Ulrich Mayr, Leiter, Department of Psychology, University of Oregon, Eugene
  • Prof. James Vaupel, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
  • Prof. Ursula Staudinger, Direktorin, Columbia Aging Center, Columbia University, New York
  • Prof. Walter Heinz, Wissenschaftlicher Leiter, Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Hannover
  • Holger Kuntze, Coaching & Beratung, Praxis für Psychotherapie, Berlin
  • Cornelia Füllkrug-Wenzel, Vorstandsvorsitzende Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung
  • Ulla Giesler
  • Aysel Osmanoglu, GLS
  • Prof. Detlev Ganten, Vorsitzender des Stiftungsrats, Charité Berlin
  • Prof. Volker Storch, Zoologe und Evolutionsbiologe, Heidelberg


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