Coronakrise: berichten wir über die Falschen?

Für die meisten Medien scheint die Corona-Krise eine Lockdown-Krise zu sein. Lest meinen Kommentar im RiffReporter-Magazin „Covid-​19: Ein Virus bedroht die Welt“

Er begleitet mich schon fast seit Beginn der Coronakrise: Dieser Ärger, dass die Medien mehr über die Einschränkungen der Gesunden berichten als über das Leid der Kranken. Dank einer neuen Kooperation der RiffReporter mit Übermedien, dem unabhängigen Magazin für Medienkritik, durfte ich meinem Ärger nun Luft machen.

Viele deutsche Journalist*innen begehen gerade einen Kunstfehler. Denn sie berichten mehr über die Lockdown- als über die Corona-Krise. Gastwirte, Eltern, Schüler*innen, Künstler*innen oder Obdachlose dürfen ihr Corona-Leid öffentlich beklagen. Den Kranken, Pfleger*innen und Ärzt*innen hört fast niemand zu.

Gesellschaftliche Selbstbespiegelung

In einer fast schon narzisstisch anmutenden Selbstbespiegelung kreisen die meisten Berichte der Medien nur um die Entbehrungen der negativ Getesteten. So lautete das Fazit meines Kommentars, den ich gerade bei Übermedien und im RiffReporter Magazin „Covid-​19: Ein Virus bedroht die Welt“ veröffentlicht habe. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen. Auch Sie, die Leser*innen meines Magazins Erbe&Umwelt, dürfen gerne mitdiskutieren. Schreiben Sie mir oder kommentieren Sie in den sozialen Netzwerken.

Über diejenigen, die gesund sind aber unter dem Lockdown leiden, schreibe ich:

„Verstehen Sie mich nicht falsch: Viele dieser Schicksale sind hart. Sie sind auch berichtenswert. Aber der Gedanke drängt sich auf, hier wird gesamtgesellschaftlich etwas verdrängt. Ist die wahre Krise nicht eine andere, sehr viel bedrohlichere? All den betroffenen Menschen, denen die deutschen Medien derzeit so gerne zuhören, ist eines gemein: Sie haben keine Coronainfektion. Sie sind gesund. Sie leben in der Lockdown-​Krise. Von der Corona-​Krise erfahren wir fast nichts.“


Zum Glück kann ich mich aber auch immer wieder über positive Ausnahmen in der Corona-Berichterstattung freuen: Christina Kunkel und Felix Hütten porträtieren beispielsweise für die Süddeutsche Zeitung Corona-Opfer. Auch das Projekt 50Survivors, vom Journallist*innenteam tactile.news hier bei RiffReporter veröffentlicht, gibt Überlebenden eine Stimme. Der Darmstädter Oberazt Cihan Çelik gewährt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Einblicke in seinen Alltag auf der Intensivstation – und in die eigene lebensbedrohliche Covid-19-Erkrankung. Und Ralf Krauter interviewt für den Deutschlandfunk immer wieder Forscher*innen, die den möglichen Fortgang der Pandemie in Simulationen berechnen.

Sogar der Bundespräsident hat gemerkt, dass diese wichtigen Themen unterrepräsentiert sind:

„Auch dem Bundespräsidenten ist inzwischen aufgefallen, dass etwas falsch läuft. Am 10. November bittet Frank-​Walter Steinmeier medienwirksam fünf Corona-​Opfer zum Gespräch. „Mir scheint, dass wir bei aller Öffentlichkeit, die wir haben, zu der Pandemiekrise uns bislang zu selten Menschen wie Ihnen zugewandt haben, denjenigen, die diese Erkrankung durchgemacht haben “, gibt er zu Protokoll. Recht hat er.“

Wissenschaft wird versteckt

Doch nicht nur die Geschichten und Erkenntnisse der Betroffenen kommen in den deutschen Medien zu kurz. Auch die Corona-Wissenschaft an sich. Themen wie die Erforschung der Krankheit oder die Prognosen zum Verlauf der Pandemie wurden längst in die Spezialsendungen und auf die Wissens-Seiten zurückgedrängt. Wissenschaftsjournalist*innen oder Epidemiolog*innen sitzen nur in Ausnahmefällen in Talkshows.

 „Es wäre ein Kunstfehler, würden Mediziner*innen einem Krebspatienten nahelegen, er solle lieber keines der Medikamente gegen seine bösartige Krankheit nehmen, da ihm davon Haarausfall drohe, obwohl die Mittel den Patienten wahrscheinlich vor dem Tod bewahren würden. Kann es also sein, dass wir Journalist*innen in Deutschland gerade einen Kunstfehler begehen?“

Den Kommentar Die eigentlichen Corona-​Opfer kommen in den Medien viel zu kurz lesen Sie hier.

Bitte diskutieren Sie mit.

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