Reading Kassel

Die d14 als Kunstwerk

Von Carmela Thiele

Mathias Völzke

17. Juli 2017

Noch eine halbe Stunde, bis die d14-Ausstellung in der Neuen Neuen Galerie öffnet. Zeit genug für einen zweiten Kaffee unterwegs. Im Caffè Sardegna vergesse ich fast, in welcher Stadt ich bin und warum. Drei arabisch sprechende Männer diskutieren über etwas, was mit „Schafskäse“ zu tun hat. Auf dem Bildschirm läuft knalliges Frühstücks-TV, mein Tischnachbar erledigt seine Geschäfte am Smartphone. Als der Zuckerstreuer nicht funktioniert, reicht er mir seinen. Das Viertel um die Schillerstraße ist eine Welt für sich, lebendig, pulsierend, bunt. Ich passiere eine arabische Bäckerei, mehrere türkische Restaurants, ein afro-somalisches und ein indisch-orientalisches Geschäft, nicht zu vergessen den syrischen Kebab, die Shisha-Lounge und die zahlreichen Herrenfriseure. Keine heile Welt, aber doch eine Community, die im globalen Migrationsgeschehen letztlich der Zufall zusammengefügt hat.

Wenig später bin ich am Ziel. Und dort, in der ehemaligen Hauptpost von Kassel, erzählt die Documenta ausnahmslos von den Wunden der Welt, von den Verbrechen der Kolonialmächte, von der Unterdrückung von Minderheiten, von den banalen Seiten des Faschismus. Bis ins letzte Detail demonstriert die d14, dass sie keine Ausstellung ist wie jede andere. Die Kuratoren schauen beständig zurück, untersuchen das Heute im Licht des Gestern, legen Spuren aus, wollen Echo-Effekte erzielen. Neue Neue Galerie, der Name soll die künstlerische „Neukonfiguration“ des Ortes markieren, denn die alte Neue Galerie in Kassel war gebaut worden, um der Kunst der Nation einen würdigen Rahmen zu geben, weshalb sie nun offenbar mit der Nationalstaatsidee infiziert ist, und wir deshalb eine Neue Neue Galerie brauchen. Diese war noch vor wenigen Jahren ein „Distributionsknotenpunkt“ von Information, jetzt beherbergt es nur noch das Straßenverkehrsamt, die Jugendhilfe der Diakonie und ein Fitness-Center. Im d14-Map-Booklet wird das „im brutalistischen Stil“ erbaute Gebäude als Relikt von „Teilprivatisierung und Digitalisierung“ beschrieben. Für die Zeit der Documenta solle „der architektonische Körper“ Kunstwerke beherbergen, die sich mit „der Arbeit der Verbreitung“ befassen, „per Post, zu Pferd, durch Körper und Rituale“, also mit einer anderen Art der Distribution.

Pferd auf der Fifth Avenue

In der alten Post-Lagerhalle ist auf der d14 vieles gelungen. In einer monumentalen Videoprojektion überblendet Theo Eshetu Masken mit realen Gesichtern, erzeugt mit suggestivem Sound eine fesselnde Passage wechselnder Identitäten und magischer Rituale. Von Rasheed Araeen ist eine minimalistische Bilderserie aus den 1970er Jahren ausgestellt. Davor steht ein langer Tisch mit allen Ausgaben der britischen Kunstzeitschrift „Third Text“, die Araeen 1986 mitgegründet hat. Und Ross Birrell filmte ein Pferd vor der gesperrten Fifth Avenue. „Criollo“ heißt das Video. Es ist also nicht irgendein Pferd, sondern ein Exemplar einer südamerikanischen Rasse, die auf europäische und nordafrikanische Pferderassen zurückgeht, also ein Original mit vielen Herkünften ist. Und es ist auch der an vielen d14-Orten präsente Birrell, der mit seinem assoziativen Werk in Kassel den Ton angibt.

Nachtbild des Nachnaus des Parthenons, von innen erleuchtet
Wo Marta Minujíns The Parthenon of Books steht, wurden 1933 Bücher verbrannt.
Roman März

Alles hängt mit allem zusammen, überall sind Analogien und Verweise zu entdecken auf der d14. Mal trifft die Inszenierung den richtigen Ton, viel zu oft allerdings nicht. Dann wird das eigentlich sehr aktuelle künstlerische Verfahren der Überblendung von Archiv-Recherche, Sprache des Orts, Reenactment und postkolonialer Theorie überstrapaziert. So etwa in der (alten) Neuen Galerie. Sie fungiert dieses Jahr als Hauptausstellungsort. Im Herzen der d14 provoziert der polnische Künstler Piotr Uklański mit seinem wandfüllenden Tableau „Real Nazis“, das Porträts ranghoher Nationalsozialisten mit Illustrationen aus NS-Publikationen mixt. Er gibt nicht nur vor, die wahren Gesichter des Faschismus zu zeigen, sondern nennt auch noch die Namen. Was vielleicht in seiner Buchpublikation als ironische Dekonstruktion des NS-Ideals durchgehen kann, wirkt als wandfüllende Collage bedrückend und peinlich zugleich. Er rennt offene Türen ein, ist doch in Deutschland das Gedenken nahezu allgegenwärtig. Das Schweigen, das Leugnen, das Verdrängen – das war gestern, in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Inzwischen hat sogar das Justizministerium seine NS-Geschichte von unabhängigen Wissenschaftlern erforschen lassen.

Unter den Abgebildeten ist auch der Künstler Joseph Beuys, der als Funker bei der Wehrmacht gedient hat. Das wird wahrscheinlich nicht jeder Besucher im Saalzettel nachlesen, aber in Kombination mit der benachbarten Beuys-Installation „Das Rudel“ wird suggeriert, dass auch der junge Beuys ein „Real Nazi“ gewesen sei. Ist das alles, was es zu Beuys zu sagen gibt? An dessen bahnbrechende Idee der Sozialen Plastik denkt da keiner mehr. Kunst wird moralisch beurteilt, welch fatales Missverständnis.

Ausstellung als große Erzählung

Fast alle auf der d14 ausgestellten Werke richten sich wie Magnetnadeln an den politisch-korrekten Themen der Documenta aus, an Kolonisation, NS-Geschichte und Entfremdung – selbst wenn ihre Struktur eigentlich viel komplexer ist. Die Süddeutsche Zeitung brachte vor wenigen Tagen noch einmal auf den Punkt, wie die Kuratoren willkürliche Assoziationsreihen gebaut haben, um ihre Botschaften zu erhärten und dabei das Publikum fortwährend bevormunden, wie die gezeigte Kunst zu lesen sei. Der antineoliberale und antikoloniale Widerstand des Teams um Adam Szymczyk sei ein romantischer Irrtum, schreibt Kia Vahland.

Die deutschsprachige Kunstkritik hat nahezu einhellig die d14 verrissen, wie die Neue Zürcher Zeitung aufgelistet hat. Ist damit das Urteil über die wichtigste internationale Kunstschau gefällt? Sind die Macher mit ihrem Anspruch gescheitert? Die d14 hat einen experimentellen Ansatz gewagt, hat Kassel in Beziehung zu einem anderen Ort, zu Athen, gesetzt und die Ausstellung als große Erzählung angelegt. Das hat außergewöhnlich intensive Bilder erzeugt, wie etwa die Reise der fünf Langstreckenreiter auf der Balkanroute der Flüchtlinge von Athen nach Kassel – übrigens auch ein Projekt von Birell.

Porträts von Frauen und Männern in mehreren Reihen
Piotr Uklański wandelte für die d14 sein Künstlerbuch Real Nazis in eine wandfüllende Installation um.
documenta 14 © Nils Klinger

Es gibt viele Motive, die in der d14-Inszenierung wiederholt anklingen, so auch das Buch als Synonym für geistige Freiheit. Zu den großen symbolischen Bildern von Kassel gehört die Wiederaufführung des Parthenon of Books von Marta MinujÍn, ein aus verbotenen Büchern gebauten Tempel, mit dem die Künstlerin 1983 auf das Ende der Militärdiktatur in Argentinien reagiert hatte. Auf dem Friedrichsplatz, wo 1933 Bücher in Flammen aufgingen, wird symbolisch die Macht des freien Wortes neu beschworen. Damit war eine weitere Brücke nach Athen geschaffen, untermauert von einer Geste der Gastfreundschaft. Szymczyk bot dem bislang aus Geldmangel noch nicht eröffneten Athener Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) das Fridericianum, den eigentlichen Hauptausstellungsort der Documenta, als temporäre Heimat an.

Selbst die Bibliothek des einst in Kassel lehrenden Soziologen Lucius Burckhardt und seiner Frau Annemarie ist Teil des d14-Epos, frei zugänglich im Ladenlokal Peppermint, das in unmittelbarer Nähe des Fridericianums liegt. Auch dienen die Bücher hier nicht als Beleg der d14-Botschaften, sondern als Verweis auf eine von den Documenta-Machern aufgegriffene Strategie. Die Burckhardts begründeten das Verfahren der Promenadologie, eine Methode, sich zu Fuß den realen Bedingungen des Stadtraums oder Landschaft bewusst zu werden. Die Besucher_innen der d14 buchen keine Führungen, sondern Spaziergänge.

Doch hat das 15-köpfige d-14-Team wohl nicht damit gerechnet, dass die vielen in Gang gesetzten, sich überlagernden „Geschichten“ in einem gleichförmigen Rauschen enden würden, das keinerlei Fragen mehr zulässt. In der Neuen Galerie etwa liegt ein Exemplar des „Code Noir“ in einer Vitrine, das Dekret, in dem König Ludwig XIV. 1685 den Umgang mit den schwarzen Sklaven in den Kolonien regelte. Trotz langem Erklärungstext nicht mehr als ein stummer Vorwurf. Was steht drin? Wurde er umgesetzt? In welchem Umfang?

Kein Mut zu Leerstellen

Die aktuelle Documenta ist als großes, vielstimmiges Ereignis konzipiert, mit zahllosen Konzerten, Performances und Kino-Aufführungen. Es gehe nicht so sehr um zeitgenössische Kunst, sondern um Themen der zeitgenössischen Kunst, hatte Szymczyk bereits beim Launch der ersten d14-Ausgabe der Zeitschrift South 2014 gesagt. Die Kehrseite dieser auf körperliches Erleben und starke Bilder setzenden Documenta ist ein eklatanter Mangel an inhaltlicher Differenzierung und Neugier am Unbekannten. Eine Kunst, die am Rande poetischer Bilder balanciert, banalisiert nicht nur sich selbst, sondern auch die Theorien, denen sie sich eigentlich verpflichtet fühlt. Die d14-Macher hatten am Ende einfach nicht den Mut zu inhaltlichen Leerstellen, zum ästhetischen Moment der Offenheit und des Fragens.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die d14 gezeigt hat, dass eine Großausstellung kein Kunstwerk und keine Themenausstellung sein kann, dass ideologische Auslese im Namen der Gerechtigkeit für Langeweile sorgt und den Blick verengt. Als ich aus einem der mit Jutesäcken verhängten Torhäuser an der Wilhelmshöher Straße trete, mit denen Ibrahim Mahamas,  „unzählige Geschichten des globalen Handels“, „von Besitz und Enteignung“ erzählen will, möchte ich die nicht zum x-ten Mal hören. Ist es in disem Fall wirklich von Bedeutung, dass die Jutesäcke während einer Performance in Athen zusammengenäht wurden? Viel spannender erscheint mir der Kasseler Stadtraum mit seiner pragmatischen wie chaotischen Nachkriegsarchitektur, der ehemals glamourösen Treppenstraße, den unterschiedlichen Quartieren und seinen Bewohnern, die sich nicht als Auserwählte begreifen. Ich beginne die Stadt zu lesen, ihre guten Seiten wie ihre Ungereimtheiten. Und keiner sagt mir, wie ich das finden muss.