Hört endlich auf, die Jugend zu diffamieren

#SaveYourInternet und #FridaysforFuture – wer dieses Engagement lächerlich macht, handelt verantwortungslos. Kommentar von Christian Schwägerl

Christian Schwägerl Demonstration am 15.3. in Berlin

Man darf schon sehr viel mit 16.

Man darf die Schule beenden und für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen. Man darf durch die Welt reisen und Menschen in fremden Ländern kennenlernen. Man darf Filme schauen, in denen es um Gewalt und Sex geht. Man darf als Konsument Geld ausgeben, ohne dass die Eltern zustimmen müssen. In vielen Bundesländern darf man mit 16 bei Kommunalwahlen seine Stimme abgeben. Mit der Zustimmung eines Gerichts darf man mit 16 sogar heiraten.

Nur eine eigene Meinung zu haben und diese öffentlich zu äußern, das geht offenbar mit 16 gar nicht. Also es geht, ja. Es ist erlaubt und in unserem freiheitlichen Land zum Glück von der Meinungs- und Versammlungsfreiheit gedeckt. Doch wenn junge Menschen es tun, müssen sie darauf vorbereitet sein, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung sie wahlweise mit Hass übergießt, lächerlich macht oder als Marionette fremder Interessen diffamiert – in einem Ausmaß und einer Intensität, wie es sich kaum eine andere Bevölkerungsgruppe gefallen lassen muss.

Raubbau an der Zukunft

Als in Ostdeutschland rechtsextreme Gruppierungen auf die Straße gegangen sind, um gegen Verfassungswerte wie die Menschenwürde und das Recht auf Leben zu demonstrieren, haben sich viele Politiker und Medien förmlich dabei überschlagen, diese „besorgten Bürger“ ernst zu nehmen und auch die Politik an diesem vermeintlichen „Volkswillen“ auszurichten. Über Jahre hinweg haben sich Regierungsparteien von Rechtsaußen vor sich hertreiben lassen. In vielen Medien stand das Thema im Vordergrund und verdrängte andere Themen – wie etwa die Digitalisierung und den Klimawandel.

Doch jetzt, wo sich die deutsche Jugend zu Hunderttausenden zu Wort meldet und Aufmerksamkeit für zwei Zukunftsthemen verlangt – die Zukunft des Internets und die Zukunft der Lebensgrundlagen auf der Erde – stellen sich dieselben Politiker und Medien taub. Zwar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre negativen Äußerung von der Münchner Sicherheitskonferenz, als sie die Klimademonstrationen in die Nähe russischer Propaganda rückte, wieder durch allgemeine Sympathiebekundungen eingefangen. Doch wenn ihre Regierung gleichzeitig das Klimaschutzgesetz verzögert, in der Verkehrspolitik jedes Umsteuern ablehnt und wie gerade in Brüssel mit den großen CO2-Verschmutzern der EU stimmt statt mit progressiven Ländern, dann bekommen die Jugendlichen ins Gesicht gesagt, dass ihre Sorgen wenig zählen. Wir erleben Regierungshandeln zugunsten alter Interessen und Gewohnheiten – aber keine zukunftsgerichtete Politik, die sich auch langfristig um das Wohl der Jungen von heute sorgt.

Ein Klimatag im Jahr 2043

Eine ganz eigene Dimension haben Häme und Hass gegen Greta Thunberg: Was ein Heer von Trollen in den vergangenen Wochen in „sozialen Medien“ über dieser 16jährigen ausgegossen hat, bietet ein erbärmliches Spiegelbild weiter Teile der Gesellschaft. Dass diese verbitterten Menschen dringend jenen Anstandsunterricht bräuchten, den sie offenbar in ihrer eigenen Jugend nicht bekommen haben, liegt auf der Hand. Auf andere Weise perfide agieren aber diejenigen, die Greta Thunberg und ihren Mitstreitern absprechen, aus eigenen Stücken zu handeln.

Meinungsmacher wie Jan Fleischhauer vom „Spiegel“ oder Ulf Poschardt von der „Welt“ gefallen sich in der wahlweise larmoyanten, abfälligen oder geradewegs zynischen Kommentierung der Jugendbewegung – ohne aber selbst auch nur einen Funken Sachverstand in Sachen Klimaforschung aufzuweisen. Der wäre aber nötig, um konstruktiv mitzureden. Solche Publizisten machen AfD-Memes wie das von der „Klimareligion“ salonfähig, obwohl sich die führenden Klimaforscher mit der Bewegung solidarisieren und die Jugendlichen für sich beanspruchen können, nur das an wissenschaftlichen Sachverstand vorzutragen, was die angeblich so gebildeten und vernünftigen erwachsenen „Profis“ seit Jahrzehnten ignorieren und verdrängen.

Vollends absurd wird es, wenn Politiker wie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner vorschlagen, die Jugendlichen sollten ihre Aktionen wieder beenden und ihr Engagement solle in einem jährlichen „Klimatag“ münden. Das wird dann 2043, wenn die heute 16jährigen so alt sind wie Christian Lindner heute, bestimmt ein toller Tag werden: Wenn man in einer gefährlich erhitzten Welt im Klimachaos darauf zurückblickt, was hätte passieren müssen, um die Dauerkrise zu verhindern.

Vermengung von Medienjournalismus und Eigeninteressen

Ein zweites Thema, zu dem sich in diesen Wochen die Jugend zu Wort meldet, ist die EU-Urheberrechtsreform. Wer hätte das gedacht – ein sperrigeres Thema gibt es wohl kaum, und doch ist es auf Schulhöfen und in den Internetforen junger Menschen allgegenwärtig. Am Wochenende haben Zehntausende hauptsächlich junge Menschen in zahlreichen Städten in ganz Europa demonstriert. Die Reaktion seitens vieler Medien und Politiker folgt demselben Muster wie bei der Klima-Bewegung: Sie diffamieren die Jugendlichen als von Google ferngesteuerte Bots. Manche Politiker haben in den vergangenen Tagen unbelegte Gerüchte verbreitet, es würde Demonstrationsgeld bezahlt. Zudem sprechen sie den Jugendlichen Sachverstand ab – dabei führt zum Beispiel Axel Voss von der CDU – immerhin der zuständige Berichterstatter im Europaparlament – umso mehr Nichtwissen vor, je länger ihn Medien zu Wort kommen lassen. Die SPD als zweite Regierungspartei führt unterdessen einen Eiertanz auf, bei dem niemand mehr weiß, was nun eigentlich gilt.

Auch große Medienhäuser diffamieren die digitale Jugendbewegung. Dabei werden journalistische Medienberichterstattung und die Lobbyarbeit der eigenen Branche vermengt, was die eigene Glaubwürdigkeit beeinträchtigt.

Unabhängig davon, wie man über die Reform denkt und wie sehr eine Politik berechtigt wäre, die Plattformgiganten reguliert und Urheber stärkt: Es geht wie immer nicht nur um die Sache selbst, sondern auch ganz maßgeblich darum, wie – in welchem Ton, in welcher Konstellation und mit welcher Offenheit gegenüber Andersdenkenden – über sie gesprochen wird.

Eigentlich bestünde jetzt nämlich eine riesige Chance zum Dialog mit jungen Menschen über den Wert der Arbeit von Urhebern. Die großen Medienhäuser haben in den vergangenen Jahren die Artikel ihrer Redakteure und freien Mitarbeiter weitgehend verschenkt, anfangs in der Hoffnung, dieses Internet werde schon wieder verschwinden, später in dem Irrtum, auf einer endlos großen digitalen Werbefläche ließe sich mit Werbung neben journalistischen Beiträgen dauerhaft viel Geld verdienen. Sie haben massiv dazu beigetragen, die Jugend daran zu gewöhnen, dass es im Internet alles umsonst gibt. Die Interessen der echten Urheber, die etwa als freie Journalisten recherchieren, produzieren und immer am Markt operieren, waren dabei stets nachrangig. Hier könnten die Verlage einiges nachholen – nicht nur im Umgang mit Urhebern, sondern auch im öffentlichen Dialog. Wenn man es jetzt nicht schafft, das Bewusstsein für den Wert der journalistischen Arbeit wieder zu stärken, wann dann?

Jetzt bestünde die Chance, mit einer Generation, die in dieser digitalen Kostenlos-Umwelt aufgewachsen ist, ins Gespräch darüber zu kommen, was es bedeutet, professionell und mit hohem Aufwand zuverlässige Informationen zu bieten.

Eine Chance zum Dialog mit der Jugend

Doch das tut man sicher nicht, indem man die Jugendbewegung zuerst monatelang komplett ignoriert und sie dann – wie am Wochenende in großen Tageszeitungen geschehen – als Fußvolk der IT-Plattformen diffamiert. Gerade wenn man will, dass die junge Generation kritisch mit den hochproblematischen und in Teilen demokratiegefährdenden Praktiken von Facebook und Google umzugehen lernt, ist dieses Diffamieren genau der falsche Weg.

Einen Dialog darüber zu führen, warum diese IT-Plattformen stärker kontrolliert und reguliert werden müssen und warum professioneller Journalismus auch und gerade im Internet auf Einnahmen angewiesen ist – das wäre enorm wichtig. Das kann aber nicht gelingen, wenn auf den Seiten der Medienhäuser Verlagslobbyismus tobt und man den gebotenen dialogisch orientierten Journalismus, der die Positionen fair wiedergibt, mit der Lupe suchen muss. Das kann auch nicht gelingen, wenn man zur ethischen Begründung seiner Position die „Urheber“ nach vorne schiebt, die Position der freiberuflichen Journalisten aber gleichzeitig zu verschlechtern versucht.

Wie beim Klima ist es in der aktuellen Debatte fragwürdig, den Jugendlichen Sachverstand abzusprechen. Denn viele der Demonstrationsteilnehmer wissen mehr über Uploadfilter als manche Verlagsmanager – zum Beispiel, dass Google die Infrastruktur der Uploadfilter kontrollieren und teuer verkaufen wird, dass Kommentare und Interaktionen in journalistischen Medien mit einer pauschalen Plattformhaftung schwieriger werden. Manche kennen sogar den Unterschied zwischen Urhebern und Verwertern und wissen, dass die EU-Reform und das Ergebnis des Lobbyismus der Verlage die echten Urheber – wie die vielen Zehntausend freiberuflichen Journalistinnen und Journalisten, deren Arbeit die Verlagsprodukte überhaupt erst möglich macht – eher enteignen zu droht als ihre Situation zu verbessern.

Die Entscheider von morgen

Ob #FridaysforFuture oder #SaveyourInternet – wir erleben gerade eine erstaunliche Politisierung der deutschen Jugend. Vielen wäre es aber lieber, so scheint es, wenn die 16jährigen weiter die Schule schwänzen würden, um im Shoppingzentrum abzuhängen oder wenn sie ihre Jugend weiter mit Insta-Selfies am Bildschirm verbringen würden, ohne sich über die politischen und ökonomischen Interessen dahinter Gedanken zu machen.

Vor allem die CDU/CSU und die großen Medienhäuser verpassen die aktuelle Chance, mit dieser frisch politisch interessierten Jugend ins Gespräch zu kommen – auf eine Weise, die für sie selbst gefährlich werden könnte. Nicht umsonst ist #niewiederCDU ein sehr beliebter Hashtag. Bei der nächsten Bundestagswahl werden, sofern sie 2021 stattfindet, die 16jährigen von heute schon die Erstwähler sein. Und warum sollte ein 16jähriger heute oder später im Alter von 20 oder 30 ein Medienprodukt in die Hand nehmen, das ihm selbst das Recht auf demokratische Teilhabe abgesprochen hat?

Die Diffamierten von heute sind die Wähler und die Entscheider von morgen. Wenn CDU/CSU und Medienhäuser sich dessen bewusst wären, würden sie anders handeln als in diesen Tagen.

Man darf schon sehr viel mit 16 – vor allem darf man sich eine Meinung bilden, die langfristig prägend für das Weltbild sein kann.

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