Die Aras sind bedroht, weil wir Fleisch essen

Das Naturkundemuseum Berlin zeigt Schönheit und Schicksal der südamerikanischen Vögel

Von Christiane Habermalz

Carola Radke, Museum für Naturkunde Berlin, 2017

20. November 2017

Einst dienten naturkundliche Sammlungen der Unterhaltung des Publikums, das in Schaukästen drapierte exotische Tiere bewunderte. Und natürlich auch der Forschung und der Wissensvermittlung. Heute geht es in den Ausstellungen der Naturkundemuseen immer weniger um die Klassifikation der Arten als um Biodiversität und die Folgen des Eingriffs des Menschen in die Natur. Die Ausstellung ARA im Naturkundemuseum Berlin etwa zeigt nicht nur die faszinierende Schönheit dieser außergewöhnlichen Vögel, sondern auch, wie der Mensch sie seit jeher gleichermaßen bewundert und zerstört hat.

Das wertvollste Präparat der Ausstellung liegt in einer Vitrine tot auf dem Rücken, die Krallen angezogen, die Glasaugen gen Himmel gerichtet. Es ist ein Kuba-Ara, ausgestorben vor über 100 Jahren. Der Vogel ist in der Vitrine auf einer Glasfläche montiert, unter der ein Spiegel angebracht ist, um auch die prächtigen Farben seines Rückengefieders sichtbar zu machen.

Ara Tricolor wurde er von den Kubanern einst genannt, der Dreifarbige: Der Körper leuchtend orange, der Kopf gelb, die Flügel türkisblau. Nur 19 Exemplare weltweit gibt es noch in Museen, erklärt Chefpräparator Jürgen Fiebig. Das Naturkundemuseum hat eines davon. Der deutsch-kubanische Naturforscher Johann Christoph Gundlach schickte den Balg 1885 von Havanna nach Berlin. "Also gehört dieses Exemplar nicht nur zu den seltenen und wertvollen, sondern auch zu den ältesten“, sagt der Experte. Das Museum verfüge über viele Objekte, die weit über hundert Jahre alt sind, manche Präparate brächten es sogar auf fast 200 Jahre, erzählt Fiebig stolz. Die meisten seien noch immer in gutem Erhaltungszustand und würden der internationalen Forschung dienen. Gerade die alten Bälge sind für die Wissenschaft von großem Wert. Etwa, wenn es darum geht, nachzuvollziehen, wie sich Arten über die Jahre oder auch durch veränderte Umweltbedingungen verändert haben. Manchmal sind die gewonnenen Erkenntnisse allerdings auch eher skurriler Art: Anhand des Berliner Präparats ließ sich etwa nachweisen, dass der Kuba-Ara offenbar seinerseits als Lebensraum für eine eigene Läuseart fungierte, die wahrscheinlich zusammen mit ihm ausgestorben ist.

Blick in eine Austellung mit Tierpräparaten
Der bedrohte Lebensraum der Aras ist Thema einer bis Ende 2018 laufenden Ausstellung im Berliner Naturkundemuseum.

Von den ursprünglich 19 Ara-Arten, die sämtlich in Südamerika beheimatet waren, sind zwei bereits ausgestorben, die restlichen 17 Arten sind stark bedroht. Das Berliner Exemplar des Kuba-Aras, der als erste Ara-Art von den Menschen durch Bejagung und das Plündern seiner Nester ausgerottet worden war, war so kostbar, dass es während des Zweiten Weltkrieges sogar in einem Banksafe untergebracht wurde. Dadurch entging es dem Bombentreffer, der 1945 das Museum traf, und dem viele Objekte zum Opfer fielen. "Leider Gottes wurde dabei – vor allem durch den Druck dieser Bombe, die hier eingeschlagen ist – der große Saal der Vogelpräparate zerstört“, erzählt Fiebig. Viele Präparate seien geradezu aus dem Gebäude herausgeschleudert worden, darunter auch historische Ara-Bälge, wie das Museumteam aufgrund alter Kataloge recherchieren konnte. Es sei ein Riesenglück gewesen, dass der größte Teil der sehr wertvollen alten Vogelsammlung den Krieg überstanden habe.

Eine Mahnung für den Artenschutz

In der Tat ein Glück, wie sich jetzt zeigt. Alle 19 Ara-Arten kann das Naturkundemuseum Berlin aus seinen Beständen in der Ausstellung zeigen, das allein ist schon eine kleine Sensation. Die Präparate der 17 noch lebenden Arten sind extra für die Ausstellung hergestellt worden – und wirken dabei so lebendig, dass man fast mitfiebert - etwa wenn ein Jaguar im Sprung die Tatzen nach zwei fliegenden Grünflügelaras ausstreckt oder eine Harpye, der größte Adler der Welt, seine mächtige Kralle auf den Hals eines erlegten Hellroten Aras legt.

Und die Ausstellung ist durchaus politisch: Sie will zeigen, wie stark das Schicksal der Aras, die fast überall in ihrem Lebensraum extrem bedroht sind, mit uns in Deutschland und unserem Lebensstil zusammenhängt. Ein Naturkundemuseum mit seinen Sammlungen an ausgestorbenen Tieren sei ein guter Ort, um den Artenschutz anzumahnen, sagt Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums. Weil sich die Menschheit in den letzten 200 Jahren zum Beherrscher der Natur aufgeschwungen habe, würden wir denken, dass das immer so weiter gehe. Doch am Ende werde die Natur bestimmen, was mit den Menschen am Ende geschehe, ist Vogel überzeugt. „Da gibt es jede Menge natürlicher Prozesse, einer davon heißt Evolution, dem unterliegen auch wir, und wir müssen uns anstrengen, wie wir in Frieden und nachhaltig mit der Natur leben", warnt der Museumsdirektor.


Der hellrote Ara gehört zu den 19 bekannten südamerikanischen Ara-Arten.

Lange war es vor allem der illegale Handel mit den beliebten Käfigvögeln, der die Bestände schrumpfen ließ. Heute ist es der Sojaanbau, Viehfutter für die industrielle Fleischproduktion, dem die letzten Lebensräume, Trockensavannen und Regenwälder, zum Opfer fallen. Jeder Deutsche verbraucht für seinen persönlichen Fleischkonsum in Südamerika etwa die Fläche eines Fußballfeldes, erläutert der Vorstand des WWF, Christoph Heinrich. Wenn man das hochrechnen würde, so Heinrich, dann summiere sich am Ende unser Soja-Fußabdruck in Südamerika auf 2,3 Millionen Hektar. „Das entspricht der Flächengröße von Hessen. Also eine gewaltige Anbaufläche, die in Südamerika dafür umgewandelt werden musste, damit wir hier ausreichend Tierfutter für unsere Massentierhaltung haben." Mit weitreichenden Folgen für die Aras, deren letzte Rückzugsgebiete in freier Wildbahn fast überall durch die zunehmende Landnutzung bedroht sind. 

Live-Schaltung zu Aras in Brutkästen

WWF und der Verband der zoologischen Gärten in Deutschland sind Projektpartner der Ausstellung – ebenso der Brandenburger ACTP (Association for the Conservation of Threatened Parrots), der sich an der Erhaltungszucht des seltensten Aras der Welt, des Spix-Aras beteiligt. Seit über 10 Jahren ist er in der Natur ausgestorben, nur wenige Vögel haben in Gefangenschaft überlebt. Über eine Live-Kameraschaltung können Besucher der Ausstellung den letzten „Spixen“ in die Brutkästen gucken, in denen jedes geschlüpfte Küken wie ein Kleinod gehütet wird.

Vor allem aber zeigt die Ausstellung, wie der Mensch in der Vergangenheit wie in der Gegenwart systematisch zerstört, was er am meisten liebt. Die Schwanzfedern waren schon bei den indigenen Völkern beliebt als farbenfroher Kopfschmuck, so wurden die Vögel gehalten und gezüchtet, nur um ihnen regelmäßig die Federn herauszureißen. Und weil die Aras als exotische Käfigvögel in aller Welt immer noch so beliebt sind, ist bis heute, dem Washingtoner Artenschutzabkommen zum Trotz, Wilderei und illegaler Handel selbst mit sehr seltenen Arten nichts Ungewöhnliches. Denn auch bei den Aras gilt: je größer die Rarität, desto höher die Preise auf dem Schwarzmarkt.

Der Mensch hat zum Ara eine ganz besondere Beziehung. Sie beruht auf der Bewunderung der Schönheit und Intelligenz der Vögel. Leider geht diese Liebe nicht gut aus für die letzten noch in Freiheit lebenden Aras.


Christiane Habermalz ist Riffreporterin im Team "Die Flugbegleiter". - Der Text wurde in veränderter Form am 22. Mai 2017 als Radiobeitrag im DLFKultur gesendet.