Solide Gründe, Tourismus in Teruel nicht nur den Piloten zu überlassen

Reise-Update für Teruel, wo zuhauf ungenutzte Flugzeuge parken und das nach den Corona-Zuständen im Herbst lohnendes Reiseziel sein sollte.

Lübeck, 16.8.2020

Update für Spanien-Reisende

Wie das Auswärtige Amt mitteilte, wird bis auf weiteres von nicht notwendigen, touristischen Reisen nach Spanien mit Ausnahme der Kanarischen Inseln aufgrund hoher Infektionszahlen abgeraten.

Dieses Update betrifft meinen Solidarbeitrag für die Corona-gebeutelte Wirtschaft in Spanien, wo ich als RadelnderReporter die Generalprobe für meinen Radreport Deutschland durchführte:
Landstraße durch Einöde, vorne das Rennrad des Autors, hinten Heckflossen von Flugzeugen.
Leeres Land, voller Flughafen (schwach in der Bildmitte erkennbar sind die Heckflossen einiger Flugzeuge). Bekannt wurde Teruel während der Coronakrise, weil dort immer mehr Airlines ihre ungenutzten Maschinen zwischenparkten. Die im Schnitt mehr als 1000 Meter über der spanischen Ostküste gelegene Provinz könnte sich zu einem lohnenden Herbstziel für Kultur- und Natur-Fans entwickeln - fernab jedes touristischen Mainstreams.
Ein Schäfer hat ein großes Schaf an den Beinen gepackt, um es in den Laderaum seines Kombi zu schieben.
Schäfer haben weder Zeit noch Muße, zimperlich zu sein mit ihrer Zucht.

Teruel ist arm

– und wird durch den Pandemie-bedingten Einbruch im Tourismus wohl noch ärmer.

Die Provinz fühlt sich von der spanischen Zentralregierung chronisch vernachlässigt. Deswegen formierte sich vor rund zwanzig Jahren die Bewegung namens ¡Teruel Existe!, Teruel existiert. Bei der Herbstwahl 2019 trat sie als Wählergruppe an, wurde in Teruel stärkste Kraft und stellt jetzt einen Abgeordneten im Parlament. Teruel meint übrigens ebenso die Stadt wie die Provinz. Nachfolgend ist von der Provinz die Rede, sofern nicht anders angegeben.

Teruel ist reich

– an Kultur.

Die UNESCO befand die Reste der Mudéjar-Architektur in der Stadt Teruel als einzigartig und erklärte sie 1986 zum Weltkulturerbe. Die Mudéjares, eingedeutscht Mudejaren, sind (Zitat Wikipedia) "Muslime, die im Verlauf der Reconquista unter die Herrschaft der christlichen Königreiche in Spanien gekommen waren, ihre Religion weiter ausüben konnten, sich jedoch auch an ihre christliche Umgebung anpassten".

– an Dino-Funden.

Über die Provinz verteilen sich etliche paläontologische Fundstellen. Zu sehen gibt es die Rest von Dinosauriern im Museum der Stadt sowie an sieben Außenstellen, verteilt in der Provinz. "Dinópolis" hat vor allem Kinder als Zielgruppe und bekam in jüngerer Zeit spektakulären Zuwachs

  • einen Aragosaurus, benannt nach Aragonien, zu dem die Provinz Teruel gehört, und gefeiert als "erster spanischer Dino"
  • den Turiasaurus riodevensis, gefunden beim Weiler Riodeva und dem Fluss namens Turia - laut Dinópolis "einer der größten Saurier des Planeten".
Bergdorf inmitten eher karger Gebirgslandschaft.
Westlich der Stadt Teruel bilden die Montes Universales eine raue Gebirgslandschaft, mit der sich die Menschen vor Jahrhunderten arrangiert haben.

Ist der südlichste Zipfel Aragoniens landschaftlich schön? Daran scheiden sich die Geister, denn:

Teruel ist hie und da eine Wüste

– was die Provinz wild und exotisch macht und, meinem Geschmack nach, besonders schön. Aber extreme Trockenheit, ausgemergelte rote Lehmböden und seltsame Erosions- und Felsstrukturen liegen außerhalb des touristischen Mainstreams der meisten Spanier. Deswegen sind Teruel und das Umland, abgesehen von den Dörfern und Städten, nahezu frei von Touristen.

"wüste Fotos" unten, vor dem Aufruf zur Unterstützung.

Teruel ist hart

– was auch Warnung sein soll! Mobilfunk funktioniert in vielen Winkeln nicht, Siedlungen sind dünn gesät. Wem unterwegs das Wasser ausgeht, gerät schnell in ernsthafte Probleme. im Herbst ebenso wie im Sommer - der eigentlich tabu ist um outdoor unterwegs zu sein wegen der brutalen Hitze.

Von Erosion bizarr geformte rote Felstürme.
Wo im westlichen Teruel der Karst dem Buntsandstein weicht, sind Felsstrukturen umso bizarrer.

Teruel ist leer

Die Einwohnerdichte ist geringer als in den menschenleeren Flächen Brandenburgs. Die meisten Spanier haben wenig Sinn für Wüsteneien und kommen als Touristen, wenn überhaupt, eher wegen der Kultur und wegen des Kulinarischen: Jamón de Teruel ist eine Delikatesse. Der Schinken reift – wie aller spanischer Jamón – ganz ohne Rauch. Die besonders trockene Bergluft gibt ihm sein typisches Aroma.

Teruel wird voll

- sobald es im Winter schneit. – Wie bitte?

Ja, die Voraussetzungen für Schneefall sind bestens im Winter, mit mittlerer Höhenlage von über 1.000 Metern und Bergrücken, die über 2.000 Meter aufragen. Zudem herrscht winters wahres Polarklima, oft mit strengem Dauerfrost - des stark kontinentalen Klimas wegen. Zu arktischen Verhältnissen fehlen allein die Niederschläge. Die atlantischen Luftmassen haben fast die ganze iberische Halbinsel "Zeit", ihre Feuchtigkeit loszuwerden, bis sie nach Teruel gelangen. Und vom Mittelmeer dringt kaum etwas bis Teruel hinauf.

Bis auf die wenigen Tage im Winter, wenn dann doch ordentlich Schnee fällt. Viele Valenzianer fahren die gute Stunde per Pkw bis an die Hänge des Javalambre-Masivs, damit ihre Kinder vielleicht zum ersten Mal Schnee sehen, spüren - eventuell sogar befahren! Denn am Javalambre gibt es eine Liftanlage mit knapp 300 Höhenmeter Skipiste. Was ich nur als Kuriosum erzähle, nicht jedoch, um die klimafeindlichen Autokarawanen in die Berge noch zu verlängern (zumal, zumindest noch vor einigen Jahren, die Pisten künstlich beschneit wurden).

Ein Skitourengeher bewegt sich über die Schneereste auf einer Gebirgsanhöhe.
Sich im Javalambre-Massiv auf Skitour zu begeben, ist nur wenige Tage im Jahr möglich - und muss schnell gehen: Binnen weniger Tage schwindet die weiße Pracht unter mediterraner Sonne.
Zwei Menschen stehen hinter einem von Raureif verzierten Krüppelkieferchen.
Teruel kann im Sommer eine Hitze- und im Winter eine Eiswüste sein.

Teruel ist klar

– für Sterngucker. Oft sinkt die Luftfeuchte nachts gegen Null. Zudem gibt es wenig Lichtverschmutzung durch Siedlungen. Deswegen hat die Regierung von Aragón auf einem Nebengipfel des Javalambre-Massivs eines der wichtigsten astronomischen Observatorien Spaniens installiert.

Teruel ist grün

– wo Gewässer plätschern. Botanische Oasen sind viel häufiger als in echten Wüsten; die gibt es eigentlich nur nahe der Stadt Teruel. In den Tälern und Klüften des Iberischen Randgebirges herrscht oft ein feuchteres Mikroklima. Auf den Höhenzügen gedeihen zwei verschiedene Spezies von Wacholderbäumen, die einzigartig sind auf der Iberischen Halbinsel. Und teils mehrere hundert Jahre alt sind (siehe Fotostrecke).

Regenbogen vor dunklen Wolken über trockenem land.
Im Oktober bringt unbeständiges Wetter den Regen, den es oft für Monate nicht gegeben hat. Im Hintergrund ist die Stadt Teruel zu erkennen.
Immergrünes Laub über mächtigem Stamm.
Dieser Wacholderbaum im Javalambre-Massiv ist über 500 Jahre alt.
Ein mächtiger, zerfurchter Baumstamm.
Steht unter Naturschutz: Wacholderbaum im Javalambre-Massiv der Provinz Teruel.
Ein einzelner Laubbaum in herbstlich goldener Tracht.
Laubbäume abseits von Flusstälern sind in den Weiten der Provinz Teruel etwas Exotisches.
Im Vordergund ein verwaistes Steinhaus, im Hintergrund ein Bergrücken mit Windkraftanlagen.
Landflucht nicht wegen der Rotoren, sondern wegen fehlender Infrastruktur: Jenseits der Stadt Teruel und den dünn gesäten Ortschaften fehlt heute den meisten Menschen das Nötigste zur Grundversorgung.
Weinreben auf rotem Grund.
Wo es das Mikroklima in der Provinz Teruel zulässt, zieht man Reben für rassige Weine.

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Als Anreiz stelle ich, unter dem El-Roso-Foto, die GPS-Tracks und Fotos meiner Deutschland-Generalprobe zur Verfügung. Ich fuhr im Oktober durch Spaniens wilden Osten – per Rennrad durch menschenleere Berge.

Ziel war die nahezu unbekannte Alcarria - einer Gegend, die nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag besitzt. Dazu passend im Gepäck: Viaje a la Alcarria von Nobelpreisträger Camilo José Cela, in deutscher Übersetzung erschienen unter dem Titel "Ein Vagabund im Dienste Spaniens".

Zwei Männer vor der Taberna El Roso, einer stehend, der andere sitzend.
Erste Verpflegungsmöglichkeit nach Teruel Stadt ist westlich das 38 Kilometer entfernte Albarracín, wo die Zeit stehengeblieben ist. Die Taberna "El Roso" liegt in der Calle San Antonio 29. Mehr Fotos und praktische Reiseinfos hinter der Paywall.
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Teruel Stadtansicht.
Mit dem Rad zum Start in Teruel: Die Stadt ist ca. zweieinhalb Zugstunden von Valencia an der Ostküste entfernt. Das kostet mit der spanischen Bahn namens RENFE 17 Euro pro Person und 3 Euro pro Fahrrad.

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Im Sommer 2019 fuhr der RadelndeReporter 2.451 Kilometer durch alle Bundesländer. Das Buch zur Deutschlandfahrt erscheint im Juli.

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Das Foto zeigt das Buchcover, Titel: "Zwei Räder, ein Land: Mit dem Fahrrad durch alle Bundesländer - Deutschland in 2451 Kilometern.
Jenseits der Metropolen nimmt Martin C Roos die Republik unter die Reifen seines Rennrads. Täglich fährt er rund hundert Kilometer, um in 24 Etappen alle 16 Bundesländer zu durchmessen. Dutzende Treffen und Gespräche füllen des Reporters kleine Reise-Agenda, mit der er große Fragen in Angriff nimmt: In welche Richtung driftet das Land? Wie gehen die Menschen mit Bedrohungen und Chancen um, wie richten sie ihr Dasein aus? Roos misst die leisen Pulstöne der Gegenwart gleichermaßen wie den Nachhall der Vergangenheit, auch seiner ganz persönlichen. Er staunt im Norden über ein Ehepaar, das alte Apfelsorten rettet, und im Süden, wie ein Rentner über Deutschland wettert. Im Ruhrgebiet erfährt der Reporter, wie politisch die Jugend sein kann. In Berlin erzählen ihm Stasi-Opfer von Heimatliebe und gewaltlosem Protest. Relikten der einstigen Teilung spürt Roos ebenso nach wie dem Limit seiner Kräfte. Tiefgehende Interviews, spontane Dialoge und Radabenteuer entlang der 2451 Kilometer langen Reise verdichtet er zu einer tiefsinnigen und einzigartigen Collage. Sie zeigt die erstaunlichen, bisweilen bizarren Seiten eines Deutschlands, das zugleich erfrischend und vertraut wirkt.
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