„Du wirst so lange kämpfen bis Du stirbst“

Gewaltfreier Protest hat mit den Fridays for Future unter Jugendlichen wieder Konjunktur. Nach welchen Prinzipien Carl-Wolfgang Holzapfel mit 17 Jahren gegen das DDR-Regime zu Felde zog, berichtet der berühmte Politaktivist und einstige Stasi-Gefangene im Gespräch mit Martin C Roos.

Martin C Roos Im Hintergrund zu sehen ist eine Fassade der Karl-Marx-Allee

Foto: Carl-Wolfgang Holzapfel neben Tatjana Sterneberg (s.u.).
Beide waren als "Staatsfeinde" in der DDR inhaftiert.

Im heutigen Polen erblickte Carl-Wolfgang Holzapfel das Licht der Welt. „Aber in Westberlin bin ich großgeworden. Zwölf war ich, als sich während des Ungarn-Aufstands mein politisches Engagement entzündete.“ Gesicht, Mimik und Stimme des heute 75-Jährigen wirken alles andere als kampflustig, todesmutig oder von Einzelhaft gezeichnet. Er strahlt eine entschlossene, kristallin wirkende Ruhe aus. Ihr verdankt Holzapfel wohl seine Leidensfähigkeit beim Protestieren. Und seine Fähigkeit, geistig unbeschadet die unzähligen Verhöre im Stasi-Gefängnis durchgestanden zu haben.

Schulalltag auf den Kopf gestellt

Ungarn-Aufstand, 1956.
Was man sich im heutigen Schulalltag kaum mehr vorstellen könne, meint Holzapfel:

„Wir haben dort diese drei Wochen, die der Aufstand tobte, kein anderes Thema gehabt. Haben nichts anderes gemacht als debattiert und diskutiert, heulten teilweise, als das alles zusammenbrach, wussten nicht aus noch ein.“ 
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Jenseits der Demarkationslinie

„Nach weiteren Hungerstreiks – den letzten, zehn Tage hinweg, im Winter 1963/64 mit danach sechs Wochen im Krankenhaus – sagten mir die Ärzte, Gesundheit und Leben stünden auf dem Spiel, sollte ich so weitermachen."

"Da verlegte ich mich auf andere Formen des Protests. Ich protestierte mit Schildern für die Freilassung politischer Gefangener – aber eben: jenseits des Berliner Grenzstrichs, also auf DDR-Boden!“

Das erste Mal tat er das am 14. November 1964, im Alter von zwanzig Jahren, am Übergang Heinrich-Heine-Straße.

23 Jahre später: Aktion am Checkpoint Charlie

Anlässlich des 28. Jahrestags der Mauer begab er sich am 13. August 1989 zu einer ganz besonderen Protestaktion zum Checkpoint Charlie. Er ließ sich mit einer deutschen Fahne umwickeln und darüber noch mit einem weißen Band, ebenso breit wie der Grenzstrich. Auf eben diesen legte er sich am Checkpoint, das Band zur Deckung bringend mit der Demarkationslinie. Den Kopf im Osten, die Füße im Westen blieb er liegen, bis sich US-Amerikaner und Sowjets über das Vorgehen einigten: Nach drei Stunden wurde er von Westberliner Polizisten weggetragen. Fotos der Protestaktion gingen um die ganze Welt.

Vor einem Abschnitt der ehemaligen Mauer an der Bernauer Straße sind in vier "Fenstern des Gedenkens" - so der Name der Gedenkstelle - die fotografisch angeschnittenen Porträts von Maueropfern zu sehen. An zwei Fensterkreuzen sind Blumen befestigt.
Ausschnitt aus den "Fenstern des Gedenkens" für die Todesopfer an der Berliner Mauer (Freiluft-Mauermuseum Bernauer Straße). Im Hintergrund links zu sehen ist ein der ehemaligen DDR-Seite zugewandter Mauerabschnitt, nach der Wende mit Graffiti versehen.
Martin C Roos
Achtzeiliger Erklärtext.
Laut Mauermuseum eine Demonstration, "dass Deutschland ein Ganzes geblieben sei": Ausschnitt einer Erklärtafel zu Holzapfels "Grenzstrich-Aktion" am Checkpoint Charlie am 13. August 1989.
Martin C Roos, mit freundl. Genehm. des Mauermuseums Checkpoint Charlie
Der rechte DDR-Grenzer ist der Geste nach wohl dabei, Menschen diesseits der Demarkation auf die Westseite zurück zu scheuchen.
Carl-Wolfgang Holzapfel, 11:07 Uhr am 13. August 1989, liegend auf dem Grenzstrich am Checkpoint Charlie: Auf der Westseite hat sich ein Tumult gebildet; ostseitig sind drei Grenzbeamte in Rückenansicht zu sehen.
Links neben dem liegenden Carl-Wolfgang Holzapfel nimmt eine kurz-behemdeter Westberliner Polizist hockend Notizen auf einem Block. Die DDR-Grenzer sind in Rückenansicht zu sehen.
Carl-Wolfgang Holzapfel, 12:33 Uhr am 13. August 1989, liegend auf dem Grenzstrich: Ein Westberliner Polizist nimmt offenbar Personalien auf, zwei Ostgrenzer treten hinzu. Das Barackenschild "Checkpoint Charlie" ist ansatzweisez zu erkennen.
Holzapfel mit dunklem Bart und Sonnebrille. Links und rechts der weißen Bauchbinde ist der Grenzstrich zu sehen.
Carl-Wolfgang Holzapfel, 13:35 Uhr am 13. August 1989, liegend auf dem Grenzstrich am Checkpoint Charlie: Er scheint direkt in die Stasi-Kamera zu blicken. Wenig später wird er gen Westen abtransportiert werden.
Ein mit einem Fahrradfoto hinterlegter Pfeil von links nach rechts markiert die drei Phasen "Vorrecherchen", "Radreise Juni '19" sowie "Auswertung & Analysen".
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Grafik: Martin C Roos, Foto: Jörg Wenzel

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Dieser Beitrag fällt unter die Kategorien Porträt & Aufzeichnung (derzeit vertretene Kategorien in "Gesichter aus Deutschland": Analyse, Kolumne, Kommentar, News, Porträt, Report bzw. Aufzeichnung, Rezension, Stimmungsbild, Zusammenfassung). Er entstand mit Unterstützung von VisitBerlin, offizieller Organisation für Tourismus- und Kongressmarketing (Disclaimer: Die Unterstützung in Form einer Übernachtung im Select Hotel Berlin Checkpoint Charlie beeinflusste weder Gesprächs-Niederschrift noch -Auswertung noch -Interpretation). In Form einer Übernahme von Reiseauslagen wird diese Berichterstattung gefördert von der Karl-​Gerold-Stiftung, Bad Homburg v. d. Höhe; s.a. https://www.riffreporter.de/deutschland/radelnderreporter/.

Gesichter aus Deutschland

Der Beitrag gehört zum Projekt „Wie geht’s Deutschland?“, für das der Autor im Juni 2019 mit dem Fahrrad durch alle 16 Bundesländer fährt (Infos dortNewsletter-​Anmeldung hier).

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