analog. packt. ebenso

Der DigitalPakt für die Schulen ist geschnürt. Aber gut gemachte Analog-Didaktik packt gerade junge Menschen manchmal mehr, als ein Freibrief zum Tippen, Wischen, Scrollen. Ein Blick in moderne Schaukästen. Und ein Kommentar

Martin C Roos Unbepackte DDR-PKW bahnen sich einen Weg nach Westberlin, während vollgepackte Karossen bereits wieder auf dem Weg nach Hause in den Ostteil der Stadt sind.

Dieser Beitrag beinhaltet acht Szenendetails aus „Geteilte Stadt. 1945 - 1989“. Freifahrt bis zur Bilderstrecke - Abonennten sehen auch die Fotos.

„Schau mal, da ist ja ein Loch in der Deutschlandfahne!“, platzt der Zehnjährige hinein ins andächtige Dunkel des Ausstellungssaals. Sieben Schaukästen mit Straßenszenen in Miniaturformat stehen dort, zirka einen auf einen halben Meter in der Grundfläche, seitlich und oben verglast. „Was macht das Loch in der Fahne?“ Für die Antwort braucht der Vater eine geschlagene Minute – bis er das Detail aufgespürt hat. Denn die Flagge mitten im Diorama misst nur einen auf zwei Zentimeter, das kreisförmige Loch in der Mitte wenige Millimeter. „Ach so, ja, das ist kein Defekt“, erklärt der Vater die Szene (letztes Bild der Fotostrecke). „Die Menschen, die da nach der Maueröffnung von Ost nach West ziehen, wollten eine bundesdeutsche und keine DDR-Fahne; Hammer, Zirkel und Ähren haben die aus der Mitte einfach rausgeschnitten.“

Geschichtsunterricht vor dem Glaskasten: Ausstellung „Geteilte Stadt“

Solche Details, von Erwachsenen gerne übersehen, machen die „Geteilte Stadt“ für Kinder erst richtig spannend. Und fördern Nachfragen und Dialog. Unglaublich, fast unheimlich authentisch wirken die Szenen aus Berlin, die derzeit das Willy Brandt Haus Lübeck ausstellt (Infos unten). In den Dioramen steht, pars pro toto, eine einzige Straßenkreuzung. Die Komposition, komponiert aus Checkpoint Charlie, Bernauer Straße und anderen Mauer-relevanten Gegenden, existiert zwar in genau dieser Konstellation nirgendwo – sinngemäß aber schon. Die Schaukästen zeigen mehr als ein halbes Jahrhundert „Berlin“: Weltkriegsruinen, Besatzungszeit, jede Menge DDR und natürlich den Mauerdurchbruch (inklusive der legendären Spechte – Mitte der Fotostrecke).

Anschaulicher lässt sich Kindern Geschichte kaum vermitteln. Und Erwachsenen jeden Alters gehen angesichts der zahllosen Straßen- und Häuserdetails die Augen über. Mit solchen Effekten haben Frederik und Gerrit Braun, Ausstellungsmacher und Gründer-Zwillinge des „Miniaturwunderland Hamburg“, langjährige Erfahrung und gut verdient.

Bildungspolitik: Gutes Neues versus analoges Altes?

In die Schulbildung zu investieren, heißt in der Politik derzeit vor allem, die digitale Ausstattung zu verbessern und vielleicht noch die Toiletten zu sanieren. Kein Zweifel: Sanitäranlagen und Tablets müssen sauber funktionieren – und sind absolut notwendig. Doch allzu leicht wird vergessen, dass sich altbewährte analoge Methoden manchmal mindestens ebenso gut eignen, Schüler zu begeistern wie 3D-Videos oder Recherchen auf dem iPad. Es scheint an der Zeit, dass die Verfechter der Digitalisierung ihre Inventur ernster betreiben unter dem Motto „Wo setzen wir auf neue Medien, was hat sich an Analogem besonders bewährt?“.

Vielleicht boomen dann in Deutschland bald Werkstätten, die sich auf Dioramen spezialisieren. Das Brandt Haus jedenfalls hat wegen Besucherandrangs die Ausstellung um die Hälfte der ursprünglichen Laufzeit verlängert: Bis zum 28. April ist „Geteilte Stadt. 1945 – 1989“ noch in zentraler Lage Lübecks zu besichtigen. Ob die sieben Dioramen, die in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg entwickelt wurden, ab Mai im Miniaturwunderland oder anderswo zu sehen sein werden, war bei Redaktionsschluss offen.

Martin C Roos

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Wnige Tage nach der Grenzöffnung bahnen sich in Berlin, umjubelt vom Volk, DDR-Karossen einen Weg durch die einstigen Sperranlagen und durch die Massen.
Aus realer Berlin-Geschichte an einer fiktiven Straßenkreuzung neu zusammengesetzt: Ausschnitt eines Dioramas der Ausstellung „Geteilte Stadt. 1945 – 1990". Die insgesamt sieben Dioramen konzipierte und schuf vor gut zehn Jahren das Miniaturwunderland Hamburg; noch bis 28. April 2019 sind sie im Willy Brandt Haus Lübeck zu sehen (Eintritt frei). Im Bild zu sehen ist eine Szene wenige Tage nach der Grenzöffnung in Berlin: Umjubelt vom Volk bahnen sich DDR-Karossen einen Weg durch die einstigen Sperranlagen und durch die Massen.
Martin C Roos
Von beiden Seiten und mit einfachen Leitern wird die Berliner Mauer am 9. November 1989 erstürmt.
9. November 1989: Um 21.30 Uhr bringt der Radiosender RIAS die ersten Reportagen von offenen Grenzübergängen. Es sammeln sich ca. 200.000 Menschen an allen Übergängen und erstürmen unter anderem auch die Mauer, um nach West-Berlin zu gelangen. Sie bekommen "Schützenhilfe" von der Westseite (Vordergrund).
Miniaturwunderland Hamburg
Ein HO-Markt, direkt an der Berliner Grenze, verfällt allmählich, weil er wegen seiner Lage in der Sperrzone von der DDR geschlossen wurde.
Aus realer Berlin-Geschichte an einer fiktiven Straßenkreuzung neu zusammengesetzt: Ausschnitt eines Dioramas der Ausstellung „Geteilte Stadt. 1945 – 1990". Die insgesamt sieben Dioramen konzipierte und schuf vor gut zehn Jahren das Miniaturwunderland Hamburg; noch bis 28. April 2019 sind sie im Willy Brandt Haus Lübeck zu sehen (Eintritt frei). Im Bild zu sehen ist ein HO-Markt direkt an der Grenze auf Seiten der DDR. Diese Märkte ließ die SED bereits 1948 als so genannte "freie Geschäfte" eröffnen. Das sollte den Schwarzhandel eindämmen.
Miniaturwunderland Hamburg
Ein Mann holt mit einer großen Spitzhacke gewaltig aus, um der Berliner Mauer ein weiteres Loch zuzufügen.
Aus realer Berlin-Geschichte an einer fiktiven Straßenkreuzung neu zusammengesetzt: Ausschnitt eines Dioramas der Ausstellung „Geteilte Stadt. 1945 – 1990". Die insgesamt sieben Dioramen konzipierte und schuf vor gut zehn Jahren das Miniaturwunderland Hamburg; noch bis 28. April 2019 sind sie im Willy Brandt Haus Lübeck zu sehen (Eintritt frei). Die Szene zeigt einen der zahlreichen "Mauerspechte": Menschen, die die Mauer mit kleinen und großen Werkzeugen nach dem 9. November 1989 demolieren.
Miniaturwunderland Hamburg
In den Wochen nach dem 09. November werden Mauersegmente an symbolträchtigen Orten geöffnet, am 22. Dezember z.B. am Brandenburger Tor. Die von Mauerspechten geschlagenen Löcher werden immer größer; die Grenzkontrollen nehmen immer mehr ab.

Am 27.06.1990 vereinbaren der DDR-Ministerrat und die Bundesregierung die Aufhebung der Personenkontrollen an der innerdeutschen Grenze.

Am 03. Oktober 1990 findet die offizielle Wiedervereinigung Deutschlands statt.
In den Wochen nach dem 09. November werden Mauersegmente an symbolträchtigen Orten geöffnet, am 22. Dezember z.B. am Brandenburger Tor. Die von Mauerspechten geschlagenen Löcher werden immer größer; die Grenzkontrollen nehmen immer mehr ab. Am 27.06.1990 vereinbaren der DDR-Ministerrat und die Bundesregierung die Aufhebung der Personenkontrollen an der innerdeutschen Grenze. Am 03. Oktober 1990 findet die offizielle Wiedervereinigung Deutschlands statt.
Volkspolizisten schauen tatenlos zu, wie sich Menschen und Autos ihren Weg über einen geöffneten Grenzübergang bahnen.
Am 4. September 1989 demonstrieren 1.200 Menschen im Anschluss an das montägliche Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche mit den Rufen "Wir wollen raus!" und "Wir sind das Volk" für Ihre Ausreise in den Westen. Die folgenden Montagsdemonstrationen finden zusätzlich auch in anderen Städten statt - unter anderem in Berlin. Die Polizei geht teilweise mit Verhaftungen und Gewalt gegen die Demonstranten vor. In dieser Szene schaut die Volkspolizei allerdings nurmehr tatenlos zu, wie sich Menschen und Autos ihren Weg über einen geöffneten Grenzübergang bahnen.
Miniaturwunderland Hamburg
Unter militärischer Aufsicht errichten DDR-Arbeiter 1975 eine modernere, sichere Mauer in Berlin.
Im Jahr 1975 wird die dritte durch die vierte Mauergeneration ersetzt; die so genannte Grenzmauer 75 besteht aus 3,60 Meter hohen Betonelementen, welche einfach aufzubauen sind und sich als widerstandsfähiger gegenüber Umwelteinflüssen und Grenzdurchbrüchen erweisen.
Miniaturwunderland Hamburg
Vorne DDR-Grenzer am Stacheldraht, hinten der DDR-Schlagbaum mit aufgefahrenem Panzer, auf dem Bewaffnete sitzen.
Aus realer Berlin-Geschichte an einer fiktiven Straßenkreuzung neu zusammengesetzt: Ausschnitt eines Dioramas der Ausstellung „Geteilte Stadt. 1945 – 1990". Die insgesamt sieben Dioramen konzipierte und schuf vor gut zehn Jahren das Miniaturwunderland Hamburg; noch bis 28. April 2019 sind sie im Willy Brandt Haus Lübeck zu sehen (Eintritt frei). Im Bild zu sehen ist, wie die DDR die Grenze zu Westberlin (im Vordergrund) vor dem Mauerbau 1961 abriegelte.
Martin C Roos
Wenige Tage nach der Greznzöffnung fahren Autos und Radfahrer von Ost- nach Westberlin.
Aus realer Berlin-Geschichte an einer fiktiven Straßenkreuzung neu zusammengesetzt: Ausschnitt eines Dioramas der Ausstellung „Geteilte Stadt. 1945 – 1990". Die insgesamt sieben Dioramen konzipierte und schuf vor gut zehn Jahren das Miniaturwunderland Hamburg; noch bis 28. April 2019 sind sie im Willy Brandt Haus Lübeck zu sehen (Eintritt frei). Die Szene spielt wenige Tage nach der Grenzöffnung: Autos, Radfahrer und Fußgänger begeben sich von Ost- nach Westberlin.
Martin C. Roos

Freifahrten heißen Beiträge des RadelndenReporters, die kostenfrei zugänglich sind.

Der RadelndeReporter bin ich, Martin C Roos. Im Juni 2019 toure ich mit dem Rennrad durch alle Bundesländer. Auf der rund 2.300 Kilometer langen Radroute geht es mir darum, welche Ängste und Hoffnungen die Menschen in der Gegenwart umtreiben. Und darum, wie diese Stimmungslagen zustande kommen im Sog der Vergangenheit und im Sturmwind gen Zukunft. Beiträge, Bilder und Befunde gibt es seit Februar 2019 in "Gesichter aus Deutschland".

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Verortung dieses Beitrags

A) Ausgangspunkt

Auf Berlin und die Geschichte seiner Teilung richtet sich 2019, dreißig Jahre nach dem „Fall“ der Mauer, erneut das öffentliche Interesse. Doch das Thema interessiert vor allem Erwachsene und manche Jugendliche. Junge Schülerinnen und Schüler wissen wenig bis nichts von der jüngsten Geschichte Deutschland. Dies zumindest legen meine eigenen Erfahrungen dar - als Autor dieses Beitrags und Vater eines Zehnjährigen: Bevor in der 4. Jahrgangsstufe des Sohnes das Thema „Deutschland“ an die Reihe kam, wusste keine Mitschülerin, kein Mitschüler, was DDR hieß und bedeutet. Dies immerhin in einer Stadt, wo die zitierte Ausstellung (B) durch ihre starke mediale Präsenz in alle Elternhäuser hätte vordringen können. Der Kern der Stadt lag übrigens zu DDR-Zeiten nur wenige Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt.

B) Quelle

„Geteilte Stadt. 1945 – 1989"; zu sehen ist die Ausstellung noch bis 28.4.2019 in der Königstraße 21, Lübeck (täglich von 11-18 Uhr geöffnet, freier Eintritt). Bereitgestellt hat sie www.willy-brandt.de/Haus-Luebeck, holsteinischer Ableger der Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung.

C) Dieser Beitrag

  • fällt unter die Kategorien News und Kommentar (derzeit vertretene Kategorien im Projekt "Gesichter aus Deutschland": Analyse, Kolumne, Kommentar, News, Porträt, Report bzw. Aufzeichnung, Stimmungsbild, Zusammenfassung).
  • wurde recherchiert exklusiv für RiffReporter
  • ist eine EXTRATOUR des RadelndenReporters, hervorgegangen aus Vorrecherchen und unabhängig von der Rechercheroute durch ganz Deutschland.

D) Gesichter aus Deutschland

Der Beitrag erscheint in der Koralle "Gesichter aus Deutschland" (riffreporter.de/deutschland). Er speist sich derzeit aus dem Projekt „Wie geht’s Deutschland?“, für das der Autor im Juni 2019 mit dem Fahrrad durch alle 16 Bundesländer fährt (Infos dortNewsletter-Anmeldung hier).

Ein Pfeil Richtung rechts illustriert mit hinterlegtem Radfahrerbild (Zu sehen: Martin C Roos) den Rechercheplan im Rahmen des Riff-Projektes "Wie geht's Deutschland?": Nach seinen Vorrecherchen ist der RadelndeReporter im Juni 2019 rund 2.451 Kilometer durch alle Bundesländer gefahren. Danach hat die Auswertung der Recherchen begonnen.
Abgesehen von den vorher vereinbarten Interviewterminen mit festgelegter Thematik bestimmten Wochentag, Tageszeit und Zufall, ob und wo ich auf Gesprächsbereitschaft traf, wenn ich aufs Geratewohl Menschen konfrontierte mit Fragen wie "Wie geht's Deutschland dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer?" oder "Wie beurteilen Sie das Leben in Ihrem Wohnort?" -- DISCLAIMER "RadelnderReporter - 2.451 km durch Deutschland": Von den elf angefragten Bundesländern respektive Tourismuseinrichtungen haben sieben die Recherche in Form von Übernachtungen unterstützt und zwei den Kontakt zu unterstützenden Hotels vermittelt (detaillierte Auskunft beim Autor). Keine dieser Unterstützungen beeinflusste in irgendeiner Weise Recherche-​​Schwerpunkte, -​Inhalte oder -​Aussagen.
Grafik: Martin Roos, Foto: Jörg Wenzel
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