Geben, nehmen, danken?

Es herrscht kleiner Aufruhr am Bahnhof. Herr mit Hut gibt Obdachlosem Geldschein. Herr regt sich fürchterlich auf, weil ihn Beschenkter, statt mit Dankesworten, mit giftigem Blick und unziemlichen Gesten bedenkt. Herr gerät in Rage, Passanten sympathisierten – Obdachloser erhebt sich kampflustig, flankiert von Kollegen; Spannung. Unvermittelt zerfließt die Versammlung, hinterlässt ein Merkel-artiges Vakuum. 

Der Obdachlose sinkt, stierend, auf die Matte zurück. Der Herr, scheint mir, setzt geknickt den Weg fort. Bahnhofsleben pulsiert herzinsuffizient weiter, wie jeden Morgen.

Aus dem Zug gestiegen, wollte ich eigentlich in die vier Wände. Nach der Episode brauchte ich Luft und eine Radschleife zum Nachdenken. Mit wem sympathisierte ich: Mit dem renitenten Obdachlosen? Mit dem spendablen Herrn? Ich erinnerte mich an die Lektüre eines Aufsatzes zum Thema Besitz und Individuum. Obwohl von antiquierten sozialistischen Gedanken durchsetzt und nicht stringent durchdacht, erinnerte ich vage als erfrischend, was der Autor meinte zu Wohltätigkeit und Armut…. – wie hieß er noch? Ach ja! Bei Kilometer 13 machte ich kehrt, Kurs Stadtbibliothek.

Dass ich mein Rennrad mangels Schloss zur Ausleihe hochtrage, sorgt für einen kleinen Aufruhr. An einem Lesetisch lässt jemand in Schmuddelkleidung die Zeitung sinken. Ich kenne ihn vom Sehen, bei kaltem Wetter sitzt er häufig hier. „Ich mach das“, murmelt er, lupft das Rad, bringt es auf die Straße. Als ich, mit Buch in der Radjacke, zu ihm stoße und mich bedanke, verzieht er keine Miene. Stumm kehrt er zurück zur Zeitung.

Oscar Wilde, 1891:

„Die besten unter den Armen sind niemals dankbar. Sie sind undankbar, unzufrieden, unbotmäßig und aufsässig. Sie haben ganz recht, so zu sein. Sie fühlen, dass die Wohltätigkeit eine lächerliche ungenügende Art der Rückerstattung ist (…). Was die Unzufriedenheit angeht, so wäre ein Mensch, der mit solcher Umgebung und so einer niedrigen Lebenshaltung nicht unzufrieden sein wollte, ein vollkommenes Vieh. Unbotmäßigkeit ist für jeden, der die Geschichte kennt, die recht eigentliche Tugend des Menschen. Durch die Unbotmäßigkeit ist der Fortschritt gekommen, durch Unbotmäßigkeit und Aufsässigkeit.“

Quelle: siehe Foto.

Martin C Roos steht mit Radhelm vor der Stadtbibliothek Lübeck und hält triumphierend das eben ausgeliehene Büchlein in der Linken.
Kleine Anleitung zur Aufsässigkeit: Wildes Essay "The Soul of Man under Socialism".

Über den RadelndenReporter

Martin Christof Roos schreibt über Kultur und Wissenschaft. 2019 gründete er RiffReporter.de/Deutschland. Kick-off-Recherche war seine einmonatige Fahrt mit dem Rennrad durch alle Bundesländer. Über Erlebnisse und Recherchen auf der 2.451 Kilometer langen Tour schreibt er derzeit ein Buch, das Sie durch Abo von RiffReporter.de/Deutschland mitfinanzieren.

Als Freier Autor publiziert er seit 1996 in mannigfaltigen Medien, unter anderen Süddeutsche Zeitung, Welt, Berliner Morgenpost, Merian, Bergverlag Rother, Deutscher Alpenverein, Rennradmagazin TOUR und vielen mehr. Roos ist Mitglied des Lübecker Autorenkreis e.V., ein von der Körber-Stiftung geschulter Tutor für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten sowie Dozent beim Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation.

  1. Abenteuer
  2. RadRecherche
  3. Wintertraining

Im Dunkelfieber

Vom Glück, Widrigkeiten von Wetter und Winter zu trotzen. Eine Roos-Reportage mit Hympendahl-Fotos.

Drei Radfahrer in frontaler Ansicht.
  1. Deutschland
  2. RadRecherche
  3. Reportage

Halb leer oder halb voll? – Radreport Deutschland Teil 1

Wie geht's Deutschland? Ist das Glas wirklich halb leer? – Antwort RadelnderReporter, mit Fontane gesprochen: "Kinder, so schlimm wie Ihr es macht, ist es nicht."

Ein Teller mit Kartoffeln, Sülze, Tellergarnitur und einem halb getrunkenen Bierglas.
  1. Deutschlandfahrt
  2. MobileReporting
  3. RadRecherche

RadelnderReporter: Die Video-Zusammenfassung zur Deutschlandfahrt

Aus 90 Minuten wurden 57: Hier gibt es den "Best-of"-Zusammenschnitt aus den 48 Videoclips von unterwegs, auf den 24 Radetappen durch die 16 Bundesländer.

Recherchesituation
  1. Deutschland
  2. Meinung
  3. Merkel
  4. RadRecherche

Klischee, Vorurteil, Schwachsinn?

Sieben fotografische Kommentare zur Kampagne "Das ist sooo deutsch" der Bundesregierung.

Deutscher Sandalenträger mit weißen Socken.
  1. 3._Oktober
  2. Holstein
  3. Kolumne
  4. RadRecherche

Holstein einig Feierland

Tag der Deutschen Einheit, begangen heuer im nördlichsten Bundesland: "Mut verbindet". Diesem Motto stelle ich #Mut#Holstein gegenüber, hinterfrage den schönen Einigkeitsschein und schaue mit vielen Fotos satirisch hinaus über den Kai-Rand an der Kieler Förde.

Flaschengalerie auf einem überfüllten Altglascontainer
  1. Architektur
  2. RadRecherche
  3. Sachsen-Anhalt

Der RadelndeReporter auf Spurensuche in Wittenberg

Im "UNESCO-Schatten" von Dessau und "Gartenreich" birgt Wittenberg ein wenig beachtetes architektonisches Wunder, das, dem Bauhaus gleich, 2019 hundert Jahre alt wurde.

Martin C Roos vor einer Hauswand, verziert mit dem Elbeverlauf
  1. Berlin
  2. Currywurst
  3. RadRecherche

Basieren die 70-Jahr-Zelebrationen zur "Berliner Currywurst" auf falschen Fakten?

Gesichert ist: Die hier abgelichtete Speise kommt aus dem ältesten Berlin der Welt.

Nahaufnahme einer Portion Currywurst.
  1. Bilderstrecke
  2. Brandenburg
  3. RadRecherche

Brandenburg: Nach der Wahl ist vor der Wahl

Gewählt hat man im Havelland schon vor dem 1. September, sich trotz Strukturschwäche zu arrangieren (und ein Stück weit zu amüsieren). Eine Bilderstrecke.

handgemchtes Schild "Effi loves You".
  1. RadRecherche
  2. Stimmungslage
  3. Württemberg

"Der Deutsche ist ein Schlamper geworden. Und das hat er gelernt von den Ausländern"

Gebeten hat der RadelndeReporter um eine breite Einschätzung der Nachwendezeit, gezündet hat er eine einseitige Schimpfkanonade - Fahrt durch alle Bundesländer, Etappe 13.

Kompaktes, glänzendes Feuerwehrmobil mit Aufschrift Eningen unter Achalm
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Der radelnde Reporter