Der Illusion misstrauen

Zur Diorama-Schau in der Frankfurter Schirn

Von Carmela Thiele

9. Oktober 2017

Das moderne Leben ist von Effizienzdenken geprägt und lässt kaum Zeit für die Schönheit des Lichts der Dämmerung oder einen Moment des Erstaunens über das Gelb, das die Straßen im Herbst in ein Gemälde verwandelt. Die Empfindung der Schönheit des Augenblicks können wir aber nicht entbehren und holen es uns anderswo, im Kino, bei Spektakeln aller Art oder auch im Museum.

Ein Vorläufer des Kinos ist das Diorama, das bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Publikum mit sich wandelnden Bildern in seinen Bann zog. Die Illusion von Abenteuer verspricht auch eine ganz andere Form des Dioramas, die Tierszenen ferner Gegenden im Naturkundemuseum. Beide Formen des Dioramas sollen überwältigen und belehren – wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung. In beiden Fällen arbeiten Künstler, Wissenschaftler und Techniker Hand in Hand oder bilden diese Trias in Personalunion ab. Die Frankfurter Ausstellung „Diorama. Erfindung einer Illusion“ erzählt nun erstmals die Kulturgeschichte des Dioramas, versetzt uns in eine Welt der Wunder, konfrontiert uns aber auch mit der kritischen Reflexion der Illusionsmaschine in der zeitgenössischen Kunst.

Den Ausstellungsmachern geht es zwar am Ende auch um Politik und Moral, um die Frage, ob wir überhaupt noch unterscheiden können, was real und was Illusion ist in unserem medialen Leben. Doch feiern sie auch die Welt der Wunder und der Schönheit. Und das können vielleicht die Franzosen am besten. Die Idee zur Ausstellung hatte Laurent Le Bon, eigentlich Direktor des Musée Picasso in Paris, der schon seit vielen Jahren fasziniert ist vom Format des Dioramas, wie er sagt. Er realisierte das Projekt zusammen mit Kollegen vom Palais de Tokyo in Paris und der Schirn, die er auch keine Sekunde von der Bedeutung des Themas überzeugen musste.

Ein Feuer speiender Vulkan bei Nacht.
Einmal nachts am Golf von Neapel den Ausbruch des Vesuvs beobachten. Jean Paul Favand macht's möglich.
Schirn Frankfurt/Main

Anstatt etwas zur Ausstellung zu sagen, jongliert er mit dem Begriff Diorama, wörtlich übersetzt durch (etwas) schauen oder durchschauen. Illusion und Wahrheit seien ja manchmal nicht auseinanderzuhalten, fabuliert Le Bon, gerade für Kuratoren, wo sich Privatleben und Beruf vermische. Er wisse manchmal gar nicht, ob er sich selbst in einer Art Diorama befinde oder im wirklichen Leben. Aber er wolle in diesen politisch anstrengenden Zeiten – „wir sind ja jetzt en marche“ – etwas Schönes machen und lädt uns ein, in die Welt der Wunder einzutauchen, sich von märchenhaften Lichtprojektionen verzaubern zu lassen, sich der Illusion aufregender und schöner Momente hinzugeben.

Umso krasser fällt dann das Erwachen aus. Die Mechanik der Effekte, die Manipulation unseres Voyeurismus, das Spiel mit unseren Sehnsüchten. Wir lächeln darüber, wie über den Sonnenuntergang am Golf von Neapel, eine beidseitig bemalte Leinwand, belebt durch Lichtprojektionen und Musik. Wer aber neugierig durch die rückwärtige Tür des mechanischen Theaters schaut, erblickt eine Batterie Scheinwerfer und ein paar PCs, die das Spektakel steuern. Jean Paul Favand hat die Jahrmarktsattraktion 2007 aus dem 19. Jahrhundert erworben, restauriert und modernisiert.

Dioramen sind eigentlich nicht auszustellen

Da Dioramen eigentlich nicht auszustellen sind, weil sie zerstört, zu groß oder zu fragil sind, ergänzt der Katalog die Ausstellung ganz hervorragend. Darin sind Zeichnungen des 1822 von Jacques Louis Mandé Daguerre in Paris eröffneten Diorama abgebildet, das eine absolute Weltneuheit darstellte und schnell Nachahmer in ganz Europa fand. Daguerre, eigentlich Maler und einer der Erfinder der Fotografie, hatte mit seinem Team eine Architektur-Bildmaschine gebaut, bei der das Publikum in einem unmerklich rotierenden Amphitheater saß und auf die Reise in ferne Länder geschickt wurde oder aber eine spektakuläre Mitternachtsmesse miterlebte. Durch illusionistisch bemalte Leinwände, Requisiten im Vordergrund und ausgeklügelte Lichteffekte entstanden sich wandelnde Bilder, die Illusion realer Welten, Filme ohne Zelluloid.

Blick in die Ausstellung
Lebendiger als im wahren Leben: Alterslose Tiere im Naturkundemuseum.
NORBERT-MIGULETZ

Wenig später, nachdem die Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Siegeszug angetreten hatte, sehnte sich der Dichter und Kunstkritiker Charles Baudelaire zurück ins Diorama, „deren brutale und überwältigende Magie mir eine förderliche Täuschung aufzudrängen weiß“. Lieber betrachte er einige Theaterdekorationen, wo er seine Lieblingsträume kunstvoll ausgedrückt und tragisch vereinigt finde. Da dergleichen falsch sei, sei es dem Wahren unendlich viel näher, während die meisten Landschaftsmaler Lügner seien, weil sie zu lügen versäumt haben. Wir brauchen also die Lüge, um das Wahre zu erkennen?

Wir brauchen die Lüge, um das Wahre zu erkennen

Mit der verführerischen Magie raffinierter Lichtprojektionen konnten die naturkundlichen Dioramen wohl kaum konkurrieren, doch sind sie dafür bis heute in vielen Naturkundemuseen noch Standard. Zu den spektakulärsten Beispielen gehört die Akeley Hall of African Mammals im New Yorker Naturkundemuseum , eine Abfolge verschiedener Dioramen, die Gazellen, Hyänen, Zebras, Affen und sogar Elefanten täuschend echt inszeniert. Der Bildhauer und Tierpräparator Carl Akeley hatte die Tiere 1920/21 in Afrika beobachtet, fotografiert und gefilmt und war darüber zum Naturkundler und Tierschützer geworden. In der Ausstellung sind seine Filmaufnahmen zu sehen, sowie eine von Akeley gefertigte Büste des Gorillas, den er für das Museum schießen ließ. Der Forschungsreisende erstellte aber auch die erste Studie über die Lebensräume der Gorillas und setzte sich für deren Arterhalt ein. 

Akeley gelangte als Präparator zu ganz außergewöhnlich realistischen Ergebnissen, weil er entsprechend der natürlichen Bewegung des Tiers eine Skulptur formte, die er mit der abgebalgten Haut überzog. Da stellt sich wieder die Frage, ob uns das Künstlerische oder Künstliche realistischer erscheint als die Wirklichkeit? Nur wenige von uns haben die Möglichkeit, das zu überprüfen. Akeley kam jedoch der Vorstellung einer Elefantenherde so nahe, dass uns ihr Anblick beim Museumsbesuch ein wenig erschaudern lässt.

Wald
Echter Wald oder Kulisse? Hiroshi Sugimotos "Original Forrest", fotografiert in Northern Pensylvania, 1980.
Foto Care

Von dieser Ambivalenz des Dioramas, dem Spiel zwischen Illusion und Realität, waren auch Künstler_innen wie Robert Gober, Diane Fox und Hiroshi Sugimoto fasziniert, die im New Yorker Naturkundemuseum Tierszenen fotografierten, dabei aber den Rahmen der Schaukästen aussparten. Die Illusion war perfekt. Sie versetzten die Eisbären zurück in den Schnee und Walrösser auf die nackten Felsen des Meeres oder verwandelten die gemalte und gebaute Landschaftskulisse zurück in wilde Natur.

Eher nüchtern dekonstruierend ist dagegen der Blick von Richard Barnes auf das Diorama. Er fotografierte einen Mitarbeiter, der neben einem Bison auf Schnee staubsaugt oder eine Giraffe, die noch verpackt von der Decke hängt, während der Untergrund des Dioramas erneuert wird. Auch Mark Dions Ambitionen sind aufklärerisch, obwohl seinem modernen Diorama auch eine Lust am Erzählen anzumerken ist. Er schuf eine dreidimensionale Collage einer urbanen Müll-Ecke, wo Tauben und Krähen, Mäuse und Katzen nach Nahrung suchen. Die Tiere haben sich an ihr neues Habitat angepasst, finden ihr Futter unter den Dingen, die der Mensch (nebst seinen Träumen von einer heilen Welt in der Natur) entsorgt hat. Neben den Mülltonnen liegen gebündelt zu Altpapier Zeitschriften und Bücher über exotische Tiere.

Marcel Duchamp hatte den Durchblick

Es geht also bei dem künstlerischen Umgang mit dem Diorama um den gelenkten Blick, um das Sehen, und welche Gedanken es in uns auslöst. Marcel Duchamp hat diesen Mechanismus wie kein anderer durchschaut. In seinem letzten Werk, das erst nach seinem Tod ausgestellt werden durfte, nutzte er das Prinzip des Dioramas, um unsere geheime Freude am Verbotenen und Rätselhaften zu entlarven. Denn die Betrachter_innen müssen durch ein Loch in einer Holztür spähen, um den Körper einer nackten, leblosen Frau im Gras zu erspähen – was Anlass zu allerlei Spekulationen gibt. Richard Baquié baute das Werk nach, gewährt aber allseits Einblick in die Bühnenkonstruktion, womit sich der Reiz des Werks komplett erledigt; er beruht einzig und allein auf unserer Neugierde und unserer Fantasie.

Ein Kasten auf Rollen
Zeitgenössische Künstler wie Mark Dion griffen das Format des Diorama auf und erzählen neue Geschichten.
NORBERT-MIGULETZ

Dioramen sind also Inszenierungen, die visuelle Erzählungen in uns auslösen, aber mitunter auch mehr über die Erzähler aussagen als über das Erzählte. Der Tierpräparator Walter Potter etwa orientierte sich Mitte des 19. Jahrhunderts an der anthropomorphen Tierpräparation, die ausgestopfte Tiere in menschlichen Posen zeigte. „Happy Family“ nannte er seine Komposition von Vögeln und kleinen Säugetieren, die wie eine große Familie einträchtig beieinander um einen Baum gruppiert sind – obwohl eine echte Schneeeule mit einem echten Kaninchen sicher schnellen Prozess gemacht hätte. Potters Ziel war kein naturkundliches, er nahm bei „Happy Family“ ein beliebtes Motiv des viktorianischen Englands auf, das auf eine Bibelstelle zurückging.

Wenn das Diorama vieles über deren Macher sagt, dann dient es vielleicht auch ganz ausgezeichnet für ein utopisches Experiment. In der Ausstellung wird ein Ausschnitt des Films „Planet der Affen“ (1968) gezeigt. Charlton Heston irrt als Astronaut George Taylor durch eine gespenstische Kulisse – Schaukästen mit ausgestopften Menschen. Er ist auf der Flucht, im 4. Jahrtausend haben die Affen die Herrschaft über die Welt übernommen, der Mensch ist nahezu ausgestorben, auch Taylor droht der Tod im Dienste der Wissenschaft.

Die Schau, die im Frühjahr im Pariser Palais de Tokyo zu sehen war, kommt in Deutschland zur rechten Zeit, wo die Kontroverse um das Humboldt Forum eine öffentliche Debatte über unseren Blick auf „das Andere“ ausgelöst hat. Denn wenn heute von Dioramen die Rede ist, kommen uns auch Bilder in den Kopf, die wir gerne verdrängen würden, Fotografien von auf den Welt- oder Kolonialausstellungen neugierigen Blicken freigegebenen Afrikanern und Ozeaniern, ihre Inszenierung in Baströckchen und Lendenschurz.

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Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main läuft bis zum 21. Januar 2018.

Katalog: Diorama, Erfindung einer Illusion, hrsg. von Katharina Dohm, Claire Garnier, Laurent Le Bon, Florence Ostende. Mit einem Vorwort von Philipp Demandt, einer Einführung der Herausgeber und Essays u.a. von Donna Haraway, Hiroshi Sugimoto, Anselm Kiefer, Petra Lange-Berndt und Kent Monkmann, 350 Seiten, 320 Abb., Querformat, Softcover, Gestaltung: ABM Studio, Snoeck Verlag Köln, Preis: 29 Euro (Schirn), 39,80 (Buchhandel).