Schweigsamen Wissenschaftlern stehen schwierige Zeiten bevor

Interview: Bundesforschungsministerin Anja Karliczek will Forscher zum Dialog mit der Gesellschaft bewegen. Sie lehnt Staatsmittel für Wissenschaftsjournalismus ab.

Everett225/Deposit Telefonistin (Symbolbild)

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat die Wissenschaftskommunikation von Anfang an zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht. Nun hat sie ein Grundsatzpapier über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft vorgelegt. Jan-Martin Wiarda, Experte für Bildungs- und Forschungspolitik, hat Karliczek dazu befragt.

Frau Karliczek, als Sie im März 2018 zur Wissenschaftsministerin berufen wurden, haben Sie gesagt, Sie müssten sich erst einarbeiten, und haben sich mit inhaltlichen Aussagen zurückgehalten. Mit einer Ausnahme: der Wissenschaftskommunikation. Deren Bedeutung haben Sie vom ersten Tag an betont. Warum?

Viele empfinden, dass unsere Welt immer komplizierter wird. Gründe sind die Globalisierung und der technologische Fortschritt. Nicht wenige Menschen fühlen sich durch diese Komplexität überfordert. Sie suchen nach Antworten. Ich bin davon überzeugt, dass die Wissenschaft den Menschen gerade in dieser Hinsicht Orientierung geben kann. 

Wissenschaftler als Welterklärer?

Das ist doch seit jeher Anspruch von Wissenschaft. Die Wissenschaft ist eine tragende Säule der Gesellschaft. Zugleich ist sie für die Politik Ratgeber und liefert Wissen und Fakten für politische Entscheidungen. Wichtig ist dafür, dass Wissenschaft ihre Erkenntnisse verständlich kommuniziert. Und dabei geht es nicht nur um die Erkenntnisse, das fertige Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit, sondern auch um den Weg dahin. Das stärkt Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft. Und nicht zuletzt auch in die Prozesse in der Demokratie.

„Die Wissenschaft sollte schon auch ein Eigeninteresse an einem guten Dialog mit der Gesellschaft haben.“

Das klingt alles sehr selbstlos: Wissenschaftskommunikation für das Wohl der Menschen und der Gesellschaft?

Wissen verpflichtet. Die Wissenschaft sollte schon auch ein Eigeninteresse an einem guten Dialog mit der Gesellschaft haben. Dialog schafft Vertrauen. Und nicht zuletzt wird die Wissenschaft von Bürgerinnen und Bürgern ja auch in weiten Teilen finanziert. 

Sie haben seit Ihrem Amtsantritt zu Expertengesprächen eingeladen, Ihr Ministerium hat bei Wissenschaftskommunikatoren, Journalisten und Medienfachleute Ideen gesammelt und Analysen in Auftrag gegeben. Das Ergebnis liegt nun vor. „Grundsatzpapier Wissenschaftskommunikation“ heißt es. Was ist für Sie die wichtigste Aussage darin?

Wir möchten mehr Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Bürgerinnen und Bürger sollen das Gefühl haben, dass sich Wissenschaft öffnet und über ihre Arbeit in den Austausch geht. Das bedeutet, dass die Wissenschaft auch immer bereit ist, Impulse aus der Gesellschaft aufzunehmen. Dieser Austausch wird dafür sorgen, dass Diskussionen faktenbasierter werden. Damit kann Wissenschaftskommunikation einen entscheidenden Beitrag dafür leisten, dass sich Diskussionen versachlichen in einer Gesellschaft, die zurzeit zum Teil sehr aufgewühlt ist. Mein Haus möchte diesen Dialog noch intensiver unterstützen.

Wie wollen Sie die Wissenschaftskommunikation denn künftig konkret unterstützen?

Wir werden den intensiven Dialog über die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation fortsetzen. Und wir tun das, indem wir eine Denkwerkstatt schaffen. Hier möchten wir mit den Chefs der Wissenschaftsorganisationen und mit Experten aus der Wissenschaftskommunikation, dem Wissenschaftsjournalismus und auch aus der Politik über Aufgaben und Ziele diskutieren und auch sagen, wer was bereits leistet und künftig tun kann.

 „Das Thema in den Chefetagen der Wissenschaft zu

verankern, ist der eigentliche Kulturwandel.“

Diese Denkwerkstatt hat in Ihrem Papier einen schmissigen Namen: #FactoryWisskomm. Ansonsten hinterlässt sie bei mir Fragezeichen. Haben Sie und Ihr Ministerium nicht gerade jahrelange Diskussionsrunden zum Thema hinter sich, ist das Papier nicht ein Ergebnis dieser Diskussionsrunden? Und dann jetzt noch ein Arbeitskreis? Wollen Sie ewig weiterdiskutieren?

Der Unterschied ist, dass wir jetzt von den Arbeitsebenen in die Chefetagen wechseln. Denn dort gehört das Thema Wissenschaftskommunikation hin. Es dort zu verankern, ist der eigentliche Kulturwandel. Und ich kann nur sagen: Es ist jetzt wirklich Zeit für diesen Kulturwandel. Wissenschaftskommunikation wird immer wichtiger – schauen Sie sich doch die jüngsten gesellschaftlichen Debatten über den Klimawandel an. Diese Debatten zeigen doch wie die Gesellschaft empfänglich für Erkenntnisse der Wissenschaft. Fridays for Future hätte es sonst nicht gegeben.

Welche Themen wollen Sie mit den Chefs besprechen? 

Für mich zentral ist zum Beispiel die Frage, wie ein Engagement für Wissenschaftskommunikation karriereförderlicher werden kann. Das A und O ist und bleibt natürlich die wissenschaftliche Exzellenz. Aber hier sehe ich keinen Widerspruch. Die Antworten und Wege für eine bessere Wissenschaftskommunikation müssen vor allem von der Wissenschaft selbst formuliert werden. Es wäre auch gut, wenn das Thema in der Aus- und Weiterbildung aufgegriffen wird. Unser Ziel ist, innerhalb von einem Jahr Ergebnisse in der Factory zu erarbeiten.

In Ihrem Grundsatzpapier wird stolz darauf verwiesen, dass die Wissenschaftskommunikation schon jetzt „Aufnahme in den Pakt für Forschung und Innovation gefunden“ habe. Glauben Sie, das kratzt die Chefs der Forschungsorganisationen wirklich?

Wir haben in den vergangenen Monaten deutlich gemacht, wie wichtig uns der Kulturwandel in der Wissenschaft ist. Die Gesprächspartner haben das sicher auch registriert. Ich sitze mit den Präsidenten der Organisationen regelmäßig zusammen, und ich habe ihnen in gefühlt jeder Runde deutlich gemacht, dass die Wissenschaftskommunikation für mich keine Petitesse ist, sondern jetzt jeder und jede in der Wissenschaft gefordert ist, in den Dialog mit der Gesellschaft einzutreten. Ich weiß auch, dass meine Forderung nicht überall in der Wissenschaft auf Gegenliebe stößt. Ich kann das sogar in Teilen nachvollziehen, weil unser Anliegen auch Auswirkungen auf ihre Arbeit hat.

„Jeder und jede in der Wissenschaft ist gefordert,

in den Dialog mit der Gesellschaft zu treten.“

Und was können Sie als Politik schon jetzt tun, während die Denkwerkstatt noch berät?

Künftig wird die BMBF-Förderung immer auch Wissenschaftskommunikation als ein Querschnittsthema beinhalten. Ein gewisser Teil der Ressourcen muss künftig für die Wissenschaftskommunikation verwandt werden. In einem Forscherteam könnte doch zum Beispiel ein Kollege oder eine Kollegin sich in den sozialen Medien bewegen und dort das Projekt kommunizieren.

Von was für einem Anteil reden wir? Der Chef des Berliner Museums für Naturkunde, Johannes Vogel, hat einmal gefordert, es müsste von der Politik ein fester Prozentsatz der Fördermittel in jedem Projekt für die Wissenschaftskommunikation reserviert werden.

Einen festen Prozentsatz möchten wir nicht vorgeben. Kommunikation muss ja auch nicht immer viel Geld kosten. Entscheidender ist, dass für diese wichtige Aufgabe genügend Kapazität geschaffen wird. Sie muss von Anfang an mitgedacht werden. Manch ein Thema wird zum Beispiel komplizierter und damit aufwändiger zu kommunizieren sein als ein anderes. Außerdem entwickeln sich Kommunikationsformate immer weiter.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU)
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU)

Aber fest steht: Künftig kommt kein Wissenschaftler, der Forschungsgelder haben will, mehr um das Thema Kommunikation herum?

Genau. Im Augenblick betreiben manche schon heute eine sehr aktive Kommunikation, weil sie ohnehin eine Leidenschaft dafür haben. Andere scheuen sich eher davor. Damit komme ich erneut auf diesen grundlegenden Kulturwandel zu sprechen. Es gibt neben tollen Formaten wie Science Slams und Langen Nächten der Wissenschaft so viele Möglichkeiten und Kanäle, um in einen Dialog mit den Menschen zu gehen. Wir signalisieren eben auch über die Forschungsförderung: Kommunikation ist ein Zukunftsthema! Und eine Folge sollte sein: Wissenschaftliche Karrieren können auch über das Engagement in der Wissenschaftskommunikation angeschoben werden.

In dem Grundsatzpapier wird auch die Förderung einer neuen Online-Plattform angesprochen. Wofür soll die gut sein?

Wenn wir mehr Wissenschaftskommunikation einfordern, haben wir gleichzeitig im Blick, wie die Qualität von Wissenschaftskommunikation gesichert werden kann. Um verlässliche Aussagen darüber zu ermöglichen, werden wir die Forschung über Wissenschaftskommunikation ausbauen. Leitfragen sind: Wie funktioniert Wissenschaftskommunikation am besten? Was wirkt? Wie erreiche ich unterschiedliche Zielgruppen? Seit Oktober arbeitet „Wissenschaft im Dialog“ mit unserer Förderung am Aufbau einer Plattform für Evaluation und Wirkungsmessung von Formaten der Wissenschaftskommunikation. Über diese Plattform sollen Tools zur Verfügung gestellt werden, die es Akteuren der Wissenschaftskommunikation ermöglichen, ihre Formate selbst besser auszuwerten und mit anderen zu vergleichen.

„Das hat natürlich auch Folgen 

für die Wissenschaftsjournalisten.“ 

Der größte Teil des Grundsatzpapiers besteht im Aufzählen und Anpreisen von Altbekanntem: den Wissenschaftsjahren zum Beispiel. Auch der Partizipationsprozess in der Hightechstrategie darf nicht fehlen, dann wird noch die Weiterförderung der Bürgerwissenschaft (Citizen Science) angekündigt. Was ist hier die Botschaft? Dass das meiste schon ganz toll läuft in der Wissenschaftskommunikation oder dass dem BMBF wenig Neues eingefallen ist?

Es zeigt, wie vielfältig das, was wir haben, schon ist. Und wie zugeschnitten die einzelnen Angebote für die jeweilige Zielgruppe sind. Die MS Wissenschaft als schwimmendes Science Center ist ein tolles Angebot für Schulklassen, Familien und andere Interessierte im ganzen Land. Die Bürgerwissenschaften wiederum bieten die Gelegenheit zum Mitforschen, wenn es zum Beispiel um das Zählen von Insektenbeständen geht. Und dann gibt es wiederum neue Orte der Begegnung in und mit der Wissenschaft. Als ich hier im Ministerium anfing, wurde nebenan gerade das Futurium gebaut, und ich war schon sehr gespannt. Ich bin unheimlich froh, dass wir direkt neben dem Hauptbahnhof einen Ort haben, um Debatten über Wissenschaft zu führen. 

Was ist eigentlich mit dem Gegenpart zur Wissenschaftskommunikation, dem Wissenschaftsjournalismus? Der wird in Ihrem Papier kurz in seiner Unabhängigkeit gepriesen, dann aber weitgehend ignoriert.

Der Wissenschaftsjournalismus ist immens wichtig. Wissenschaftsjournalisten leisten täglich große Übersetzungsleistung von der und für die Wissenschaft in die Gesellschaft. Sie sind oft Fachleute in einer ganz bestimmten Wissenschaftsdisziplin, hochspezialisiert. Wir ermuntern Wissenschaftlerinen und Wissenschaftler, sich mehr in die Medienwelt hinauszuwagen. Das hat natürlich auch Folgen für die Wissenschaftsjournalisten. Sie werden gewissermaßen als Sparringpartner noch mehr gefragt sein. 

Journalisten wollen aber nicht Sparringpartner sein, sie wollen in einem Mediensystem arbeiten, das ihre Arbeit finanzieren kann. Die Schieflage, dass die Wissenschaftskommunikation zusätzliche Mittel erhält, während dem Wissenschaftsjournalismus die Geschäftsgrundlage wegzubrechen droht, wird immer offensichtlicher. Könnte das BMBF dann nicht auch eine unabhängige Stiftung für den Wissenschaftsjournalismus fördern?

Ich weiß, dass der Wissenschaftsjournalismus insgesamt in einer schwierigen Lage ist. Das gilt auch für andere Bereiche des Qualitätsjournalismus. Bei staatlicher Förderung von Medien ist aber Vorsicht geboten. Ich bin – um es deutlich zu sagen – aus grundsätzlichen Erwägungen dagegen. Das Grundgesetz garantiert die Unabhängigkeit der Medien. Eine Förderung des Staates ist vor diesem Hintergrund problematisch. Auch eine nur indirekte Förderung von Journalismus könnte den Verdacht aufkommen lassen, der Staat würde die Medien beeinflussen. Das wäre gerade in der heutigen Zeit, in der ohnehin schon nicht wenige Menschen meinen, dass die Medien nicht objektiv seien, nicht gut. Nein, für viel sinnvoller halte ich Einrichtungen wie beispielsweise das „Science Media Center“, das Wissenschaft und Journalismus zusammenbringt. Übrigens, mehr Wissenschaftskommunikation bietet durchaus mehr Chancen für Medienfachleute. Ich glaube, am Ende werden alle davon profitieren, wenn wir die Wissenschaftskommunikation stärken: Die Wissenschaft, die Wissenschaftsjournalisten, aber vor allem die Gesellschaft.

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