„Diese Werte sind für uns nicht verhandelbar“

Die TU Dresden geht mit einem ungewöhnlichen Aufruf zu den Landtagswahlen an die Öffentlichkeit. Rektor Hans Müller-Steinhagen erklärt den Grund

Hans Müller-Steinhagen, 65, ist seit 2010 Rektor der TU Dresden. Zuvor war er Direktor des Instituts für Technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und des Instituts für Thermodynamik und Wärmetechnik an der Universität Stuttgart.

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Herr Müller-Steinhagen, die Technische Universität Dresden hat vergangene Woche einen Aufruf an die sächsischen Wähler veröffentlicht, Überschrift: „Demokratie ist ein wertvolles Gut, welches es zu schützen gilt“. Macht Ihre Hochschule jetzt Parteipolitik?  

Wir machen keine Parteipolitik, das dürfen und wollen wir auch gar nicht. Unsere Stellungnahme richtet sich nicht gegen bestimmte Parteien, sie ist eine Aufforderung an alle Mitglieder unserer Universität, aber auch an alle Bürgerinnen und Bürger, genau hinzuschauen: Passen die Programme der zur Wahl stehenden Parteien zu den Werten, für die wir als Universität stehen? Unsere Bitte angesichts der anstehenden Landtagswahlen lautet: Informieren Sie sich – und dann gehen Sie bitte auch zur Wahl.  

Neulich hatte schon die TU Chemnitz mit einem ähnlichen Appell für Schlagzeilen gesorgt. Ist die Lage in Sachsen so ernst? 

Wir haben in den vergangenen Monaten hier im Freistaat eine Stimmung erlebt, die geprägt war von populistischen und teilweise nationalistischen Untertönen. Gleichzeitig wissen wir, dass die meisten Leute die Wahlprogramme gar nicht lesen. Täten sie es, würden womöglich viel mehr von ihnen zur Wahl gehen, um unsere Demokratie zu verteidigen. Bei der Brexit-Abstimmung in Großbritannien war das so: Die Mehrheit für den Austritt kam überhaupt erst zustande, weil sehr viele junge Leute gar nicht gewählt haben.

Hans Müller-Steinhagen, Rektor der TU Dresden

Von welchen nationalistischen Untertönen sprechen Sie konkret? 

Wenn plötzlich der Begriff von einer Leitkultur wieder hochkommt und es heißt, dass nur noch der willkommen sei, der sich anpasst, der sich der „deutschen Kultur“ unterordnet, dann schrillen bei mir die Alarmglocken. Dann bekomme ich das Gefühl, hier werden mit einem Mal wieder ganz grundsätzliche Freiheiten hinterfragt. Freiheiten, die für die Entwicklung einer offenen Gesellschaft immens wichtig sind, denn eine offene Gesellschaft profitiert von den vorhandenen Unterschieden, wir lernen voneinander und entwickeln uns gemeinsam weiter. Ebenso wenig können wir als Universität Aussagen von Politikern akzeptieren, sie wollten künftig bestimmte Studiengänge oder Forschungsgebiete nicht mehr zulassen – einfach weil sie ihnen ideologisch nicht genehm sind. Besorgniserregend sind auch Ankündigungen, die Kulturförderung müsse künftig nach ökonomischen Gesichtspunkten organisiert werden.   

Ist das jetzt Ihre persönliche Meinung oder die Universität? 

Nein, das ist nicht nur meine persönliche Meinung. Ich bin froh, dass auf meine Initiative hin das Rektorat und der Senat und der Personalrat der TUD fast einstimmig, bei einer Enthaltung ihre gemeinsame Stellungnahme beschlossen haben. Uns allen war es in der jetzigen politischen Situation wichtig, uns als Hochschule hinzustellen und ganz klar zu sagen: Weltoffenheit, Toleranz, Menschlichkeit und Respekt sind unsere Werte, und diese Werte sind für uns nicht verhandelbar. Mehr noch: Diese Werte sind die einzige und entscheidende Basis für unseren Erfolg als nationale und internationale Spitzenuniversität.  

Es bleibt ein Balanceakt: als Hochschule gegen fremdenfeindliche Politik protestieren, ohne bestimme Parteien explizit anzugehen.  

Wir entscheiden nicht, wer sich von unserem Aufruf angesprochen und eventuell getroffen fühlt. Wir stellen nur die Werte in den Vordergrund, die wir für existentiell halten für die Zukunft Sachsens und speziell der Wissenschaft. 

Hand aufs Herz: Wie weltoffen ist Dresden, Herr Müller-Steinhagen? 

Innerhalb der Wissenschaftsszene: extrem weltoffen. Wir können uns an der TU Dresden und an den Forschungseinrichtungen im Umfeld über eine kontinuierlich wachsende Zahl internationaler Studienanfänger freuen. Und wenn ich mit diesen Studierenden rede, erhalte ich ein sehr positives Feedback. Sie fühlen sich wohl bei uns. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Dresden und Sachsen insgesamt – ich sage mal vorsichtig – fremdeln mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen, die anders aussehen, die andere Sitten mitbringen. Diese Menschen müssen wir in Schutz nehmen, und gleichzeitig müssen wir die Bürgerinnen und Bürger Sachsens davon überzeugen, dass sie selbst es sind, die am meisten von der Internationalität profitieren.

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