Internet für Schüler: Die verwirrende Flatrate der Telekom

Das Unternehmen kündigt einen "Education-Tarif" für 10 Euro an: Das von Bund und Ländern versprochene günstige Bildungs-Internet für alle Schülerinnen und Schüler? Eine Spurensuche.

ES GEHÖRTE zu den Ergebnissen des informellen Bildungsgipfels im Kanzleramt: Alle SchülerInnen sollen einen kostengünstigen Internetanschluss zu Bildungszwecken erhalten. Für rund 10 Euro im Monat, verabredeten Bundeskanzlerin Merkel, SPD-Chefin Esken, Bundesbildungsministerin Karliczek und eine Abordnung von Landeskultusministern vor knapp zwei Wochen.  

Und nur eine Woche später, am vergangenen Freitag, vermeldete die Deutsche Telekom bereits: Die "Bildungs-Flatrate für Schüler und Schülerinnen" kommt. Ein neuer Mobilfunktarif namens "Education" soll ausschließlich der Datennutzung dienen, keinerlei Datenlimit haben, dafür aber nur für Bildungsinhalte nutzbar sein. Was aber sind Bildungsinhalte, wer bestimmt das? Die Antwort der Telekom: die Vertragspartner. Die wiederum sollen die staatlich anerkannten Schulen und Schulträger sein. Sie legen jeweils individuell fest, welche digitalen Plattformen, Medien und Videochat-Programme die Schüler freigeschaltet bekommen.  

Kostenpunkt der Bereitstellung für die Nutzer: null Euro. Zitat aus dem Telekom-Blog: "Wir wollen vielen Schüler*innen einen mobilen Zugang zum Netz ermöglichen. Unabhängig von der jeweiligen Infrastruktur und der Ausstattung der Schulen in den einzelnen Bundesländern. So können sie von überall aus digital lernen und auf die vielfältigen Möglichkeiten der Digitalisierung zugreifen."

Die Wahrheit ist etwas komplizierter

Eine atemberaubend schnelle Umsetzung der Kanzleramts-Beschlüsse? Und dann ist die Umsetzung (0 Euro) auch noch besser als die Versprechungen (10 Euro)? So zumindest wurde die Nachricht in der Bildungsszene diskutiert. Tatsächlich ist die Wahrheit offenbar etwas komplizierter.  

Der neue Tarif ist nämlich dann doch nicht ganz so rasant entstanden. Er geht zurück auf ein anderes Sofortprogramm, das Bund und Länder Anfang Juli verabredet haben und das wiederum auf eine Entscheidung des GroKo-Koalitionsausschusses von Ende April zurückgeht: 500 Millionen Euro für Schüler-Endgeräte. Als Ergänzung des bestehenden Digitalpakts. Die Schulen, so wurde Anfang Juli vereinbart, sollen vor Ort entscheiden, welche Schüler die Laptops oder Tablets erhalten. 

Was Bund und Länder vor sieben Wochen außerdem festgelegt hatten: Für diese Endgeräte sollte es eine günstige Flatrate geben. Und Anja Karliczek sollte die Konzerne diesbezüglich um Unterstützung bitten, woraufhin die Ministerin Telekom und Vodafone angeschrieben habe, wie eine Ministeriumssprecherin sagt. "Beide Unternehmen haben in Gesprächen mit dem BMBF Modelle mit Daten-Sondertarifen entwickelt. Das Modell der Telekom ist aus dieser Diskussion entstanden."

Ein Modell, das übrigens keineswegs kostenlos ist: 10 Euro im Monat berechnet die Telekom für diese Flatrate – netto, womit sie brutto bei normalem Umsatzsteuersatz bei knapp 12 Euro liegen würde. Vodafone, ergänzt das BMBF, habe bereits einen Einsteigertarif "in ähnlicher Größenordnung", der dem Unternehmen als Maßstab für das Sofortprogramm gedient habe.

Ganz so war es dann doch nicht gemeint, signalisiert der Konzern 

Zahlen sollen das im Fall der Digitalpakt-Geräte allerdings nicht die Schüler selbst, sondern die Schulen und Schulträger– womit besagte Null-Euro-Flatrate zustande kam – aber eben nur für die Schüler.

All das war jedoch der Telekom-Meldung erstmal so nicht zu entnehmen, was offenbar zu reichlich verwirrten Nachfragen führte, weshalb auf der Konzern-Website am Montagabend plötzlich eine Ergänzung auftauchte: "Unsere SIM-Karten sollen mit den geförderten Endgeräten aus dem DigitalPakt zum Einsatz kommen. Die Kosten für die Schulträger belaufen sich auf 10 Euro pro Monat und Vertrag. Es fallen darüber hinaus keine Bereitstellungskosten an." 

Hat die so stolz verkündete Telekom-Flatrate also am Ende überhaupt nichts mit den jüngsten Kanzleramt-Flatrate-Beschlüssen für alle Schüler, also nicht nur für jene mit Digitalpakt-Endgerät, zu tun? 

Offenbar doch. Oder auch nicht. Anders gesagt: unklar. Das Ministerium von Anja Karliczek teilt auf Nachfrage mit, es solle durchaus eine "Ausweitung" über die Digitalpakt-Endgeräte hinaus geben. Zumindest die Deutsche Telekom wolle genau dieselbe Flatrate jetzt auch als Mobilfunktarif für alle Schulen anbieten.

Doch Moment – Betonung: für alle Schulen. Nicht für alle Schüler. Und nur für Geräte, die von den Schulen an Schüler gehen. "Für privat beschaffte Geräte gilt das Angebot nicht."

Eine kostengünstige Bildungsflatrate für alle Schüler, die mit Geräten im Eigentum der Schulen arbeiten, beauftragt und bezahlt von den Schulträgern: Das klingt irgendwie ähnlich und doch anders als das, was der informelle Bildungsgipfel besprochen hatte.  

Und was ist mit all den Millionen Schülern, die nicht auf Schulgeräten arbeiten? Kommt da noch etwas? Fest steht eigentlich nur: Angesichts der großen Geste auf dem Bildungsgipfel sieht der jetzt angekündigte Education-Tarif bei genauem Hinsehen ziemlich kleinkariert aus. 

Verstoß gegen die Netzneutralität?

Kritiker bemängeln derweil, die Telekom-Pläne verstießen gegen das Gebot der Netzneutralität. Es gebe angesichts hoher deutscher Mobildaten-Preise tatsächlich den dringenden Bedarf einer echten Flatrate für junge Menschen, schreibt Carsten Drees auf Mobile Geeks. "Was bekommen wir stattdessen? Eine Flatrate, die Schülerinnen und Schüler schon mal sachte aufs Zwei-Klassen-Internet vorbereitet." Abgesehen von der Frage, wie über die freizuschaltenden Inhalte entschieden werde: "Wie soll man als junger Mensch eigentlich Medienkompetenz mithilfe so einer Flatrate erlangen, wenn man die ganzen Inhalte überhaupt nicht zu sehen bekommt, die es einzuschätzen gilt? Wie lernt man das Recherchieren, wenn man gar nicht auf alles zugreifen kann, was das Netz bereithält?"

Losgehen solle es "nach den Sommerferien", sagt die Telekom, wobei der Konzern offenbar der Meinung ist, die Ferien gingen überall wie in Bayern und Baden-Württemberg erst Mitte September zu Ende. Dann erst soll der Tarif nämlich in allen Bundesländern starten, dann will der Konzern auch alle Tarifdetails bekanntgeben. 

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