Sind Quereinsteiger schlechtere Lehrer? Eine neue Studie von Bildungsforscher sagt: Nein

Beim Erklären von Fachwissen schneiden Quersteinsteiger so gut ab wie ausgebildete Lehrer und sie sind bei Stress offenbar belastbarer. Von Jan-Martin Wiarda

SIE SIND ZUM Symbol einer gescheiterten Personalpolitik der Kultusminister geworden: Quereinsteiger. Allein der Berliner Senat musste zum neuen Schuljahr 800 von ihnen einstellen, neue Lehrer, die nicht über ein klassisches Lehramt-Studium in den Beruf gekommen sind. Denn die frei werdenden Stellen lassen sich in Berlin und anderswo schon seit Jahren nicht mehr mit den Absolventen der Lehramts-Studiengänge allein besetzen. Die Kultusminister haben sich gründlich verplant, und die Korrektur ihres Fehlers in Form zusätzlich eingerichteter Studienplätze wird erst nach Jahren die Schulen erreichen. 

Also die Quereinsteiger: Sie haben kein Lehramt studiert, zumindest aber ein zu ihrem Schuleinsatz passendes oder damit verwandtes Fach, und sie haben danach das Referendariat gemacht. Weil aber auch die Zahl der Quereinsteiger längst nicht mehr reicht, wächst zugleich die Gruppe der Seiteneinsteiger: Sie gehen ohne Referendariat direkt in die Schulen und werden parallel zu ihrem Unterrichtseinsatz didaktisch ausgebildet.

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat, wie der Tagesspiegel berichtete, zum neuen Schuljahr bislang rund 1000 solcher Seiteneinsteiger eingestellt, womit sich Quer- und Seiteneinsteiger insgesamt auf 1800 Lehrkräfte summieren – gegenüber 1600 neu eingestellten regulären Lehramtsabsolventen. Und obgleich die Entwicklung anderswo nicht ganz so extrem ist, auch bundesweit stieg der Anteil von Quer- und Seiteneinsteigern an allen Einstellungen nach KMK-Angaben von zwei Prozent im Jahr 2013 auf 13,3 Prozent fünf Jahre später.  

Doch wie alarmierend ist diese Entwicklung, abgesehen von dem politischen Planungsversagen, für die Schulen wirklich? Was können die Quereinsteiger? Was fehlt ihnen? Und welche Folgen hat das für die Unterrichtsqualität? Dazu gab es bislang außer vielen Vermutungen und Befürchtungen wenig empirische Erkenntnisse.

Ein "Armutszeugnis für die Lehrerbildung"?

Eine gerade erschiene Studie von Bildungsforschern will das ändern. Sie haben die Persönlichkeits- und Kompetenzprofile von 770 traditionell ausgebildeten Lehramtsanwärtern mit denen von 72 Quereinsteigern für das Fach Mathematik verglichen und kommen zu teilweise überraschenden Ergebnissen.  

So verfügten die untersuchten Lehramtsabsolventen über ein kaum höheres fachdidaktisches Wissen als die Quereinsteiger in der Studie, nachgewiesen durch einschlägige Kompetenztests. Anders gesagt: Beim Erklären des Unterrichtsstoffs waren beide Gruppen in etwa gleich gut. Sollten weitere Studien bestätigen, dass die fachdidaktischen Schwerpunkte im Lehramts-Studium nahezu wirkungslos blieben, sei das schon "ein Armutszeugnis für die Lehrerbildung", sagt Mitautor Dirk Richter von der Universität Potsdam. Beteiligt an der Studie waren auch Forscher der Goethe-Universität Frankfurt am Main und des Kieler Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik. 

Auch beim pädagogisch-psychologischen Wissen schnitten die traditionellen Lehrämtler nur teilweise stärker ab, obwohl auch die allgemeine Pädagogik im Studium der Quereinsteiger gar nicht vorkam. Immerhin: Die Lehrämtler beherrschten das Thema Unterrichtsmethoden deutlich besser. Ernüchternd sieht es dagegen zum Beispiel beim Wissen zur Leistungsbeurteilung und zur Klassenführung aus, dieses bewege sich in beiden Gruppen auf einem relativ niedrigen Niveau, berichten die Forscher, "deutlich unter der theoretisch erreichbaren Punktzahl". Womöglich seien die diesbezüglichen Curricula der Universitäten nicht ausreichend, so ihre Vermutung – oder aber die Studierenden nähmen die vorhandenen Lerngelegenheiten nicht genügend wahr.

In jedem Fall, sagt Dirk Richter, Professor für Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung, müssten sich die lehrerbildenden Universitäten die Frage gefallen lassen: "Wie effektiv vermitteln sie eigentlich das nötige Didaktik- und Pädagogikwissen an ihre Studierenden?" Dass die Quereinsteiger bei der Fachdidaktik auf Augenhöhe mit den Lehramts-Studierenden seien, zeige zudem, dass das entscheidende Fundament fachdidaktischer Kompetenz das Vorhandensein von genügend Wissen über die Fachinhalte sei. 

Insgesamt wenig Unterschiede beim Professionswissen 

Apropos Fachinhalte, an der Stelle gibt es in der Studie nämlich die nächste Überraschung: Beim abgeprüften mathematischen Fachwissen waren die Lehrämtler auf Augenhöhe mit den Quereinsteigern, die ja eigentlich mehr Zeit im Studium mit den Fach-Schwerpunkten verbracht haben. Auch bewegten sich beide Vergleichsgruppen zudem auf einem relativ niedrigen Niveau, steht in der Studie. Als sich die Forscher die Quereinsteiger genauer ansahen, stellten sie fest, dass die Absolventen der Diplom-Mathematik allerdings doch einen deutlichen Vorsprung hatten gegenüber den Lehrämtlern – im Gegensatz zu den Quereinsteigern aus "mathenahen" Fächern wie Physik oder Informatik.

Das Zwischenfazit in Sachen Professionswissen lautet also: Insgesamt erstaunlich wenig Unterschiede zwischen traditionellen Lehramts-Absolventen und Quereinsteigern. 

Und wie ist das bei den Motivationen, Überzeugungen und Persönlichkeitsprofilen der angehenden Lehrer? Besonders interessierten sich Bildungsforscher für die "lehrbezogenen Selbstwirksamkeitserwartungen", sprich: Über wieviel berufliches Selbstvertrauen verfügen beide Vergleichsgruppen? Die Antwort: über ein fast exakt gleich hohes. Die Studienautoren vermuten mit Verweis auf ältere Studien, dass es sich bei den Quereinsteiger eher um Menschen handle, die sich selbst als pädagogisch geeignet einschätzen und sich aus diesem Grund überhaupt für den Berufswechsel entschieden hätten. 

Die Quereinsteiger in der Studie waren deutlich stressresistenter

Am frappierendsten – und womöglich für künftige Lehrerkarrieren am bedeutsamsten – sind die Studienergebnisse zu den sogenannten "selbstregulativen Fähigkeiten" bei Lehramts-Absolventen und Quereinsteigern: Wie gut können sie mit Stress und beruflichen Belastungen umgehen? Und hier zeigt sich: Die Quereinsteiger sind im Mittel deutlich stressresistenter als die traditionellen Lehrämtler, wissenschaftlich ausgedrückt: Unter ihnen befinden sich "signifikant mehr Personen, die dem günstigsten Selbstregulationsmuster G zugeordnet werden können". Konkret: Rund 50 Prozent unter den Quereinsteigern gegenüber 37,7 Prozent unter den traditionellen Lehramts-Absolventen.

Seit den 2006 abgeschlossenen Potsdamer Lehrerstudien unter der Leitung von Uwe Schaarschmidt ist bekannt, dass unter Lehrkräften eine, wie es damals hieß, im Vergleich mit anderen Berufsgruppen "ungünstigste Musterkonstellation" besteht. Der wünschenswerte G ("Gesundheits"-)Typ sei in den damaligen Studien mit nur 17 Prozent der untersuchten 16.000 teilweise langjährigen Lehrkräfte und 2500 Referendare sehr gering ausgeprägt gewesen, während die Risikomuster A "hohe Anstrengung", "keine Entsprechung in einem positiven Lebensgefühl") und B ("in den letzten Stadien eines Burnout-Prozesses") mit jeweils 30 Prozent außerordentlich häufig vertreten gewesen seien.  

Dass die Quereinsteiger in der aktuellen Studie so viel besser abschneiden, sei ein zentrales Ergebnis und verdeutliche ihr Potenzial für die Schulentwicklung, sagt Dirk Richter. Um es noch genauer zu wissen, hat er mit Kollegen gleich die nächste Studie angestrengt, um herauszufinden, ob dieser emotionale Vorteil der Quereinsteiger erhalten bleibt, wenn sie schon eine Weile in den Schulen gearbeitet haben. Die Ergebnisse dieser Untersuchung befänden sich gerade in Vorbereitung zur Einreichung, sagt Richter, "aber alles deutet darauf hin, dass auch Quereinsteiger, die sich schon länger im Dienst befinden, weniger erschöpft sind als reguläre Lehrkräfte."

Die Demographie der in die Studie eingegangenen Quereinsteiger ist übrigens auch bemerkenswert: Sie waren mit 32 im Schnitt vier Jahre älter, und fast 64 Prozent von ihnen waren Männer – während der Männeranteil bei den traditionellen Lehrämtlern nur 21 Prozent betrug. Eine für Quereinsteiger bereits aus anderen Erhebungen so ähnlich bekannte Verteilung. Die meisten Schulkollegien zeigen dagegen inzwischen ein deutliche weibliches Mehrheit, dem die Quereinsteiger etwas entgegenwirken.

Die größte Schwäche der Studie ist das Alter ihrer Daten

Womit aus den vermeintlich problematischen Quereinsteigern plötzlich Hoffnungsträger werden – weil sie kaum schlechter sind von ihren didaktisch-pädagogischen Kompetenzen, zugleich über ein teilweise höheres Fachwissen verfügen, vor allem aber über die Fähigkeit, mit den Belastungen im Lehrerberuf länger klarzukommen – was sie wiederum dauerhaft zu einer echten Bereicherung für die Kollegien machen würde. "Vieles von dem Negativen, was über die Quereinsteiger geschrieben wird, trifft nicht zu", sagt Richter. "Das ist doch eigentlich ein schönes Ergebnis."

Und fast zu schön, um wahr zu sein: Tatsächlich hat die neue Studie aus Potsdam, Frankfurt und Kiel nämlich eine deutliche Schwäche: Mangels neuerer Daten muss sie auf Befragungen von Lehramts-Absolventen aus dem COACTIV-R-Projekt des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zurückgreifen, die dort gezogenen Stichproben sind zwar repräsentativ und qualitätsgesichert, aber sie stammten von spätestens 2009. "Leider ermöglichen die Kultusminister kaum einmal den Zugang zu den Quereinsteigern in den Schulen", sagt Richter. Womöglich, weil sie die Ergebnisse scheuen?

Deshalb kann die jetzt veröffentliche Studie auch keine Aussage machen über die erst in den vergangenen Jahren so angewachsene Gruppe der Seiteneinsteiger. "Da sind Leute, die zum Teil nicht die fachlichen Voraussetzungen mitbringen, die kein Referendariat machen und kaum Unterstützung beim Berufseinstieg erhalten", sagt Richter. "Und dann treffen sie auf eine sehr heterogene Schülerschaft, das alles würde vermutlich ein ganz anderes Bild ergeben als das in unserer Studie." 

So bleibt bei allen Fragen an die Aktualität der Ergebnisse die hoffnungsvolle Schlussfolgerung: Quereinsteiger können auch ein Segen sein für die Schulen – als Ergänzung zu den traditionellen Lehrkräften und weil sie die Defizite in der klassischen Lehrerbildung aufdecken. Eines können sie aber sicher nicht: Die Fehler in der Personalpolitik der Kultusminister ausgleichen. 

Die Studie erschien in der Zeitschrift für Pädagogische Psychologie. AutorInnen waren Christin Lucksnat, Eric Richter, Uta Klusmann, Mareike Kunter und Dirk Richter.

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