Kitapflicht und Ganztagsschule: Wir sollten endlich umsetzen, was Bildungsforscher schon lange wissen

Ein Plädoyer von Jan-Martin Wiarda

Monkeybusiness/Deposit Schulalltag (Symbolfoto)

Ein Beitrag aus dem Online-Magazin „Bildungsforscher" von Jan-Martin Wiarda

Mitte November hat die Bundesregierung über die Einrichtung eines Sondervermögens in Höhe von zwei Milliarden Euro entschieden, eine erste Maßnahme, um den Ausbau von Ganztagsangeboten durch die Bundesländer in den Jahren 2020 und 2021 zu unterstützen.

Ziel ist der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für alle Grundschulkinder, den die Große Koalition in ihrem Regierungsvertrag für 2025 versprochen hat. Diese Woche hat das letzte Bundesland – Hessen – die Bund-Länder-Vereinbarung zum „Gute-Kita-Gesetz“ unterzeichnet, womit die 5,5 Bundesmilliarden endlich fließen können.

Auf ihrem Bundesparteitag in Leipzig debattiert die CDU nun einen Antrag auf verbindliche Sprachtests bei Vierjährigen und eine davon abhängige verpflichtende Sprachförderung. Reicht das alles? Und ist das der richtige Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit?

Mein Plädoyer zu diesem Thema ist gerade im Band „Schulreform“ erschienen, herausgegeben von den Bildungswissenschaftlern Nils Berkemeyer, Wilfried Bos und Björn Hermstein.  

***

DIE SCHULREFORM, für die ich in diesem Beitrag plädieren möchte, ist eigentlich gar keine. Und noch dazu ist sie nicht auf den Schulbereich beschränkt. Wofür ich mich stark machen möchte: Für mehr Verbindlichkeit. Und ja, für mehr Pflicht.

Das Problem ist ja nicht, dass wir unter einem Mangel an guten Konzepten leiden. Oder daran, dass aus den Konzepten zu wenige vielversprechende Innovationen im Bildungswesen folgen. Wir können auch nicht behaupten, dass wir keine Ahnung haben, was wesentliche Faktoren für gelingende Schulpraxis sind. Nein, die Pädagogik im Allgemeinen und die Bildungsforschung im Besonderen liefern uns zu all dem immerzu wichtige und meist gut belegte Anhaltspunkte.  

Unterricht über den Tag verteilt

wirkt sich positiv aus

Es geht also nicht darum, neue Schulreformen zu fordern. Es geht darum, Konsequenz zu zeigen bei der Umsetzung dessen, was nachweislich gut ist. Ich will nur zwei Beispiele nennen. Erstens: Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass eine hochwertige frühkindliche Bildung die Startchancen von Kindern erheblich verbessert. Auch Kinder aus bildungsfernen Familien profitieren erheblich, und zwar ihre gesamte Bildungskarriere hindurch, wenn sie in der Kita pädagogisch angemessen und altersgerecht gefördert werden.

Zweitens: Ebenso zeigt uns die Bildungsforschung, dass Ganztagsangebote einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten können. Sie zeigt uns aber auch, dass es auf die Ausgestaltung ankommt. Konkret: Vor allem die echte Rhythmisierung des Schultages wirkt sich offenbar nachhaltig positiv aus, also das Konzept, die Unterrichtsstunden ausgewogen auf Vor- und Nachmittag zu verteilen, längere Pausen vorzusehen und den Unterricht eventuell etwas später beginnen zu lassen.

Die Konzepte sind doch da. Die wirkliche Reform

bestünde darin, sie flächendeckend umzusetzen

Wir haben also die Konzepte, wir haben das Wissen, welche Reformen funktionieren und welche nicht. Was wir als Gesellschaft meist nicht haben, ist der Mut, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Auch die Bildungsforschung verhält sich an dieser Stelle meines Erachtens häufig zu passiv. Weshalb die eigentliche Reform, die wir in den Schulen und im Bildungswesen allgemein brauchen, eine Ausweitung der Bildungspflicht ist.

Lassen Sie mich auch das an meinen beiden Beispielen ausbuchstabieren.

Erstens: Wir brauchen eine allgemeine Kitapflicht. Es ist fahrlässig, die Debatte darum aus Angst vor den Eltern – genauer: dem Bildungsbürgertum – nicht oder nur halbherzig zu führen. Gegen eine Pflicht spricht auch nicht, wie gelegentlich behauptet, dass je nach Bundesland fast alle Kinder, die über drei Jahre alt sind und keinen Migrationshintergrund haben, die Kita besuchen. Abgesehen davon, dass sie es zum Teil nur für wenige Stunden am Tag tun: Umso größer muss unsere Sorge sein, wenn zum Beispiel die Quote bei den Kindern mit Migrationshintergrund lediglich bei 82 Prozent liegt.

Zweitens: Wir verspielen das Potenzial der rhythmisierten Ganztagsschule, möglicherweise verpassen wir sogar das Gelegenheitsfenster ihrer flächendeckenden Einführung, wenn wir jetzt nicht ganz klar sagen, dass sie der neue Goldstandard sein muss. Als Gesellschaft können und sollten wir unseren Kindern die bestmögliche Schulbildung bieten. Woraus sich für die Politik die Verpflichtung ergibt, die echte (so will ich sie mal nennen) Ganztagsschule in ehrgeizigen Stufen zum Vollausbau zu bringen.

Für die Schüler muss daraus ein neues Verständnis der Schulpflicht folgen, die den Ganztagsbesuch nicht länger vom Elternwillen abhängig macht. Wenn wir es nicht tun, wird der Ganztagsschule schon bald vorgeworfen werden, dass sie überflüssig sei. Weil sie nicht richtig funktioniere. Was in ihrer unechten Variante ja auch ein wenig stimmt. Es könnte sich dann die Überzeugung durchsetzen, dass die reine Betreuung am Nachmittag reiche, solange sie den Eltern ermögliche, ihren Berufen nachzugehen. Womit Ganztag schon nicht mehr Teil des Schulsystems wäre, bevor er dort überhaupt richtig angekommen ist. 

Ich weiß, was viele von Ihnen jetzt denken: Wirklichkeitsfremd, darauf lässt sich die Politik nie ein. Zu oft (Stichwort: Primarschule in Hamburg) haben allzu reformwillige Landesregierungen Schiffbruch erlitten. Und die Geschichtsbewussten unter Ihnen könnten anführen, dass die Deutschen seit Diktatur und Totalitarismus genug hätten von einem Staat, der sich in den Kernbereich elterlicher Erziehungsrechte einmischt.

Es geht nicht um Bevormundung, sondern

um ein zeitgemäßes Verständnis von Bildung

Alles richtig, alles berechtigt. Und doch plädiere ich dafür, den Diskurs um mehr Verbindlichkeit und mehr Pflicht im Bildungswesen neu und mutig zu führen. Zu erklären, dass es nicht um Bevormundung geht, nicht um eine Spaltung der Familien, sondern um ein zeitgemäßes Verständnis von Bildung, wie es in vielen Ländern längst selbstverständlich ist.

Denn klar ist auch, dass wir in Deutschland bildungspolitisch an einem Scheideweg angelangt sind. In den nächsten zehn, 20 Jahren wird sich entscheiden, ob wir die Integrationsaufgabe bestehen, die sich einer offenen Gesellschaft im 21. Jahrhundert stellen. Eine Aufgabe, die vor allem in der faireren Verteilung von Bildungschancen besteht. Oder scheitern wir erneut, wie einst die alte Bundesrepublik an ihrer Fiktion der "Gastarbeiter", die da waren und doch nie ganz dazugehören konnten?

Die heutige Integrationsaufgabe ist sogar noch komplexer, weil sie nicht mehr allein den klassischen Mustern von Neuankömmlingen und Einheimischen folgt. Es geht auch um den unterschiedlichen familiären Zugang zu Bildungsgelegenheiten unabhängig von der Herkunft.

Was uns optimistisch machen sollte: Die Wissenschaft hat die Argumente auf ihrer Seite. Und sie hat das Durchhaltevermögen, sie immer wieder vorzubringen. Denn im Gegensatz zur Politik muss sie nicht ihre Abwahl fürchten. Aber sie kann die Meinungen und Wahrnehmungen in der Gesellschaft mitprägen. Wenn sie es kann, sollte sie es auch tun.

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