Weniger Studierende? Kein Grund zur Sorge

Jan-Martin Wiarda analysiert die erste Schrumpfung der Studierendenzahl seit 2001

Oleksandr Prykhodko/Deposit Bibliothek der Humboldt-Universität, Berlin

ES IST EINE fast vergessene Erfahrung: Die Zahl der Hochschulabsolventen ist 2018 gesunken. Zwar nur leicht, um ein Prozent, aber zum ersten Mal seit 2001 – und noch dazu unter die symbolträchtige Marke von 500.000. So hat es nun das Statistische Bundesamt mitgeteilt, und gleich raunen manche: Oho, Trendwende?

In Wirklichkeit ist die Erklärung relativ simpel. Erst stiegen die Absolventenzahlen jahrelang sprunghaft an, weil die Bolognareform mit Bachelor und Master plötzlich zwei Abschlüsse pro Student zum Normalfall machte.

Als nächstes kam hinzu, dass plötzlich viel mehr Schulabgänger sich für ein Studium einschrieben. Aus gestiegener "Studierneigung", wie Hochschulforscher das nennen, und weil die Schulzeit um ein Jahr verkürzt wurde und die Wehrpflicht wegfiel. All das trieb die Zahl der Studienanfänger massiv hoch und, mit ein paar Jahren Verzögerung, die der Absolventen.

Die Treiber für immer höhere

Anfängerzahlen sind weg

Inzwischen sind die Bologna-Studiengänge längst der Normalfall, auch die Einmaleffekte von Schulzeitverkürzung und Wehrpflicht sind durch. Weswegen erst die Treiber für die Anfängerzahlen wegfielen und dann, wiederum mit ein paar Jahren Verzögerung, für die Zahl der Abschlüsse.

Das eigentlich Erstaunliche – das, was die meisten Experten und Politiker sich in den 2000er Jahren nie hätten träumen lassen – ist jedoch, dass aus dem vermeintlich vorübergehenden Studentenberg ein Dauerhoch wurde. Dass die Anfängerzahlen nur leicht abbröckelten, zuletzt sogar wieder anstiegen. Weshalb auch die Zahl der Absolventen nur leicht sinkt. Erklärbar ist all dies nur damit, dass die Begeisterung für ein Studium weiter anhält, die "Studierneigung" also weiter auf Rekordniveau liegt. 

Sogar dass jetzt ausgerechnet die so dringend benötigten MINT-Absolventen mit je nach Fächergruppe bis zu zwei Prozent den stärksten Rückgang zu verzeichnen hatten, ist kein Grund zur Panik – sie hatten in den Jahren zuvor auch mit die stärksten Zuwächse vermeldet.

Beim genaueren Hinschauen liefert die aktuelle Statistik also hervorragende Nachrichten – und das wird auch so bleiben, selbst wenn die Absolventen als weiteres Echo der Anfängerzahlen absehbar noch ein paar weniger werden dürften. Eine Trendwende ist das nicht, mehr ein statistisch-demografischer Automatismus.

Die Begehrlichkeiten, Studieninteressierte

in eine Ausbildung umzulenken, bleiben

Am erfreulichsten an alldem ist, dass das jahrelange Gerede von einer angeblichen "Überakademisierung" die jungen Menschen nicht ins Bockshorn getrieben hat. Tatsächlich sprechen die geringe Arbeitslosigkeit und die im Schnitt hohen Gehälter weiter fürs Studium.

Doch die Begehrlichkeiten, die politischen Versuche, mehr Studieninteressierte umzulenken, bleiben. Das hat zu tun mit einer zweiten Statistik, die vergangene Woche veröffentlicht wurde: die "Ausbildungsmarktbilanz 2018/19". 572.000 Lehrstellen meldete die Bundesagentur für Arbeit – aber nur 511.000 Bewerber und Ende September noch gut 53.000 unbesetzte Stellen. Die Entwicklung zum Bewerbermarkt setze sich fort, sagte Agenturchef Detlef Scheele.

Klar, in welche Richtung viele Betriebe in den nächsten Jahren schielen werden – und dass sie bei den Angeboten, mit denen sie potenzielle Studienanfänger für sich gewinnen wollen, noch eine Schippe drauflegen werden. 

Die eigentlich spannende Frage für die kommenden Jahre ist, wie beides gelingen kann: die Zahl der Hochschulabsolventen hochzuhalten und zugleich die berufliche Bildung zu stabilisieren. Dass die Zahl der Schüler – ebenfalls entgegen langjähriger Prognosen – nicht so stark schrumpft, je nach Bundesland sogar wieder kräftig steigt, wird helfen. Noch mehr würde helfen, wenn die Hochschulen endlich in der Lage wären, die teilweise sehr hohen Abbrecherquoten in den Griff zu bekommen.

Weniger bei den Abiturienten baggern,

mehr an die übrigen Bewerber denken

Die sind übrigens bei den Ausbildungsbetrieben vielfach kaum niedriger, und die Unternehmen können noch etwas zweites tun: etwas weniger bei den Abiturienten baggern und dafür noch etwas mehr an die übrigen Bewerber denken. Denn trotz der 53.000 offenen Stellen gingen gut laut Arbeitsagentur rund 24.500 Bewerber vorerst leer aus. Die FDP fordert angesichts dieser Passungsprobleme seit längerem eine "Exzellenzinititiative Berufliche Bildung".

Noch besser wäre es, ein politisches Gesamtkonzept zu entwickeln, das Hochschul- und berufliche Bildung endlich richtig zusammendenkt. Von wem so etwas kommen könnte? Am ehesten von einem Nationalen Bildungsrat. Dessen Gründung aber neuerdings wieder extrem auf der Kippe steht.  

Vielleicht wäre dieses aktuelle Drama des Bildungsföderalismus und seine Konsequenzen ja etwas, worüber sich mal ein paar mehr Leute Sorgen machen sollten. Die sinkende Zahl der Hochschulabschlüsse ist es jedenfalls nicht.

  1. Bildungspolitik
  2. Forschungspolitik
  3. Hochschulen

Europäische Universitäten: EU-Kommission kürt die ersten 17 Netzwerke

Frankreich am erfolgreichsten vor Deutschland, britische Hochschulen sind kaum noch mit dabei: eine erste Bilanz der heutigen Entscheidung.

Studierende der Universität Freiburg
  1. Bildung
  2. BMBF
  3. Forschungspolitik
  4. Hochschulen

Die deutsche Wissenschaft kann bis 2030 verläßlich planen

Bund und Länder haben sich auf einen Kompromiss zur Wissenschaftsfinanzierung verständigt. Die Details sind deutlich besser als erwartet – mit einer Ausnahme.

Durchbruch (Symbolfoto) - Rechts unten auf der Seite können Sie die Arbeit von „Der Bildungsforscher“ direkt unterstützen.
  1. Forschungspolitik
  2. Hochschulen
  3. Wissenschaft

Müssen Hochschulangestellte mit befristeten Verträgen um ihre Jobs bangen?

Bund und Länder sind sich in den Hochschulpakt-Verhandlungen nicht näher gekommen. Jetzt wird die Zeit knapp.

Dienstgebäude des BMBF in Berlin
  1. Bildungspolitik
  2. Hochschulen

59, männlich, westdeutsch

Die deutschen Universitäten wollen dynamisch sein, vielfältig, international. Eine Studie zeigt nun die ernüchternde Realität in ihren Chefetagen. Von Jan-Martin Wiarda

  1. Exzellenzinitiative
  2. Hochschulen

Vorfahrt für die Wissenschaft in Berlin, Hamburg und Bonn, Stillstand im Osten

Die Sieger und Verlierer der neuen Exzellenzförderung für Hochschulen – ein Überblick

  1. Europa
  2. Hochschulen

„Proporz wäre langweilig“

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer erklärt Baden-Württembergs Antwort auf Macrons Vision europäischer Universitäten. Ein Interview

  1. Bildungsforscher
  2. Hochschulen

Hochschul-Rankings über alles?

Ein Blick hinter die Kulissen der Londoner Ranglisten-Industrie

  1. Bildungsforscher
  2. Hochschulen

„Wohlhabende Ausländer sollten bezahlen.“

Die neue NRW-Regierung will wieder Studiengebühren einführen

  1. Bildungsforscher
  2. Hochschulen

Grenzenlos bayerisch?

Die Technische Universität München will eine Filiale in Baden-Württemberg eröffnen – ein Novum

Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Der Bildungsforscher