Wegen des Corona-Virus: "Kein reguläres Unterrichtsgeschehen bis zu den Sommerferien"

Die Kultusministerkonferenz schickt ihr Konzept für Schulöffnungen an die Regierungschefs der Bundesländer. Von Jan Martin Wiarda

JETZT SIND DIE REGIERUNGSCHEFS an der Reihe. Die Kultusministerkonferenz (KMK) teilte heute Nachmittag mit, dass sie das gestern beratene Schulöffnungskonzept an die Ministerpräsidentenkonferenz weitergeleitet hat. Die Regierungschefs werden Ende der Woche mit Bundeskanzlerin Merkel über die konkreten nächsten Schritte entscheiden, wann welche Schüler wieder in die Schulen zurückkehren können – abhängig von der Entwicklung der Infektionszahlen, wie die KMK in ihrer heutigen Pressemitteilung nochmals betonte.

Über den Entwurf des "Rahmenkonzepts für die Wiederaufnahme von Unterricht in Schulen" (der Titel wurde für die abgestimmte Endfassung leicht erweitert) und die darin enthaltenen Details unter anderem zur Hygiene an den Schulen, zur Schülerbeförderung und zur Unterrichtsorganisation hatte ich gestern Nachmittag bereits berichtet

"Wir haben übereinstimmend festgehalten, dass es angesichts der aktuellen Situation vor den Sommerferien kein reguläres Unterrichtsgeschehen mehr geben wird." KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) in der heutigen Pressemitteilung.

Diese Aussage ist insofern von besonderer Bedeutung, weil der entsprechende Passus im Konzeptentwurf gestern nochmal dezidiert von den Ministern freigegeben werden sollte – was in offenbar redaktionell veränderter Form auch geschehen ist. Eine schmerzhafte und zugleich ungemein wichtige Orientierung für Lehrer, Schüler und Eltern, dass die Politik sich den Realitäten der Pandemie stellt.

Flankiert wird diese Ansage mit einer zweiten, nicht weniger bedeutenden, die im gestern zur Entscheidung vorgelegten Konzeptentwurf ebenfalls noch zur Diskussion gestanden hatte und von den Ministern beschlossen wurde: Das Ziel der weiteren Entscheidungen zur schrittweisen Öffnung der Schulen müsse sein, hält die KMK jetzt offiziell fest, "dass in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen bis zu den Sommerferien möglichst jede Schülerin und jeder Schüler zeitweise die Schule besuchen kann."

Konkrete Klassenstufen werden nicht benannt

Nicht Teil des an die Regierungschefs weitergeleiteten Konzepts wurde, wie zu hören ist, die Benennung konkreter Klassenstufen, die nach Meinung der Kultusminister und aus pädagogischer Sicht als nächstes bei der Öffnung drankommen sollten. 

Warum der Unterricht bis zu den Sommerferien nicht regulär verlaufen wird, begründet KMK-Präsidentin Hubig, die zugleich Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz ist, vor allem mit den Hygienevorgaben an den Schulen, den verkleinerten Lerngruppen und dem nötigen Mindestabstand. Doch habe Schule jenseits des Lernens im Unterricht auch den wichtigen Auftrag als Ort des sozialen Miteinanders, fügt Hubig hinzu. "Deshalb ist es gut, dass wir jetzt erste Schritte zur stufenweisen Öffnung gegangen sind." Das KMK-Konzept sei dabei von dem Leitgedanken geprägt, dass der Gesundheitsschutz für Schüler, Lehrkräfte und alle ihre Angehörigen an erster Stelle stehe.


Präsenzunterricht und das Lernen zu Hause sollten sich abwechseln und "eng aufeinander bezogen" sein, grundsätzlich sollten weitere schrittweise Öffnungen der Schulen in Jahrgangsstufen bzw. Lerngruppen erfolgen. Zusätzlich könnten für Schüler mit Unterstützungsbedarf pädagogische Präsenzangebote gemacht werden, führt die KMK weiter aus. Was genau das bedeutet, wird im Konzept weiter erläutert (siehe hierzu den Bericht von gestern). 

Hubig betont, für die schrittweisen Schulöffnungen sei es unumgänglich, dass die Maßnahmen zum Infektionsschutz an den Schulen eingehalten würden. "Damit all das gelingt, müssen jetzt alle verantwortungsvoll wie zielgerichtet zusammenarbeiten: die Schulen selbst, die Schulträger und die Länder."

Genau an dieser Form der zielgerichteten Zusammenarbeit hapert aber vielerorts die konkrete Umsetzung der Hygienemaßnahmen noch. Die Maßnahmen an sich seien klar, kritisieren Schulleitungen, doch bleibe oft im Ungefähren, wer genau wofür zuständig sei. Hier müssen viele Bildungsminister also vor Ort erst noch die Grundlagen für die von Hubig hervorgehobene zielgerichtete Zusammenarbeit leisten. 

Noch einen Schritt weiter als die KMK-Ansage ging unterdessen Hamburgs Bildungssenator bei NDR Info: Auch nach den Sommerferien werde der Unterricht auf Distanz fester Bestandteil des Schullebens bleiben, sagte Ties Rabe, der die Arbeit der SPD-geführten Bildungsministerien koordiniert. "Deswegen müssen wir alles tun, dieses ganz neue Feld, in das wir jetzt ganz stürmisch hineingeschubst worden sind, zu ordnen, Qualitätskriterien anzulegen und den Lehrern, Schülern und Eltern Rückenwind zu geben."

So will Schleswig-Holstein die Schulen öffnen

 Auch die den Ministern gestern vorliegende Entwurfsfassung des Öffnungskonzepts hatte noch deutlichere Worte gefunden als heute die KMK-Pressemitteilung. Dort war nachzulesen, ein geordneter und vollständiger Schulbetrieb könne "frühestens erst wieder nach den Sommerferien" aufgenommen werden.

Die Wahrheit lautet schlicht: Im Augenblick weiß keiner, wie die Situation in ein paar Monaten ist. Weshalb zu ambitioniert daherkommende Zeitpläne schnell Makulatur sein können. Schleswig-Holsteins CDU-Bildungsministerin Karin Prien drückte das heute so aus: "Heute schon zu sagen, was in drei Wochen möglich ist, wäre nicht seriös."

Priens Bildungsministerium lieferte denn heute auch ein Beispiel, wie der konkrete Einstieg in den Unterricht in Corona-Zeiten aussehen kann. Das Kieler Kabinett habe heute die zweite Phase der Schulöffnung vom 6. Mai an beschlossen, teilte Prien mit – die zweite Phase nach den bereits laufenden Prüfungsvorbereitungen für die Abschlussklassen. Demnach startet am Mittwoch nächster Woche wieder der Unterricht für die 4. Jahrgangsstufe an den Grundschulen und für diejenigen Schüler der 6. Klasse an den Gymnasien, die in diesem Schuljahr noch die Möglichkeit der Querversetzung haben.

 Ebenfalls vom 6. Mai an soll es sogenannte Präsenz-"Beratungsangebote" für die Eingangs- und Qualifikationsphase an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe geben, an den Gymnasien auch für den 9. (G8) bzw. 10. Jahrgang (G9). Den Jahrgängen 9 und 10 an den Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe stehen Beratungsangeboten vom 11. Mai an zur Verfügung, an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe ab dem 18. Mai. Berufliche Schulen können erste Präsenzangebote ebenfalls vom 6. Mai an aufnehmen, die Förderzentren stimmen sich mit den Eltern und Schülern ab, Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden analog zu den übrigen Schulen wieder in die Wiederaufnahme der Präsenzzeiten einbezogen. 

Durch ein "im Detail ausdifferenziertes Stufenverfahren" wolle man einerseits für so viele Schüler wie möglich Präsenzzeiten in der Schule erreichen, andererseits aber Gruppen voneinander getrennt halten und Kontakte vermeiden, sagte Prien. Klassenarbeiten würden dieses Schuljahr nicht mehr geschrieben, aber die Schüler könnten über "Einzelleistungen" ihren bisherigen Notenstand verbessern.

Bundestagsopposition kritisiert Konzept der Kultusministerkonferenz

Die Opposition im Bundestag kritisierte das von der KMK beschlossene Papier. "Ein gemeinsames Konzept der Länder für die Schulöffnung sieht wirklich anders aus", sagte die bildungspolitische Sprecherin der linken Bundestagsfraktion, Birke Bull-Bischoff. "Mit dem Prinzip ,Jeder darf mal irgendwie, aber nicht zu lange' ist niemandem geholfen. Außerdem ist zu befürchten, dass im Nachgang jedes Bundesland wieder seine eigenen Regelungen schafft." Lehrkräfte seien schon jetzt verunsichert, wie der Unterricht unter Einhaltung der Auflagen ob des fehlenden Personals und fehlender Räumlichkeiten bewerkstelligt werden könne. "Lösungsansätze dazu beinhaltet das KMK-Papier nicht. Diese sind aber in der Praxis essentiell."

"Spätestens jetzt, wo klar ist, dass es vor den Sommerferien keinen Regelunterricht mehr geben wird, muss dafür gesorgt werden, dass alle Schulen eine digitale Grundausstattung bekommen." Die bildungspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Margit Stumpp

Diese Grundausstattung müsse sowohl die Technik als auch die Organisation und Pädagogik umfassen. "Daneben müssen wir sicherstellen, dass der digitale Heimunterricht die Bildungsungerechtigkeit nicht vergrößert." Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf müssten zuerst wieder in die Schule können, bräuchten geeignete Endgeräte und mehr Unterstützung für das Lernen zu Hause. "Die Coronakrise darf nicht zur Bildungskrise werden." 

Katja Suding, die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, sagte: "Der Vorschlag der Kultusminister, Präsenzunterricht und Lernen daheim eng zu verzahnen, bedeutet vor allem eines: Digitales Lernen wird umso wichtiger." Die Kultusminister müssten rasch ein Konzept vorlegen, "wie sie die digitale Bildung voranbringen wollen, damit dieses Jahr für kein Kind ein verlorenes Jahr in der Bildung wird." Dabei müsse die Geräteausstattung für finanziell benachteiligte Schüler Priorität haben. "Neben der Technik dürfen aber auch digitale Lerninhalte nicht zu kurz kommen. Zudem sind die Länder in der Pflicht, den Digitalpakt endlich konsequenter zu nutzen." Ein Großteil der Mittel sei noch immer nicht abgerufen worden.

Die Kultusminister wollen ihr Rahmenkonzept zu den Schulöffnungen veröffentlichen, "sobald die Ministerpräsidentenkonferenz davon Kenntnis genommen hat". 

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