Otmar Wiestler als Helmholtz-Präsident wiedergewählt

Der Mediziner bleibt bis 2025 Chef von Deutschlands größter Forschungsorganisation und spricht von großen Aufgaben.

Steffen Jänicke/Helmholtz-Gemeinschaft Otmar Wiestler

OTMAR D. WIESTLER bleibt Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Heute bestätigte ihn der Senat von Deutschlands größter Forschungsorganisation für eine zweite Amtszeit, die im August 2020 beginnt und bis 2025 dauert. Bereits vergangene Woche hatte die Mitgliedersammlung, bestehend aus den 19 Helmholtz-Zentren, sich für Wiestlers Verbleib ausgesprochen. Der Senat, dem Vertreter von Bund und Ländern, von Parlamenten und Wissenschaftsorganisationen und gewählte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Wirtschaft angehören, folgte nun dem Vorschlag der Mitglieder.

 "Dieses großartige Amt für weitere fünf Jahre zu bekleiden, ist mir eine große Ehre und Freude", sagte Wiestler. Die Gemeinschaft habe sich seit seinem Amtsantritt im September 2015 sehr positiv entwickelt und betreibe "Spitzenforschung für große Herausforderungen an allen Zentren und in allen Forschungsbereichen." Doch lägen große Aufgaben vor der Organisation. "Diese gilt es nun beherzt anzugehen." Als Beispiel nannte Wiestler die Digitalisierung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, den Klimawandel, die präventive Medizin oder auch neue Mobilitätskonzepte. 

Ganz so rein positiv, wie Wiestler behauptet, verlief die Entwicklung der Gemeinschaft in den vergangenen Jahren freilich nicht. Persönlich musste sich der Mediziner Wiestler deshalb wiederholt Kritik aus den Mitgliedszentren gefallen lassen, er sei zu zauberhaft, zu passiv geworden, zwischendurch schien sogar seine Wiederwahl unsicher. Noch im März wollte Wiestler sich nicht einmal öffentlich zu der Frage einer erneuten Kandidatur äußern.

 Das 19. Helmholtz-Zentrum und

eine schmerzhafte Betriebsmittel-Sperre  

Die vorläufige Sperrung von Teilen der Zentren-Finanzierung durch den Bundestag rüttelte die Gemeinschaft durcheinander. Die Haushaltspolitiker verwiesen auf den wiederholt erhobenen Vorwurf des Bundesrechnungshofs, die Zentren hätten einen großen Batzen ihres Budgets nicht im selben Haushaltsjahr ausgegeben und schöben ihn wie eine Bugwelle vor sich her. Harsch fiel auch die Kritik aus der Unionsfraktion an der vermeintlich mangelhaften Ausgründungs-Leistung von Helmholtz aus. Schmerzlich bereitete in den vergangenen Jahren zudem die Wissenschaftsrats-Empfehlung, Helmholtz' Sonderrolle bei künftigen bundesfinanzierten Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung zu beenden.

Und dass die Kosten für den Teilchenbeschleuniger FAIR auf dem Darmstädter Gelände des Helmholtz-Zentrums GSI über Jahre explodierten, trug ebenso wenig zur Zufriedenheit innerhalb der Gemeinschaft bei. Alles Dinge, für der Helmholtz-Präsident gar keine unmittelbar Verantwortung trug, die aber viele die Frage stellen ließ, ob die Gemeinschaft unter seiner Führung den Weg aus der Krise schafft. 

Doch es gab auch eine Reihe positiver Nachrichten in Wiestlers Amtszeit. Anfang 2019 wurde "Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit CISPA" in Saarbrücken als 19. Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen. Bis 2026 soll das CISPA auf 500 Mitarbeiter wachsen, und seit Anfang Mai die neue Phase des Paktes für Forschung und Innovation (PFI) besiegelt ist, scheint auch dessen langfristige Finanzierung auch sichereren Füßen zu stehen als zuvor befürchtet. 

Im Oktober 2018 eröffnete Wiestler in Tel Aviv das vierte Auslandsbüro der Gemeinschaft. Mit dem dortigen Weizmann-Institut ist Helmholtz in Form des "Helmholtz Laboratory for Laser Matter Interaction (WHELMI)" eine bemerkenswerte Kooperation eingegangen – eingefädelt von Otmar Wiestler. Inzwischen gibt es sogar Anzeichen, dass sich für die meisten betroffenen Zentren die Betriebsmittel-Sperre bald erledigt haben könnte. Sie konnten nachweisen, dass sie ihre Budgets wie vorgesehen aufgebraucht haben und keine neuen Bugwellen bilden.

Systemlösungen à la Helmholtz

sind künftig gefragt

Dass der 62 Jahre alte Wiestler nun das Vertrauen von Zentrenchefs und Senat erhielt, zeigt, dass er es vermocht hat, die Stimmung zu seinen Gunsten zu drehen. Jetzt muss er zeigen, wie genau er Helmholtz wieder aufpolieren will. Lange Zeit war die Gemeinschaft der Liebling der Bundes-Wissenschaftspolitik. Kann sie es wieder werden? Und kann er die teilweise sehr selbstbewussten Zentren-Chefs wieder hinter einer gemeinsamen Mission versammeln?

Die Zeiten und Herausforderungen – und Wiestler hat die wesentlichen selbst genannt – rufen geradezu nach einem übergreifenden, systematischen und konzertierten Ansatz, wie ihn von den großen Forschungsorganisationen eigentlich nur Helmholtz bringen kann. Und dank des PFI kann Helmholtz langfristig planen. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass die Gemeinschaft unter Wiestler die Kurve kriegt.

Ein anschauliches Beispiel für das, was Helmholtz leisten kann, konnte die Öffentlichkeit ausgerechnet heute, am Tag von Wiestlers Wahl, erfahren. Die "Nationale Kohorte" feierte heute mit großem Pomp ihr erstes großes Etappenziel: 200.000 Männer und Frauen machen jetzt bei dieser weltweit einzigartigen Studie über die Entstehungen von Erkrankungen und ihren Verlauf mit. In den nächsten 20 bis 30 Jahren werden die Teilnehmer immer wieder untersucht und befragt. Ein Mammut-Projekt, das potenziell enorme Erkenntnisse bringen wird. Hinter der "NaKo" stehen: das Bundesforschungsministerium, 13 Bundesländer – und die Helmholtz-Gemeinschaft. 

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