An den Kern des Problems ist die Wissenschaft bislang nicht herangekommen

Plagiatsvorwurf gegen Familienministerin Giffey: Wir brauchen weder pauschale Politikerschelten noch neue Selbstkontrollinstanzen. Von Jan-Martin Wiarda

DIESES MAL machte der Spiegel den Anfang. Das Hamburger Nachrichtenmagazin berichtete vor dem Wochenende, dass die Doktorarbeit von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) im Internetforum VroniPlag Wiki untersucht werde. Der Verdacht: wissenschaftliches Fehlverhalten auf mindestens 49 Seiten. Den VroniPlag-Akteuren war das Bekanntwerden der Vorwürfe trotz Anonymisierung zu diesem frühen Zeitpunkt offenbar gar nicht recht, der Juraprofessor Gerhard Dannemann betonte, die Qualitätskontrolle sei noch nicht abgeschlossen. 

Doch der Zug rollte. Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel veröffentlichte am Sonnabend einen ersten Bericht zu den Vorwürfen, am Sonntag legte sie online mit einem Interview nach, und zwar mit dem Plagiatsprüfer (Pseudonym: Robert Schmidt), der federführend Giffeys Arbeit durchleuchtet. Schmidts Fazit: Die Ministern werde „wahrscheinlich“ nach einer längeren Prüfung ihren Doktortitel verlieren. 

Die Dramaturgie der kommenden Wochen und Monate ist absehbar, sie wird vielen vertraut vorkommen: Giffey hat bereits mitgeteilt, sie sei sich keiner Verfehlung bewusst und habe nach „bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt. Sie hat die zuständige Freie Universität Berlin um eine Prüfung gebeten, und die FU hat die auch zugesagt. Alles wie immer in solchen Verdachtsfällen. Als nächstes sind jetzt die per Presse öffentlich verhandelten Fragen dran: Erhärten sich die Vorwürfe? Wird die Universität sie entschieden genug verfolgen? Wer prüft da eigentlich was? Und überhaupt: Kann Giffey Ministerin bleiben, wenn sie des Fehlverhaltens überführt wird, wenn sie ihren Titel verliert? 

Ein Problem nur bestimmter Berufsgruppen?

Und ganz gleich, ob Giffey am Ende für schuldig befunden wird oder nicht, die Tatsache, dass erneut eine Politikerin unter Verdacht steht, wird eine weitere ebenfalls bereits bekannte Frage aufwerfen: Sind Politiker für derlei Verfehlungen anfälliger? Angesichts der zahlreichen Plagiatsfälle und -vorwürfe der vergangenen Jahre könnte man zumindest zu einer solchen Schlussfolgerung kommen: angefangen mit Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) über Ex-Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) und die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin bis hin zu Frank Steffel (CDU), der einst Regierender Bürgermeister von Berlin werden wollte und dem, wie erst vor wenigen Tagen bekannt wurde, seine Universität (übrigens wiederum die FU) ebenfalls den Doktortitel entziehen will. 

Ein anderer Aspekt hingegen dürfte auch in der bevorstehenden Debatte wieder zu kurz kommen, dabei ist er im Grunde der wichtigere: Welches akademische Umfeld, welche wissenschaftliche Kultur führen eigentlich dazu, dass Menschen immer wieder mit Doktorarbeiten zum Titel kommen, die nicht nur methodisch-inhaltlich schwach sind, sondern ganz offensichtlich vor Plagiaten, Täuschungsversuchen und anderen Formen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens nur so strotzen? 

Die Frage wird zu kurz kommen, weil viele in der deutschen Wissenschaft nicht wirklich ein Interesse daran haben, sie zu stellen, geschweige denn, sie zu beantworten. Es ist ja spannend, Plagiate so zu diskutieren, als handele es sich vor allem um ein Problem bestimmter, besonders ehrgeiziger (und täuschungsbereiter) Typen und Berufsgruppen. Womöglich bestehen jedoch die einzigen verallgemeinerbaren Unterschiede zwischen Politiker-Dissertationen und denen anderer Leute in Wirklichkeit darin, dass Politiker a) häufiger extern – das heißt: nebenberuflich – promovieren und dass bei ihnen b) genauer hingeschaut wird, aufgrund ihrer Prominenz und damit verbunden auch aufgrund ihrer moralisch herausgehobenen Stellung.

Was haben die deutschen Wissenschaftsorganisationen in den vergangenen Jahren nicht alles an demonstrativen – und durchaus lobenswerten – Anstrengungen unternommen, um die Themen wissenschaftliche Integrität und die „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ an die Spitze der Agenda zu pushen. Besonders die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz haben hier zum Teil umfangreiche Aktivitäten entfaltet, Empfehlungen herausgegeben oder erneuert und Gremien reformiert. Immer war es die „Selbstkontrolle“ der Wissenschaft, die dabei im Zentrum stand, denn in der Tat kann nur die Wissenschaft selbst über die Qualität guten wissenschaftlichen Arbeitens entscheiden.

An den Kern des Problems ist die Wissenschaft bislang nicht herangekommen

Doch an den Kern des Problems ist die Wissenschaft mit all ihren Maßnahmen offenbar bislang nicht herangekommen. Der Kern ist, dass an Deutschlands Universitäten trotz aller Statute und Gremien immer noch ein in Teilen anderes Verständnis vom Umgang mit Plagiaten und wissenschaftlichen Verfehlungen herrscht als etwa in Nordamerika. Und zwar vom Beginn des Studiums an. Interessanterweise war es ebenfalls die Süddeutsche Zeitung, die am Freitag, direkt vor dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Giffey, einen lesenswerten Artikel dazu brachte.  

„Mit einem Plagiat können Studierende leider nach wie vor in vielen Fällen recht einfach durchkommen“, zitierte die SZ den Soziologen Sebastian Sattler, der unter dem Projekt-Titel FAIRUSE vor Jahren eine der wenigen und vielbeachteten Studien zum akademischen Schwindel vorgelegt hatte. Vorhandene Möglichkeiten wie Suchmaschinen oder spezielle Plagiatssoftware würden von den Lehrenden noch nicht konsequent genug genutzt, sagt Sattler. Sein Fazit: Lehrende ließen sich zwar ungern betrügen und seien auch bereit, gegen schummelnde Studierende vorzugehen – allerdings nur solange sich der Aufwand dafür in Grenzen halte.

Sattlers Beobachtungen decken sich mit dem, was Professoren auch anderswo berichten. Dass zum Beispiel selbst dann, wenn Studenten mit Täuschungen auffliegen, ihnen allzu oft die Gelegenheit gegeben wird, die betreffende (Haus-) Arbeit nachzubessern. Sie durchfallen lassen? Bewahre, das wäre doch übertrieben, oder? Und am Ende klagt noch jemand.

Honor Codes und Honor Courts

Demgegenüber ist es an vielen US-Universitäten üblich, dass in sogenannten Honor Courts gewählte Studenten eigenmächtig Urteile fällen, wenn Kommilitonen vorgeworfen wird, sie hätten gegen den studentischen Honor Code verstoßen. Im schlimmsten Fall können die studentischen Richter sogar (mit Zustimmung der Hochschulleitung) den Rausschmiss von der Universität verfügen. Auch gilt es in den USA oder in Kanada nicht als anrüchig, wenn ein Student einen anderen meldet, weil er diesen in einer Klausur beim Abschreiben beobachtet hat. In Deutschland hingegen würde eher über den Denunzianten der Kopf geschüttelt werden als über den Abschreiber. 

Die Liste an Beispielen ließe sich fortsetzen, sie alle deuten in dieselbe Richtung: Deutschlands Academia geht mit akademischen Verfehlungen immer noch verhältnismäßig lax um. Wer das Schummeln im dritten Semester nicht wirkungsvoll bekämpft, kann sich auf die Täuschungsversuche in der Promotionsphase einstellen. Denn dann denken manche – und man muss immer wieder betonen: wenige! – Doktoranden, so schlimm sei das ja offenbar gar mit dem Täuschen und das Risiko, erwischt zu werden, noch dazu gering.

Nein, das Täuschen und Plagiieren in wissenschaftlichen Arbeiten ist kein Kavaliersdelikt. Es ist aber auch Ausdruck eines grundlegenden professionellen Versagens, wenn betreuende Dozenten nicht genau hinschauen mit der Ausrede, das seien ja alles erwachsene Leute, die müssten selbst wissen, was sie tun. Die zweite, berechtigtere, Begründung von Hochschullehrern, sie seien überarbeitet, ist womöglich noch häufiger und verschiebt die Verantwortung ein Stückweit zurück in Richtung System. Viel besser macht sie die Sache aber auch nicht. 

Nach den Plagiatsfällen der vergangenen Jahre ist die Debatte über die Konsequenzen, siehe oben, meist auf der überregionalen, auf der System- und auf der institutionellen Ebene stehen geblieben. Das birgt das Risiko, dass die alltägliche Ebene des wissenschaftlichen Lernens und Arbeitens auch künftig davon weitgehend unberührt bleibt. Es ist gut, dass die Leute hinter VroniPlag Wiki und ähnlichen Plattformen immer wieder auf diese Schwachstellen hinweisen. 

Damit ist keine Wertung im konkreten Fall von Franziska Giffey getroffen. Doch mit welchem Ergebnis auch immer die Prüfung ihrer Doktorarbeit endet: Was wir brauchen, sind weder pauschale Politikerschelten noch der Ruf nach neuen Selbstkontrollinstanzen. Wir müssen uns ehrlich machen. Dazu gehört, ein tiefgreifendes Problem in unserer akademischen Kultur anzuerkennen.

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