Was ist mit der Generalsekretärin passiert?

Die größte Forschungsförderorganisation bleibt eine Erklärung schuldig. Von Jan-Martin Wiarda

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Seit gut zwei Wochen machte die Nachricht in Chefetagen von Hochschulen und Ministerien ihre Runde: Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), wolle die Trennung von Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek einleiten. 

Heute nun hat der DFG-Hauptausschuss sie vollzogen. Strohschneider teilte in einem kurzen Pressestatement mit, Dzwonnek habe „auf Bitten des Hauptausschusses der DFG ihr Ausscheiden aus den Diensten als Generalsekretärin erklärt“ und mache damit den Weg für eine geordnete Nachfolgeregelung frei. Dzwonnek scheide mit dem heutigen Tage aus.

Es ist ein Donnerschlag für die DFG, die Personalentscheidung ist außerordentlich bemerkenswert. Deshalb verbieten sich an dieser Stelle alle Spekulationen, ja es verbietet sich auch das Zitieren aus vertraulichen Sitzungen. Und das sage ich ausdrücklich als einer, der sonst als Journalist durchaus über interne Diskussionsstände berichtet. Aber wie gesagt: Nicht heute, nicht angesichts der Besonderheit des Vorgangs und seiner Folgen für die betroffene Person.

Es geht vor allem um eine Institution, und zwar nicht um irgendeine, sondern um die mit Abstand größte und wichtigste Forschungsförderorganisation. Die eine zentrale Rolle spielt in unserem Wissenschaftssystem. Die Wettwerbe und Förderprogramme, die die DFG administriert, bestimmen über das Geschick der Universitäten und über die persönlichen Karrieren von Forschern. Bei der Exzellenzkommission, die erst kürzlich die Bewilligungsentscheidungen in der Exzellenzstrategie getroffen hat, führte DFG-Präsident Peter Strohschneider den Vorsitz.

Warum ich das so betone: Weil ich glaube, dass die heutige Entscheidung und so, wie sie eingeleitet und nun auch kommuniziert worden ist, eine zentrale Frage hervorhebt, die sich die DFG und ihre Führungsgremien seit längerem stellen müssen: Wie halten sie es mit der Transparenz? Und ist die heutige Erklärung von Peter Strohschneider zur Personalie Dzwonnek ein Zeichen für selbige oder für das genaue Gegenteil?

Dorothee Dzwonnek war von 2007 bis zum Montag Generalsekretärin der DFG. Zuvor war die Juristin als Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium von Rheinland-Pfalz und Kaufmännischer Vorstand des Forschungszentrums Jülich tätig. Von 1996 bis 2000 war Dzwonnek Kanzlerin der Universität Dortmund.
Dorothee Dzwonnek war von 2007 bis zum Montag Generalsekretärin der DFG. Zuvor war die Juristin als Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium von Rheinland-Pfalz und Kaufmännischer Vorstand des Forschungszentrums Jülich tätig. Von 1996 bis 2000 war Dzwonnek Kanzlerin der Universität Dortmund.

Dass sich zwischen Strohschneider und dem DFG-Präsidium einerseits und Dorothee Dzwonnek andererseits in den vergangenen Jahren zunehmend Spannungen entwickelt haben, ist vielen Beobachtern nicht verborgen geblieben. Doch diese Spannungen allein rechtfertigen keine Sondersitzung des DFG-Hauptausschusses, zu der Strohschneider für heute per zweiseitigem Schreiben eingeladen hatte, sie rechtfertigen auch kein Ausscheiden Dzwonneks, wie es in Strohschneiders Erklärung heißt, „mit Wirkung vom heutigen Tage“.

Ohne Mitsprache der Universitäten?

Auch sonst ist Strohschneiders dürre Erklärung so formuliert, dass sie geradezu zu Nachfragen auffordert. Frau Dzwonnek habe „auf Bitten des Hauptausschusses“ ihr Ausscheiden erklärt. Botschaft: Sie wollte also nicht freiwillig gehen? Nachfrage: Wie konnte es überhaupt zu einer solchen Eskalation kommen, welche Gründe und Hintergründe sind so gewichtig, dass kein gesichtswahrendes, geordnetes Ausscheiden mit Vorlauf möglich war? Und hat die Öffentlichkeit, nicht zumindest die wissenschaftlich interessierte, ein Recht, hinreichend über diese Gründe informiert zu werden?

Der Germanist Peter Strohschneider ist seit 2013 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Der Germanist Peter Strohschneider ist seit 2013 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Es stellen sich weitere Fragen. Der Hauptausschuss ist nach DFG-Beschreibung „zuständig für die finanzielle Förderung der Forschung durch die DFG“. Dort werden „auf der Grundlage der Beschlüsse des Senats die wesentlichen die DFG betreffenden wissenschaftspolitischen Entscheidungen abschließend getroffen“. Sollen die Mitglieder der DFG, namentlich: die Universitäten, wirklich keinerlei Mitsprache- und Informationsrecht bei einer so gewichtigen Entscheidung haben? Und macht es einen Unterschied, dass der Hauptausschuss es bei der „Bitte“ belassen konnte, weil Dzwonnek ihr gefolgt ist?

Im Hauptausschuss sitzen die Mitglieder des DFG-Senats, dazu Vertreter des Bundes und der Länder und – vor allem aus historischen Gründen – des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Auf welcher Grundlage konnten sie die heutige Entscheidung bewirken? Wurden sie alle ausreichend und vor allem früh genug über die Hintergründe informiert? 

Der Aufklärungsbedarf ist groß

Die Antworten kann nicht ich geben. Die Antworten können nur von der DFG kommen. Sie sollte sich nicht dahinter verstecken, dass es sich ja „nur“ um die Generalsekretärin handle – nach dem Motto: Bei einem abberufenen Staatssekretär muss man ja auch keine Hintergründe erläutern. Die Rolle der DFG-Generalsekretärin im Wirken der Forschungsförderorganisation war in den vergangenen Jahren so gewichtig, so sichtbar, so einflussreich, dass dieses Argument nicht trägt.

Im Übrigen wird es der DFG in diesem wie in anderen Fällen nur durch eine offene Informationspolitik gelingen, den bereits ins Kraut schießenden Gerüchten zu begegnen. Gerüchte, die auch den Ruf der Institution selbst beschädigen.

Der Aufklärungsbedarf bei der DFG ist also unabhängig von der Personalie Dzwonnek groß. Es geht um ihr Selbstverständnis als Institution, es geht um Prozesse, und es geht um die Beantwortung der wichtigsten aller Fragen: Welche Transparenz die DFG der Gesellschaft schuldig ist. 

UPDATE VOM 3.12.2018:

DFG erklärt sich – ein klein bisschen

Vor drei Wochen musste Generalsekretärin Dzwonnek gehen. Seitdem diskutiert die Szene, was bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft los ist. Jetzt meldet sich die Förderorganisation selbst zu Wort – wenn auch nur kurz.

IN IHREM HEUTE erschienenen Newsletter „DFG-aktuell“ hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein paar wenige zusätzliche Hintergründe zum Ausscheiden ihrer langjährigen Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek geliefert. Fast beiläufig als sechste Meldung. Erneut stellen sich eine Reihe von Fragen. Warum gerade diese Informationen, warum in dieser Form und: Tut sich die DFG mit dieser Scheibchen-Strategie einen Gefallen?  

Info 1: Der zuständige Hauptausschuss habe Dzwonnek „einstimmig“ um ihr Ausscheiden gebeten, steht im Newsletter. In der am Tag der Sitzung erschienenen Pressemitteilung fehlte dieses Detail.

Info 2: Grundlage der Bitte sei ein zwischen DFG und Dzwonnek geschlossener Aufhebungsvertrag gewesen. Auch von diesem war in der Pressemitteilung nicht die Rede. Diese Information ist aber wichtig, denn sie ordnet die Bitte des Hauptausschusses ein: Als der tagte, lag der Aufhebungsvertrag bereits vor. Das heißt: Das Ausscheiden stand schon fest, der Hauptausschuss hatte nur noch wenig zu entscheiden. Die Frage, die sich hier stellt: Wieso war Dzwonnek, die doch so ganz offensichtlich im Amt bleiben wollte, plötzlich bereit, einen Aufhebungsvertrag zu unterzeichnen?  

Info 3: Der Aufhebungsvertrag habe auch eine „Sprachregelung“ enthalten, über die DFG-Präsident Peter Strohschneider informiert habe. Soll wohl heißen: Die Pressemitteilung geht in ihrem Wortlaut auf eine Abmachung zwischen Dzwonnek und DFG zurück. Dass die DFG dies jetzt betont, ist ebenfalls interessant – womöglich eine Entgegnung auf die vielfach geäußerte Kritik, die Tonalität der ersten Meldung sei respektlos gegenüber Dzwonnek gewesen. Ich hatte in meiner Einordnung gefragt, ob die Erklärung Strohschneider ein Zeichen für Transparenz gewesen sei oder für ihr genaues Gegenteil. 

Die heutige Nachricht zeigt, dass die DFG, kritisch formuliert, weiter nach einer Linie sucht, um mit der Causa Dzwonnek und den sich daraus ergebenden Fragen nach ihren internen Prozessen, ja nach ihrem Selbstverständnis, kommunikativ umzugehen. Positiv kann man ebenfalls genau dies festhalten: Sie sucht danach. 

Der Bildungsforscher