Coronakrise: Der 15. April wird für Schüler, Kita-Kinder, Eltern und Lehrer der Tag der Wahrheit

Wie geht es nach den Osterferien weiter? Die Kulturminister verlangen klare Ansagen der Gesundheitsminister. Von Jan-Martin Wiarda

DIE KULTUSMINISTER spüren den Druck. Am 19. April gehen in vielen Bundesländern die Osterferien zu Ende – und dann? Das fragen sich in diesen Tagen Millionen Schüler, Eltern und Lehrer. 

Dass sich die Bildungspolitiker für heute zu einer Telefonkonferenz verabredet hatten, um die Lage zu sondieren, war in den vergangenen Tagen bereits durchgesickert. Die Minister telefonierten – und waren sich einig, dass sie im Moment auch nicht viel mehr tun können als abzuwarten und Fragen zu stellen. 

Abwarten müssen sie vor allem die Videokonferenz der Regierungschefs von Bund und Ländern, die ursprünglich für den Dienstag nach Ostern geplant, nun aber auf Mittwoch verschoben wurde. Dann wollen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten über eine mögliche Lockerung des deutschlandweiten Shutdowns beraten – auf der Grundlage aktueller Infektionszahlen und deren Bewertung durch die Experten vom Robert-Koch-Institut und weiteren Einrichtungen. Zuletzt mehrten sich die Anzeichen, dass die Politik angesichts der abflachenden Kurve der Corona-Neuinfektionen, wenn der Trend sich so fortsetzt, zu einem allmählichen Einstieg in den Ausstieg aus den drastischsten Eindämmungsmaßnahmen bereit sein könnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach laut dpa nun von "Anlass zu vorsichtiger Hoffnung".

Die Kultusminister hoffen auf eine klare Ansage der Gesundheitsexperten

Aber Anzeichen sind nicht Gewissheit, und so warnte auch Merkel, man werde noch "auf längere Zeit in und mit dieser Pandemie leben müssen“. Und selbst wenn die Lockerung kommt, wissen die Kultusminister noch nicht, wann genau bei einer stufenweisen Lockerung sinnvollerweise die Schulen an der Reihe sein sollten. Diese Frage könnten nicht sie als Bildungspolitiker beantworten, da waren sich die Minister Teilnehmern zu folge bei ihrer Telefonschalte einig, sondern sie erwarten dazu Anhaltspunkte von der Wissenschaft, vor allem aber von ihren Kollegen in den Gesundheitsministerien – und vor allem von den Regierungschefs persönlich. 

Das Verhältnis zwischen Kultus- und Gesundheitsseite ist derzeit nicht ganz spannungsfrei, um es vorsichtig zu formulieren: Die Gesundheitsminister gelten als die treibende Kraft hinter der sehr plötzlichen und weitgehend umkoordinierten Entscheidung der Ministerpräsidenten Mitte März, die Schulen fast überall von einem Tag auf den anderen (mit nur einem Wochenende dazwischen) dichtzumachen. Viele Bildungsminister hatten hier bis zuletzt auf ein behutsameres Vorgehen gesetzt, waren jedoch überstimmt worden.

Jetzt sagen sich die Kultusminister offenbar: Wenn die Gesundheitsminister schon eine treibende Kraft bei der Schließung der Schulen waren, dann sollen sie uns jetzt auch klare Antworten und Parameter an die Hand geben, ob und wie wir wo Schulen – und in welchem Umfang – wieder öffnen können.  

Ob sie diese klaren Antworten bis Mitte nächster Woche erhalten werden? Da sind die Kultusminister anscheinend selbst skeptisch. Und auch die Virologen weichen aus: Einen fundierten Rat könne er zur Schulöffnung derzeit nicht geben, zitierte der Spiegel gestern Hendrik Streeck, Direktor des Bonner Instituts für Virologie. Es gebe noch keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie oft Kinder ihre Eltern oder Großeltern unbemerkt ansteckten. "Wenn wir die Schulen zu früh wieder öffnen, schaffen wir womöglich einen Multiplikator für das Virus, der dann wieder gefährlich sein kann."  

Am 15. April müssen die Kultusminister sagen, wie es weitergeht

Was die Kultusminister dafür genau wissen: Spätestens wenn die Regierungschefs von Bund und Ländern am Mittwoch mit ihrer Telefonschalte durch sind, müssen auch sie der Öffentlichkeit einen Plan vorlegen, wie genau es vom 20. April an in den Schulen weitergeht. Und weil sie wissen, wie groß der Erwartungsdruck wird, haben sie sich heute geschworen, dann möglichst einheitlich zu handeln. 

Fest steht dabei eigentlich nur, dass die Kultusminister unter möglichst allen Umständen die Abitur- und Abschlussprüfungen durchziehen wollen, das hatten sie schon Ende März nach einigem Hin und Her so vereinbart. Zwar haben sie heute auch Pläne für den Fall besprochen, dass die Pandemie das Ablegen aller Prüfungen in einzelnen oder mehreren Ländern doch unmöglich machen sollte. Denn selbst in einer solchen Situation wollen die Ministerien auf keinen Fall als chaotischer Haufen dastehen. 

Zugleich aber wollen die Ressortchefs, auch wenn es jetzt diese Pläne gibt, möglichst gar nicht über sie reden. Ihre Botschaft soll angesichts von Petitionen und Protesten, das Abi ausfallen zu lassen, eindeutig und stark sein: Die Prüfungen finden statt – vielfach später als geplant, mit strengen Hygienevorkehrungen, jeder Menge Sonderregelungen für gesundheitsbeeinträchtigte Schüler, mit besonders vielen Nachholterminen als Puffer – aber sie finden statt. Und das Abflachen der Infektionskurve hat dieser großen Entschlossenheit der Kultusminister in den vergangenen Tagen weiteren Auftrieb gegeben. 

Sehr wahrscheinlich ist auch, dass die meisten Länder selbst im günstigsten Falle nicht gleich am 20. April wieder anfangen werden, den sonstigen Unterricht hochzufahren. Da brauche man etwas mehr Vorwarnzeit, ist zu hören, mindestens eine Woche, soll wohl heißen: Vor Ende April wird außer Abschlussprüfungen nicht viel passieren. Und wenn doch, so sind es die zuerst die Abschlussklassen, die in die Schulen gehen sollen, damit sie auf ihre Prüfungen vorbereitet werden können. 

Stufenpläne, Rotationsverfahren und jede Menge Fragezeichen

Das war es dann aber auch schon mit dem, was Stand heute sicher oder wahrscheinlich erscheint. Zwar haben die Kultusministerien im Vorfeld der Telefonschalte über verschiedene Wiedereinstiegs-Szenarien verhandelt, unter anderem mit einem Stufenplan, in welcher Reihenfolge welche Klassenstufe und Schulform an der Reihe sein könnte, oder alternativen Überlegungen, man könnte Klassen bis zu den Sommerferien jeweils in halber Stärke nach einem Rotationsprinzip abwechselnd in Präsenz und im Fernunterricht beschulen.

Doch auch wenn die Minister den Stufenplan favorisieren: Sie waren sich heute einig, dass derart konkrete Abfolgen mit dem aktuellen Wissen nicht sinnvoll zu beschließen sind. Und dass am Ende ohnehin die Regierungschefs die Richtung vorgeben.

Zu zahlreich sind zudem die Fragezeichen. Wie sollte zum Beispiel bei einem Rotationsprinzip die Beförderung der Schüler auf dem Land funktionieren? Wie viele Schulbusse zusätzlich bräuchte man, damit die Kinder nicht zu eng aufeinander sitzen, und wo sollten diese Busse herkommen? Wie viele Lehrkräfte zählen zu den Risikogruppen und werden deshalb ganz sicher in den nächsten Wochen nicht unterrichten können? Nach welchen Kriterien genau kann man überhaupt solche Risikogruppen definieren? Was bedeutet das absehbare Fehlen sehr vieler Lehrer für das Aufstellen möglicher Rumpfstundenpläne?

Und so gehen die Fragen weiter: Was sind angemessene Gruppengrößen für den Unterricht? Und was ist denn nun mit den ganz Kleinen, den Grundschülern? Bei ihnen stellt sich die Betreuungsfrage am dringendsten, gleichzeitig sind sie selbst kaum durch Covid-19 gefährdet. Aber heißt das auch, wie eine viel beachtete neue Studie nahelegt, dass sie auch für andere kaum eine Gefahr darstellen? Oder werden sie krank und merken es bloß nicht? Was wiederum ihre Familien und Lehrkräfte besonders gefährden würde. Soll man also die Grundschulen besonders früh öffnen oder eher besonders spät? 

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Regionen mit vielen Infizierten und solchen mit wenigen, zwischen Grund- und Oberschulen, zwischen Klassen, die vorm Abschluss stehen und solchen, bei denen der Unterrichtsstart aus pädagogischen Gründen nicht ganz so dringend ist, all das erfordert Differenzierung und macht die schrittweisen Schulöffnungen komplex.

Alle zerren an den Kultusministern

Gleichzeitig wird von allen Seiten an den Kultusministern gezerrt: von denjenigen Lehrkräften und Eltern, die aus Angst vor einer Ansteckung die Schulen am liebsten bis zu den Sommerferien geschlossen halten würden. Von denjenigen Eltern, die an der Frage verzweifeln, wie sie die Betreuung der Kinder neben dem Job organisieren sollen und deshalb inständig auf die sofortige Öffnung hoffen. Von den Experten, die die zunehmende häusliche Gewalt während des Shutdowns, auch die Gewalt gegen Kinder, fürchten. Und von den Bildungsforschern, die vor der massiven Bildungsbenachteiligung von Kindern aus ärmeren oder bildungsfernen Familien während des Homeschoolings warnen. 

 Und doch muss Mittwoch, der 15. April irgendwie zum Tag der Wahrheit für die Schulen werden – und auch für die Kitas, bei denen eigentlich auch nur feststeht, dass der Regelbetrieb am 20. April sicherlich nicht wieder beginnen wird. 

Zumindest das Ziel der Kultusminister ist damit klar: Sie wollen bundesweit einheitliche Regeln, Parameter und Kriterien, die nicht zur Folge hätten, dass es an allen Schulen und in allen Regionen gleichzeitig und im gleichen Umfang wieder losgehen würde. Aber dass die Entscheidung, ob und wie geöffnet wird, einem vergleichbaren Raster folgt – das auch für die Betroffenen nachvollziehbar ist. Genau das wollen sie auch ihren Regierungschefs sagen.

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Der Bildungsforscher