Bildung in der Coronakrise: Bitte öffnen!

Eine schrittweise Öffnung der Bildungseinrichtungen ist angemessen – und für die Gesellschaft insgesamt die sicherste Option. Ein Plädoyer von Jan-Martin Wiarda.

Es ist das absolute Argument für alle, die eine Lockerung des Shutdowns ablehnen: Das würde Menschenleben gefährden, lautet es, wollt ihr das? Besonders häufig taucht es auf, sobald die Rede auf Schulen und Kitas kommt. Auf keinen Fall!, lauten die zahllosen auch in den Sozialen Medien nachzulesenden Mahnungen: Die Kleinsten sind die größten Virenschleudern, noch dazu können besonders Kita- und Grundschulkinder die nötigen Schutzmaßnahmen nicht einhalten. Eine unzumutbare Gefährdung sei das, vor allem für die Lehrkräfte, für die ErzieherInnen und Eltern mit Vorerkrankungen.  

Das Problem, vielleicht aber auch die Absicht hinter derart absolut vorgetragenen Argumenten ist, dass sie gesellschaftliche Debatten über alternative Wege von vornherein abzuwürgen drohen – weil jene, die über solche Wege nachdenken, nach der Logik der Mahnenden ja offenbar bereit sind, den Tod von Menschen in Kauf zu nehmen. 

Zum Glück denken die meisten Regierungschefs in den nötigen Schattierungen 

Zum Glück lassen sich die meisten in der Wissenschaft und Politik dennoch nicht davon abbringen, in den nötigen Schattierungen zu denken. Wenn sich heute die Bundeskanzlerin mit den 16 Ministerpräsidenten zur Videokonferenz trifft, um den künftigen Umgang mit der Corona-Pandemie zu besprechen, wird es auch um den Einstieg aus dem Ausstieg aus den schärfsten Eindämmungsmaßnahmen gehen. Es lässt sich kaum prognostizieren, wie die Entscheidung der 17 ausfällt, auch wenn die Wissenschaft mehrheitlich für eine – mit strengen Bedingungen verknüpfte –Lockerung zu plädieren scheint. Denn andererseits hat zum Beispiel erst gestern Abend Thüringens linker Ministerpräsident Bodo Ramelow, wie die Spiegel-Website berichtet, bezogen auf die mögliche Öffnung der Schulen gesagt, er könne doch niemanden zwingen, "sich ungeschützt einem potenziell tödlichen Virus auszusetzen". 

Wie unsinnig es in jedem Fall ist, sich bei der Entscheidung von der allzu einfachen Gleichung "Lockerung = Gefährdung von Menschenleben" leiten zu lassen, zeigt indes ihre Umkehrung ins Gegenteil. Forscher warnen: Der Shutdown treibt die Selbstmordrate in die Höhe; die häusliche Gewalt explodiert vermutlich in diesen Tagen – nur wissen wir es nicht genau, weil das Thema von jeher zu den größten gesellschaftlichen Tabus gehört. In wie vielen Wohnungen sich gerade Dramen abspielen, wie viele Frauen und Kinder um ihre Gesundheit, ja um ihr Leben fürchten, wir wissen es nicht. In Italien, berichtet ebenfalls der Spiegel, gingen kaum noch Anrufe beim nationalen Notruf ein – warum? Weil die Frauen nicht mehr unbemerkt von ihren Männern ans Telefon gehen können.

Hinzu kommt der dramatische wirtschaftliche Verfall durch den Stillstand: Wie vielen Menschen wird es Gesundheit und Leben kosten, wenn die Gesellschaft plötzlich viel ärmer ist, wenn perspektivisch weniger Geld für Sozialleistungen bleibt und für die Finanzierung eines leistungsfähigen Gesundheitssystems? Und das alles wegen eines Shutdowns, der vor allem den am schlimmsten Gefährdeten nützt, den anderen aber enormen, potenziell ebenfalls lebensgefährlichen Schaden zufügt.  

Wer jetzt entgegnet: So kann man das doch nicht zuspitzen, so kann man das nicht rechnen, der hat absolut Recht. Das Argumentieren mit dem vermeintlich rücksichtslosen Umgang mit Menschenleben hat in der notwendigen Debatte über die Zukunft im Kampf gegen das Coronavirus nichts verloren, grundsätzlich nichts verloren. Es geht um die Einschätzung und das Abwägen der unterschiedlichen Risiken, was dadurch umso schwieriger wird, dass einige dieser Risiken in ihren Dimensionen noch gar nicht richtig bekannt sind. Andere dagegen sehr wohl. 

Was die Schulen und – in Abstufungen die Kitas – angeht, bleibt am Ende dieses schwierigen Abwägens eigentlich nur eine politisch vertretbare Konsequenz: ihre schrittweise Öffnung spätestens ab Mai.

Wir wissen nicht einmal, ob die Schulschließungen überhaupt einen großen Effekt haben

 Zu den Risiken unbekannter Dimension: Bis heute ist nicht abschließend geklärt, welche Rolle Kinder bei der Übertragung des Virus spielen. Es gibt ernstzunehmende Studien, die besagen, dass Schulschließungen allein wenig Eindämmungseffekte haben. Kinder werden selten ernsthaft krank, sind sie aber gerade deshalb besonders gefährlich, weil sie das Virus unbemerkt weitergeben? Oder tragen sie das Virus meist gar nicht in dem Umfang in sich, dass es anderen gefährlich werden könnte? Wir wissen es nicht genau. 

Was wir hingegen wissen: Die wochen- und möglicherweise monatelangen Schließungen von Kitas und Schulen hinterlassen eine Schneise der sozialen Verwüstung. Kinder aus bildungsfernen Familien erhalten zu Hause oft nicht die nötige Unterstützung beim Homeschooling, die ohnehin schon offene Leistungsschere zu den übrigen Kindern öffnet sich so dramatisch, dass zum Beispiel der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, in der WELT warnt, bis zu einem Viertel der 10,7 Millionen Schüler in Deutschland sei in den vergangenen Wochen "abgehängt" worden – mit womöglich langfristigen Folgen für ihre Bildungskarrieren.

Wir wissen ebenfalls, dass Millionen Kinder massiv darunter leiden, wochenlang ihre Freundinnen und Freunde nicht sehen zu können – was für Kita- und Grundschulkinder, die das Warum nicht verstehen, eine enorme psychische Belastung und eine Verzögerung in ihrer Entwicklung bedeuten kann. Auch auf die Gewalterfahrungen, die viele Kinder hinter verschlossenen Wohnungstüren in diesen Wochen machen, sei nochmal hingewiesen. Wir haben wir kein gesichertes Wissen – allerdings aus einem verstörenden Grund: Es gibt derzeit keine ErzieherInnen, keine Lehrkräfte, die die besonders gefährdeten Kinder täglich sehen und die Warnzeichen wahrnehmen können.  

Sicher wissen wir wiederum, welchen enormen Druck, psychisch, sozial und womöglich finanziell, es für die Eltern von Kita- und Grundschulkindern bedeutet, wochen- oder gar monatelang nur eingeschränkt arbeiten zu können, nicht zu wissen, wie man die Betreuung der Kinder sicherstellen soll, wenn ein wichtiger Anruf kommt oder ein Konzept fertiggestellt werden muss. Am größten ist der Druck für Frauen, die ohnehin die meiste Sorgearbeit in unserer Gesellschaft leisten und die größten Karrierenachteile haben. Und nein, all dies lässt sich nicht durch noch mehr Großzügigkeit selbst unter extremen Druck stehender Arbeitgeber ausgleichen, das bleibt an den Familien hängen. Und führt, nebenbei gesagt, zu einem enormen Verlust an unternehmerischer Wertschöpfung.

Bildungsprozesse lassen sich nicht einfach verschieben

 Die Risiken, die durch die unverminderte Fortsetzung des Shutdowns, besonders der Schließung von Bildungseinrichtungen, entstehen, sind so sicher wie dramatisch. Und doch, so scheint es gelegentlich, gelangen sie nicht ausreichend in die öffentliche Wahrnehmung, sie spielen in den Debatten um den Shutdown nur eine geringe Rolle. Vielleicht manifestiert sich hier unter anderem eine latente gesellschaftliche Geringschätzung von Bildungsprozessen, auf die, so meinen einige offenbar, es in der jetzigen Situation nicht ankomme. Vielleicht steckt dahinter auch das Missverständnis, Bildung sei im Lebenslauf, in der Reifung junger Menschen etwas, das sich beliebig verschieben und nachholen lasse. Vielleicht aber ist es noch viel einfacher. 

Vielleicht sind die täglich berichteten Kurven der Corona-Neuinfektionen schlicht griffiger. Weil die Wirkung der Eindämmungsmaßnahmen sich scheinbar direkt aus ihnen ablesen lässt, auch wenn Forscher zugeben, dass sie gar nicht differenzieren können, welche Maßnahme – zum Beispiel die Schulschließungen – genau wie stark wirkt. Doch wer weiß demgegenüber schon die lebensverändernden Schäden für die Kinder und Familien mit einer Grafik abzubilden? 

Und selbst wenn die Risiken, die eine schrittweise Öffnung der Schulen und ja, auch der Kitas, demgegenüber bedeuten würde, ebenfalls so groß wären, wie viele, ohne es genau zu wissen, fürchten – ihnen ließe sich effektiv begegnen. Dadurch, dass die Forscher offensiv die (äußerst niedrige!) Rate der schweren Erkrankungen bei den gesunden Unter-60-Jährigen kommunizieren und ein Stückweit die Ängste relativieren würden. Dadurch, dass die älteren Lehrkräfte und ErzieherInnen zu Hause blieben. Dadurch dass es Kindern von gesundheitlich beeinträchtigten Eltern freigestellt würde, im Homeschooling zu bleiben. Dadurch, dass man mit Teilzeit-Präsenzunterricht und kleinen Gruppen anfangen könnte. Oder auch dadurch, dass am Beginn jeder Schulstunde alle sich die Hände waschen würden, genug Desinfektionsmittel in die Schulen und Kitas käme – und – vor allem – das Tragen von Schutzmasken Pflicht würde.  

Natürlich lässt sich auch diese Form der Abwägung torpedieren. Indem man zum Beispiel sagt: Alles schön und gut, aber bevor wir das mit der Lockerung machen können, muss die Bundesregierung erstmal viele Milliarden Schutzmasken organisieren. Denn schließlich sagen die Forscher ja, eine entscheidende Voraussetzung der gesellschaftlichen Belebung sei die Schutzmaskenpflicht. Außerdem guckt euch mal den Zustand der sanitären Anlagen in den meisten Schulen an. Und überhaupt, wo sollen die Millionen und Abermillionen Liter Desinfektionsmittel auf einmal herkommen?

Keiner hat behauptet, dass die Schulen ab nächster Woche wieder Volllast fahren sollen

Wer so argumentiert und die Realität von Angebot und Nachfrage bei den Schutzmasken kennt, weiß genau: Damit wäre jegliche Öffnung erstmal vom Tisch. Doch ist bei genauerem Hinsehen ist auch das wieder ein zu Unrecht absolut gesetztes Argument, weil es erneut so tut, als gebe es keine alternativen Wege. Tatsächlich scheint jedoch der Mangel an Desinfektionsmitteln allmählich zu Ende zu gehen. Zudem sind sich die meisten Experten einig, dass auch selbstgenähte Masken, wenn alle sie wie vorgeschrieben tragen, die Entwicklung der Pandemie enorm hemmen würden. Diese Masken vermindern zwar nur die Ausbreitung der eigenen Viren, schützen den Träger also nicht vor Ansteckung – aber indirekt dann eben doch, wenn alle eine tragen. 

Und schließlich behauptet und will niemand mit Vernunft, dass das Bildungssystem vom 20. April an auf Knopfdruck wieder auf Volllast fährt, es geht um den oben beschriebenen behutsamen Start, abhängig von der Situation in der jeweiligen Region und Einrichtung, vielleicht vom 27. April an. Alle Verantwortlichen wissen, dass bis mindestens bis zu den Sommerferien kein Zustand im Bildungssystem erreicht sein wird, der der alten Normalität entspricht. Aber einen Neuanfang, den kann, sollte und muss es unter diesen veränderten Bedingungen sehr wohl geben.  

Ein Risiko der Öffnung vor allem der Kitas lässt sich indes nicht wegdiskutieren: Kleine Kinder würden Masken, egal wie gut sie sind, nicht konsequent tragen. Weshalb zum Beispiel die Leopoldina-Forscher empfohlen haben, bei der Ausweitung der Kitabetreuung vorsichtigsten zu sein. Die fortgesetzte Schließung für die Kleinsten scheint deshalb trotz der enorm negativen Folgen derzeit tatsächlich unvermeidbar.   

Doch wer deshalb meint, diese gleich bis zu den Sommerferien fordern zu müssen – vielleicht auch, weil Kitas in unserer Gesellschaft zu Unrecht vielen immer noch nicht als Bildungseinrichtungen gelten, der gesellschaftliche Widerstand gegen ihr Zubleiben also geringer ist – macht es sich ein weiteres Mal zu leicht, und zwar aus zwei Gründen: Eine fortdauernde Schließung der Kitas setzt erstens das absolute Commitment von Politik und Wissenschaft voraus, schnellstmöglich die offene Frage der tatsächlichen Ansteckungsgefahr durch Kinder zu klären. Sie hätte dann höchste Priorität. 

Die Kitas geschlossen zu lassen, könnte mittelfristig die größeren gesundheitlichen Risiken bergen

Und zweitens müssten sich Kanzlerin und Ministerpräsidenten darüber im Klaren sein, dass die Entscheidung, die kleinsten Kinder am längsten zu Hause zu lassen, besonders konsequent aussehen mag, womöglich aber mittelfristig noch größere gesundheitliche Risiken bedeutet. Weil Eltern schon jetzt zunehmend nach Auswegen aus der Betreuungskrise suchen. Und weil sie dann in ihrer Not am Ende doch wieder diejenige Bevölkerungsgruppe einspannen würden, die viel gefährdeter ist als die meisten ErzieherInnen oder Lehrkräfte: die Großeltern. Kurzfristig also mag das noch gehen mit den Kitaschließungen, in ein paar Wochen schon dürfte die Gewichtung der Risiken anders ausfallen – zugunsten ihrer Öffnung. 

Denn dass sich massive Ausgangsbeschränkungen nicht lange aufrechterhalten lassen, dass die Menschen Stück für Stück anfangen, die Normalität im Ausnahmezustand wiederherzustellen, zeigen bereits Auswertungen von Bewegungsprofilen von Handybenutzern. Waren die Menschen dem Unternehmen Teralytics zufolge Ende März noch 37 Prozent weniger unterwegs als sonst, waren es am Ostersonntag nur noch 22 Prozent, Tendenz abnehmend. Dass sich die Mehrheit der Deutschen vor wenigen Tagen laut der Meinungsforscher von YouGoV immer noch gegen eine Lockerung des Kontaktverbots aussprachen, ist da kein Widerspruch – sondern sagt etwas aus über die allzu menschliche Schizophrenie im Umgang mit Beschränkungen. 

Um am Ende auch einmal grundsätzlich zu sein: Kita- und Schulschließungen mögen sich gut anfühlen für einige Politiker, für besorgte Lehrkräfte und Eltern. Ihre unbedingte Fortsetzung zu fordern, mag sich noch dazu in Teilen der Bevölkerung besonders populär anhören in diesen Tagen. Anders lassen sich Sätze wie der Ramelows kaum erklären, der sich laut Spiegel sogar hinreißen ließ, öffentlich über eine Aussetzung der Schulpflicht für das gesamte Jahr 2020 nachzudenken. Doch gesamtgesellschaftlich verringern die Schließungen die Dynamik der Pandemie eben gerade nicht zwangsläufig. Zwangsläufig sind aber die enormen individuellen und gesellschaftlichen Schäden, die sie verursachen. 

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