Studieren in der Coronakrise: Wie die Wissenschaftsminister Nachteile für junge Menschen abwenden wollen

Von Jan-Martin Wiarda

ES IST EINE Ansage und eine Garantie: Die Studierenden in Deutschland sollen grundsätzlich kein Problem mit ihrer Regelstudienzeit bekommen, wenn sie keine oder nicht alle fürs Sommersemester vorgesehenen Studienleistungen erbringen können. Solange die Corona-Pandemie und das dadurch eingeschränkte Lehrangebot an den Hochschulen schuld sind. Darauf haben sich gestern die höchsten politischen Beamten aller Landeswissenschaftsministerien in einer Telefon-Schalte geeinigt, wie zunächst aus inoffiziellen Quellen verlautete. 

Am Freitagnachmittag bestätigte die Kultusministerkonferenz (KMK) den Beschluss dann auch offiziell per Pressemitteilung: Das Sommersemester 2020 finde statt, "es wird ein ungewöhnliches, es soll jedoch kein verlorenes Semester sein."

Ihren gemeinsamen Beschluss interpretierten viele Staatssekretäre intern auch als Absage an Forderungen nach einem "Nicht-Semester" – zumindest insoweit mit dem Begriff die absichtliche Aussetzung von Lehrveranstaltungen oder Prüfungen gemeint sein sollte. Allerdings hatte ausgerechnet die diesbezügliche Online-Petition in ihrer ursprünglichen Fassung eine solche Aussetzung nie verlangt – sondern im Gegenteil viele Forderungen erhoben, die die Wissenschaftsministerien jetzt umsetzen wollen.

Denn so, wie die KMK-Amtschefs die Bemühungen der Hochschulen "zur Sicherstellung des Lehr- und Forschungsbetriebs" vor allem durch digitale Lehr- und Lernformate lobend hervorheben, sichern sie den Studierenden ihre weitreichende Unterstützung zu. Nicht nur "hinsichtlich Regelungen, welche zum Beispiel die Regelstudienzeit aufgreifen". Sondern die Länder versprechen darüber hinaus: Sie werden sich beim Bund dafür einsetzen, dass "beim BAföG, dem Kindergeld, der Krankenversicherung und ähnlichem flexible Regelungen gefunden werden, die den Lebenswirklichkeiten der Studierenden in Zeiten der Corona-Pandemie gerecht werden".

Das sind alles Forderungen, die auch in der Online-Petition zum Nichtsemester enthalten waren. Allerdings machten die Länder mit ihrer Formulierung auch klar: Diese Entscheidungen haben sie nicht in der Hand. Hamburgs Wissenschaftsbehörde betonte heute per Pressemitteilung, hier sollten flexible Lösungen "in Absprache mit dem Bundesbildungsministerium" gefunden werden – wodurch die Länder den Druck auf Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) erhöhen.

Studienplatz-Bewerbungsstart verschoben, späterer Vorlesungsstart ins Wintersemester wahrscheinlich


Mit ihrem Beschluss bestätigte und vereinheitlichte die von der Kultusministerkonferenz (KMK) organisierte Staatssekretärs-Telefonkonferenz die Vielzahl einzelner Zusagen, die etliche Wissenschaftsminister bereits in den vergangenen Tagen formuliert hatten. Zuletzt hatte beispielsweise Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) im Tagesspiegel von einem "Flexi-Semester" gesprochen und angekündigt: "Wir flexibilisieren den Studienalltag so weit, dass möglichst viele Scheine gemacht werden können und anerkannt werden." An den Universitäten werde bereits eifrig auf Online-Formate umgestellt. "Eine nachträgliche Nicht-Wertung würde all das konterkarieren". 

Die Staatssekretäre konkretisierten in ihrer Telefonkonferenz auch die Pläne, den Wintersemester-Vorlesungsstart bundesweit zu vereinheitlichen und je nach Bedarf stärker nach hinten zu schieben. In einem ersten Schritt beschlossen sie wie erwartet, dass die Stiftung für Hochschulzulassung ihr Studienplatz-Bewerbungsportal Hochschulstart.de nicht wie üblich am 15. April, sondern frühestens am 1. Juli öffnen wird. Die Stiftung teilte die Verschiebung unmittelbar danach auf ihrer Website mit. Dort heißt es: "Mit den Modalitäten und zeitlichen Vorgaben zu den Abiturprüfungen werden sich im April noch einmal die Bildungsminister der Länder befassen." Nach deren Entscheidung könne die Bewerbungsphase zum Wintersemester "neu terminiert werden".

Ganz so vage haben es die Staatssekretäre gestern nicht verabredet. Sie einigten sich auf ein stufenweises Vorgehen. Erst der spätere Bewerbungsstart. Dann die Entscheidung der Schulminister abwarten.

Vorlesungszeit erst ab 1. November

Eigentlich wollten diese am 9. April überprüfen, ob sie ihren Plan, alle Schulabschluss-Prüfungen (vor allem das Abitur) abzuhalten, durchhalten können – oder ob die Corona-Lage dann erneut Anpassungen erfordert. Weil sich die Regierungschefs von Bund und Ländern aber erst am 14. April festlegen wollen, ob die geltenden Ausgangsbeschränkungen fortbestehen, gelockert oder – wovon derzeit keiner reden mag – sogar noch verschärft werden, dürften auch die Kultusminister den 9. April als Tag der Entscheidung nicht halten können. Wobei ihre Entschlossenheit, die Abiturprüfungen, wenn irgend möglich, durchzuziehen, sehr groß ist. Bei der Verlängerung der Schließungen von Kitas und Schulen insgesamt ist die Lage möglicherweise differenzierter.

Die Wissenschaftsministerien jedenfalls wollen unmittelbar reagieren, wenn die Bildungsminister und Regierungschefs sich positioniert haben. Dabei gilt als sicher, dass die NC-Bewerbung bei Hochschulstart.de bis mindestens 15. August möglich sein wird. Eventuell wird die Deadline sogar erst auf den 28. August gelegt werden. Allerdings spricht sich eine Mehrheit der Länder gegen den späteren Termin aus, weil der 15. August ausreichen würde, um nach heutigem Kenntnisstand den Schulabsolventen in allen Ländern ausreichend Zeit für ihre Bewerbung zu geben. 

Die Vorlesungszeit würde in jedem Fall bundesweit an allen Hochschularten erst am 1. November beginnen, um alle Zulassungs- und Nachrückverfahren regulär beenden zu können. Aber wie gesagt: Erstmal gilt es die nächsten Tage und die weiteren Entwicklungen abzuwarten. Man wisse derzeit nie, was in zwei Wochen sei, kommentierte ein Staatssekretär mir gegenüber. Überlegungen einiger Länder, das Sommersemester zu verlängern und die beiden folgenden Semester zum Ausgleich zu stauchen, sind allerdings vom Tisch. 

Ein Bund-Länder-Programm für die Digitalisierung der Hochschulen?

Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sagte heute Morgen: "Das Wichtigste ist jetzt, gemeinsam mit allen Ländern in diesen unsicheren Zeiten für größtmögliche Planungssicherheit und Verlässlichkeit zu sorgen." Gleichzeitig müssten die Wissenschaftsministerien die notwendige Flexibilität für Hochschulen und Studierende gewährleisten. "Dafür werden die Länder und der Bund gemeinsam alle Kräfte mobilisieren müssen", was die rechtlichen Spielräume angehe, aber auch die nötige finanzielle Unterstützung für die "beschleunigte Digitalisierung". 

Klingen hier bereits die Forderungen der Länder nach einer kurzfristigen Bund-Länder-Initiative zur Digitalisierung der Hochschulen durch? Berlins Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) hatte erstmals vor zehn Tagen hier im Blog an Bundesbildungsministern Anja Karliczek (CDU) appelliert, ein 350-Millionen-Euro-Sofortprogramm für 2020 und 2021 aufzulegen. Im selben Interview hatte Krach dem "Nicht-Semester" ebenfalls eine Absage erteilt, zugleich aber den Berliner Studierenden und Hochschulen weitreichende Garantien gegeben. 

Baden-Württembergs Landesregierung und die Hochschulen wiederum hatten vorgestern inmitten der Corona-Hilfspakete die in den vergangenen Monaten ausgehandelte Hochschulfinanzierungsvereinbarung unterschrieben – mit einem Aufwuchs von mehr als 1,8 Milliarden Euro bis bis 2025. Theresia Bauer sagte heute, die Hochschulen seien die Zukunftslabore unserer Gesellschaft. "Wir brauchen jetzt ihre Kreativität, Improvisationskraft und ihre Entschlossenheit, neue Wege zu beschreiten."

  1. Corona
  2. Corona-global

Covid-19 sei "unter Kontrolle"

Tunesien öffnet Cafés, Hotels und Moscheen - und bald auch die Grenzen

People stranded at Tunis Carthage airport wait for flights on March 16, 2020. - Charted flights are being organised to bring back tourists whose flights have been cancelled due to the coronavirus COVID-19 pandemic. (Photo by FETHI BELAID / AFP)
  1. Corona
  2. Corona-FAQ

Wann sollte man sich oder andere beim Arzt oder beim Gesundheitsamt melden?

Schon der begründete Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung ist meldepflichtig. Manche Berufsgruppen müssen sogar andere Menschen melden.

  1. Afrika
  2. Corona
  3. Corona-global

Corona-Virus in Afrika: Not ist die Mutter der Erfindung

Keine Schutzkleidung, kaum Beatmungsgeräte? Die Not setzt auf dem Kontinent unerwartet viele Ressourcen frei. In Windeseile werden zum Beispiel in Kenia und Tunesien Lösungen entwickelt.

Studierende der Kenyatta-Universität stehen vor einem Dummy, der an einen Prototypen eines Beatmungsgeräts angeschlossen ist.
  1. Corona
  2. Corona-Callcenter
  3. Freiwillige
  4. Gesundheitsamt
  5. Studierende

Keine Ärzte, nur Studierende

Nahezu 27.000 Studierende halfen in der bisherigen Coronakrise. Sie sitzen in Callcentern, nehmen Abstriche von Infizierten und untersuchen diese zuhause.

Medizinstudierende in blauer Arbeitskleidung und Mund-Nasenschutz bereiten sich auf eine Fahrt zu SARS-CoV-Infizierten vor (Coronataxi). Sie stehen vor einem Gebäude der Universitätsklinik Heidelberg
  1. Bildung
  2. Corona
  3. Schule

Wie wird das neue Schuljahr ablaufen?

Eine Expertenkommission legt Empfehlungen für das neue Schuljahr unter Corona-Bedingungen vor. Unterdessen fordern zwei Fachgesellschaften von Bund und Ländern einen "Kindergipfel".

Ein Blick in ein leeres Klassenzimmer.
  1. Corona
  2. Corona-FAQ

Was sind die ersten Symptome einer Corona-Infektion?

Welche Anzeichen darauf hindeuten, dass man an Covid-19 erkrankt ist.

  1. Corona
  2. Corona-global
  3. Tunesien

Neue Krankheit, alte Muster?

Während Tunesien über Corona diskutiert nehmen Verfahren gegen Kritiker zu. Droht ein Rückfall in vergangen geglaubte Identitätsdebatten?

Schild mit der Aufschrift Freedom und der tunesischen Flagge auf einer Demonstration
  1. Corona
  2. Klimakrise

Die Suche nach dem grünen Neuanfang

Viele Spitzenpolitiker wollen die Konjunkturprogramme nach der Coronakrise an Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausrichten. Leitbild soll der "Green Deal“ sein, den die EU-Kommission vorgeschlagen hat. Doch es gibt auch Widerstand.

Eine Hand voller grüner Karten, die Buchstaben, Zahlen oder Anweisungen wie „+2“ zeigen.
  1. Corona
  2. Corona-FAQ

Was sollen Immunitätspässe bringen, und wie sinnvoll sind sie?

Der so genannte Corona-Pass soll den Menschen, die das Virus bereits hatten, mehr Freiheiten geben – aber das Konzept ist voller Lücken.

  1. Corona
  2. Corona-global
  3. Kenia

Corona in Ostafrika: Die Freiheit der Medien leidet unter dem Virus

Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie haben auch Auswirkungen auf die Pressefreiheit. Ein Blick nach Kenia und Somalia.

In Kenia gibt es noch eine Vielzahl von Zeitungen.
  1. Corona
  2. Klimakrise
  3. Wirtschaft

Wirtschaftsmodelle für Corona- und Klimakrise

Was wollen wir eigentlich von der Wirtschaft? Immer mehr Geld? Oder mehr Gemeinwohl bei gestärkter Widerstandskraft gegen künftige Krisen? KlimaSocial startet dazu eine Serie mit dem Titel „An der Weggabelung“

Das Bild zeigt eine Weggabelung in einen Park. Der Pfad nach rechts führt in sanften Rundungen einen kleinen Hügel hinauf, der Pfad links biegt um einen Baum leicht nach unten und führt dann gerade und eben weiter, bis er außerdem Sicht gerät.
  1. Corona
  2. Gesundheit
  3. Medizin

Können Menschen, die Covid-19 überstanden haben, den Kranken mit einer Blutspende helfen?

Weil es dauert, Impfstoffe zu entwickeln und Medikamente zu testen, wollen Mediziner gegen das Coronavirus auf Antikörper im Blut von Genesenen setzen.

Das Bild zeigt den Arm eines Mannes, der eine Blutspende macht. In seinem Arm steckt eine Kanüle, über die Blut in einen Beutel fließt. Aus dem Blut wird dann Plasma gewonnen, das Kranken verabreicht werden kann.
  1. Bildung
  2. Corona

Schulöffnungen: Lange können sich die Kultusminister nicht mehr ducken

Vier medizinische Fachgesellschaften fordern die komplette Öffnung von Kitas und Schulen. Wie reagiert die Politik?

Ein Blick in ein leeres Klassenzimmer.
  1. Bildung
  2. Corona

Die Corona-Krise belastet die Generationengerechtigkeit

Allmählich wird deutlich, wie ungleich die Folgen der Pandemie-Bekämpfung die Generationen belasten werden. Wo bleibt die gesellschaftliche Debatte darüber?

Ein Mädchen mit Mundschutz auf dem Weg zur Schule
  1. Corona
  2. Kinder
  3. Zukunft

Corona verschärft bestehende Notlagen von Kindern und Familien

„Das Virus hat alle getroffen, aber es macht noch lange nicht alle gleich", sagt Peter Neher. Der Caritas-Präsident klagt, dass die Wohlfahrtsverbände nicht ausreichend gehört werden.

Trauriges Kind als Symbolbild für die Situation von Kindern in der Coronakrise.
  1. Corona
  2. Corona-FAQ

Was muss man bei Studien beachten, die noch nicht offiziell publiziert sind (Preprints)?

Was die Begutachtung bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen leisten kann und welche Vorteile und Risiken sogenannte Preprints bergen

  1. Corona
  2. Mathematik
  3. Umwelt&Erbe

Die Macht der Modelle: Rechnen in der Coronakrise

Die Mathematik berechnet Prognosen für die Zukunft und hilft so, die optimale Strategie zur Eindämmung der Covid-19-Epidemie zu finden.

Mehrere menschliche Zellen mit einer zottigen Oberfläche. Darauf sitzen kleine gelb eingefärbte Viren.
  1. Corona
  2. Ratgeber

Sie fragen, wir antworten: FAQ zur Coronakrise – von Ansteckung über Falschnachrichten bis Zwangsmaßnahmen

Schicken sie uns Ihre Fragen zu Symptomen, Ansteckung, Tests, Staats- und Bürgerrechten, Immunsystem, Fake News und anderen Themen, die Sie bewegen

Das Bild zeigt eine junge Frau, die ein Schild mit einem Fragezeichen in der Hand hält
  1. Corona
  2. Corona-global

So verändert die Corona-Pandemie die Welt: Berichte von fünf Kontinenten

Die Corona-Pandemie ist ein globales Problem: Was passiert in Australien, Peru, Island, den USA, Kenia, Südafrika, Tunesien, Österreich? Wir geben einen Einblick in die Stimmungslage auf fünf Kontinenten.

Eine geographische Darstellung der Erde.
  1. Corona
  2. Corona-FAQ

Haben alle Menschen, die das Robert-Koch-Institut als „genesen“ zählt, Covid-19 wirklich überstanden?

Auch PatientInnen, die als genesen gelten, können noch an Folgen der Krankheit leiden.

Das Symbolfoto stellt einen Patienten auf der Intensivstation eines Krankenhauses dar. Ein Monitor stellt Informationen über seinen Gesundheitszustand dar.
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Der Bildungsforscher