Erst Fakten sichten, dann empören!

Kommentar: Die Reaktionen führender Politiker auf die Stickoxid-Versuche am Aachener Uniklinikum schaden in ihrer Pauschalität der Wissenschaft.

Peter Winandy/RWTH Die RWTH Aachen gehört zu den führenden Universitäten Deutschlands. Im Bild zu sehen sind das Hauptgebäude und das sogenannte SuperC-Gebäude.

Der Bildungsforscher – aktuelle Entwicklungen in Bildungs- und Forschungspolitik

So viel demonstrative Empörung war selten. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) äußerte sich „entsetzt“, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ über ihren Sprecher Steffen Seibert ausrichten, „diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“. Differenzierter positionierte sich ausgerechnet der geschäftsführende Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CDU). Sein Sprecher sagte, Schmidt habe kein Verständnis für Tests zum Schaden von Tieren und Menschen, die nicht der Wissenschaft dienten, „sondern ausschließlich PR-Zwecken“. Diese Differenzierung ist in der Tat wichtig. Warum, dazu gleich mehr. 

Zunächst zu den Fakten. Die inzwischen aufgelöste, von VW, Daimler und BMW finanzierte „Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor“ (EUGT) hat in den USA ein Experiment finanziert, bei der Affen gezielt Stickoxiden (NO2) ausgesetzt wurden. An der Uniklinik der RWTH Aachen gab die EUGT eine weitere Studie in Auftrag, bei der 25 menschliche Probanden dreimal zehn Minuten lang unterschiedliche NO2-Konzentrationen einatmen sollten. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Studien vom selben Auftraggeber. Das ist die zweite Differenzierung, die in der Debatte nicht untergehen sollte.  

Steckt ein Forschungsinteresse zum Wohl der Gesellschaft dahinter?

Beginnen wir mit der ersten Differenzierung – der, die der geschäftsführende Verkehrsminister Schmidt vornimmt. So schlimm das Wort „Menschenversuche“ klingen mag: In der Wissenschaft, vor allem in der Gesundheits- und Pharmaforschung, gehören sie zum Standardrepertoire. Allerdings nicht nur dort. Auch in der Grundlagenforschung ist es üblich, die Wechselwirkung zwischen dem lebenden Organismus (ja, auch dem menschlichen) und äußeren Einflüssen per Versuchsanordnung zu untersuchen. Bevor ein Experiment genehmigt wird, entscheiden Ethikkommissionen darüber, ob der potenzielle Nutzen größer ist als das mögliche Risiko für die Probanden. Sprich: Geht es nur um Werbung, Marketing oder – allgemeiner – wirtschaftliche Interessen, darf in der Tat und zu Recht kein Mensch einer Gefahr ausgesetzt werden. Steckt ein ernsthaftes und ernstzunehmendes Forschungsinteresse dahinter, das sich zum Wohl der Gesellschaft auswirken könnte, sieht die Sache anders aus. 

Womit wir bei der zweiten Differenzierung wären. Mir ist es nicht möglich, die Umstände der im US-Bundesstaat New Mexico vorgenommenen Tierversuche zu beurteilen. Was berichtet wird, klingt haarsträubend. Insofern beziehen sich meine folgenden Ausführungen nur auf die Studie an der Aachener Uniklinik. Wichtigste Feststellung: Die uniklinikeigene Ethikkommision hat die Versuche genehmigt, so behauptet es zumindest die Klinikleitung, und es gibt keinen Grund, diese Angabe zu bezweifeln, ist dies doch, siehe oben, die normale Vorgehensweise. Auch scheinen in Aachen tatsächlich Fragen des Arbeitsschutzes, sprich: Stickstoff-Belastung am Arbeitsplatz, im Vordergrund gestanden haben, wie die Studienmacher beteuern. 

Die sich daraus ergebende Frage lautet, ob Angela Merkel oder ihr Sprecher Seibert wirklich in der Lage waren, die vorgenommenen Erwägungen der Ethikkommission in ein paar Minuten als daneben, unangemessen und verfehlt zu verurteilen. Womöglich lassen sich gute Gründe gegen die Studie finden. Ganz offenbar gab es aber auch so viele gute dafür, dass die Ethikkommission zu dem Gesamturteil kam, das Experiment zu erlauben. Insofern stellt sich als nächstes die Frage, ob wir es mit einem weiteren Fall vorauseilender Empörung durch Politiker angesichts der zu erwartenden gesellschaftlichen Empörung zu tun haben. 

Kluft zwischen Gesellschaft und Wissenschaft

Auffällig ist jedenfalls, dass die öffentlich transportierte Entrüstung in der Wissenschaft geringer und, wenn überhaupt, wiederum differenzierter ausfällt. Hinter vorgehaltener Hand formulieren viele sogar ihr absolutes Unverständnis, wie hier gerade alles mit allem in einen Topf geworfen wird. Laut sagen wollen das jedoch die wenigsten, weil man Angst hat, unter die Räder des Debattenzugs zu geraten. 

Eine bemerkenswerte Ausnahme ist der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, der auf tagesschau.de nicht nur sagte, dass es solche Versuche „zuhauf“ gebe. Er fügte hinzu: „Wir sind eigentlich auch froh, dass es so etwas gibt. Weil wir nur auf diese Art und Weise herausbekommen, ob etwas gefährlich ist. Es kommt immer darauf an, wie so etwas durchgeführt worden ist.“

Damit ist nicht gesagt, dass die EUGT nicht eine ziemlich lächerliche Veranstaltung gewesen sein mag. Es ist auch nicht gesagt, dass auch die Versuche in Aachen sich am Ende als sinnlos und überflüssig herausstellen sollten. Viele „Menschenversuche“ sind es indes nicht, und die Wissenschaft hat funktionierende Regelwerke und Instanzen für den Umgang mit ethischen Grenzfragen entwickelt. 

Mit ihrer voreilig zur Schau getragenen Empörung, die nicht wirklich auf einer umfassenden Kenntnis der Faktenlage beruhen kann, vergrößert die Politik das, was sie sonst so gern an jeder Stelle beklagt: die Kluft zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Anstatt sich mit ihren Stellungnahmen gegenseitig hochzujazzen, wäre es besser gewesen, einige Politiker hätten lieber mal nichts gesagt und abgewartet, bis Details bekannt werden. 


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