Diese Zahlen müssen uns peinlich sein

Einwandererkinder gehen seltener in die Kita als noch vor ein paar Jahren. Und das obwohl bereits dort grundlegende Bildungschancen verteilt werden.

Eigentlich müsste es eine Debatte über diese Zahlen geben. Und sie müsste dazu führen, dass die Bundesregierung mit ihrem Gute-Kita-Gesetz gehörig unter Druck gerät.

Worum es geht: Der Anteil der Einwandererkinder, die eine Kita besuchen, fällt. Bei den 3-bis 6-Jährigen von 90 Prozent 2015 auf zuletzt nur noch 82 Prozent. Darauf hat der Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in seinem diese Woche veröffentlichen Jahresgutachten hingewiesen. Zum Vergleich: Kinder ohne Migrationshintergrund gehen praktisch alle hin, der Anteil liegt stabil bei 98 bis 99 Prozent.

Bei den Unter-3-Jährigen öffnet sich die Schere weitaus dramatischer, hier besuchten 2018 laut SVR nur 20 Prozent der Einwandererkinder eine Kinderkrippe, zwei Prozentpunkte weniger als 2015. Während bei den Nicht-Einwandererkindern 41 Prozent in einer Einrichtung angemeldet waren, nochmal drei Prozentpunkte mehr als drei Jahre zuvor.

Problembewusstsein-Rhetorik reicht nicht 

Viele Zahlen, die aber alle zur selben Schlussfolgerung führen: Die seit langem beklagte Bildungsbenachteiligung von Einwandererkindern droht sich mittelfristig sogar noch zu vergrößern, denn schon in der Kita werden grundlegende Bildungschancen verteilt. Die Teilhabe-Kluft wächst, und das obwohl Politiker aller Parteien sich regelmäßig in Problembewusstsein-Rhetorik üben. 

Doch solange Kitas überall in Deutschland unter einem empfindlichen Erziehermangel leiden, ist keine Abhilfe in Sicht. Im Gegenteil: Der Wettbewerb wird immer härter. So erklärt der SVR die rückläufige Kita-Teilhabe mit steigenden Geburtenzahlen und einer höheren Nachfrage nach Kitaplätzen insgesamt. Zudem seien in den vergangenen Jahren wieder mehr Kinder in dieser Altersgruppe zugewandert. "So sind die Betreuungsplätze über die Jahre zunehmend knapper geworden", konstatiert der Sachverständigenrat. 

Der größte Vorwurf, den man der Bildungspolitik in diesem Zusammenhang machen kann, ist dabei ausgerechnet das Gute-Kita-Gesetz. Genauer: dessen Umsetzung. Ein guter Teil der 5,5 Bundesmilliarden, die bis 2022 in die Länder gehen, stecken diese nämlich nicht in zusätzliche Kitaplätze, in mehr Geld für die Erzieher oder andere Qualitätsverbesserungen, sondern in die Subvention oder gar die komplette Abschaffung der Kitagebühren. Was sinnvoll sein kann, wo bislang eine Staffelung nach Einkommen fehlte.

Und was einer eklatanten bildungspolitischen Ungerechtigkeit gleichkommt, wo Gutverdienern die Gebühren gestrichen werden. Weil das Geld dann abhanden kommt, um genügend Kitaplätze aufzubauen, von denen vor allem bildungsferne Kinder und Kinder aus Migrantenfamilien profitieren würden. Weil diese in der Kita-Ausbauwelle der vergangenen Jahrzehnts eben nicht mitgehalten haben.

Hier müsste die Debatte ansetzen. Und hier müssten den Bildungs- und Sozialpolitikern der GroKo und in den betreffenden Landesregierungen die SVR-Ergebnisse richtig peinlich sein. Und eigentlich nicht nur denen. Sondern uns allen. Und aufrütteln sollten sie uns auch. 

Die Statistiken zeigen auch: Viele Familien wollen ja 

Positiv, betont der Sachverständigenrat, sei immerhin, dass die seit 2016 neu eingerichteten Kitaplätze überwiegend an Kinder vergeben worden seien, "die zu Hause nicht Deutsch sprechen, mutmaßlich überwiegend geflüchtete Familien". Was aber auch kein Wunder ist, wenn zum Beispiel bei den 3- bis 6-Jährigen aus Nichteinwandererfamilien bereits praktisch jedes Kind einen Platz hat. Doch widerlegen solche Ergebnisse mögliche Einwände. Den zum Beispiel, dass die Einwandererfamilien ihre Kinder einfach nicht in Kitas schicken wollten, also quasi selber schuld seien. 

Doch die zusätzlichen Kapazitäten reichen eben nicht. Und solange die nicht da sind, warnt der SVR, müssen neu zugezogene und alteingesessene Familien mit und ohne Migrationshintergrund weiter miteinander um die Plätze konkurrieren, und nicht alle Kinder können angemessen auf die Schule vorbereitet werden. 

Nicht alle Kinder? Vor allem viele Einwandererkinder nicht.


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Der Bildungsforscher