Die Beutezüge des Homo heidelbergensis

Die Ur-Europäer erlegten mit Wurfhölzern Wasservögel und lockten ganze Pferdeherden in Hinterhalte

Vor 300.000 Jahren bewohnten Urmenschen das Ufer eines Sees im heutigen Braunkohleabbaugebiet von Schöningen in Niedersachsen. Forscher entdeckten dort in Erdschichten einen Wurfstock und zehn hölzerne Speere sowie zahlreiche Knochen von Wasservögeln und Pferden. Die Funde belegen: Hier brachten Angehörige der Art Homo heidelbergensis mit ausgeklügelten Strategien ihre Beute zur Strecke. Dazu müssen die Jäger gut abgestimmt und planvoll vorgegangen sein. Das alles weist auf einen erstaunlich weiten geistigen Horizont der Urmenschen hin

Seit vielen Jahrhunderttausenden, vielleicht seit mehr als einer Million Jahren, dringen immer wieder Urmenschen nach Europa vor und überleben dort in günstigen Klimaperioden. Zwar werden sie unter den harschen Bedingungen mehrerer Eiszeiten zeitweilig gen Süden zurückgedrängt, doch in den wärmeren Abschnitten dazwischen besiedeln sie den Kontinent erneut. Als einer der ersten gilt Homo heidelbergensis, bekannt und benannt nach einem Unterkiefer-Fund in der Gemeinde Mauer bei Heidelberg aus dem Jahre 1907. Es handelt sich um eine rund 1,65 Meter große, stämmig und muskulös gebaute Menschenform mit mächtigen Knochenwülsten über den Augen und einem Unterkiefer, der eine nach hinten zurückweichende Form zeigt (es fehlt also das typische Kinn heutiger Menschen). Das Gehirnvolumen dieser Urmenschen liegt mit rund 1250 Kubikzentimetern nicht allzu weit unter dem des Homo sapiens (rund 1400 ccm).

Die Zeichnung zeigt zwei nur leicht bekleidete Urzeit-Jäger am Ufer eines Sees vor 300.000 Jahren, die Wurfstöcke auf Schwäne schleudern. Die an beiden Enden zugespitzten Hölzer drehen sich in der Luft, fliegen schnell über viele Meter Distanz und können Wasservögel tödlich verletzen.
Mit auf zwei Seiten zugespitzten, rotierenden Wurfhölzern zielen Urmenschen vor 300.000 Jahren auf Schwäne

Doch wie mögen diese frühen Europäer gelebt haben? Woher bekamen sie ihre Nahrung, welche Komplexität hatte ihr soziales Leben und wie weit reichte ihr geistiger Horizont? Um solche Fragen zu beantworten, stehen den Paläoanthropologen normalerweise nur spärliche fossile Skelettreste sowie Steinwerkzeuge zu Verfügung, aus denen sie ihre Schlüsse ziehen. Doch die Urmenschen dürften auch andere Dinge hergestellt und genutzt haben: Unterkünfte aus Holz oder anderem Material etwa, Kleidung aus Fell vermutlich, Waffen und Werkzeuge aus Holz oder Knochen sicherlich. Weil solche Materialien meist schnell verrotten und höchst selten über zig Jahrtausende erhalten bleiben, können Forscher sie in der Regel nicht berücksichtigen, um etwas über die frühen Menschen auszusagen. 

Das Lager der Urmenschen lag am Rande eines Sees

Es ist daher einem extremen Glücksfall zu verdanken, dass in der Braunkohlegrube von Schöningen bei Helmstedt erstaunliche Zeugnisse menschlicher Urzeitjäger entdeckt werden konnten. Schon in den 1980er Jahren hatte sich Hartmut Thieme, Archäologe des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege in Hannover, für die Erdschichten interessiert, die die Schaufelradbagger des Tagebaus täglich durchwühlten. Weil dabei immer wieder menschliche Relikte auftauchten, begannen Thieme und seine Mitarbeiter die auf dem Plan stehenden Abbauflächen regelmäßig zu inspizieren. In den Jahren von 1994 bis 1999 entdeckten sie dabei die Überreste eines menschlichen Lagerplatzes, der einst am Ufer eines Sees gelegen hatte, zahlreiche Bruchstücke von Pferdeknochen, weitere Relikte sowie – und das war die größte Sensation - insgesamt zehn bestens konservierte hölzerne Speere.

Das Foto zeigt die Grabung in Schöningen: Über mehrere Stufen sind die Erdschichten abgetragen, von Treppen verbunden. Hinten links ist eine Überdachung zu sehen und mehrere Wissenschaftler halten sich für Untersuchungen auf dem Gelände auf. Hier entdeckten sie im Jahr 2016 den neuen, jetzt in einer Publikation vorgestellten Wurfstock.
Auf diesem Gelände der Ausgrabungsstätte Schöningen entdeckten die Archäologen den Wurfstock. Auch 300.000 Jahre alte Holzspeere wurden hier gefunden

Das Alter der Fundstätte schätzten die Forscher zunächst auf rund 400.000 Jahre, später wurde es mithilfe der Thermolumineszenz-Datierung (dabei strahlen erhitzte Steine Licht ab, das Auskunft über das Alter gibt) auf 300.000 bis 337.000 Jahre korrigiert. Dass die organischen Materialien, etwa das Holz der Speere, über einen derart langen Zeitraum erhalten blieben, war nur möglich, weil das Areal damals schnell von schlammigen Sedimenten bedeckt und luftdicht abgeschlossen wurde.

Im Jahr 2016 entdeckten Forscher ein perfekt erhaltenes Wurfholz

Die hölzernen Speere sollten nicht die letzte Überraschung sein, die die Braunkohlegrube von Schöningen preisgab. Ab 2008 wurde die Fundstelle in Kooperation mit der Universität Tübingen betreut und seit 2016 vom Senckenberg-Zentrum für menschliche Evolution und Paläoumwelt der Universität Tübingen. Genau in diesem Jahr entdeckten Archäologen ein weiteres, gut erhaltenes Holzgerät, das sie in den folgenden Jahren sorgfältig untersuchten. Im April 2020 gaben die Grabungsleiter Nicholas Conard und Jordi Serangeli das in der Fachzeitschrift der Zeitschrift „Nature Ecology and Evolution“ veröffentlichte Ergebnis bekannt: Es handelt sich um einen Wurfstock, mit dem die Ur-Europäer wohl vor allem Jagd auf Wasservögel gemacht hatten.

Das 64,5 Zentimeter lange Holzgerät ist in der Mitte 2,9 Zentimeter dick, an beiden Enden zugespitzt und wiegt 264 Gramm. Astansätze haben die Urmenschen abgeschnitten und geglättet. Mehrere Einschlagsspuren auf dem Holz belegen, dass es tatsächlich verwendet wurde. Der Wurfstock ähnelt einem Bumerang, nur war er nicht so konstruiert, dass er zum Werfer zurückkehrte. Er sei vielmehr dafür gemacht, sich geradeaus und durch Rotation mit hoher Treffgenauigkeit zu bewegen, sagt Jordi Serangeli.

Auf dieser Zusammenstellung sind vor schwarzem Hintergrund vier waagerechte, übereinander liegende Ansichten des Schöninger Wurfstocks zu sehen. Der Stock ist 64,5 Zentimeter lang, in der Mitte 2,9 Zentimeter dick und an den Seiten zugespitzt. Einschlagspuren belegen, dass er tatsächlich für die Jagd benutzt wurde. Eingeklinkte Fotos auf der rechten Seite lassen herausgezoomte Details dieser Gebrauchsspuren erkennen.
Der jetzt untersuchte Wurfstock aus Schöningen ist 64,5 Zentimeter lang und in der Mitte 2,9 Zentimeter dick. Die vier Ansichten lassen Spuren erkennen, die belegen, dass das Holz tatsächlich zum Jagen genutzt wurde (jeweils auf der rechten Seite die vergrößerte Ansicht)

Das Geschoss flog mit 30 Metern pro Sekunde bis zu 100 Meter weit

Ähnlich konstruierte, nachgebaute Wurfhölzer haben in Experimenten Geschwindigkeiten von bis zu 30 Metern pro Sekunde – das sind 108 km/h! – erreicht. Und Ethnologen berichten von Völkern in Nordamerika, Afrika und Australien, die mit so genannten „rabbit sticks“ oder „killing sticks“ ihre Opfer über Entfernungen von fünf bis 30 Metern, manchmal bis zu 100 Metern treffen. 

In Schöningen sei die Jagd mit diesen Waffen auf Wasservögel anhand der Knochenfunde von Schwänen und Enten gut belegt, erklärt Serangeli. Der Forscher hält es zudem für plausibel, dass mit solchen Wurfstöcken größere Säugetiere, etwa Pferde, aufgeschreckt und in eine bestimmte Richtung am Ufer des ehemaligen Sees getrieben wurden, um sie zu erlegen.

Das passt zu den Erkenntnissen, die bereits Hartmut Thieme über die hölzernen Speere gewonnen hatte. Denn Experimente mit nachgebauten Wurfspeeren hatten gezeigt, dass die Jagdwaffen Wildtiere über eine Entfernung von 15 bis 20 Metern töten können. Thieme hatte zudem aus den Überresten der Pferdeknochen geschlossen: Damals hatten die Urmenschen eine ganze Herde von Wildpferden am Ufer des Sees in die Enge getrieben und mindestens 20 von ihnen erlegt.

Die Steinzeitjäger hatten einen genauen Plan, um ihre Beute zur Strecke zu bringen

Offenbar hatten die Bewohner der damaligen Landschaft eine bis ins Detail durchgeplante, sorgfältig vorbereitete Jagd durchgezogen. Hartmut Thieme ging davon aus, dass dazu auch eine differenzierte Sprache nötig gewesen ist. Zudem spreche das Erlegen so vieler Tiere für eine Vorratshaltung und Planung in die Zukunft. Und möglicherweise hatten die Urmenschen sogar rituelle Vorstellungen, weil sie die unversehrten Speere dort am Ort zurückließen – vielleicht, um den Geist der getöteten Tiere zu versöhnen?

All das spricht für Menschen, die gut organisiert waren, bei der Jagd kooperierten, und die womöglich auch eine komplexe Sprache hatten. Sie erbeuteten mit Wurfhölzern Wasservögel und trieben gemeinschaftlich Pferde in einen Hinterhalt. Damit erweist sich Homo heidelbergensis vor gut 300.000 Jahren als ein hochentwickeltes, zu erstaunlichen geistigen Leistungen fähiges Mitglied der Gattung Homo.

Das linke Foto zeigt einen kinnlosen fossilen Unterkiefer. Es ist erste Fund eines Homo heidelbergensis, der 1907 in Mauer bei Heidelberg entdeckt wurde. Auf der rechten Seite ist der Schädel eines Homo heidelbergensis zu sehen, der in Spanien in der „Sima de los Huesos“ gefunden wurde und rund 450.000 Jahre alt ist. Auffällig sind seine mächtigen Überaugenwülste. Homo heidelbergensis gilt als Vorfahr sowohl des Neandertalers als auch des modernen Homo sapiens. Er besaß wohl schon Sprache, die Fähigkeit gemeinsam zu jagen und in die Zukunft zu planen.
Homo heidelbergensis besaß einen kinnlosen Unterkiefer (links der Originalfund von 1907 aus Mauer bei Heidelberg) und kräftige Überaugenwülste (rechts Schädel Nr. 5 aus der Fundstelle „Sima de los Huesos“ in Spanien), aber auch beachtliche geistige Fähigkeiten. Er wurde zum Ahn von Neandertalern und modernen Menschen

Homo heidelbergensis wurde zum Ahn des Neandertalers und des modernen Menschen

Dabei sollte es nicht bleiben, denn diese Urmenschen wurden zu den Ahnen zweier weiterer, äußerst erfolgreicher Vertreter der menschlichen Linie. In Europa entstanden aus ihnen die Neandertaler, die erstmals den Eiszeiten trotzten und den Kontinent über weit mehr als hunderttausend Jahre dominierten. Parallel dazu entwickelte sich aus afrikanischen Populationen des Homo heidelbergensis unsere eigene Art: der Homo sapiens. Nachdem dieser den Schwarzen Kontinent verlassen hatte und sich vor gut 40.000 Jahren massiv über Europa auszubreiten begann, nahm das Schicksal der Neandertaler seinen Lauf und ihre Zahl immer mehr ab. Ob die Eiszeitbewohner wegen der Konkurrenz durch den Neuen aus Afrika ausstarben oder aus anderen Gründen, ist bislang ungeklärt. Fest steht nur: Heute ist der Homo sapiens weltweit die einzige Menschenart.

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