Der Rätselhafte aus der Höhle

Homo luzonensis – schon wieder eine neue Menschenart entdeckt

© Callao Cave Archaeology Project Blick ins Innere der Callao-Höhle auf der philippinischen Insel Luzon. Hier wurde im Jahr 2019 die neue Menschenart Homo luzonensis entdeckt.

Die menschliche Familie hat erneut Zuwachs bekommen: Vor 67.000 Jahren lebte auf der philippinischen Insel Luzon ein seltsames Mischwesen, das Merkmale moderner wie älterer Menschenarten und sogar der Vormenschen-Gattung Australopithecus in sich vereint. Wer war Homo luzonensis und wie lässt er sich in die menschliche Ahnenreihe einordnen?

Im Jahr 2007 entdecken Forscher in der Callao-Höhle im Norden der philippinischen Insel Luzon einen menschlich wirkenden Fußknochen, der sich als uralt herausstellt. Auf 67.000 Jahre datieren ihn die Wissenschaftler im Labor – es handelt sich um den bis dato ältesten direkten Nachweis einer Besiedlung durch Menschen in dieser Region. Doch welche Art von Homo mag dort gelebt haben? Das lässt sich an dem einzelnen Knochen nicht bestimmen und so setzen die Paläoanthropologen ihre Ausgrabungen fort.

Sie fördern in den Jahren darauf zwölf weitere menschliche Relikte zutage: sieben Zähne, zwei Fuß- und zwei Fingerknöchelchen sowie einen Oberschenkelknochen. Mindestens drei unterschiedlichen Individuen müssen die Überreste gehört haben. Was die Forscher aber weit mehr beeindruckt: Die Knochen zeigen eine seltsame Kombination von Eigenheiten, die bislang von unterschiedlichen Menschenarten bekannt sind.

Auf dem Bild ist ein CT-Scan der Zähne von Homo luzonensis zu sehen. An der anatomischen Beschaffenheit der Zähne erkennen Paläoanthropologen eine Kombination von Merkmalen, wie sie bei keiner anderen Menschenart vorkommt
An den Zähnen von Homo luzonensis – hier im CT-Scan – erkennen Paläoanthropologen eine Kombination von Merkmalen, wie sie bei keiner anderen Menschenart vorkommt
© Callao Cave Archaeology Project

So einmalig sind die Merkmale, dass die Mitglieder des französisch-philippinisch-australischen Teams den Fund in einer Veröffentlichung des Wissenschaftsblattes „Nature“ vom 11. April 2019 zu einer neuen Art erklären: Homo luzonensis. Details an den Backenzähnen und den Vorbackenzähnen ähneln teils denen des Homo sapiens, teils denen anderer Menschenarten wie Neandertaler, Homo erectus oder dem auf der Insel Flores entdeckten Zwerg Homo floresiensis, auch als „Hobbit“ bekannt. Manches erinnert sogar an weit urtümlichere Vertreter der menschlichen Verwandtschaft. Noch frappierender wirken die gekrümmten Hand- und Fußknochen, die an ein Leben teilweise auf Bäumen denken lassen. Es sind Merkmale, die von den Australopithecinen bekannt sind – Vormenschen, die vor Jahrmillionen in Afrika lebten und deutlich kleiner waren als spätere Menschenformen.

Ein Zwerg, der vermutlich gut klettern konnte

Auch bei Homo luzonensis handelt es sich vermutlich um eine Art Zwerg. Doch über die Größe des Neuen machen die Paläoanthropologen nur vorsichtige Angaben, weil die wenigen Knochenrelikte nicht sehr aussagekräftig sind. Wahrscheinlich, so schätzen die Forscher, war Homo luzonensis ähnlich groß wie manche indigene Gruppen, die noch immer auf Luzon leben und bei denen die Frauen rund 1,4 Meter, die Männer rund 1,5 Meter erreichen.

Am Boden der philippinischen Callao-Höhle sind arbeitende Wissenschaftler zu sehen, die in mühsamer, detektivischer Kleinarbeit  Fossilien freilegen. Hier fanden sie die Überreste von Homo luzonensis: Zähne, Fuß- und Handknochen sowie einen Oberschenkelknochen.
In mühsamer, detektivischer Kleinarbeit legen Wissenschaftler die Überreste von Homo luzonensis in der Callao-Höhle frei: Zähne, Fuß- und Handknochen sowie einen Oberschenkelknochen
© Callao Cave Archaeology Project

Völlig unklar bleibt, wie die Urmenschen überhaupt auf die Insel gekommen sind. Die Insel ist zwar groß, auf ihr liegt auch die heutige philippinische Hauptstadt Manila. Aber selbst in den Kaltzeiten, in denen der Meeresspiegel mehr als 100 Meter tiefer lag als heute, gab es keine Verbindung zwischen Luzon und dem Festland. Die Urmenschen müssen daher einst wagemutige Seefahrer gewesen oder auf irgendeine andere Weise über das Meer gekommen sein.

Schon vor 700.000 Jahren war die Insel besiedelt

Noch rätselhafter wird der Fund durch die Entdeckung im Jahr 2013, dass schon seit mindestens 700.000 Jahren Wesen aus der menschlichen Verwandtschaft auf der Insel gelebt haben müssen. Das zeigen Funde, die Wissenschaftler in der Provinz Kalinga machten: Einfache Steinwerkzeuge und die Knochen von Nashörnern, die offenbar mit den Werkzeugen zerlegt worden sind. Ob es frühe Artgenossen von Homo luzonensis waren, die sich damals eine Mahlzeit bereiteten, lässt sich zurzeit allerdings nicht sagen, denn menschliche Knochen aus dieser Epoche wurden bislang nicht ausgegraben.

Hier ist eine Nahaufnahme des gekrümmten Fußknochens von Homo luzonensis zu sehen. Der Knochen lässt vermuten, dass die urtümlichen Menschen gut klettern konnten und zeitweilig noch auf Bäumen lebten.
Erstaunlich sind die gekrümmten Fußknochen von Homo luzonensis. Vermutlich konnten die urtümlichen Menschen gut klettern und lebten zum Teil auf Bäumen
© Callao Cave Archaeology Project

Letztlich wirft die Entdeckung des Neuen von der Insel mehr Fragen auf als sie Antworten gibt. Doch damit passt Homo luzonensis in eine Reihe von Entdeckungen aus den letzten Jahren, die ein immer komplexeres Bild der menschlichen Evolution zeichnen. 2003 wurde der Zwerg Homo floresiensis entdeckt, der noch vor rund 50.000 Jahren lebte, 2010 kam der Denisova-Mensch hinzu und vor zwei Jahren stellte sich heraus, dass der erst 2015 in Südafrika gefundene, primitiv wirkende Homo naledi vor rund 300.000 Jahren existierte. Immer mehr, zum Teil seltsam fremd wirkende Menschenarten waren Zeitgenossen des modernen Menschen. Sie alle bevölkerten offenbar gleichzeitig die Erde: Homo sapiens, Neandertaler, Homo erectus, Denisova-Mensch, Homo floresiensis, Homo naledi und Homo luzonensis.

Es war eine illustre Schar und bunte Vielfalt von Menschenformen. Man könnte sogar auf die Idee kommen, es seien zum Teil Varianten, lokale Anpassungen und nicht in jedem Fall getrennte Arten. Zwischen Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen haben Paläo-Genetiker inzwischen einen Austausch von Genen nachgewiesen.

Wunderschön, mit Wald bedeckt und von einem Fluss durchzogen zeigt sich die Landschaft in der Nähe der Callao-Höhle auf der philippinischen Insel Luzon. Hier lebte vor vielen Jahrzehntausenden Homo luzonensis - eine kleinwüchsige, noch rätselhafte Menschenart.
Landschaft auf der philippinischen Insel Luzon. Sie war vor vielen Jahrzehntausenden Heimat von Homo luzonensis, einer kleinwüchsigen, noch rätselhaften Menschenart
© Callao Cave Archaeology Project

Der Inselmensch von Luzon könnte in der langen Zeit der Isolation eine eigene Evolution durchlaufen und sich an die dortige Umwelt angepasst haben. Aber hat er sich dabei wirklich zu etwas ganz Neuem entwickelt? Nicht alle Fachleute sind jedenfalls davon überzeugt, dass es sich wirklich um eine eigene Art handelt. Vieles bleibt offen. Zurzeit ist das Bild der Menschheitsevolution mit einer Nebelwand vergleichbar, aus der verschiedene Gestalten langsam auftauchen, manche deutlicher werden, andere nur Silhouette sind. Im Fall von Homo luzonensis ist das Bild noch recht verschwommen – erst weitere Forschungsergebnisse können Klarheit bringen, welche Rolle der Inselmensch wirklich im menschlichen Drama gespielt hat.

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Wer schuf den Menschen – Gott oder die Evolution?

Darwins Theorie kann gut erklären, wie sich der Homo sapiens aus affenartigen Vorfahren entwickelte. Dennoch glauben noch immer viele Menschen, dass dabei eine übernatürliche Macht mitgewirkt hat. Wieso?

Das Bild zeigt links Darstellungen von Adam und Eva, die Albrecht Dürer im Jahr 1507 malte. Die Figuren sind hellhäutig, nackt und die Geschlechtsteile sind von Zweigen bedeckt. Eva hält einen Apfel in der Hand und im Baum neben ihr lauert eine Schlange. Laut Bibel schuf Gott die beiden ersten Menschen. Charles Darwin, dessen Foto als älterer Mann mit Glatze und üppigem, weißen Bart auf der rechten Seite dieser Collage zu sehen ist, war sich dagegen sicher, dass die Evolution den Menschen in einem langwierigen Prozess hervorgebracht hat.
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Die Wurzeln des Menschen

Weshalb waren es ausgerechnet die Affen, aus denen sich der Mensch entwickelte? Der Schlüssel dazu ist das Leben in der dreidimensionalen Welt der Regenwälder. Eine Spurensuche nach dem Erbe der Affen in uns.

Zu sehen sind die Schultern und Köpfe von drei Schimpansen, die einander zugewandt sind und auf die erhobene, in der Mitte des Bildes zu sehende Hand des einen starren, die offenbar eine Frucht enthält. Schimpansen besitzen hochentwickelte soziale und geistige Fähigkeiten, ein großes Gehirn und Hände, die denen des Menschen sehr ähnlich sind. Vor vielen Jahrmillionen wurden die Affen zum Ausgangspunkt für die Evolution des Homo sapiens.
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Die seltsamen Totenrituale der Steinzeitjäger

Vor rund 30.000 Jahren bestatteten Menschen Verstorbene in einer französischen Höhle – sie legten manche in Schlafkuhlen von Bären ab, sortierten und vermischten zum Teil Knochen, ließen Schädel weg. Forschende rätseln weshalb.

Das Bild zeigt das nahezu komplett erhaltene, 30.000 Jahre alte Skelett eines jungen Mannes, das in einer Mulde am Boden der Grotte de Cussac, einer Höhle im Südwesten Frankreichs gefunden wurde. Gut erkennen lassen sich die langen Beinknochen und der Schädel, auch Teile des Beckens und der Armknochen. Das Skelett ruht in der ehemaligen Schlafkuhle eines Höhlenbären. Es wirkt, als sei der Tote dort von seinen Angehörigen zusammengekauert abgelegt und bestattet worden.
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Der erste Homo sapiens in Europa

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Auf dieser Zeichnung ist eine Mutter der Vormenschen-Art Australopithecus africanus zu sehen, die ihr Kind auf der linken Schulter trägt. Anhand von Zahnanalysen fanden Forscher heraus, dass die Mütter dieser Art ihre Kinder etwa ein Jahr lang stillten, ihnen aber auch später noch in Notzeiten Milch gaben
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Die ausgeklügelten Jagdstrategien des Homo heidelbergensis

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Bislang hieß es, nur Völker außerhalb des Schwarzen Erdteils tragen DNA des ausgestorbenen Neandertalers in sich. Forscher kommen jetzt zu einem anderen Ergebnis - und liefern die Erklärung gleich mit. Eine paläogenetische Spurensuche.

Das Bild zeigt die Rekonstruktion eines männlichen Neandertalers am Neanderthal Museum in Mettmann, der sich auf seinen Speer stützt. Die Urmenschen besaßen enorme Muskeln, große Nasen und recht kräftige Wülste über den Augen. Genetisches Material von ihnen findet sich in Europäern und Asiaten, nach neuesten Erkenntnissen aber auch in Afrikanern.
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