Der erste von uns in Europa

Homo sapiens erreichte unseren Kontinent Jahrtausende früher als bislang gedacht

Der moderne Mensch lebte bereits vor mindestens 45.000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien, dokumentieren neue Forschungsergebnisse. Er jagte dort Wisente und Hirsche, stellte hochwertige Steinwerkzeuge mit einer neuartigen Technologie her und fertigte Schmuck aus den Zähnen von Höhlenbären. Diese Neuerungen beeindruckten offenbar auch den bisherigen Herrscher Europas, den Neandertaler. Und das blieb nicht ohne Folgen

In den 1980er Jahren wurde eine Theorie populär, die die Geschichte der heutigen Menschheit in völlig neuem Licht erschienen ließ: Nicht in Europa oder Asien habe sich der Homo sapiens entwickelt, so hieß es, sondern in Afrika. Von dort habe er vor rund 100.000 Jahren begonnen, sich über die gesamte Erde auszubreiten und dabei alle älteren Menschenformen verdrängt – etwa den Neandertaler.

Auf dem Foto zu sehen ist der hellbraune, von der Seite aufgenommene Schädel eines Homo sapiens, der sehr gut erhalten ist und noch fast alle Zähne hat. Die Hirnkapsel ist rund, das Kinn ausgeprägt, die Bögen über den Augen sind deutlich weniger stark als etwa beim Neandertaler – kurzum, er ähnelt heutigen Menschen schon weitgehend. Das Fossil wurde bereits vor vielen Jahren in Skhul, einer Höhle im heutigen Israel, entdeckt und wird auf rund 90.000 Jahre datiert. Dieser Mensch und seine Angehörigen waren offenbar bereits aus Afrika ausgewandert. Anatomisch dürften sie jenen Menschen ähneln, die als erste auch den europäischen Kontinent besiedelten. Wie jetzt eine Grabung in Rumänien ergab, erreichte der Homo sapiens Europa bereits vor mindestens 45.000 Jahren – viel früher als bislang gedacht.
Dieser rund 90.000 Jahre alte Schädel aus dem israelischen Skhul zeigt einen frühen Homo sapiens, der den afrikanischen Kontinent bereits verlassen hatte. Er dürfte anatomisch jenen Menschen ähneln, die - wie neue Forschungen ergaben – bereits vor mindestens 45.000 Jahren Europa erreichten

Doch wann genau erreichten die ersten Gruppen des Homo sapiens unseren eigenen, den europäischen Kontinent und besiedelten ihn dauerhaft? In den 1990er Jahren nahmen die Paläoanthropologen noch an, dies sei vor rund 35.000 Jahren geschehen, später verlegten sie das Eintreffen auf rund 40.000 Jahre vor. Aktuelle Forschungsergebnisse aus Bulgarien aber dokumentieren jetzt eine noch frühere Anwesenheit des modernen Menschen. Und werfen damit neues Licht auf das Verhältnis zwischen dem bereits ansässigen Neandertaler und dem afrikanischen Neuling. 

In einer Höhle unweit der Donau siedelten die ersten modernen Menschen 

Demnach war der Homo sapiens bereits vor mindestens 45.000 Jahren in Europa angekommen und hatte eine ganz neue Kultur mitgebracht. Ein internationales Forschungsteam um Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Archäologen der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften in Sofia hatte seit 2015 Ausgrabungen in der Bacho-Kiro-Höhle vorgenommen, die rund 70 Kilometer südlich der Donau am nördlichen Rand des Balkangebirges liegt. Was die Forscher dabei zutage förderten, ist spektakulär.

Auf der linken Seite des Bildes hocken mehrere Archäologen am Boden der Bacho-Kiro-Höhle und graben in einer dunklen Bodenschicht vorsichtig mit speziellen Schaufeln und Spateln nach Relikten der früheren Bewohner. Weiter rechts und im Hintergrund sind hellere, höher liegende Bodenschichten zu erkennen, zudem ein Maßband, ein Holzbrett und Plastikplanen, die Teile des Bodens abdecken.
In der dunklen Schicht der Bacho-Kiro-Höhle fanden die Ausgräber zigtausende Knochenfragmente (darunter solche vom Homo sapiens), Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein und Knochen, sowie Schmuckgegenstände – Nachweise für die ersten modernen Menschen in Europa

Mehr als 11.000 einzelne Knochenfragmente hatten die Jahrtausende in einer dunklen Erdschicht überdauert. Doch da war noch mehr: Die Paläoanthropologen und Archäologen fanden zahlreiche filigran gearbeitete Werkzeuge aus Feuerstein und Knochen sowie auch Schmuckgegenstände: etwa Perlen und einen Anhänger aus den Zähnen eines Höhlenbären. Das Besondere daran: Die von den Menschen gefertigten Hinterlassenschaften wirkten moderner als alles, was Forscher bislang vom europäischen Kontinent kannten.

Erst eine Protein-Analyse verriet, welche der 11.000 Knochenbruchstücke menschlich waren

Die Analyse der Funde allerdings war eine knifflige Angelegenheit. Weil die Knochensplitter so klein waren, dass sich nicht erkennen ließ, von welcher Art sie stammten, ermittelten die Forscher die Abfolge von Aminosäuren in den Eiweißen der einzelnen Knochen. So konnten sie bestimmen, welche menschlicher Herkunft waren. Aus diesen menschlichen Fragmenten vermochten dann Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie DNA-Sequenzen zu gewinnen und zu analysieren. Das Ergebnis: Eindeutig moderner Homo sapiens und nicht Neandertaler.  

Interessanterweise enthielten die DNA-Sequenzen an drei Stellen genetische Varianten, die auch heutige Menschen außerhalb des subsaharischen Afrikas in sich tragen. Sie bildeten sich erst heraus, nachdem die Menschen den Schwarzen Kontinent verlassen hatten und sich über die Erde auszubreiten begannen. Demnach stehen jene Bewohner der Bacho-Kiro-Höhle genetisch einer ursprünglichen, aus Afrika ausgewanderten Population nahe.

Auf hellem Hintergrund zu sehen sind verschiedene Klingen und Schaber aus Feuerstein, sowie rechts oben eine zerbrochene Perle aus Sandstein, die in der Mitte durchlocht ist. Die filigran zugeschlagenen Stein-Objekte zeigen Farbtöne von fast schwarz, über grünlich, orange, rötlich und gelb. Sie sind rund 45.000 Jahre alt, stammen aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien und wurden von den ersten modernen Menschen in Europa hergestellt.
Rund 45.000 Jahre alt und vom ersten Homo sapiens in Europa gefertigt: Filigran gearbeitete Feuerstein-Klingen, beziehungsweise Bruchstücke davon (1-3 und 5-7), eine durchlochte Perle aus Sandstein (4) und eine besonders lange, vollständige Klinge (8) - gefunden in der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien

Im nächsten Schritt datierten Forscher der ETH Zürich das Alter der Knochenfragmente mithilfe eines Beschleuniger-Massenspektrometers, das eine besonders genaue Datierung erlaubt. Die Altersbestimmungen an den verschiedenen Knochen ergaben Werte zwischen 45.820 und 43.650 Jahre. Es gibt sogar eine Datierung aus einer noch älteren Fundschicht in der Bacho-Kiro-Höhle, die darauf hinweist, dass die modernen Menschen hier schon vor rund 47.000 Jahren gesiedelt haben könnten.

Wie und wovon sich die damaligen Bewohner ernährten, ließen die ebenfalls gefundenen Tierknochen und Schnittspuren daran erkennen. Demzufolge hatten die Menschen vor allem Wisente und Rotwild gejagt, aber auch andere Tiere erbeutet, etwa Ziegen und Pferde. Insgesamt fanden die Forscher Knochenfragmente von 23 verschiedenen Tierarten. Wie die Spuren daran zeigen, nutzten die Höhlenbewohner die Beute nicht nur, um ihren Hunger zu stillen, sondern auch als Rohstoffquelle, etwa um Knochenwerkzeuge herzustellen.

Es war der Beginn eines neuen Zeitalters

Vielleicht am spannendsten für die Forscher aber sind die Steinwerkzeuge und –waffen der frühen Bulgaren. Denn die Menschen nutzten für ihre Herstellung eine moderne Technik, die bis dahin auf dem europäischen Kontinent unbekannt, jedoch im östlichen Mittelmeerraum (Levante) und in Vorderasien verbreitet war. Den hochwertigen Feuerstein für ihre Geräte schafften die Bewohner aus bis zu 180 Kilometern Entfernung heran. Zu den Neuerungen gehörte auch, dass die Menschen nun persönliche Schmuckgegenstände herstellten – etwa jenen dort gefundenen Anhänger aus Höhlenbär-Zähnen.

In der linken Bildhälfte sind in drei Reihen übereinander längliche Knochenwerkzeuge sowie kleine Schmuckgegenstände, etwa durchlochte Tierzähne, zu sehen. Sie stammen aus der Bacho-Kiro-Höhle, sind rund 45.000 Jahre alt und wurden von modernen Menschen gefertigt. In der Grotte du Renne in Frankreich fanden sich ganz ähnliche Knochengeräte und Schmuckgegenstände, die auf der rechten Seite des Bildes in zwei Reihen übereinander zu sehen sind. Sie sind einige Jahrtausende jünger und dort lebten in jener Zeit Neandertaler. Die Forscher vermuten daher, dass die Neandertaler diese Kultur vom Homo sapiens übernommen haben.
Die links abgebildeten, in der Bacho-Kiro-Höhle gefundenen Knochengeräte und persönlichen Ornamente (etwa durchlochte Zähne) wurden vor 45.000 Jahren von modernen Menschen hergestellt. Sie ähneln stark jenen, die Neandertaler einige Jahrtausende später in der Grotte du Renne fertigten. Haben sich die Neandertaler vom Homo sapiens anregen lassen?

Es könnte der Beginn einer kulturellen Umwälzung gewesen sein, die sich bald darauf über ganz Eurasien bis an die Mongolei im Osten erstreckte und den Übergang in ein neues Zeitalter markiert - die jüngere Altsteinzeit. Auch die Neandertaler blieben davon nicht unbeeindruckt. In der französischen Grotte du Renne etwa wurden verblüffend ähnliche Anhänger wie jener aus Bärenzähnen gefunden, zudem andere persönliche Schmuckgegenstände und auch feine Knochenwerkzeuge. Die Datierung der Relikte ergab ein Alter von 41.000 Jahren - doch in jener Zeit lebten an diesem Ort nachweislich Neandertaler. Offenbar hatten diese Ur-Europäer kulturelle Anregungen vom neu eingewanderten Homo sapiens übernommen und so ihre eigene Kultur bereichert.

Frühere Einwanderer aus Afrika hatten sich gegen die Neandertaler nicht durchsetzen können

Die Neandertaler hatten sich schon vor weit mehr als 200.000 Jahren in Europa entwickelt und diesen Kontinent seither beherrscht. Doch immer wieder hatte es Vorstöße des Homo sapiens nach Europa gegeben. So hatte die Tübinger Forscherin Katerina Harvati zusammen mit Kollegen ein 210.000 Jahre altes Schädelbruchstück aus dem Fundort Apidima in Südgriechenland untersucht und war zu dem Schluss gekommen, dass es sich um einen Homo sapiens handeln muss. Doch konnte sich dieser nicht in Europa halten, denn – wie ein weiterer Fund aus Apidima belegt – besiedelten vor 170.000 Jahren wieder Neandertaler diesen Ort.

Bei der jüngsten Begegnung vor rund 45.000 Jahren aber ging die Begegnung anders aus: Obwohl die Neandertaler von den frisch eingewanderten modernen Menschen zunächst lernten und sich zu kulturellen Neuerungen anregen ließen, gerieten sie bald in Bedrängnis. Ihre Zahl nahm immer weiter ab und vor 39.000 Jahren verliert sich ihre Spur. Sie starben aus – warum genau, ist bis heute eine der großen ungelösten Fragen der Menschheitsgeschichte.

  1. Immunsystem
  2. News

Nachrichten aus dem ImmUNIVERSUM

Im August unter anderem: Ein Pieks weniger, neues Impfschema für Kinder - Asthma und Allergien bevorzugt bei Langschläfern - Grippe-Impfung nur kurze Zeit im Gedächtnis der Immunabwehr - Covid-19: schwächere Symptome bei Menschen, die gegen Tuberkulose geimpft sind ..

Eine gezeichnete Weltkarte, davor Strichmännchen in bunten Farben, die sich an den Händen halten.
  1. Homosapiens
  2. News

Muttermilch als Überlebensstrategie

Vormenschen der Art Australopithecus africanus stillten ihre Babys etwa zwölf Monate lang. Manchmal aber versorgten die Mütter ihre Nachkommen auch später noch mit Milch - erwies die Analyse von 2 Millionen Jahre alten Zähnen

Auf dieser Zeichnung ist eine Mutter der Vormenschen-Art Australopithecus africanus zu sehen, die ihr Kind auf der linken Schulter trägt. Anhand von Zahnanalysen fanden Forscher heraus, dass die Mütter dieser Art ihre Kinder etwa ein Jahr lang stillten, ihnen aber auch später noch in Notzeiten Milch gaben
  1. Homosapiens
  2. News

Die ausgeklügelten Jagdstrategien des Homo heidelbergensis

Ein in Schöningen bei Helmstedt gefundener Wurfstock sowie hölzerne Speere belegen: Europäische Urmenschen jagten vor 300.000 Jahren Wasservögel und schlachteten sogar ganze Pferdeherden ab. Wie schafften sie das?

Die Zeichnung zeigt zwei nur leicht bekleidete Urzeit-Jäger am Ufer eines Sees vor 300.000 Jahren, die Wurfstöcke auf Schwäne schleudern. Die an beiden Enden zugespitzten Hölzer drehen sich in der Luft, fliegen schnell über viele Meter Distanz und können Wasservögel tödlich verletzen.
  1. Homosapiens
  2. News

Wie kamen die Gene der Neandertaler nach Afrika?

Bislang hieß es, nur Völker außerhalb des Schwarzen Erdteils tragen DNA des ausgestorbenen Neandertalers in sich. Forscher kommen jetzt zu einem anderen Ergebnis - und liefern die Erklärung gleich mit. Eine paläogenetische Spurensuche.

Das Bild zeigt die Rekonstruktion eines männlichen Neandertalers am Neanderthal Museum in Mettmann, der sich auf seinen Speer stützt. Die Urmenschen besaßen enorme Muskeln, große Nasen und recht kräftige Wülste über den Augen. Genetisches Material von ihnen findet sich in Europäern und Asiaten, nach neuesten Erkenntnissen aber auch in Afrikanern.
  1. Homosapiens
  2. News

Der Untergang der Nussknacker-Menschen

Sie existierten 1,5 Millionen Jahre lang neben den ersten Menschen in Afrika und hatten sich mit ihren gewaltigen Kiefern an harte, trockene Pflanzenkost angepasst. Doch dann starben die Nussknackermenschen aus. Warum?

Am fossilen Schädel des Nussknackermenschen Paranthropus boisei ist oben, auf dem Scheitel, eine knöcherne Erhebung zu erkennen. An diesem Knochenkamm setzten einst die stark ausgeprägten Kaumuskeln an.
  1. Homosapiens
  2. News

Aufrecht schon vor zwölf Millionen Jahren

Die Tübinger Forscherin Madelaine Böhme entdeckte einen Affen, der einst auf dem Gebiet des heutigen Süddeutschlands lebte und sich auf zwei Beinen fortbewegen konnte. Ist er unser aller Vorfahr und begann die Menschwerdung in Europa?

Das Bild zeigt den Menschenaffen „Udo“ als künstlerische Darstellung. Udo lebte vor zwölf Millionen Jahren in Europa und konnte sich aufrecht auf zwei Beinen fortbewegen. Sein lateinischer Name lautet Danuvius guggenmosi.
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Der lange Weg zum Menschen