Die Wurzeln des Menschseins

Wie das Erbe der Affen den Grundstein für die Entstehung des Homo sapiens legte

Der Mensch ist das derzeit einflussreichste Lebewesen auf der Erde. Doch dazu konnte er nur werden, weil ihm seine baumbewohnenden Urahnen ganz besondere Fähigkeiten mit auf den Weg gaben. War es das große Gehirn, das räumliche Vorstellungsvermögen, die geniale Greifhand, das komplexe Sozialleben? Eine Spurensuche nach dem Erbe der Affen in uns – und dem Schlüssel unseres evolutionären Erfolgs.

Dies ist der erste Text einer achtteiligen, kostenpflichtigen Serie zur Geschichte des Menschen. Die Beiträge folgen im Abstand von je einigen Monaten – als nächstes: „Die Erfindung des aufrechten Gangs“.

Wo soll man anfangen, um die Geschichte des Menschen zu erzählen? Biologisch gesehen gehört er zum Tierreich und so könnte seine Story vor rund 540 Millionen Jahren beginnen, als in den Urmeeren urplötzlich eine riesige Vielfalt tierischer Kreaturen auftauchte. Oder beim ersten Fisch, der aus dem Wasser stieg, mühsam die felsige Küste erklomm und zum Pionier aller landbewohnenden Vierbeiner wurde. Vielleicht auch bei den Säugetieren, die dank der Erfindung der Muttermilch, eines wärmenden Fells, komplexer Zähne und extrem leistungsfähiger Sinnesorgane zu den heute dominierenden großen Tieren wurden. Oder noch später, bei unseren nächsten Verwandten, den Affen?

Das Foto zeigt in Großaufnahme den Kopf eines männlichen Pavians im Zoologischen Garten Berlin. Er trägt eine auffällige silberne Mähne an beiden Seiten des Kopfes und sein Gesicht ist von Narben gezeichnet. Paviane leben in Gruppen in der afrikanischen Savanne und bewegen sich vierbeinig fort.
Paviane – hier ein männliches Exemplar im Zoologischen Garten Berlin – leben in Gruppen und bevölkern, wie die frühen Menschen, die afrikanische Savanne. Im Gegensatz zum Homo sind die Paviane bei der vierbeinigen Fortbewegung geblieben

„Das hier, das ist der Mainstream“, sagte einmal der US-Paläoanthropologe und „Lucy“-Entdecker Donald Johanson und kritzelte mit einem Bleistift einen dicken Strich auf ein Stück Papier. Dann fügte er eine dünne Verästelung hinzu und meinte: „Und das sind wir Menschen – die absolute Ausnahme. 50 Millionen Jahre liefen die Affen auf vier Beinen, und dann begannen unsere Vorfahren aufrecht zu gehen. Das machte sie langsamer und verletzbarer – absolut verrückt. Und doch überlebten sie.“ Der Mensch, so sieht es Johanson, ist quasi ein Affe, der aus der Reihe tanzte und der bereit war, große Risiken auf sich zu nehmen. 

Der Mensch: Ein Affe, der aus der Reihe tanzte

Somit ist klar: Die Geschichte, die den Menschen erklären soll, muss bei den Affen beginnen. Sie schenkten unseren Vorfahren die Voraussetzungen, um einen ganz besonderen Weg einzuschlagen. Es sind spezielle körperliche Merkmale und geistige Eigenschaften, die die Affen besitzen und die sie von anderen Säugetieren unterscheiden. Und es ist dieses Erbe der Affen, das in unseren Vorfahren die Grundlage für eine einmalige Karriere auf diesem Planeten schuf. Um zu verstehen, wie diese Eigenschaften sich entwickelten, muss man eine Zeitreise tief in die Vergangenheit unternehmen und die Evolution dieser Kreaturen in einer außergewöhnlichen Umwelt nachzeichnen.

Ein Spitzhörnchen – das ein wenig aussieht wie eine Mischung zwischen grauem Eichhörnchen und Ratte – ist auf dem knorrigen Ast eines Baumes zu sehen und blickt mit seinen großen, seitlich am Kopf sitzenden Augen in die Kamera. So ähnlich wie dieses, auch Tupaia genannte Tier könnten die ersten Vertreter der Primaten vor mehr als 65 Millionen Jahren ausgesehen haben.
Spitzhörnchen oder Tupaias sind kleine Säugetiere, die in den tropischen Regenwäldern Süd- und Südostasiens etwa nach Würmern, Insekten oder Spinnen jagen. Vermutlich haben die Urahnen der Primaten ähnlich wie sie ausgesehen und gelebt

Die ersten Primaten – so werden Affen und Halbaffen von den Fachleuten genannt – leben bereits vor rund 80 Millionen Jahren, also zu Zeiten der Dinosaurier. Vor den riesigen Reptilien, die die Erde damals beherrschen, verstecken sie sich im Dickicht der Urwälder. Noch sehen sie ganz anders aus als heutige Affen. Sie ähneln vielmehr einem Spitzhörnchen (Tupaia) oder entfernt einer Ratte, sind klein, unscheinbar und jagen vermutlich auf dem Boden oder im unteren bis mittleren Astbereich der Bäume nach Insekten. Weil die Welt von tagaktiven Dinosauriern beherrscht wird, sind diese frühesten Primaten des Nachts geschäftig. Dabei hilft ihnen die Warmblütigkeit, die allen Säugetieren gemeinsam ist und es ihnen erlaubt, auch in kühlen Nächten aktiv und reaktionsschnell zu sein. Zudem besitzen sie hochentwickelte Sinnesorgane: einen exzellenten Geruchssinn, ein hochempfindliches Gehör und Augen, die auch im schummerigen Licht des Dschungels funktionieren.

Der Untergang der Dinosaurier gibt den Primaten eine Chance

Als die Saurier vor rund 65 Millionen Jahren nach dem Einschlag eines riesigen Meteoriten aussterben, steht den Ur-Primaten plötzlich eine neue Welt offen. Von nun an können sie auch tagsüber gefahrlos auf Bäume klettern und nach Futter suchen. Und so spezialisieren sich die Affen-Vorfahren im Laufe vieler Jahrmillionen immer mehr auf den Lebensraum Wald. Für Urwälder wie für Primaten ist jene frühe Periode eine gute Zeit. Das Klima ist warm, ausgeglichen und ohne ausgeprägte Jahreszeiten. 

Vor rund 56 Millionen Jahren nehmen die Temperaturen sogar noch zu, es wird feuchter, und die Regenwälder breiten sich bis in höhere Breiten aus. In dieser Epoche des Eozän – benannt nach der griechischen Göttin der Morgenröte „Eos“ – durchleben die Baumbewohner eine Blütezeit mit Anpassungen, die sie stark verändern. Und daher entwickeln sich in dieser Periode, wohl vor 50 bis 36 Millionen Jahren, die „echten Affen“ – also jene Tiere, die wir alle vor uns sehen, wenn von unseren nächsten Verwandten die Rede ist.

Ein Affe blickt mit großen braunen Augen und gebleckten Zähnen in die Kamera. Es ist ein Langschwanzmakake, der im Tarutao National Park in Thailand lebt. Zu sehen sind sein Kopf und Oberkörper, die mit graubraunem Fell bedeckt sind, vor dem verwaschenen Hintergrund grüner Blätter. Die nach vorne gerichteten Augen der Affen bewirken, dass die Tiere hervorragend räumlich sehen und Entfernungen beim Springen von Ast zu Ast gut abschätzen können.
Bei den Affen – hier ein Langschwanzmakake im Tarutao National Park in Thailand – sind die Augen nach vorne gerichtet. Dadurch überschneiden sich die Sehfelder weitgehend, so dass die Tiere hervorragend räumlich sehen können – und der Blick menschlich wirkt

Die Augen der Tiere rücken in diesem evolutionären Prozess von der Seite des Schädels nach vorne, so dass sie einen eindringlichen – und manchmal schon menschlich wirkenden – Blick bekommen. Der Vorteil der frontalen Ausrichtung: Die Sehfelder der beiden Augen überschneiden sich weitgehend und deshalb vermögen die Affen hervorragend räumlich zu sehen. So können sie sich besser durch die dreidimensionale Welt der Bäume hangeln und Entfernungen abschätzen – etwa beim Springen von Ast zu Ast. Auch der Gleichgewichtssinn verfeinert sich und hilft ihnen beim Toben durchs schwankende Geäst. 

Die Hand – ein Geniestreich der Evolution

Es gibt weitere Merkmale, die sich bei den Affen herausformen: Die Schnauze wird kürzer, das Gehirn größer, spitze Krallen werden zu platten Fingernägeln und statt Pfoten entwickeln die Tiere sehr bewegliche Füße und Hände, deren große Zehen beziehungsweise Daumen sich abspreizen lassen. Mit ihnen können sie Äste umgreifen und sich sicher in ihrem Lebensraum in den Bäumen bewegen. Damit entstehen die Voraussetzungen für eines der wichtigsten Organe, die der Homo sapiens einst besitzen wird und das ihm die Welt im wahrsten Sinn des Wortes „begreifbar“ macht: die menschliche Hand.

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Die weiteren Texte dieser achtteiligen Serie folgen im Abstand von je einigen Monaten: Zuerst „Die Erfindung des aufrechten Gangs“, danach „Das Zeitalter der Affenmenschen“, „Der erste Mensch und seine Welt“, „Die Eroberung des Planeten“, „Die Neandertaler und ihre Zeitgenossen“, „Der Siegeszug des Homo sapiens“ und „Was den Menschen so erfolgreich machte“

  1. Anthropologie
  2. Evolution
  3. Homosapiens

Die seltsamen Totenrituale der Steinzeitjäger

Vor rund 30.000 Jahren bestatteten Menschen Verstorbene in einer französischen Höhle – sie legten manche in Schlafkuhlen von Bären ab, sortierten und vermischten zum Teil Knochen, ließen Schädel weg. Forschende rätseln weshalb.

Das Bild zeigt das nahezu komplett erhaltene, 30.000 Jahre alte Skelett eines jungen Mannes, das in einer Mulde am Boden der Grotte de Cussac, einer Höhle im Südwesten Frankreichs gefunden wurde. Gut erkennen lassen sich die langen Beinknochen und der Schädel, auch Teile des Beckens und der Armknochen. Das Skelett ruht in der ehemaligen Schlafkuhle eines Höhlenbären. Es wirkt, als sei der Tote dort von seinen Angehörigen zusammengekauert abgelegt und bestattet worden.
  1. Homosapiens
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Der erste Homo sapiens in Europa

Eine Grabung in der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien belegt: Moderne Menschen erreichten unseren Kontinent bereits viel früher als bislang gedacht – und das blieb nicht ohne Folgen für die dort ansässigen Neandertaler

Auf schwarzem Hintergrund zu sehen sind verschiedene Klingen und Schaber aus Feuerstein, sowie rechts oben eine zerbrochene Perle aus Sandstein, die in der Mitte durchlocht ist. Die filigran zugeschlagenen Stein-Objekte zeigen Farbtöne von fast schwarz, über grünlich, orange, rötlich und gelb. Sie sind rund 45.000 Jahre alt, stammen aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien und wurden von den ersten modernen Menschen in Europa hergestellt.
  1. Homosapiens
  2. News

Muttermilch als Überlebensstrategie

Vormenschen der Art Australopithecus africanus stillten ihre Babys etwa zwölf Monate lang. Manchmal aber versorgten die Mütter ihre Nachkommen auch später noch mit Milch - erwies die Analyse von 2 Millionen Jahre alten Zähnen

Auf dieser Zeichnung ist eine Mutter der Vormenschen-Art Australopithecus africanus zu sehen, die ihr Kind auf der linken Schulter trägt. Anhand von Zahnanalysen fanden Forscher heraus, dass die Mütter dieser Art ihre Kinder etwa ein Jahr lang stillten, ihnen aber auch später noch in Notzeiten Milch gaben
  1. Homosapiens
  2. Raumfahrer
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Der zerbrechliche Planet

Eine Sammlung von Raumfahrerzitaten mag helfen, unseren Heimatplaneten mit anderen Augen zu sehen.

Der Planet Erde, ein wahrlich blauer Planet aus Sicht der drei NASA-Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins auf ihrem Flug zum Mond im Juli 1969.
  1. Homosapiens
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Die ausgeklügelten Jagdstrategien des Homo heidelbergensis

Ein in Schöningen bei Helmstedt gefundener Wurfstock sowie hölzerne Speere belegen: Europäische Urmenschen jagten vor 300.000 Jahren Wasservögel und schlachteten sogar ganze Pferdeherden ab. Wie schafften sie das?

Die Zeichnung zeigt zwei nur leicht bekleidete Urzeit-Jäger am Ufer eines Sees vor 300.000 Jahren, die Wurfstöcke auf Schwäne schleudern. Die an beiden Enden zugespitzten Hölzer drehen sich in der Luft, fliegen schnell über viele Meter Distanz und können Wasservögel tödlich verletzen.
  1. Corona
  2. Evolution
  3. Homosapiens

Wie Viren die Evolution des Menschen vorantrieben

Die Corona-Pandemie zeigt, welche Gefahren von Viren ausgehen. Und doch haben die Winzlinge dem Homo sapiens in der Urgeschichte auch Positives gebracht: Neue Gene und ein stärkeres Immunsystem etwa. Sogar die Sexualität ist womöglich den Krankheitserregern zu verdanken

Das Bild zeigt eine elektronenmikroskopische Aufnahme des neuen Corona-Virus – auch Covid-19 genannt -, die am National Institute of Allergy and Infectious Diseases in den USA angefertigt wurde. Es sind vier kugelförmige, rotgelbe Viren zu sehen, die gerade aus den befallenen Zellen eines Patienten entweichen.
  1. Homosapiens
  2. News

Wie kamen die Gene der Neandertaler nach Afrika?

Bislang hieß es, nur Völker außerhalb des Schwarzen Erdteils tragen DNA des ausgestorbenen Neandertalers in sich. Forscher kommen jetzt zu einem anderen Ergebnis - und liefern die Erklärung gleich mit. Eine paläogenetische Spurensuche.

Das Bild zeigt die Rekonstruktion eines männlichen Neandertalers am Neanderthal Museum in Mettmann, der sich auf seinen Speer stützt. Die Urmenschen besaßen enorme Muskeln, große Nasen und recht kräftige Wülste über den Augen. Genetisches Material von ihnen findet sich in Europäern und Asiaten, nach neuesten Erkenntnissen aber auch in Afrikanern.
  1. Entdeckungen
  2. Homosapiens

Der Zwerg von Flores, uralte Zweibeiner und Seitensprünge in der Vorzeit

Wie Forscher eine verwirrende Vielfalt neuer Verwandter des Homo sapiens aufspürten, weshalb der aufrechte Gang früher entstand als gedacht und Fremdgehen in der Urzeit nicht selten war. Die Chronik der Entdeckungen, Teil 3 (2000 bis 2017)

Das Foto zeigt den perfekt erhaltenen versteinerten Schädel, der in der georgischen Ruinenstadt Dmanisi als fünftes Fossil nach vier anderen Schädeln ausgegraben wurde. Der Ur- oder Vormensch besaß ein ungewöhnlich kleines Gehirn, das ein Volumen von nur 546 Kubikzentimeter aufwies. Er hatte zudem dicke Überaugenwülste und recht große Kiefer - das alles sind urtümliche Merkmale. Die anderen, an derselben Stelle gefundenen Schädel wirken dagegen deutlich moderner. Aber alle stammen aus dergleichen Zeit vor 1,8 Millionen Jahren.
  1. Homosapiens
  2. News

Der Untergang der Nussknacker-Menschen

Sie existierten 1,5 Millionen Jahre lang neben den ersten Menschen in Afrika und hatten sich mit ihren gewaltigen Kiefern an harte, trockene Pflanzenkost angepasst. Doch dann starben die Nussknackermenschen aus. Warum?

Am fossilen Schädel des Nussknackermenschen Paranthropus boisei ist oben, auf dem Scheitel, eine knöcherne Erhebung zu erkennen. An diesem Knochenkamm setzten einst die stark ausgeprägten Kaumuskeln an.
  1. Homosapiens
  2. News

Aufrecht schon vor zwölf Millionen Jahren

Die Tübinger Forscherin Madelaine Böhme entdeckte einen Affen, der einst auf dem Gebiet des heutigen Süddeutschlands lebte und sich auf zwei Beinen fortbewegen konnte. Ist er unser aller Vorfahr und begann die Menschwerdung in Europa?

Das Bild zeigt den Menschenaffen „Udo“ als künstlerische Darstellung. Udo lebte vor zwölf Millionen Jahren in Europa und konnte sich aufrecht auf zwei Beinen fortbewegen. Sein lateinischer Name lautet Danuvius guggenmosi.
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Der lange Weg zum Menschen