Tote Tiere, schöne Tiere

DebatteMuseum extra: Karsten Krause

Von Carmela Thiele

Karsten Krause

29. Mai 2017

Eingesperrte Tiere, ausgestopfte Tiere, das geht eigentlich gar nicht angesichts des Trends zu vegetarischer Ernährung, zu Tierschutz und Tierethik. Dennoch besuchen Millionen Eltern mit ihren Kindern Zoos und Naturkundemuseen und sind auch selbst fasziniert. Im Sommer in den Zoo, im Winter ins Naturkundemuseum, wo die Szenen sogar noch dramatischer ist. Löwen streiten sich mit Hyänen um eine gerissene Antilope, eine Gruppe Gemsen klettert vor Bergkulisse über Geröll, doch die auf Zweigen sitzenden vielfarbigen Tropenvögel sind für immer verstummt. Weich sind die Federn und das Fell der präparierten Tiere, doch starr ist ihr Blick.

Der Hamburger Künstler Karsten Krause wollte wissen, woher diese Faszination rührt. Sein 23-minütiger Film Arrangement of Skin läuft nicht im Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart, wo er seine Bilder aufgenommen hat, sondern im Programm der Videobox der Staatsgalerie Stuttgart. Dort geht es in diesem Jahr um Museum Matters , gezeigt wird Filmkunst, die sich mit verschiedenen Aspekten der Institution Museum, meist aber mit Kunstmuseen, auseinandersetzt. Krause wagt sich auf ein neues Terrain , das Naturkundemuseum. Er fragt nicht nach der Herkunft der Exponate, die aus den ehemaligen Kolonien stammen könnten, oder beschäftigt sich mit Genderfragen oder Migration. Der Absolvent der Hochschule für bildende Künste Hamburg schlüpft in die Rolle des Ethnologen, des Beobachters und schaut mit der Kamera den Präparatoren bei der Arbeit zu.

Unterwelt des Museums

Wer eine Doku „ Naturkundemuseum. Backstage“ erwartet, wird bei Krauses langen Einstellungen ohne Text aus dem Off bald unruhig werden. Die minimalistische Bildregie zwingt den Betrachter genau hinzusehen, etwa wie der Präparator ein Paket aus dem Kühlraum nimmt, mehrere Verpackungsschichten löst und vorsichtig den starren Leichnam eines Menschenaffen auf seine Unversehrtheit prüft. Das ist nicht schockierend inszeniert, sondern sachlich beobachtend. Selbst als einem Vogel mit Hilfe eines Seziermessers die Kopfhaut vom Schädel gelöst wird, stellt sich kein Ekel ein. Vielmehr überträgt sich die Konzentration des Präparators auf den Betrachter, sein fast liebevoller Umgang mit dem organischen Material lässt vergessen, was er da eigentlich tut. Der Zuschauer der Films gleitet widerstandslos tiefer hinein in die Unterwelt des Museums, wo ein Millionen von Jahren alter Ammonit im Gang auf einem Rollwagen steht. Spinde, Regale, Gerät. Die Kamera gewährt uns Blicke durch geöffnete Türen auf Museumsmitarbeiter, die in engen Büros an Computern sitzen. Sie schauen nicht auf.

Blick in die aufgeräumte Werkstatt der Präparatoren
Präparatoren-Werkstatt im Stuttgarter Naturkundemuseum, Karsten Krause, Arrangement of Skin, 2016.
Karsten Krause

Niemand spricht, dafür sind die Geräusche eine Nuance stärker ausgepegelt als üblich. Wir hören, wie das abgezogene Federkleid samt Kopf und Beinen in einer mit Wasser gefüllten Wanne schwappt. Dünung? Ein Verweis auf den See oder das Meer, den einstigen Lebensraum des Tiers? Verweise auf die Diskrepanz zwischen lebendig inszeniertem Tod und faktisch abgestorbenem Material oder Kunst sind beiläufig in die scheinbar völlig sachlichen Beobachtungen eingebaut. So verharrt die Kamera auf einem ausgebreiteten Flügel, wie ihn ähnlich Albrecht Dürer mit großer Sorgfalt und Hochachtung vor dem Naturschönen gezeichnet hat. Und einmal steht ein Museumsmitarbeiter an der Terrassentür einer klassizistischen Halle und blickt wie eine Rückenfigur Caspar David Friedrichs in den Park. Der Mann sehnt sich jedoch nicht nach religiöser Transzendenz, sondern nach etwas anderem: dem Ursprung, der Wildnis? Innen ist Zivilisation, das Museum, draußen die Natur, das Leben.

Eine Frage der Bildregie

Krause reiht Bilder aneinander, die neue Verknüpfungen einer bekannten Geschichte ermöglichen. So verharrt die Kamera genauso statisch auf den erstarrten Wasserbüffeln im Schilf wie auf dem Mann, der mit einem Wischer an einer Teleskopstange die Glasscheibe eines Dioramas reinigt. Mit seiner egalitären Bildregie, die nicht zwischen Tier und Mensch, Tod und Leben unterscheidet, nähert der Filmautor Mensch und Tier wieder aneinander an, schließt eine Kluft, die die Museumsregie trotz ihres Bemühens um Anschaulichkeit nicht schließen kann. Doch ist es, als würde man durch ein begehbares Buch wandeln, die dreidimensionalen Tierszenen überraschen nicht, alles schon da gewesen, alles schon gesehen?

Krause taucht noch ein letztes Mal ab mit seiner Kamera in die Räume, die sonst keiner zu sehen kriegt. Im Depot treffen seine Scheinwerfer auf eng nebeneinander abgestellte Exponate, erwecken sie zum Leben. Eine Reihe Rehe schaut neugierig vom Regal herunter, Leoparden, Wildkatzen und Gorillas fixieren uns mit blitzenden Augen. Was willst Du hier?, scheinen sie zu fragen.

Präparierte Gemsen vor gemaltem Alpenpanorama
Diorama im Stuttgarter Naturkundemuseum, Karsten Krause, Arrangement of Skin, 2016.
Karsten Krause

Es ist ja ein Dauerthema, was Kunst eigentlich soll, wozu sie da ist. Der Film von Karsten Krause beschäftigt sich mit einer Institution, dem Naturkundemuseum, die sich als Ort der Zerstreuung und des Lernens großer Beliebtheit erfreut. Es wird dort natürlich auch wichtige Forschung betrieben, aber das ist nicht das Thema von Arrangement of Skin. Der Künstler führt uns in Zwischenreiche des Bewusstseins, die uns ermöglichen, anders auf das Gewohnte zu schauen. Ihm ist das wunderbar gelungen - ohne Kopflastigkeit und Getöse .

Ein bisschen Ironie muss aber auch sein. So hat der Filmemacher ein paar „Fehler“ in den Film eingebaut, die aber in der Logik seines Werks gleichwohl Sinn machen. So ist der Abspann, der alle Beteiligten des Projekts nennt, mitten im Film eingeblendet – ein Hinweis, dass sich der Autor und das Team als Teil des egalitären Blicks begreifen, sich nicht darüber erheben. Und triumphierend ist die Pose des Stirnlappenbasilisken. Das Reptil sitzt wie ausgestopft auf einem Ast, aber plötzlich schlägt es mit seinem Schwanz , als wolle es sagen: Hey, Folks, ich bin lebendig, seid es auch.