Wozu Museen und warum so viele?

Zum Tagungsband „Das Museum als Provokation der Philosophie“

Von Carmela Thiele

26. März 2018

Es gibt Kollegen, die fragen, ob eine Online-Publikation zum Thema Museum nicht eine arge thematische Einschränkung bedeuten würde. Der Hinweis, wie viele verschiedene Arten von Museen es gibt – für Naturkunde, Geschichte, Technik, Völkerkunde, Kunst, zu Persönlichkeiten wie Karl Marx oder Johann Sebastian Bach, Handwerk, Design, Instrumente oder Spargel – verfängt meistens nicht. Denn bedeutet nicht wiederum diese Vielfalt eine unzulässige Breite des Spektrums, die kein wissenschaftsjournalistischer Blog je abdecken kann?

Ich muss gestehen, dass ich diese Skepsis manchmal teile und hoffe weiterhin, dass sich einer der RiffReporter_innen weiterhin der Technikmuseen oder jedenfalls gelegentlich der Naturkundemuseen annimmt. Aus Pragmatismus, aber auch weil einige Museumstypen derzeit als Avantgarde eines neuen Typs von Museum fungieren, konzentriert sich DebatteMuseum vorerst auf kulturhistorische, historische sowie Kunst- und Völkerkundemuseen. Viele dieser Häuser unternehmen derzeit beachtliche Anstrengungen, ihre Rolle zu reflektieren, sich Gedanken zu machen, wie ihr Museum zum gesellschaftlichen Diskurs beitragen könnte, und was relevant sein könnte in ihren Sammlungen, um die Vergangenheit und die Gegenwart besser verstehen zu können.

Dennoch bleiben Zweifel, ob diese grundsätzlichen Fragen nach dem Museum der Zukunft nicht zu sehr verallgemeinern. Ob nicht jedes Museum seine eigenen spezifischen Sammlungen, Fragestellungen und Probleme zu bewältigen hat, die sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Warum sollten sich Kunsthistoriker für Dekolonisierung interessieren und Historiker für Fragen des Neuen Materialismus? Warum sollten Museumskuratoren überhaupt ihre Praxis in Frage stellen und darüber nachdenken, was sie eigentlich tun? Indes, die Debatte ist in vollem Gange. Zwar bleiben Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln weiter Kerngeschäft der Museen, doch sollen diese Aktivitäten laut ICOM (International Council of Museums Deutschland) im Dienst der Gesellschaft stehen.

Da tut es gut, wenn ein Buch solche Bedenken auslöscht, jedenfalls für die Dauer der Lektüre, wie der Tagungsband mit dem kampfeslustigen Titel „Das Museum als Provokation der Philosophie“ es tut. „Das Museum ist zweifellos eines der zentralen Themen unserer Kultur“, heißt es schon mal ermutigend gleich zu Beginn des Vorworts von Herausgeberin Bernadette Collenberg-Plotnikov. Der Band ist als Nr. 27 in der Edition Museum des transcript Verlags erschienen und dokumentiert eine Tagung, die 2016 im Berliner Bode-Museum stattgefunden hat, angeregt und organisiert vom Philosophischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Bislang nur Randbemerkungen zum Museum

Die zentrale Frage der Tagung war ambitioniert: Ist es nicht angesichts der starken Präsenz des Begriffs Museum (und der Museen selbst) in unserer Gesellschaft gerechtfertigt, systematisch eine Museumsphilosophie zu begründen, die sich nicht mit Randbemerkungen zum Thema von Hegel, Adorno oder Foucault, mit Ausflügen der Ethik oder der philosophischen Anthropologie in die Museen zufrieden gibt? Die Tagung sollte ein neues Forschungsfeld ausloten und zeigen, dass eine Museumphilosophie grundsätzlich für alle Museen relevant sein und eine notwendige Ergänzung zur Museumstheorie und der Museologie darstellen könnte. Aber nicht nur die Museologen müssen von dieser neuen wissenschaftlichen Instanz überzeugt werden, auch manche Philosophen sind skeptisch. Das Museum entspreche als Gegenstand nicht dem Raster der philosophischen Klassifikationen, schreibt Bernadette Collenberg-Plotnikov, und sei deshalb eine Provokation für die Philosophie.

Viel interessanter für die Allgemeinheit sind allerdings die auf der Tagung gestellten Fragen, etwa das Motto des ersten Tagungsblocks: „Wozu Museen und warum so viele?“ Reinhold Schmücker, Professor für Philosophie in Münster, zählte gleich sechs „elementare Funktionen“ des Museums auf. Das Museum sei Ding-Asyl, erfülle eine Tempel-Funktion und habe eine identitätskonsolidierende Funktion. Museen sind Orte der Erinnerung, sie demonstrieren kollektiv erbrachte Kulturleistungen, nicht zu vergessen deren Bildungsfunktion. Hätten wir dagegen nur einige wenige Zentralmuseen, würde sich die Pluralität der Lebensformen nicht abbilden, was aber ein wichtiges Merkmal der Gegenwart sei.

Nicht alle Teilnehmer der Tagung lassen sich derart rückhaltlos positiv auf das Thema ein. Der Professor für Kunstgeschichte an der Universität der Künste Berlin, Karlheinz Lüdeking, etwa meint, die Museen kämen gut mit der Museumstheorie aus, eine Museumphilosophie sei letztendlich nur eine Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme für Philosophen. Bernadette Collenberg-Plotnikov hingegen betont, wie wichtig es sei zu fragen, was die heutigen Aktivitäten und Diskussionen um das Museum eigentlich zusammenhalte, und hat auch einen Vorschlag parat: Im Museum werde der Mensch gleichermaßen als geschichtliches, reflektierendes und als sinnliches Wesen angesprochen. Das ist keine neue Erkenntnis, aber vielleicht ein Punkt, über den es sich lohnt, tiefer nachzudenken.

So etwas wie Museumsphilosophie liegt schon seit langem in der Luft. Wie so oft haben die Briten in dieser Frage die Nase vorn. So fand 2013 in Glasgow die Tagung „Philosophy and Museums“ des Royal Institute of Philosophy statt, die wiederum auf frühere Vorstöße in diese Richtung aufbaute. Schon seit langem werden aber auch in Deutschland vor allem sozialphilosophische und ethische Aspekte des Museums diskutiert. Hermann Lübbe, Professor für Philosophie und Politische Theorie an der Uni Zürich, führt wie schon in früheren Publikationen seine plausible These aus, dass die rasante Modernisierung museale Vergangenheitsbewältigung gleichsam erzwinge. Deshalb hätten die Archive, der Denkmalschutz und die Museen in unserer Gesellschaft derart Konjunktur, frei nach Jean-Paul Sartre: „Je suis mon passé.“

Das Geschichtsmuseum als moralische Anstalt ?

Auch andere Aspekte der Museumspraxis werden hinterfragt. Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich diagnostiziert eine Überhöhung der ausgestellten Objekte und deren Verwandlung in Kunst durch das Museum, was aber nur eine Elite goutieren kann. Der Philosoph und Kunstwissenschaftler stellt jedoch zugleich den seit rund zwanzig Jahren anschwellenden Vermittlungspathos der Museen in Frage. Hier werde Sozialpolitik auf Kosten der Kunstwerke betrieben, sagt er und benennt Widersprüche, mit denen sich die Museen herumschlagen. Rosemarie Beier-de Haan, Ausstellungskuratorin am Deutschen Historischen Museum in Berlin hingegen begrüßt das Geschichtsmuseum als moralische Anstalt, als Ort der Rehabilitierung und der Wiedergutmachung. Sie verweist auf die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz, die Museen grundsätzlich genießen.

Die Museumsarbeit, so zeigt dieser Band aus der Vogelperspektive, ist voller Fallstricke, aber auch voller Chancen. Der Freiburger Kulturphilosoph Andreas Urs Sommer etwa vertritt im dritten Kapitel mit der Überschrift „Präsentieren und Repräsentieren“ die Idee einer Philosophie des musealen Sammelns. Durch neues Zusammenstellen von Dingen entstünden neue Welten. Er verwies auch in Zeiten der Dingverflüchtigung darauf, wie wichtig es sei, Dinge in die Hand zu nehmen, um sie im Wortsinne zu begreifen, eine Theorie, die auf Hans Lipps zurückgeht. Auf den Phänomenologen bezieht sich auch Karl-Heinz Lembeck von der Universität Würzburg, deckt jedoch den Widerspruch zwischen dem Zeigen der Dinge im Museum bei gleichzeitiger distanzierender Präsentation in Vitrinen auf.

Dieser Widerspruch wird wohl auch weiterhin schwelen. Das Interessante an dem Tagungsband aber ist die Frische und Vielfalt der Ideen, die eine gesellschaftliche Institution wie das Museum neu denken, ohne vorab Schubladen aufzuziehen. Neuere Theorien wie der Materialismus setzen von vornherein interdisziplinär an, wollen alte wissenschaftliche Denkmuster aufbrechen. Sie fragen, ob sich die Wirklichkeit überhaupt adäquat beschreiben lässt, nach der Handlungsmacht, der agency der Objekte, wollen Kunstwerke als „relationale Entitäten“ verstanden wissen.

Das Buch ist eines von vielen in der transcript-Edition Museum, das Einblick gibt in die Probleme und Methoden moderner Museumsarbeit. Aber es ist auch ein besonderer Band, denn die Frage nach Sinn oder Unsinn einer Museumsphilosophie zeigt einen Weg auf, eine zergliederte, unübersichtlich gewordene Debatte wieder auf den Punkt zu bringen.

Bernadette Collenberg-Plotnikov (Hg.), Das Museum als Provokation der Philosophie. Beiträge zu einer aktuellen Debatte, 286 Seiten, transcript Verlag Bielefeld, 2018, Preis: 29,99 Euro

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