Wozu heute noch Kunstkritik?

Plädoyer für eine Disziplin, die sich neu erfinden muss

Ein Gastbeitrag von Thomas Wagner

Carmela Thiele Drei Personen auf einer Bühne

26. November 2018

Am 10. November 2018 lud der Kunstkritikerverband AICA nach Mannheim ein, um über die neuen Herausforderungen des Berufs durch das Internet und die Sozialen Medien zu sprechen. Für Thomas Wagner, von 1992 bis 2007 Redakteur der FAZ im Bereich Bildende Kunst und Design, geht mit der digitalen Welt auch etwas verloren. Eine kompetente, unabhängige und von keinem Marketing beeinflusste Kunstkritik werde immer seltener, und es vermisse sie auch keiner. Dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - plädierte dafür, an hohen Standards festzuhalten. DebatteMuseum veröffentlicht eine leicht gekürzte Version seines Vortrags "Kunstkritik in der Stammeskultur - Netzräume, Content-Management und die List des Igels".

Vielleicht wird sich der eine oder andere gefragt haben: Wieso „Kunstkritik in der Stammes-kultur“? Ganz einfach: In der digitalen Stammeskultur ist einiges los. Und wenn wir über die gegenwärtige Praxis der Kunstkritik reden wollen, ist es aus meiner Sicht notwendig, sich die Bedingungen klar vor Augen zu führen, unter denen sie sich aktuell zu behaupten sucht – und zwar medial (hinsichtlich der Sender und Empfänger), institutionell (hinsichtlich Publikationsorganen und Institutionen), funktional und strategisch (hinsichtlich der Position der Kritik innerhalb der Öffentlichkeit). Da es bei unserer Tagung ja um eine „Bestandsaufnahmen aus dem Arbeitsalltag“ gehen soll, möchte ich Ihnen, bevor ich einige Schlaglichter auf die Veränderungen der genannten Kontexte werfe, einige Geschichten aus der Praxis erzählen. 

Aus dem Alltag

Ein junger Künstler voller Potenzial, Strebsamkeit und Hoffnungen, inzwischen wohnhaft in Berlin, kommt zu Besuch, um für eine Woche Haus und Katzen zu hüten. Man isst zusammen, unterhält sich, fragt, wie es ihm so ergeht, wie er als Künstler vorankommt. Rasch beklagt er sich darüber, er gehe zwar zu vielen Eröffnungen, komme aber, was das eigene Ausstellen angeht, nicht voran. Stipendien hielten ihn im Moment zwar über Wasser, was ihm aber fehle, so erzählt er ebenso entschlossen wie enttäuscht, sei „der Diskurs“, seien aktuelle Debatten. Die Woche geht vorüber, man sitzt wieder beisammen. Die zwei überregionalen Zeitungen, die jeden Tag im Briefkasten gewesen sind, hat er fein säuberlich auf einen Stapel gelegt. Kein einziges Feuilleton hat er gelesen.

Bei einem Seminar über Bildpolitiken – alle Teilnehmerinnen studieren Kunst in einem höheren Semester – steht unter anderem auch Gerhard Richters Zyklus „Birkenau“ auf der Agenda. Niemand kennt die Gemälde, kann etwas mit dem Namen Birkenau anfangen. Auf die Frage, ob jemand denn andere Werke von Gerhard Richter kenne – Schweigen. Ich zeige mich verwundert, insistiere, frage nach: Gerhard Richter, der aktuell weltweit bekannteste Maler, der auf jeder Hitliste ganz oben steht? Keiner der Studierenden hat den Namen schon einmal gehört. 

Ich bin vor rund zehn Jahren mit einigem Enthusiasmus von Print zu Online gewechselt, weil mich die Chancen und Möglichkeiten gereizt haben, die das Netz damals geboten hat. Erstens, so dachte ich, kann man Texten in einem Online-Magazin die Länge geben, die sie brauchen, ohne sie auf die auf einer Zeitungs- oder Magazinseite passende oder vom Layout vorgesehene Länge kürzen zu müssen. Zweitens sollte dem lesenden und schauenden Nutzer durch eine Vielzahl von Bildern – und, wenn sich das anbot, durch ein Videointerview mit dem Künstler oder der Künstlerin –, eine größere Anschaulichkeit geboten und der Leser des Textes darin bestärkt werden, sich aus den verschiedenen Facetten und Zugängen ein eigenes differenziertes Urteil zu bilden. Einige Jahre hat das ganz ordentlich geklappt. Als dann vor etwa drei Jahren ein Relaunch der auf einer Datenbank für Design basierenden Website und des Online-Magazins anstand, wurde schnell klar, dass die damit betrauten Programmierer und Webdesigner weder Ahnung von redaktionellen Abläufen noch von grafischen Standards hatten, ja diese für obsolet hielten. 

Bei einem Treffen mit einem Fachmann für SEO – für „Search Engine Optimisation“, also für das Optimieren der Lesbarkeit einer Seite oder eines Artikels durch den Algorithmus einer Suchmaschine, wurde dann das verlockende Angebot gemacht: Wir, die keine Ahnung haben, worum es in Euren Texten geht, veranstalten gern einen Workshop mit der Redaktion und bringen Euch, den gestandenen Redakteuren, bei, wie man Überschriften macht und entsprechende Keywords von vorne herein in den Text einbezieht. Zu dem Workshop ist es nicht gekommen. Klar aber wurde: Es geht im Netz nicht um menschliche Leser, sondern um Maschinen. Nur was so aufbereitet wird, dass Maschinen es lesen können, bekommt die Chance, auch noch von Menschen gelesen zu werden. Man verfasst bei Texten im Netz eine Überschrift also zuallererst für einen Algorithmus. 

Die letzte Geschichte ist ein Fundstück. Am 15. September 2018 stand auf der Seite von Spiegel Online ein Artikel von Kristin Haug mit folgender Überschrift und Teaser: „Welcher Nachwuchskünstler fasziniert Sie? Stimmen Sie ab! Sie malen Bilder, besprühen Rasenflächen und modellieren Skulpturen: Dutzende Kunststudenten haben dem SPIEGEL ihre Werke gezeigt. Hier sind sie.“ Im Text hieß es dann: „Stimmen Sie unter den Kunstwerken ab (zehn ist die höchste Punktzahl), wie diese Ihnen gefallen haben. Der Künstler, der das beste Abstimmungsergebnis hat, wird von uns interviewt.“

Ein Beispiel mag genügen: Unter der Fotografie eines etwas strapaziert wirkenden Rasens mit der Aufschrift „THIS IS PRETTY MUCH EXACTLY WHAT I DO BUT EVERYTHING CHANGES OVERNIGHT.“ war zu lesen: „Grünkunst: Auf einer Rasenfläche vor der Kunsthochschule hat Jonas Leichsenring, Jahrgang 1997, diese Wörter mit Kreidespray aufgesprüht. Seine Arbeit heißt ,Schattenmann’. Leichsenring sagt: ,Schattenmänner sind ständig in unserer Umgebung. Im Sport ist es der Platzwart, der sich um den Rasen kümmert und ihn bewässert. Mit Kreidespray teilt er das Spielfeld in verschiedene Zonen ein. Ohne diesen Aufwand könnte ein Fußballspiel nicht offiziell stattfinden.’ Der Student will den Schattenmännern mit seinem Werk mehr Aufmerksamkeit geben. Er studiert im 6. Semester Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel.“ Unter dem Text und über einer interaktiven Leiste mit einer Skala von 0 bis 10 stand: „Wie bewerten Sie die Arbeit von Jonas Leichsenring?“

Auch wenn das nicht mehr als Anekdoten sind, zeigt sich doch, dass sich in der Rezeption und in den Machtverhältnissen im Netz vieles verschoben hat. Wie und für wen also kann und soll die Kritikerin oder der Kritiker heute schreiben, wenn jeder Kunststudent selbst die guten Absichten erklärt, die er mit seiner schlechten Kunst verbindet, wenn jeder User über Kunst abstimmen kann? 

Die Veränderungen des medialen Kontextes

Schauen wir uns die Veränderungen des medialen Kontextes, in dem Kritik heute stattfindet, aus einer etwas anderen Perspektive an: Hellsichtig stellt Marshall McLuhan im März 1969 in seinem berühmten Interview mit dem Playboy fest: „Gesellschaften sind immer stärker von der Beschaffenheit der Medien, über die die Menschen miteinander kommunizieren, geformt worden als vom Inhalt der Kommunikation.“ (1)  Kurz: „The Medium is the Message“ – die These ist sattsam bekannt; wir machen sie uns in ihrer ganzen Tragweite aber noch immer zu selten bewusst.

Für jemanden, der sich vor allem um „Inhalte“ und „Argumente“ kümmert, ist das keine besonders tröstliche Aussage. Das ist aber längst noch nicht alles, was McLuhan uns zumutet. Weil – verkürzt gesagt – aus McLuhans Sicht alle Medien, vom phonetischen Alphabet über die Kleidung bis zum Computer, Ausweitungen des Menschen sind – er nennt das extensions –, lösen sie tiefe und andauernde Veränderungen im Menschen aus und verwandeln seine gesamte Umwelt. Eine solche Ausweitung kann intensivierend wirken, sie kann als eine Ausweitung eines Organs, eines unserer Sinne oder einer Körperfunktion auftreten. Wichtig dabei ist, dass, wann immer sie eintritt, unser zentrales Nervensystem – offenbar aus Selbstschutz – für eine Betäubung des betroffenen Bereichs sorgt. Es trennt diesen von jeder bewussten Wahrnehmung ab und anästhesiert uns für das, was mit uns geschieht. Es ist, als ständen wir unter Schock. McLuhan nennt diese Form der Selbsthypnose „Narziss-Narkose“ (2), weil auch der griechische Jüngling vom Anblick seines eigenen Bildes betäubt wurde. Der Mensch sei sich den psychischen und sozialen Auswirkungen seiner neuen Technologien also genau so wenig bewusst, wie ein Fisch sich des Wassers bewusst ist, in dem er schwimmt. 

McLuhan beschreibt das, wohlgemerkt im Jahr 1969, so: Unsere ganze Entfremdung und Vereinzelung spiegelt sich im Zusammenbruch [solch] altehrwürdiger sozialer Werte wie dem Recht auf Privatsphäre und der Unverletzlichkeit des Individuums wider. Jetzt, wo sie dem Druck der neuen Technologien der elektrischen Schaltkreise weichen müssen, kommt es dem Durchschnittsbürger so vor, als ob ihm der Himmel auf den Kopf fiele. Die elektronischen Medien zwingen der Menschheit eine Metamorphose hin zur Stammesgesellschaft auf, und darum benehmen wir uns alle wie kleine Hühner, die auf der Suche nach ihrer alten Identität Amok laufen und dabei ungeheure Gewalt freisetzen. Da in der post-alphabetischen Arena Nicht-Alphabetisierte und Alphabetisierte aufeinanderprallen und neue Informationsstrukturen die alten überschwemmen und vernichten, werden Nervenzusammenbrüche verschiedener Größenordnung bis hin zu kollektiven Aussetzern ganzer Gesellschaften, die unfähig sind, ihre Identitätskrise zu lösen, an der Tagesordnung sein.“ (3) 

Prägnanter kann man es kaum sagen. Sie sehen, wir sind mitten im Thema angekommen. Die Veränderungen, die McLuhan Ende der sechziger Jahre beschrieben hat, haben durch den Siegeszug des Internets aber erst richtig Fahrt aufgenommen und sich mittlerweile durch Echtzeitkommunikation, von Algorithmen gesteuerte Suchmaschinen, Soziale Medien und Influencer, durch Virtual Reality und Künstliche Intelligenz, weiter beschleunigt – Nervenzusammenbrüche eingeschlossen. Douglas Coupland bringt es etwas cooler auf den Punkt: „(...) das Leben im 21. Jahrhundert ist Karaoke – ein nicht enden wollender Versuch, die Würde zu bewahren, während ein unkontrollierbarer Datenwust über den Bildschirm flackert.“ (4)

Wie immer wir Kunstkritik verstehen und praktizieren, als mediale und soziale Rahmenbedingungen gilt es festzuhalten: 

  • Unsere Gesellschaft wird stärker von der Beschaffenheit der Medien geformt, als vom Inhalt der Kommunikation.
  • An die Stelle einer Schriftkultur ist eine retribalisierte Kultur des Mündlichen getreten, in der sich alte und neue Welten mischen. 
  • Wir sind dazu gezwungen, uns der durch die Medien veränderten post-alphabetischen Umwelt anzupassen.
  • Aus dem Leser ist ein „User“ geworden, der Texte nicht liest, um sie zu verstehen, sondern Texte „verarbeitet“, also in sie eingreift und sie manipuliert. Statt Kritik zu formulieren, stellt man eine andere Version her. 
  • Und, last but not least: In der fortgeschrittenen Medien-Gesellschaft erfahren alle alles zugleich, wie auch alle alles zugleich betrifft. 

Bevor wir alle zu Avataren mutieren, gibt es aber noch einiges zu bedenken. Die Kritik als solche ist unter den veränderten medialen Bedingungen in den Fokus gerückt, ihre Resonanzräume sind geschrumpft, haben sich fundamental verändert. Suchmaschinen und Klicks entscheiden mehr als Argumente. Aus dem Netz, und den Hoffnungen die wir in dessen Möglichkeiten gesetzt hatten, ist ein dominantes Medium geworden, in dem es – auf der Basis von Tracking und Datenerhebung – hauptsächlich um Information, Werbung und Geschäft geht. Hinzu kommt: Die im Netz mittlerweile herrschenden Mechanismen und Rückkopplungsschleifen haben auch die Printmedien verändert. 

Man könnte hier noch vieles ergänzen, beispielsweise einen Seitenblick auf die Literaturkritik werfen, die sich aufgrund des Strukturwandels der Öffentlichkeit ähnliche Fragen wie die Kunstkritik zu stellen beginnt. Ich will es aber dabei bewenden lassen. Es dürfte deutlich geworden sein, dass es an der Zeit ist, nach Wegen zu suchen, aus der Selbsthypnose zu erwachen, in die uns der rasante Wandel versetzt hat. 

Kritik in postheroischen und retribalisierten Zeiten

Sammeln wir noch einmal ein, was in der Praxis der Kritik zur Debatte steht. Über die medialen Umbrüche haben wir bereits geredet. Aufs große Ganze bezogen scheint die Diagnose zu lauten: Die Zahl derjenigen, die sich für die (bürgerliche) Welt des Rezensionswesens und der „klassischen“ Kunstkritik (nennen wir sie vorläufig so) interessieren, nimmt ab und eine ehemals mehr oder weniger homogene Öffentlichkeit zerfällt in zahllose Communities, Blogs, Social Media-Posts etc. 

Was Publikationsorgane und Institutionen wie Zeitungen, Magazine, oder Sender angeht, so ist festzuhalten: Wir leben nicht in Zeiten von Texten, sondern von Content. Texte, die für ein Printmedium geschrieben wurden, werden in Länge, Ton und Stil an andere, zumeist elektronische Publikationsmedien angepasst und weiterverwertet. Da Texte, wenn sie im Netz publiziert werden, sich durch leicht messbare Klickzahlen und die Verweildauer des Users beweisen müssen, tendieren sie dazu, standardisiert ihren Gegenstand anzupreisen und möglichst originell aufzutreten. In der Folge wird es zum Luxus, eine eigene Argumentation aufzubauen und eine womöglich ganz andere Sprache zu erproben. Wer heute über Kunst schreibt, hat innerhalb eines Systems zu funktionieren, von dem andere profitieren. Die Tendenz, die Effizienz zu steigern, sprich, die Gewinne zu steigern, ist da keine Hilfe, im Gegenteil; sie hat längst dazu geführt, dass jedes einzelne Produkt – jede Zeitschrift, jedes Buch – eine im Voraus bestimmte Umsatzrendite zu erwirtschaften hat – sonst wird es eingestellt. Und wer kümmert sich eigentlich um eine adäquate Ausbildung? Über Kunst kann heute ja offenbar jeder schreiben. 

Kulturpolitische und institutionenkritische Texte sind – selbst in überregionalen Tageszeitungen – selten geworden. Es sei denn, die Aktualität gebietet es. Recherchieren können sie fast nur noch Redakteure. Etwa, wenn Monika Grütters, die aktuelle Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, in der Süddeutschen Zeitung aus dem Anlass kritisch porträtiert wird, dass das Amt eines solchen Staatsministers sein 20-jähriges Bestehen feiert. Oder wenn über postkoloniale Restitutionsverfahren, die strauchelnde documenta oder das neue Stadtschloss debattiert wird. 

Die allgemeine Pädagogisierung der Kunst höhlt die Kritik zusätzlich aus und schränkt ihre Möglichkeiten ein, sich Gehör zu verschaffen. Ablesbar ist das an der Sprache der Kritik: Andere Textsorten und sprachliche Resonanzräume sind weitgehend verschwunden; wer heute schreibt, muss Kunst, wenn er sie nicht anpreist, erklären oder persönlich goutieren. Dass ein Künstler wie Marcel Duchamp seine vordringliche Aufgabe darin gesehen hat, gegen den Geschmack zu opponieren, hat sich erledigt. 

Hinzu kommt: Eine allgegenwärtige Marketingsprache höhlt sämtliche Begriffe aus und zersetzt sie. Gespickt mit Buzzwords suggerieren solche Texte Information und bedienen doch nur Interessen. Wird etwas schon vorab als Meisterwerk gepriesen, tut sich die Kritik schwer, dem entgegenzutreten. 

Und schließlich sind Influencer dabei, den Kritiker abzulösen. Von Museen vorab eingeladen, um über Soziale Medien und Netzwerke das junge Publikum anzulocken, verwandeln sie Kunst in ein Lifestyle-Event, bei dem man dabei gewesen sein muss und das morgen schon vom nächsten Hype abgelöst wird.

Es gibt keine Kunstkritik mehr

Wir sehen: Alles läuft wie geschmiert im aktuellen Mix aus Geschmacksurteil und Empfehlung, Information und Marketing. Weshalb sollte auch ausgerechnet in der Kunst die Schere nicht auseinanderklaffen zwischen den ökonomisch Erfolgreichen und dem Rest? Als freier Kritiker lernt man die Lektion schnell, dass Kuratoren und Kustoden, Grafiker, die Druckerei, der Verlag, dass Galerien, Auktionshäuser und einige Künstler gut verdienen oder zumindest ein angemessenes Honorar erhalten, für den Text aber – tut uns wirklich leid – bestenfalls noch paar Hundert Euro übrig sind – sie wissen ja, das Budget, leider, leider.... Realistisch wäre: Entweder der Text hat eine wichtige Funktion, dann sollte er auch am Erfolg partizipieren; oder er hat eine solche Funktion nicht, dann braucht man ihn auch nicht zu schreiben. Einer aber schreibt immer. 

„Es gibt“, stellt Ernst Wilhelm Händler im Merkur denn auch nüchtern fest, „in der Gegenwart keine Kunstkritik. Zugleich stößt man jedoch, nicht zuletzt in an das Publikum gerichteten Periodika, auf eine ständig zunehmende Anzahl von Texten über Kunst. Die Proliferation [= Informationsflut] des Verbalen hat natürlich zuerst etwas mit der Proliferation der Kunst selbst zu tun. Michael Hutter schätzt in Texte zur Kunst, dass in den letzten zwanzig Jahren die Zahl der weltweit mit Gewinn operierenden Galerien von 200 auf 2000 angestiegen ist. Der Umsatz des Marktführers (der Auktionshäuser Christie’s) betrug 1995 circa 1,5 Milliarden Dollar, 2014 circa 8,4 Milliarden. Der Zuwachs an Galerien bildet die Tatsache ab, dass immer mehr Kunst produziert wird, die auch Käufer findet. Das Wachstum der Auktionshäuser spiegelt die exorbitante Preisentwicklung wider. Texte über Kunst wollen verkaufen, informieren und deuten. Wer sich einmal für einen professionellen kunstnahen Lebenslauf entschieden hat, zu dem das Schreiben über Kunst gehört, ist immer auf einem von zwei Gleisen: Wenn er für eine Galerie oder Christie’s arbeitet, Verkaufen, Information und unkontroverse Deutung. Wenn er für Artforum oder Frieze oder in einem Museum tätig ist, Information und Deutung ohne Verkaufen. Das ist allerdings optimistisch formuliert, ganz ohne Verkaufen geht es nicht.“ (5)

Die List des Igels 

Hat Händler also Recht, wenn er feststellt: in der Gegenwart gibt es keine Kunstkritik, aber viele Texte über Kunst? Wobei nicht übersehen werden darf: Es gibt immer mehr Kunst, aber das, was die (von der Romantik angestoßene reflektierende) Kritik einmal herausgefordert hat, weil für sie das Kunstwerk ein Erkenntnismedium eigenen Rechts darstellte, kommt heute nur noch in Ausnahmefällen vor. Alles andere ist Kunst, die keiner solchen Kritik mehr bedarf, sondern von Marketing und Influencern gut bedient wird. 

Die Analyse der aktuellen Situation fällt nicht gerade aufmunternd aus. Für einen Abgesang auf die Kritik aber ist es aber noch zu früh, zu unergründlich sind die Wege der Vernunft. Ja, die Risiken bestehen fort. Chancen? Ja, die gibt es trotz allem: Kritik kann noch immer argumentieren und differenzieren, statt all das Identitätsgequatsche nachzuplappern und – ja, man kann das „romantisch“ nennen – sie kann Kunst, wo sie es wert ist, als eine radikal andere Sprache in ihrer subversiven Kraft ernst nehmen, die Perspektiven, die das eine oder andere Werk noch immer eröffnet, auf ihre Tauglichkeit und ihre Folgen hin prüfen und als Alternative zum Mainstream kommunizieren. 

Wirklich gefragt und gut entlohnt ist das derzeit nicht. Wir Kritikerinnen und Kritiker tun deshalb gut daran, uns auf die veränderten Bedingungen einzustellen. Zugleich aber sollten wir an einem emphatischen und anspruchsvollen Begriff von Kritik festhalten – zumindest als Richtschnur und Korrektiv des eigenen Tuns.

Die Kritik, davon bin ich überzeugt, wird noch gebraucht. Vilém Flussers pragmatischer Begriff der Kritik mag dabei über manchen Selbstzweifel hinweghelfen: „Kritik“, so Flusser, „ist jener Akt, dank welchem ein Phänomen aufgebrochen wird, um zu sehen, was dahintersteckt. Wenn ein Kind einer Puppe den Bauch aufreißt, um hineinzuschauen, so ist das ein Akt der Kritik.“ (6)

Genau hinschauen, wie der Betrieb funktioniert, seine Mechanismen auseinandernehmen, offenlegen, welche Märchen uns aufgetischt werden, nüchtern aufzeigen, worauf Kunst reagiert, wo sie als Form ernst zu nehmen und wo sie nur illustrierter Journalismus ist, weniger den Selbstdeutungen der Künstler vertrauen und vieles mehr – die Aufgaben der Kritik sind keineswegs erledigt. Auch dafür gibt es eine Community. Zu bewähren hat sich die Kritik ohnehin im alltäglichen Getümmel. Und unter den neuen Bedingungen wird sie vielleicht noch mehr zu einer situationsbezogenen subversiven Angelegenheit jenseits des Mainstreams. Reden wir also möglichst klar und deutlich über Kunst und agieren wir so souverän wie es geht.

In der „Flüchtigen Moderne“, wie der Soziologe Zygmunt Bauman unsere Gegenwart nennt (7), mag der digitale Hase an Schnelligkeit nicht zu übertreffen sein. Der listige Igel aber, der in der Ackerfurche auf ihn wartet, obsiegt am Ende vielleicht doch. Was Hegel die „List der Vernunft“ nennt, bedeutet ja gerade nicht, die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu vertrauen, die Vernunft werde schon dafür sorgen, dass die gute Seite gewinnt. Listig vorgehen heißt im Gegenteil, auf die Macht der „Unvernunft“ der derzeit erfolgreichen Akteure zu vertrauen, die sich, sobald man sie sich selbst überlässt, zu straucheln beginnen: „Wenn“, sagt Lacan, „die Vernunft so schlau ist, wie Hegel gesagt hat, wird sie ihr Werk auch ohne euch vollbringen.“ Anzeichen dafür, dass sich die medialen und institutionellen Bedingungen abermals ändern, gibt es zuhauf. Wohin die Reise dann geht, weiß keiner. Doch sogar Propagandisten des Internet der ersten Stunde wie Jaron Lanier glauben inzwischen, dass Soziale Medien die demokratisch verfasste politische Ordnung gefährden. Sich von der Hektik des Hasen anstecken lassen ist also keine Option. Der Igel macht es besser. Er ist immer schon da, wenn die Gegenwartsnarren atemlos angelaufen kommen. Ist das zu optimistisch gedacht? Keine Ahnung. 


Anmerkungen

1 Geschlechtsorgane der Maschinen, Playboy-Interview mit Eric Norden, in: Marshall McLuhan, hrsg.v. Martin Baltes und Rainer Höltschl, Freiburg 2011, S. 11.

 2 a.a.O., S. 8.

3 a.a.O., S. 27.

 4 Douglas Coupland, Marshall McLuhan. Eine Biographie, Stuttgart 2011, S. 25/26.

 5 Ernst Wilhelm Händler, Die Kunst, die Kritik und das Geld, in: Merkur Nr. 796, Sept. 2015, S. 5.

 6 Vilém Flusser, Kommunologie weiter denken, Die Bochumer Vorlesungen, hrsg. v. Silvia Wagnermaier u. Siegfried Zielinski, Frankfurt am Main 2008, S. 35

 7 vgl. Zygmunt Bauman, Leben in der Flüchtigen Moderne, Frankfurt am Main 2007


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