Wie leicht darf Leichte Sprache sein?

Ein Gespräch mit Yvette Wagner

Von Carmela Thiele

16. April 2019

Eine für alle verständliche Sprache sollte auch im Museum Standard sein. Doch hört die Barrierefreiheit meist bei Aufzug und Rampe für Rollstuhlfahrer auf. Dabei wäre für Kunsthallen und Sammlungen aller Art die Entwicklung von Angeboten in Einfacher und Leichter Sprache eine große Chance, in Kontakt mit einem neuen Publikum zu kommen. Yvette Wagner hat viele Jahre als Online-Redakteurin der Tageszeitung „Rheinpfalz“ gearbeitet, heute bietet sie Beratung und Dienstleistungen rund um das Thema Einfache und Leichte Sprache an. Für den Beltz Verlag hat sie inzwischen drei Kinder- und Jugendbücher in Einfache Sprache übertragen, Vereine, Firmen und Behörden gehören zu ihren Kunden. Sie betreut aber auch eine Redaktionsgruppe einer „Werkstatt für behinderte Menschen“. Inklusion ist für sie nicht nur ein Wort, sondern eine zentrale politische Forderung.

***

DebatteMuseum  Was ist an Einfacher Sprache so besonders? Ist Einfache Sprache nicht eine Kernkompetenz der Journalisten?

Yvette Wagner  Wir Journalisten sind uns dessen bewusst. Wir wenden die Regeln der Einfachen Sprache an, das heißt, dass wir keine übermäßig langen Sätze schreiben. Wir drücken uns klar und verständlich aus. Wir erläutern Zusammenhänge, die den Lesern unbekannt sind. Wir achten auf eine gute Struktur des Textes. Das sind alles Dinge, die die Einfache Sprache empfiehlt. Abseits des Journalismus erlebe ich aber immer, dass Verfasser ihre Texte unnötig verkomplizieren. Dahinter steckt der Gedanke, dem Schriftlichen mehr Gewicht einzuräumen. Ich glaube aber, dass dieser Gedanke falsch ist. Damit werden Texte meist abstrakter, und es werden auch weniger Inhalte zum Ausdruck gebracht. Deswegen ist Einfache Sprache das Mittel der Wahl, wenn ich einen Großteil der Bevölkerung unabhängig vom Bildungsstatus ansprechen möchte. Leichte Sprache hingegen wendet sich an eine ganz besondere Zielgruppe, an Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung oder an Schlaganfallpatienten oder auch an Migranten, denn Leichte Sprache kann auch ein erster Schritt in die deutsche Sprache sein.

Migranten, Leichte Sprache und Museum: Wie kommt das zusammen? 

Das Salzburg Museum arbeitet nicht nur seit einiger Zeit mit Leichter Sprache, und im Museum finden auch Deutschkurse statt. Anhand der leicht zu verstehenden Texte lernen die Zugewanderten nicht nur die Sprache, sondern auch die Geschichte der Region kennen. Und zusätzlich bringt man die Leute ins Museum, denn die größte Hürde ist für viele noch immer, diese Wissenstempel überhaupt zu betreten.

Seit wann gibt es die Begriffe „Einfache Sprache“ und „Leichte Sprache“?

Der Trend zur Leichten und Einfachen Sprache hat in Deutschland seit zehn Jahren stetig zugenommen. Einfache Sprache ist nach der Level-One-Studie ins Bewusstsein gerückt. Sie hat 2010 erstmals ermittelt, wie es um die Lesekompetenz der Bevölkerung in Deutschland bestellt ist. Sie hat festgestellt, dass der Anteil der funktionalen Analphabeten deutlich höher liegt als bislang geschätzt. Wir sprechen hier von 7,5 Millionen Menschen, Muttersprachler und auch Zugewanderte. Diese 7,5 Millionen, können einzelne Wörter und Sätze lesend verstehen, aber keine Texte. Darüber hinaus gibt es weitere 13,3 Millionen, die nur fehlerhaft lesen und schreiben können. Durch die Behinderten-Bewegung und die LEO-Studie, wie die Studie des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung in Bonn abgekürzt heißt, ist klar geworden, dass der Bevölkerung aktiv entgegen gekommen werden muss. Die meisten Texte, die veröffentlicht werden, sind auf einem zu hohen Niveau angesiedelt. Da klafft eine Lücke.

Ist die Einfache und Leichte Sprache auch für Museen ein Thema?

Noch nicht wirklich, obwohl der Deutsche Museumsbund das Thema bereits auf die Fahnen geschrieben hat. Sie ist in einzelnen Häusern angekommen, die aber auch erst erste Schritte gehen. Einer der Vorreiter in diesem Bereich ist das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin, das nicht nur auf Leichte Sprache setzt, sondern prinzipiell Inklusion in den Ausstellungen sichtbar macht. Wir sprechen hier von Gebärdensprach-Videos, von Informationen, die in Brailleschrift zur Verfügung gestellt werden oder von taktilen Markierungen auf dem Boden, damit sich blinde Menschen mit dem Blindenstock durch die Ausstellung bewegen können.


Drehbare Trommel mit Texten in Leichter und Einfacher Sprache in der Ausstellung „Europa und das Meer“ im Deutschen Historischen Museum

Gibt es noch andere Museen im deutschsprachigen Bereich, die in diese Richtung arbeiten?

Es sind nur wenige, die sich als inklusives Museum verstehen und Menschen mit unterschiedlichen Handicaps ermöglichen, das Museum eigenständig zu erleben. Dazu zählen neben dem DHM das Historische Museum Frankfurt und das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden. Das Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum hat einen Raum der Sinne geschaffen, der komplett inklusiv gestaltet ist. Daneben haben etliche Museum Führungen in Leichter oder Einfacher Sprache im Programm.

In welcher Abteilung eines Museums sollte die Fachkompetenz für Einfache oder Leichte Sprache angesiedelt sein? Bei der Besucherforschung? Der Kunstvermittlung? Oder bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit?

Das DHM beispielsweise erstellt in der Abteilung Bildung und Vermittlung Texte in Leichter Sprache und andere barrierefreie Angebote. Das bedeutet aber, dass das Thema nachrangig behandelt wird. Idealerweise wird bereits beim Kuratieren dieser Aspekt mitgedacht. Das Salzburg Museum etwa geht diesen Weg, indem sie die Nutzer bereits während der Konzeption einbindet, sie anregt, die Ausstellung selber mitzugestalten. Die Mitarbeiter haben festgestellt, dass die Besucher einen anderen Blick auf die Sache haben als die Kuratoren.

Wer ist eigentlich Ansprechpartner für Leichte Sprache, wenn man sich informieren will? Das Netzwerk für Leichte Sprache?

Das Netzwerk für Leichte Sprache hat die Debatte über Leichte Sprache 2006 ins Rollen gebracht. Das Netzwerk hat bestimmte Regeln erstellt, aber inzwischen beschäftigen sich auch Sprachwissenschaftler zunehmend mit Leichter Sprache und liefern Gegenvorschläge zu den Regeln des Netzwerks. Da wird beispielsweise darüber gestritten, ob Wortbestandteile besser getrennt werden durch einen Bindestrich – wie vom Netzwerk empfohlen – oder durch einen Mediopunkt, sprich Mittelpunkt – wie von Sprachwissenschaftlern vorgeschlagen.  Da konkurrieren die Positionen. Leichte Sprache ist inzwischen im Behindertengleichstellungsgesetz verankert. Da die Forderung nach Leichter Sprache aus der Behindertenbewegung kommt, ist sie hauptsächlich im politischen Bereich zu finden. Auch Informationen von Behörden werden zunehmend in Leichter Sprache zur Verfügung gestellt. Im Museumsbereich dagegen gibt es keine Pflicht zur Leichten Sprache, sie ist eine freiwillige Leistung. Aber ich finde es dennoch wichtig, dass die Museen diesen Trend ernst nehmen, denn sie haben einen Bildungsauftrag, und der gilt auch gegenüber den vielen Menschen, die Schwierigkeiten mit komplexen Texten haben.

Im Prinzip ist das den Verantwortlichen der Museen wahrscheinlich bewusst, denn sie wollen ja neue Besuchergruppen erreichen. Vielleicht wird das Thema momentan aufgeschoben, weil den Kuratoren nicht merken, wie komplex die wissenschaftliche Sprache ist?

Genau, das ist es. Museumstexte bewegen sich meist auf einem sehr hohen Komplexitätsniveau. Ich habe einmal Raumtexte in einer Kinderausstellung mit einem Sprachtool durchgemessen. Damit kann man auf einfache Weise die Sprachkomplexität eines Textes ermitteln. Wie lang sind die Sätze? Wie viele Substantive hat er, wie viele Kommas? Die Texte, die für Kinder gedacht waren, haben sich in der formalen Struktur auf dem Niveau einer Doktorarbeit befunden.

Gerade in Kunst und Wissenschaft gibt es aber auch komplexe Dinge, die verfälscht werden, wenn sie zu einfach dargestellt werden. Sollte man versuchen, wirklich alles in Einfache oder Leichte Sprache zu übertragen?

Ich finde, dass das Angebot zugeschnitten sein sollte auf bestimmte Zielgruppen. Eine Ausstellung muss natürlich auch Fachleute und Kenner ansprechen. Sie sollte aber genauso für Laien gemacht sein, die sich für das Thema interessieren. Die haben in der Regel kein Vorwissen. Ich kann doch die Ausstellung so anlegen, dass ich spezielle Bereiche für unterschiedliche Zielgruppen schaffe. Das kann zum Beispiel eine Taststation für blinde Menschen sein, für die beispielsweise eine Skulptur nachbildet werden kann. Davon profitieren übrigens auch andere. Es ist doch toll, wenn man im Museum mal was anfassen darf. Auch spezielle Angebote für sogenannte geistig behinderte Menschen in der Ausstellung sind möglich, um ihnen Einblicke in das Thema zu verschaffen. Und idealerweise gestaltet man natürlich dieses Angebot mit den Zielgruppen selber.


Raum mit Menschen
Station für unterschiedliche Sprachangebote wie ein Gebärdensprach-Video in der Ausstellung „Europa und das Meer“ im Deutschen Historischen Museum

Gerade in Kunstausstellungen bedienen sich die Raumtexte meist einer abstrakten Sprache voller Fachbegriffe. Warum ist es so schwierig, Basisinformationen einfach zu formulieren?

Ich glaube, dass sich viele Kuratoren mit ihrer Arbeit an ein Fachpublikum richten, selbst wenn sie sich gleichzeitig um Klarheit bemühen. Bei Texten für Leichte Sprache ist es in der Regel so, dass diese von Vertretern der Zielgruppe gegengelesen, also geprüft werden. Wünschenswert wäre es, wenn man das mit allen Texten machen würde, sie von potentiellen Besuchern der Zielgruppe prüfen lässt.

Das ist vielen vielleicht unangenehm?

Je höher der Bildungsgrad, desto schwieriger ist es, den Leuten zu vermitteln, wie schwierig und komplex ihre Texte sind.

Gibt es Grenzen der Vermittlung? Welche Erfahrungen hast Du in der „Werkstatt für behinderte Menschen“ gemacht?

Das ist ein schwieriges Feld, weil die Lesefähigkeit in der Gruppe von Menschen mit eingeschränkter Lernfähigkeit ungeheuer heterogen ist. Meine Redaktionsgruppe besteht aus vergleichsweise fitten Lesern, die teilweise auch standardsprachliche Texte lesen. Wir treffen uns alle 14 Tage und erarbeiten Themen für die Werkstattzeitung. Wir stellen Projekte der Werkstatt vor, berichten über Ereignisse, sammeln Witze, stellen Sportangebote vor und machen Rezeptvorschläge. Andere Beschäftigte der Werkstatt dagegen lesen nur sehr langsam und arbeiten sich von Buchstabe zu Buchstabe.

Gibt es also Grenzen der Vermittlung?

Es gibt Debatten, da wird gefragt, wie leicht darf Leichte Sprache eigentlich sein? Ist sie nicht prinzipiell zu leicht? Sollte sie sich nicht ein bisschen in Richtung Einfache Sprache bewegen? Dann erreiche ich aber nicht die, die nur sehr schlecht lesen können. Wenn ich aber dem Inklusionsgedanken folge, muss beim niedrigsten Level ansetzen.

Dann besteht wiederum die Gefahr, dass andere sich langweilen.

Das ist in der Tat ein Spagat, den wir leisten müssen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als jeweils den richtigen Weg zu finden. Lesen die Leute, für die die Texte gemacht sind, sie überhaupt? Für Museen wäre beispielsweise denkbar, einen Audioguide für diese Zielgruppen anzubieten. Denn der Lesevorgang ist viel komplexer als das hörende Verstehen. Auch Gehörlose sind in der Schriftsprache nicht so gefestigt, so dass Gebärdensprache-Videos unerlässlich sind, oder zumindest Texte in Leichter Sprache.

Die Produktion eines Audioguide ist für das Museum eine zusätzliche Aufgabe, für das Personal da sein muss. Lohnt sich der Aufwand?

Es taucht immer wieder die Frage auf, ob es sich überhaupt lohnt, Texte für Einzelne in Leichte Sprache zu übertragen. Aber da greift für mich der demokratische Gedanke. Diese Menschen gehören zu unserer Gesellschaft, und deshalb sollte es selbstverständlich sein, dass ein Angebot für sie bereitsteht. Das fordert auch die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit zehn Jahren in Kraft ist.

Es geht also um so eine Art Minderheitenschutz?

Für mich ist Inklusion ein grundlegender Gedanken der Demokratie. Außerdem zeigt die Erfahrung der Museen, dass solche Angebote nicht nur von Minderheiten angenommen werden, sondern auch von vielen anderen Besuchern. Vor Jahren hat man begonnen, Rampen für Rollstuhlfahrer zu bauen. Heute benutzen diese auch Rollator-Fahrer, Familien mit Kinderwagen oder einfach Besucher, die keine Lust haben, die Treppe zu nehmen.

Also könnte die Beschäftigung mit Einfacher und Leichter Sprache auch eine Brücke sein, um sich prinzipiell um eine für alle verständliche Sprache zu bemühen?

Ja, man muss die Fachsprachlichkeit verlassen und vom Nutzer her denken. Der Unterschied zwischen Menschen mit eingeschränkter Lesekompetenz und normal guten Lesern, von kognitiv Beeinträchtigten zu nicht kognitiv Beeinträchtigten, ist manchmal gar nicht so groß. Die Ansprache muss zwar etwas anders sein, aber grundsätzlich finden die Leute meist dieselben Sachen spannend.

Die Museen müssen also zuerst feststellen, welche Zielgruppen sie eigentlich mit ihren Inhalten erreichen können und wollen?

Ja, sicher. Aber man muss sich auch auf das Thema einlassen. Der allgemeine Tenor ist: Leichte Sprache ist gut für alle. Aber das stimmt nicht. Für viele ist Leichte Sprache viel zu leicht. Leichte Sprache sollte immer ein Zusatzangebot sein wie Blindenschrift oder Gebärdentext-Videos. Die Museen sind noch im Findungsprozess begriffen. Das Salzburg Museum etwa, das mit Leichter Sprache begonnen hat, bietet jetzt Texte in einfacher Sprache an und schaut, wie die Besucher reagieren.

Es ist also Experimentiergeist gefragt?

Ja, es ist ungeheuer wichtig, sich um Inklusion zu bemühen. Wir wollen ja in einer inklusiven Welt leben. Und da muss auch die Museumstür offen stehen.

RiffReporter unterstützen
DebatteMuseum