Warum Worte ausstellen?

Literaturmuseen expandieren und erkunden neue Wege

Von Carmela Thiele

© Alke Wendlandt / Literaturhaus München Die Abbildung zeigt einen Raum mit übereinander getürmten Monitoren vor einem Ausblick auf Palmen unter blauem Himmel.

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20. Juli 2020

Im Windschatten der Debatten um die Bedeutung der Digitalisierung, die durch die Pandemie nur noch dringlicher erscheint, gedeiht eine neue Museums- und Ausstellungssparte, die seit einigen Jahren spannende eigene Ansätze entwickelt hat. Neu konzipierte Literaturmuseen wie die Grimm-Welt in Kassel, das Kleisthaus in Frankfurt/Oder oder das Museum für moderne Literatur (LiMo) in Marbach bei Stuttgart zeigen erfrischende Alternativen zum „Literarischen Quartett“, einst die populärste TV-Sendung zur Literatur.

Traditionell als Archive, Gedenkstätten oder Literaturhäuser fungierende Institutionen setzen seit den Neunzigerjahren vermehrt auf Visualisierung einer Kunst, von der Marcel Reich-Ranicki einst sagte, sie sei nicht auszustellbar. Literatur sei an das Buch gebunden, so der mächtige Literaturkritiker, Biografie und Kontext allenfalls Beiwerk. Gegen diese These spricht der Expansionskurs führender Literatur-Einrichtungen wie etwa des Deutschen Literaturarchivs in Marbach mit dem LiMo, des Goethe-Museums in Frankfurt am Main mit dem Romantikermuseum und des Buddenbrookhauses mit den Familie-Mann-Archiven in Lübeck, das in den kommenden drei Jahren um ein Haus erweitert wird.

Wie geht das überhaupt, Gedichte, Romane und Erzählungen, einen schriftstellerischen oder poetischen Ansatz ausstellen? Hat Reich-Ranicki nicht vielleicht doch Recht? Was sollen wir anfangen mit angestaubten Büchern und vom Zerfall bedrohten, mit heute unleserlicher Schönschrift bedeckten Papierfetzen in Vitrinen? Welche neuen Wege eröffnen sich durch Szenografie, Digitalisierung oder aktuelle Fragestellungen, wie sie auch in anderen Museen Thema sind?

Das Foto zeigt eine würfelförmige Vitrine, die durch Seilzüge durch eine schwarze Box verdunkelt werden kann, um die empfindlichen Ausstellungsstücke zu schützen. Eine junge Frau erklärt Gleichaltrigen das Prinzip der Ausstellung.
Das Studierenden-Projekt "Unboxing Goethe" verband digitale Alltagskultur mit traditioneller Literaturgeschichte.

„Wenn Literatur verfilmt werden kann, ist auch die Übersetzung in andere Medien möglich, sagt Anne Bohnenkamp, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und der Frankfurter Goethe-Museen, mit Blick auf das im Aufbau befindliche Deutsche Romantik-Museum, das im Herbst 2021 eröffnet werden soll. Einzelheiten zu dessen Konzeption gibt sie im Gespräch nicht preis. In einem online gestellten Video erwähnt sie jedoch, dass bereits die Romantiker die Gattungsgrenzen überwinden wollten und sie damit moderne und aktuelle Entwicklungen in der Kultur vorweggenommen hätten.

Ein Beispiel: Vor einem Jahr erwarb das Freie Deutsche Hochstift die „Faust-Skizzen“, eine Partitur von Robert Schumann, die von dessen Wertschätzung des Werks Goethe zeugt. Die kam nicht von ungefähr. Als junger Mann hatte der Sohn eines Buchhändlers zunächst ein Dichterleben in Betracht gezogen. Später, als etablierter Komponist, wollte Schumann Poesie und Musik zu einer absoluten Poesie vereinen. Das im 19. Jahrhundert gegründete freie Forschungsinstitut Freies Deutsches Hochstift verfügt über 30 000 archivierte Objekte zur Goethezeit und zur Romantik und gehört damit zu den bedeutendsten Literaturarchiven Deutschlands.

Internationale Forschung als Grundlage

Aber auch das Freie Deutsche Hochstift sucht seit über zehn Jahren nach neuen Wegen der Vermittlung. Es initiierte 2008 bis 2010 ein Fachgespräch mit internationalen Kollegen aus Bern, Dublin, Paris und Berlin zur Frage „Wie stellt man Literatur aus?“ In einem zweiten Teil wurden sieben KuratorInnen und GestalterInnen eingeladen am Beispiel des Goethe-Romans „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zeitgemäße Ideen einzubringen, die dann zur Diskussion gestellt und zusammen mit dem internationalen Expertenaustausch mit einer noch lieferbaren Publikation abgeschlossen wurden.

Die Ansätze seien sehr divers gewesen, sagt Anne Bohnenkamp. Ein Beitrag habe analytisch verschiedene Buchausgaben befragt, von der Erstausgabe über Prachtbände bis zum Reclam-Bändchen. Ein anderer Vorschlag habe das Personal des Bildungsromans in Trash- oder Comicfiguren mit Sprechblasen übersetzt und auf diese Weise die Geschichte des vom Theater faszinierten Kaufmannssohns erzählt. Kongenial sei die Umsetzung einer Szene gewesen, die den Eiertanz der Mignon in eine begehbare Installation verwandelt hätte, erinnert sich Anne Bohnenkamp. Der Text sei auf einen Teppich gedruckt worden, den die Besucher ablaufen konnten, wobei die Satzzeichen als blinkende Kugeln erschienen. Um sie zu umgehen, vollführten die Besucher sinnbildlich einen Eiertanz auf dem Eiertanz.

Das Freie Deutsche Hochstift legte sich in der Folge nicht auf eine gestalterische Handschrift fest, sondern experimentierte moderat weiter, wohl nicht zuletzt, um nicht das Stammpublikum abzuschrecken. Im Goethe-Museum erzählen ganz traditionell Gemälde und Objekte vom Leben und Wirken des bedeutenden Dichters Johann Wolfgang Goethe und seinem Kreis. Anne Bohnenkamp gleichwohl weiterhin innovativen Projekten Raum, etwa 2015 mit „Unboxing Goethe“, einer Studierenden-Ausstellung, die Handschriften des Goethes zeigte, die zuvor im Rahmen eines Seminars erforscht wurden. Die Ausstellung zeigte aber nicht nur die wertvollen Autographen, sondern dokumentierte auch die Recherchen und Gedanken der Studierenden und griff ein Design auf, das an das YouTube-Videos des Unboxing anknüpfte, des Auspackens von online bestellten Waren.

Das Foto zeigt verschränkte Darstellungsebenen von Literatur. In einer Front hängen Blätter mit Gedichten Hölderlins in einer chronologischen Reihe, Sie werden begleitet von Info-Texten zu seiner Biografie und Audio-Aufnahmen der Gedichte, gelesen von Hans Zischler.
Die Ausstellung "Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie" im Literaturmuseum der Moderne Marbach vermittelt Literatur über die Sinne, über die Inhalte und die Materialien.
Chris Korner / LiMo Marbach

Einen entschieden von der modernen Kunst inspirierten Ansatz hingegen verfolgt Heike Gfrereis. Die langjährige Direktorin des Literaturmuseum der Moderne (LiMo) in Marbach gilt deutschlandweit als eine der profiliertesten Kuratorinnen im Bereich der Literatur. Sie entwickelte mit dem Gestalter Diethard Keppler den eben erwähnten Textteppich zur Eiertanz-Szene im „Wilhelm Meister“ und konzipierte unter anderem die Wanderausstellung „Ins Blaue!“ zum Thema Literatur und Natur, die im Literaturhaus München und im Lübecker Buddenbrookhaus zu sehen war.

In ihrer aktuellen großen Marbacher Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ hat sie ihren gestalterischen Ansatz in Zusammenarbeit mit dem DLA-Team noch weiter ausdifferenziert. Zu Beginn des Rundgangs wird ein Hölderlingedicht in seine Bestandteile zerlegt, in Vokale, Konsonanten und Satzzeichen, so dass der Klang und der Rhythmus des Gedichts sichtbar und fühlbar werden. Es gäbe kaum „gesuchte Worte“ im Werk Friedrich Hölderlins. „Er arbeitet mit ganz klaren Grundelementen wie Mensch, Kind, Vater, Gott, Natur, Herz, Seele, Auge“, sagt Heike Gfrereis, „es gibt also bestimmte Wahrnehmungsinstanzen und Weltverhältnisse, die andeuten, dass in dem Ich, das die Gedichte schreibt, etwas entsteht. „Das ist etwas, was ich den Besuchern als allererstes vermitteln wollte.“

Für die Literaturwissenschaftlerin, die auch Kunstgeschichte studiert hat, gehört die  Raumgestaltung zentral zur Ausstellungskonzeption. Vorbilder fand sie in der zeitgenössischen Kunst. „Ich finde es beispielsweise faszinierend, was Minimal Art kann, weil die einfach den Raum absteckt, einfach durch einen Block, der da steht und damit den Raum anders definiert“, sagt Heike Gfrereis. Aber natürlich dürfe eine Literaturausstellung nicht zur Installation werden. Das passiere sehr schnell. Sie findet auch immersive Räume spannend, die von den Besuchern weiterentwickelt werden können. Aber das sei meist sehr kostspielig. Deshalb hätten sie in Marbach mit Overhead-Projektoren experimentiert, die auch immersiv wirken könnten. „Das haben wir uns aus Kunstausstellungen abgeschaut.“

Mit türkisfarbenen Handschuhen gegen Corona

Solche Strategien sind Bestandteile einer Schichtung von unterschiedlichen Ansätzen, die der Besucher der Marbacher Ausstellung als solche gar nicht einzeln wahrnimmt. Es soll so etwas wie ein Schwimmen im jeweils eigenen Gedanken- und Erlebnisstrom ermöglicht werden. In der Hölderlin-Ausstellung schaut man in Augenhöhe auf in den Raum gehängte Blätter mit handgeschriebenen Gedichten. Parallel dazu gibt es biografische Informationen und über Lautsprecher regnet die Stimme von Hans Zischler herab, der eben jene in feinen Bögen niedergeschriebenen Gedichte vorliest, die man gerade betrachtet. Auch wenn auf Grund der Corona-Auflagen nicht alle Ausstellungsstationen wie geplant genutzt werden können, funktioniert die Konzeption. Die BesucherInnen müssen türkisfarbenen Gummihandschuhe überstreifen, denn anfassen ist an vielen Stellen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Um die Hölderlin-Rezeption zu dokumentieren wurden für das Projekt auch Exponate der Dichter-Nachlässe aus dem 20. Jahrhunderts des Deutschen Literaturarchivs Marbach eingewoben. Man sehe alle Arten von Aneignung, einer sehr freien bis zu einer ideologischen“, erklärt die Wissenschaftlerin Gfrereis. Gerade im Dritten Reich sei Hölderlin, bei dem das Wort Vaterland oft vorkomme, zu so etwas wie einem Vaterlandssänger geworden. Das habe schon im Ersten Weltkrieg begonnen, im George-Kreis, bei Norbert von Hellingrath etwa. Paul Celan lese Hölderlin hingegen vor dem Hintergrund des Holocaust und versuche zweierlei: Sich seine dessen Poetik anzueignen, aber auch die NS-Indienstnahme zu überschreiben.

Das Foto zeigt alte Radioapparate vor einer gründerzeitlichen Zimmereinrichtungen. In den Fensterrahmen sind Schwarzweißaufnahmen aus dem zerstörten Berlin eingeklinkt.
Das Literaturhaus München versetzt die Besucher ihrer Thomas-Mann-Ausstellung in das Arbeitszimmer des Dichters.Selbst im US-Exil brauchte der Schriftsteller seine gewohnten Gründerzeitmöbel. Der Blick aus dem Fenster geht auf zerstörte Gebäude in Berlin und stehen für den Krieg in Europa.
Catherina Hess / Literaturhaus München

Innovative Wege geht das Marbacher Team auch im Bereich der Rezeptionsforschung, die in die Ausstellung integriert ist. An mehreren Stationen können Besucherinnen im Selbstversuch etwa per Eye Tracking erkunden, was mit den Augen passiert, wenn sie Hölderlin laut lesen. „Es ist eine Chance für das Medium Literaturausstellung, nicht nur Forschungserkenntnisse übersetzt in den Raum zu bringen“, sagt die LiMo-Direktorin, „sondern Forschung in der Ausstellung stattfinden zu lassen, die dem Besucher darüber hinaus einen neuen Zugang zur Literatur eröffnen kann.“

Wie würde ich handeln?

Während Heike Gfrereis die BesucherInnen in ästhetische Prozesse und formale Fragen des Schreibens verwickeln will, setzt Tanja Graf vom Literaturhaus München auf Themenausstellungen in Form vielstimmig inszenierter Räume, die sie gemeinsam mit einem darauf spezialisierten Gestalterbüro erarbeitet. Viel mediale Aufmerksamkeit zog nach der Eröffnung ihre aktuelle Thomas Mann-Ausstellung „DemocracyWillWin“ auf sich, die den Romancier mit Hilfe einer suggestiven Raumgestaltung, mittels Fotografien, Filmen und Hörstationen als Mahner demokratischer Werte vorführt. Dabei werde jedoch nicht unterschlagen, dass der Nobelpreisträger einst ein national eingestellter Konservativer gewesen sei, betont Tanja Graf. Er habe seine Ansichten dann geändert und auf Druck seiner Kinder, Klaus und Erika Mann, im amerikanischen Exil seine Popularität dazu genutzt, um für die Demokratie und gegen den Nationalsozialismus zu einzutreten.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Thomas Mann House, Pacific Palisades, in Kalifornien, wo der Schriftsteller in den Vierzigerjahren während des Exils in den USA mit seiner Familie lebte und arbeitete. „Für mich ist der Bezug zu aktuellen Debatten zentral“, sagt Tanja Graf, die seit vier Jahren das Münchener Literaturhaus leitet. Die Rede des Bundespräsidenten anlässlich der Eröffnung des im Besitz des Auswärtigen Amtes befindlichen Hauses 2016 habe sie zu der Ausstellungsidee angeregt. Frank-Walter Steinmeier habe damals mit Blick auf Thomas Mann gemahnt, dass um Demokratie immer wieder neu gerungen werden müsse. Die BBC-Sendungen, in denen sich der Schriftsteller in deutscher Sprache gegen den Nationalsozialismus wandte, waren in jenem Haus in Pacific Palisades aufgenommen worden, dessen modernistische Architektur der Münchner Ausstellungsinszenierung den Rahmen gibt.

Neben dem historischen Teil liefert die Münchener Ausstellung auch aktuelle politische Videobeiträge von Greta Thunberg, Saša Stanišić, Donald Trump, Barack Obama, Igor Levit und Edward Snowden. Der Brückenschlag zur Gegenwart ist unmissverständlich in die Zeitreise in die vierziger Jahre eingebaut. „Die Besucher sollen sich fragen, wie würde ich handeln“, sagt Tanja Graf. Sie will unterschiedliche Haltungen vorstellen und achtet auf Diversität. Die Ausstellung werde sehr gut angenommen, sagt sie. Die BesucherInnen würden bis zu zweieinhalb Stunden in den Räumen verweilen.

Das Foto zeigt eine junge Frau vor einer Vitrine, in der Bücher und Schriftstücke liegen. Sie hält sich einen Audioguide-Recorder ans Ohr.
Die Dauerausstellung im Karlsruher Museum für Literatur am Oberrhein informiert über Schriftsteller der Region. Für den historischen Rundgang wurde ein Audioguide produziert.
MLO Karlsruhe

Obwohl das 1996 am Salvatorplatz eröffnete Literaturhaus München über kein Archiv, keine Sammlung verfügt, hat die Institution dank guter Lage und großzügiger Räumlichkeiten erfolgreich ein Medium etabliert, um Aufmerksamkeit für ihr Veranstaltungsprogramm zu schaffen. Überall gebe es jetzt Literaturausstellungen, sagt Tanja Graf, natürlich auch im Münchner Literaturarchiv, der Monacensia im Hildebrandhaus. Dort würde gerade eine Schau zu Erika Mann laufen, das Archiv bewahre den Nachlass der Kabarettistin, Kriegsreporterin und Politischen Rednerin.

Poetry Slam und digitale Formate

Neben Wechselausstellungen bieten manche Institutionen auch Dauerausstellungen an, meist einen Überblick über die regionale Literaturgeschichte, wie etwa das zwischen Münster und Paderborn gelegene Kulturgut Nottbeck, das 2013 als Literaturmuseum des Jahres ausgezeichnet worden ist. Der als Zeitreise konzipierte Rundgang zur westfälischen Literaturgeschichte ist abwechslungsreich gestaltet und mit Hörstationen durchsetzt. Neue Tendenzen wie Poetry Slam und digitale Formate wurden einbezogen.

Auch das Museum für Literatur am Oberrhein in Karlsruhe zeigt ähnlich wie Nottbeck Literaturgeschichte mit Ortsbezug. Im Zentrum der Arbeit stehen aber die Förderung der regionalen und überregionalen zeitgenössischen Literatur durch Live-Formate wie Lesungen, Vorträge, Hörfunk-Kooperationen, Workshops mit Schulen und Preisvergaben. Zum Thema Literaturausstellung stellt Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Leiter des Museums und der Literarische Gesellschaft Karlsruhe, fest: „Jede Dauerausstellung hat eine Halbwertzeit von fünf Jahren.“

Wie es weitergeht nach Corona mit dem traditionsreichen, aber unterfinanzierten Literaturmuseum, ist ungewiss. Durch den Lockdown hätten auch sie verschärft über die Relevanz ihrer Arbeit nachgedacht, sagt Schmid-Bergmann. Wie viele andere haben auch sie Videoformate geschaffen. Doch ging es in Karlsruhe weniger um die die Bewerbung der eigenen Institution als um die Förderung junger AutorInnen. Perspektivisch hofft der Museumdirektor auf ein verbessertes Ambiente der zuletzt 1998 renovierten Räumlichkeiten durch die von der Politik zugesagte Grundsanierung des obersten Stockwerks des denkmalgeschützten Prinz-Max-Palais, inklusive Bau einer Dachterrasse. Dann müsse sich allerdings auch die Infrastruktur ändern und Stellen für Vermittlung und den Ausstellungsbereich geschaffen werden. Er und sein Team stehen für ein offenes Haus, das Teil der Stadtgesellschaft ist, am besten mit Literaturbüro als Beratungsstelle für Autoren.

Die Malerin, die schreibt

Das klingt nach Aufbruch und Freunde an Neuem. Schmidt-Bergmann kann aber auch seine pädagogische Ader auch nicht ganz unberücksichtigt lassen. „Ich will auch Werte vermitteln, fragen, wo wir überhaupt leben, in welcher Region wir zuhause sind“, sagt der Germanistik-Professor. Es würde derzeit in den Kulturinstitutionen ein Generationswechsel stattfinden, genauso wie in den Medien. Das sei gut so, aber es gehe auch viel Wissen verloren.

Die Frage, ob Literatur ausstellbar ist, beantwortet der erfahrene Literaturvermittler am Ende nicht. Er ist es, der im Gespräch Marcel Reich-Ranickis Diktum von der Unausstellbarkeit der Literatur erwähnt. Wenn er den Platz und die entsprechenden Mittel hätte, würde das Ausstellungsprofil seines Hauses in jedem Fall ein anderer sein als der in Marburg, Frankfurt am Main oder München. Wie das aussehen könnte, verrät vielleicht ein Blick zurück: 2016 war im Karlsruher Literaturmuseum eine Werkschau von der in Karlsruhe lebenden Suhrkamp-Autorin Lisa Kränzler zu sehen, einer Malerin, die eine Schreibmaschine im Atelier stehen hat und sich selbst definiert als „Malerin, die schreibt“.

So ließe sich abschließend sagen, dass die Zukunft gattungsübergreifenden Konzepten gehört. Wie diese jedoch aussehen werden, ist gebunden an das Profil des jeweiligen Literaturinstituts. Während Karlsruhe auf Kooperationen und regionalen Bezug setzt, tendiert das Literaturhaus München – wenn auch ambitioniert - in Richtung Blockbuster. In dem von bürgerlichen Engagement getragenen Frankfurter Archiv und dem mit staatlichen Mitteln subventionierten Marbach hingegen wird weiterhin geforscht, inhaltlich, konzeptionell und ausstellungstechnisch. Was aber nicht heißen soll, dass kleinere Gedenkstätten wie etwa das Hermann-Hesse-Museum auf der Höri in Gaienhofen komplett vom Zeitgeist abgekoppelt sind. Dort erneuerte die Gemeinde 2013 die Ausstellung mit einer Konzeption, die im Rahmen eines Masterstudiengangs mit Studierenden der HTWG Konstanz entstand.

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