Spielt der Flugfisch, jagt der Hai

Rudyard Kipling: Ein Fall für die Zensur oder einfach Teil der Kulturgeschichte?

Von Carmela Thiele

© Can Stock Photo / olegd

Auf meinem Nachttisch liegt ein Buch, ein altes, eines, das einfach bereit liegt für ein paar angenehme Momente. Es ist eine Gedicht-Anthologie von Hanser, die ich 1982 erworben habe. Das Buch hat zahllose Umzüge überdauert und ist nicht aussortiert worden, weil es den Titel „Lyrik der Welt“ trägt, also etwas Kanonisches ausstrahlte. Gestern Abend jedoch empfand ich den Titel „Lyrik der Welt“ als anmaßend und rührend zugleich. Die Welt, ja, was bezeichnen wir als Welt? Doch immer die uns zugängliche. In diesem Fall war es das „Abendland“, dem im zweiten Band der „Osten“ gegenübergestellt wurde. Wie immer schlug ich es an beliebiger Stelle auf und landete bei Rudyard Kipling, dessen Name mich vage an das „Dschungelbuch“ erinnerte. Das Gedicht war ins Deutsche übersetzt, und ist, wie ich finde, nicht schlecht: „spielt der Flugfisch, jagt der Hai“ – schon mal ein toller Refrain.

Heute würde so eine Anthologie im Idealfall zweisprachig erscheinen. Fragt sich, ob dann das Anliegen der damaligen Herausgeber noch gewahrt würde. Das „Stoffmassiv“ sollte ihrer Ansicht nach nicht zerstückelt und in „nationale Parzellen aufgeteilt werden“, „sondern in grandioser Gleichzeitigkeit vor uns erstehen“. Also: trotz allem und gerade deshalb. „Der strapazierte Begriff des Abendlands gewinnt dank der subtilen herausgeberischen Regie einen unmittelbaren Erlebniswert jenseits der Phrasen und Schlagworte“, heißt es im Klappentext.

Den hatte ich natürlich nie gelesen, schon gar nicht als junger Mensch, mir war auch egal, dass die erste Ausgabe 1963 erschienen ist. Bin ich jetzt Zeitgenossin dieser Form der Lyrik-Präsentation? Einmal abgesehen davon, dass dies ein komischer Gedanke ist, lässt sich rückblickend feststellen, dass es vor 55 Jahren offenbar ein Bedürfnis gab, die Lyrik in einem – vom Schmutz des Realen – nicht antastbaren, grenzenlosen Geistigen zu verorten, einem übernationalen Terrain. Das sollte gelten für Verse von Homer bis Ovid, von Hildegard von Bingen bis William Blake, von Novalis bis Emily Dickinson, von Thomas Hardy bis zu Bertolt Brecht. Die Lyrik der Welt: Dürfen wir die heute überhaupt noch für uns reklamieren als eine Art geistige Diaspora? Oder haben doch zu viele der Autoren und Autorinnen in Sachen Gender oder Kolonialismus versagt?

Mein Finger war also bei Kipling gelandet. „Wo der alte Moulmeintempel ostwärts blickt ins Meer hinein/Sitzt ein braunes Burmamädchen, und ich weiß, sie denkt jetzt mein …“ Der 24-jährige Kipling – oder der Soldat, von dem er erzählt – liebt offenbar die Frauen und besonders die in Burma. „Und sie trug ein gelbes Röckchen, und ihr Häubchen, das war grün.“ Ja, lieber Herr Nobelpreisträger, das geht jetzt heute nicht mehr, Bewunderung der Frauen, nur weil sie schön sind. Das Gedicht ist ganz wunderbar, auch wenn der Autor später als imperialistischer Kolonialist bezeichnet wurde.

Kipling wurde vorgeworfen, er habe in seinem Gedicht „The White Man’s Burden“ , es als Bürde des weißen Mannes bezeichnet, Fortschritt, Bildung und Kultur in die Kolonien und den Rest der unzivilisierten Welt zu bringen. Sein Übersetzer Gisbert Haefs aber hat in einem grandiosen Plädoyer in der Weltwoche gezeigt, dass diese – auch von Mark Twain und Hannah Arendt geäußerte – Kritik an Kipling auf mehreren Missverständnissen beruht. „White Man“, geschrieben mit großem W würde im Englischen für anständiger, vorbildlicher, positiver Mensch stehen, Kipling habe zudem den Burenkrieg und die Kolonialverwaltungen kritisiert, sein zynischer Stil sei nur von wenigen verstanden worden.

Dschungelbuch - ein kolonialistischer Entwicklungsroman?

Autsch, Mowglis Geschichte sei ein kolonialistischer Entwicklungsroman, steht dennoch auf Wikipedia unter „Dschungelbuch“. Hätte Walt Disney das geahnt! Wir erfahren aber auch, das Kipling in Bombay (Mumbai) geboren wurde und als Fünfjähriger mit seiner Schwester nach England verfrachtet und für sieben Jahre in einer bezahlten Pflegefamilie untergebracht wurde, also ein empire orphan war, deren Schicksal Jane Gardam 2004 ganz wunderbar mit ihrer Old-Filth-Trilogie ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Der Schriftsteller Kipling, der – laut Wikipedia – zunächst Englisch als Fremdsprache empfand, wurde also ohne Rücksicht auf die Kinderseele zum Briten gemacht, obwohl seine wahre Heimat Indien war. Diese in-betweenness teilte er mit vielen anderen. Allerdings wurde er zu einem populären Schriftsteller, den sein Kollege James Joyce in eine Reihe mit Tolstoi stellte. Sein Roman „Kim“, der die Geschichte eines irischen Waisenkindes in Lahore erzählt, das als einheimischer Junge behandelt wurde, soll zu den Lieblingsbüchern Jawaharlal Nehrus gehört haben, des ersten Ministerpräsidenten Indiens.

„Wenn ihr Arm auf meiner Schulter, ihre Wang an meiner lag/Sahn wir oft den fernen Dampfern, sahn den Elefanten nach (…) Pst! Nicht sprechen, ‚s ist so ruhig, atmend liegt die Stille wach./Dort am Weg nach Mandalay/Spielt der Flugfisch, jagt der Hai. (…) Schickt mich ostwärts, über Suez, wo wir alle gleich an Wert/Wo nicht zehn Gebote walten, wo den Mann nicht Sehnsucht zehrt.“ Stopp! – Exotismus? Frauen als verfügbare Sexualobjekte? Glücklicherweise ist es dann doch nicht so einfach mit der Zensur eines Gedichts. Vielleicht schwebte Kipling ja sogar so etwas wie eine Vorform von Gleichberechtigung vor, aber dazu sagt Wikipedia nichts. Barbara Vinken (Süddeutsche Zeitung, 24.1.2018, S. 11) würde dem Autor immerhin die Fähigkeit zu Leidenschaft und Begehren zugestehen. Und da würde ich mich dann auch – im Zweifel für den Angeklagten – gerne anschließen.

Wer hätte das gedacht? Die seit Jahrzehnten mich begleitende, keinesfalls große Aufmerksamkeit einfordernde, im Sale erstandende „Lyrik der Welt“ entpuppt sich als Fundgrube zur Ausweitung der Denkzone. Sie darf weiter liegen bleiben auf dem Nachttisch. Die Anthologie ist zwar nun nicht mehr kanonisch, dafür aber historisch, historisch aufschlussreich und auch weiterhin ein „Stoffmassiv“, das, wie ich finde, noch ziemlich gute Dienste leistet.

Fragt sich, was dieser Text auf DebatteMuseum zu suchen hat. Der Fall Kipling verdeutlicht, dass große Literatur wie große Kunst im Laufe der Jahre nicht kleiner wird, nur weil sich die moralischen Vorstellungen geändert haben. Er zeigt auch, dass man sehr genau hinsehen muss, wenn man einen Autor oder einen Künstler vom heutigen Standpunkt aufgrund seiner politischen Haltung verurteilt. Zensur hatten wir schon mal. Von diesem Kahlschlag hat sich Deutschland bis heute nicht erholt.

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