Mein Afrika? Welches Afrika?

Drei Autorinnen erzählen von Dekolonisation

Von Carmela Thiele

Ein Beitrag aus dem Riffreporterprojekt "Debattemuseum"

17. April 2020

Zu Beginn der Corona-Krise sendete Deutschlandradio Kultur unter dem Titel „Entkolonisiert Euch!“ ein Gespräch, das eine andere Wendung nahm als geplant. Auch wenn die Ungleichheit zwischen dem Norden und dem Süden noch krasser zutage tritt, zeichnet sich angesichts der Pandemie eine Ethik des Zusammenlebens ab, so der hoffnungsvolle Tenor der Debatte. Die Aktivistin Katharina Oguntoye sagte, sie nehme in Deutschland erstmals ein allgemeines Interesse war, sich mit dem Thema Rassismus zu beschäftigen. Die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo rief zu einer Dekolonisierung des Lesens auf.

Die Verlage haben schon reagiert, doch ins allgemeine Bewusstsein ist die neue literarische Vielfalt noch nicht gelangt. Auch eine ambitionierte Literaturtagung wie das Membrane-Festival vor einem Jahr im Literaturhaus Stuttgart konnte keine öffentliche Wirkung entfalten, weil es nicht gelang, die Fülle afrikanischer Literatur an das Publikum zu vermitteln. Mehr als 30 AutorInnen stellten ihre Arbeit vor, doch im Publikum saßen hauptsächlich die TeilnehmerInnen der Veranstaltung.

Eine der Organisatorinnen des Festivals war Yvonne Adhiambo Owuor. Als Fellow des Wissenschaftskollegs kannte sie Deutschland bereits, vor allem Berlin. Sie lobte im persönlichen Gespräch den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit. Überall in Berlin seien Hinweisschilder, wo man nachlesen könne, welche historischen Ereignisse sich dort abgespielt hätten. Auch Yvonne Adhiambo Owuor blickt zurück, um die Gegenwart zu erhellen. In ihrem zeithistorischen Roman „Dust“ (deutscher Titel: „Der Ort, an dem die Reise endet“) arbeitet sie die Kolonialgeschichte Kenias auf, einschließlich der sich bis heute auswirkenden persönlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen.

Der Schriftstellerin, die in Nairobi Anglistik und an der britischen Universität Reading Video/Film studierte, erzählt ihre Geschichte aus zwei Blickwinkeln. Aus der Sicht einer kenianischen Familie, auf der das Schweigen über die Ereignisse während des Mau-Mau-Krieges lastet, und aus der Sicht eines Briten, der mit seiner Frau unter der Sonne Afrikas das Abenteuer sucht. Hugh Bolton schifft sich 1950 mit seiner Frau Selene nach Mombasa ein, um eine Farm aufzubauen. Wie selbstverständlich bedient er sich der Privilegien der Besatzer, lässt sich Land zuteilen, beschäftigt Einheimische zu Minimallöhnen. Während Selene sich nach britischer Normalität sehnt, identifiziert sich Hugh immer stärker mit „seinem“ Kenia. Als der Widerstand der Entrechteten wächst, will er das sich abzeichnende Ende der Herrschaft der Weißen nicht wahrhaben und arbeitet für den britischen Geheimdienst an der Niederschlagung der Aufstände.

In Kenia sind die Wunden des Mau-Mau-Krieges noch nicht geschlossen

Vielleicht baute Yvonne Adhiambo Owuor das Schicksal der europäischen Familie in ihren ohnehin schon komplexen Familienroman mit gutem Grund ein. Denn ohne den Blick auf die persönlichen und politischen Verstrickungen beider Seiten bleibt Nähe und Ferne zwischen den Menschen, Kollaboration und Machtmissbrauch ohne Kontext. Dieser Gedanke durchzieht den Roman, der in Nairobi beginnt, wo die junge Künstlerin Arabel Ajani Oganda um ihren Bruder trauert, der im Kampf gegen die staatliche Korruption von derselben Polizei getötet wurde, der einst sein Vater angehörte. In vielen Rückblenden enthüllt die Autorin das dunkle Geheimnis der Familie Oganda und ihres Anwesens Wuoth Ogik im Nordosten des Landes. Als ein junger Brite namens Isaiah Bolton dort auftaucht, um nach Spuren seines verschwundenen Vaters zu suchen, kommen die Geister der Vergangenheit ans Licht.

Porträt einer Frau mit Brille in rotem Kleid
Yvonne Adhiambo Owuor schildert in ihrem Roman "Der Ort, an dem die Reise endet" die bis in die Gegenwart reichenden gesellschaftlichen Verwerfungen des Kolonialismus. Die kenianische Schriftstellerin war 2018/19 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Vielleicht erleben wir derzeit die große Stunde der AutorInnen, denen es gelingt, beide Welten, die der Kolonisatoren und die der Kolonisierten, in einer literarischen Fiktion überzeugend darzustellen. Die Kritikerin Maike Albath bezeichnete Francesca Melandris Roman „Sangue guisto“ (deutscher Titel: „Alle, außer mir“) als „scharfzüngige, unterhaltsame Milieustudie der römischen Bourgeoisie“. Der Roman ist aber auch ein Pendant zum furios erzählten Zeitpanorama von Yvonne Adhiambo Owuor. Auch Francesca Melandris Protagonistin ist einem unfassbaren Familiengeheimnis auf der Spur, das nach Afrika führt. Die Perspektive ist allerdings eine andere.

Ilaria lebt in Rom, in einem sechsstöckigen Haus ohne Aufzug. Sie ist Lehrerin, weltoffen und unabhängig. Als eines Tages ein junger Mann aus Äthiopien sie vor ihrer Wohnungstür abpasst und nach Attilio Profeti fragt, will sie den abgemagerten Eindringling mit fünf Euro abspeisen. Der aber ist hartnäckig, sagt, sie sei wahrscheinlich seine Tante, denn ihr Vater sei sein Großvater. Mit dieser Szene setzt Francesca Milandri die Handlung ihres Romans in Gang, der die Auswirkungen der aktuellen Migrationspolitik mit der kolonialen Vergangenheit Italiens verknüpft. Das Epos erzählt auf vielen Ebenen von der Verdrängung eines Schreckensregimes und von der Macht des latenten Rassismus. Es erzählt vom Beugen der Wahrheit, aber auch vom Triumph einer tieferen Wahrheit und warum Europäer mehr mit dem großen Kontinent im Süden verbunden sind, als sie sich vorstellen können.

Rassenkunde: Die italienischen Faschisten legitimierten ihre Gewaltherrschaft in Äthiopien wissenschaftlich

Es ist noch gar nicht lange her: 1935 erklärte das faschistische Italien dem Königreich Äthiopien den Krieg und installierte eine auf Apartheid basierende Ordnung. Doch sind es nicht allein die historischen Fakten, die in Milandris Familiengeschichte dem positiven Selbstbild der Europäer zusetzt. Bis zuletzt bleibt offen, ob der Inhaber des auf Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti ausgestellten Passes wirklich der Enkel des einst blonden Scharführers ist, der in der Kolonie Äthiopien zum Assistenten des führenden italienischen Rassentheoretikers aufstieg. Diese Unsicherheit ist der Antrieb für Ilaria, die nichts von der faschistischen Vergangenheit ihres Vaters weiß, Nachforschungen anzustellen. Ihn selbst kann sie nicht mehr fragen. Er ist dement. In einer Szene ruft der neunzigjährige Attilio Profeti nach Abeba, mit der er in Äthiopien illegal zusammenlebte. Ganz tief in seinem Inneren ist sie noch da, und auch die Schmach, sie verlassen zu haben.

Francesca Milandri wie auch Yvonne Adhiambo Owuor haben kunstvoll gesponnene, differenziert erzählte, schillernde Welten entworfen, die die historischen Tatsachen des Kolonialismus und Rassismus um die Widersprüche des individuellen Lebens ergänzen. Die Autorinnen brechen das Schweigen, wenn auch mit unterschiedlichen Akzentuierungen der Schuldfrage. Sie lassen die LeserInnen eintreten in einen Raum, in dem die gegenseitigen Vorurteile und Ängste ausgebreitet werden. Am Ende machen zumindest die gewonnenen Annäherungen zwischen den Gegensätzen Hoffnung.

Porträt einer brünetten Frau in einem violetten Kleid.
Francesca Melandris Bücher verarbeiten meist blinde Flecken der italienischen Geschichte. Ihr Roman "Alle, außer mir" erinnert an das koloniale Zwischenspiel des faschistischen Italiens in Äthiopien.
Carlo Traina / Wagenbach Verlag

Das lässt sich von Isabela Figueiredos Buch „Roter Staub – Mosambik am Ende der Kolonialzeit“ nicht sagen. Die Autorin, die in der portugiesischen Kolonie aufgewachsen ist, legt in ihren Erinnerungen schonungslos den Rassismus ihres Vaters und der weißen Kolonisatoren am Vorabend der Unabhängigkeit Mosambiks 1975 bloß. Der einfache Elektriker, der in seinem Heimatland chancenlos ist, liebt das Leben in Lourenço Marques, dem heutigen Maputo, wo er sich ein Leben im Wohlstand aufgebaut hat. Er glaubt fest an ein „weißes Afrika“, in dem die Schwarzen nach europäischem Vorbild hart arbeiten und auf diese Weise zu einer gesicherten Existenz gelangen könnten. Das Sagen haben natürlich weiterhin die Weißen. Selbst als die Unabhängigkeitsbewegung FRELIMO den Status der eingewanderten Portugiesen mit brutalen Angriffen massiv infrage stellte, hing er weiter seinen alten Überzeugungen an.

Zwischen zwei Identitäten: Eine Kindheit in der Kolonie Mosambik

Gleichwohl schildert ihn Isabela Figueiredo auch als liebevollen, lebenslustigen Vater. Seiner Tochter schärfte er ein, eine gute Ausbildung zu machen, um später unabhängig zu sein. Die in Lourenço Marques geborene Autorin zeichnet nicht nur retrospektiv das Bild eines Mannes, der sich in Widersprüchen eingerichtet hat. Die Autorin nähert sich auch der Welt ihrer eigenen Kindheit, ihrer Vertrautheit mit der roten Erde, mit den Menschen, von denen sie sich fernhalten sollte, ihrer Einsamkeit an den Sonntagen, die sie in weißen Kleidern und unbequemen Lackschuhen verbringen musste. Sie findet Worte für das Verdrängte, einschließlich ihrer Abreise nach Portugal im Alter von zwölf Jahren. Sie harrt bei ihrer Großmutter in ärmlichen Verhältnissen aus, geht zur Schule, erträgt die Schmach, eine „retornada“ zu sein, studiert, während die Eltern weiter vom „weißen Afrika“ träumen.

Das Buch wurde nach seinem Erscheinen 2009 in Portugal kontrovers diskutiert, denn Figueiredo mildert die verletzende Sprache der Unterdrücker nicht ab. Sie bildet die heute schwer vorstellbare, schockierende Menschenverachtung der Kolonisatoren ab und erzeugt damit eine Schockwirkung. Die verbale Brutalität bohrt sich tief ins Gemüt der LeserInnen und erstickt alle Zweifel an der Ungeheuerlichkeit des kolonialen Alltags.

Die drei Beispiele zeigen vielleicht, warum solche Bücher geschrieben und gelesen werden müssen. Die Vergangenheit Europas ist sehr viel enger mit der Vergangenheit Afrikas verknüpft, als man denkt. Das Verdrängte kommt aber nicht von allein in die Köpfe der Menschen. Was von den Verwerfungen des Kolonialismus ins kollektive Gedächtnis gelangt, ist vielleicht nicht nur eine Frage der Information, der historischen Aufarbeitung, sondern auch eine Frage der literarischen Verarbeitung unauflösbarer Widersprüche. Ein zeitgemäßer Roman, der auf alte Stereotype verzichtet und den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia in Worte fasst, muss erst noch geschrieben werden.

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Yvonne Adhiambo Owuor, Der Ort, an dem die Reise endet, aus dem Englischen übersetzt von Simone Jacob, 512 S., Dumont Buchverlag, 2017 (erhältlich als Tb bei: dumont-buchverlag.de, 12 Euro, und als E-Book, 9,99 Euro)

Francesca Milandri, Alle außer mir, übersetzt aus dem Italienischen von Esther Hansen, 604 S., Verlag Klaus Wagenbach, 2018 (als E-Pub bei: wagenbach.de, 23,99 Euro; ab Sommer 2010 für 12 Euro als btb-Taschenbuch erhältlich).

Isabela Figueiredo, Roter Staub – Mosambik am Ende der Kolonialzeit, übersetzt aus dem Portugiesischen von Markus Sahr, mit einem Nachwort von Sophie Sumburane, 172 S, Weidle Verlag, 2019 (bestellbar bei nurgutebuecher.de, 23 Euro)

Drei nebeneinander liegende, unterschiedliche  Bücher
Vielleicht erleben wir derzeit die große Stunde der AutorInnen, denen es gelingt, beide Welten, die der Kolonisatoren und die der Kolonisierten, in einer literarischen Fiktion überzeugend darzustellen.
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