Colonize my Mind

Kunst mit politischer Tiefenwirkung

Von Carmela Thiele

2. August 2019

Darf Kunst politisch sein? Muss Kunst politisch sein? Oder geht das gar nicht, weil dann das Ästhetische zum Handlanger des Aktivismus wird? Künstler, die in Staaten leben, in denen die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, können sich eine unpolitische Kunst gar nicht vorstellen, andere klammern das aktuelle Geschehen bewusst aus ihrer Kunst aus. In der medial omnipräsenten globalen Kunstszene setzen viele auf allzu einfache weltanschauliche Botschaften, um von möglichst vielen verstanden zu werden. Vieles von dem sei einfach schlechte Kunst, sagt Katrin Ströbel. Eine Kunst, die es inhaltlich gut meine, aber visuell dafür keine überzeugende Sprache finde, werde jedoch zur Illustration. Die 44-Jährige lehrt in Nizza an der Villa Arson, École Nationale supérieure d’art und ist seit mehr als zehn Jahren als Künstlerin global unterwegs..

Ihre Arbeit rankt sich um Themen wie Kolonialismus, Postkolonialismus, Feminismus und Pazifismus. Doch geht es ihr nicht um Statements, sondern um Annäherungen, um transkulturelle Gemeinsamkeiten, um Unterschiede und gesellschaftliche Codes. Ihre Ausstellung „Von der Zuverlässigkeit des Fragments“ im Kunstverein Pforzheim macht das deutlich.

Es geht um Kunst, die auch Diskurs ist, aber nicht in erster Linie. Ihr Werk kommt mit leichter Hand daher. Ein Foto, ein Meilenstein. „Colonize my Mind“ ist mit schwarzem Stift auf die Lider einer Frau geschrieben. Die Worte würden verschwinden, wenn die Augen sich öffneten. Kolonisiere meinen Geist: Das ist zugleich Aufruf und Anspielung. Katrin Ströbel inszeniert in dieser Fotografie das Dazwischen. Sie schafft ein Bild, das unterschiedliche Assoziationen auslöst. Etwa: Ein Wimpernschlag macht den Unterschied. Oder: Öffne mir die Augen. Oder: Kulturelle Codes sind in den Körper eingeschrieben. Für eine Performance nähte sie zwei Overalls mit Ärmeln, die auch als Hosenbeine dienen können, eine Idee, die den verrücktesten Modemachern der 1990er Jahre nicht einfiel. Der Stoff war mit urbanen Fragmenten bedruckt, schwarz auf weiß und weiß auf schwarz. Die Umkehrung, die Inversion, ist ihr Leitmotiv. „Making love to unknown cities“ heißt diese Arbeit, die auch einen Aufforderungscharakter in sich trägt.

Aber wie kam es, dass eine Künstlerin, die in Marseille, Stuttgart und Rabat lebt, in Pforzheim eine große Einzelausstellung aufbaut, sogar extra Arbeiten für den Anlass entwickelt? Für Katrin Ströbel ist es eine Rückkehr. Sie wurde 1975 in dem zwischen Stuttgart und Karlsruhe gelegenen Schmuckindustrie-Eldorado geboren. Nach harten Bombardements im Zweiten Weltkrieg war aus der historisch bedeutsamen Stadt, deren Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht, ein Ort des Wiederaufbaus geworden. Als Jugendlicher kam ihr das neue Pforzheim zu eng vor. Jetzt bringt sie die globale Gegenwart in ihre alte Heimatstadt - und entdeckt, dass diese schon immer ein wenig im Talkessel zwischen Enz, Nagold und Würm gewohnt hat.

Kunstwerke an der Wand und eine Skulptur
Themenfeld Körper/Fragment: Die Künstlerin versetzte für ihre Ausstellung eine Skulptur von Wilhelm Lehmbruck vom Foyer des Reuchlinhauses in den Ausstellungsraum.

Zum Beispiel in der modernen Architektur des Reuchlinhauses, dem Pforzheimer Kulturzentrum, in dem der Kunstverein Räume nutzen darf. Ende der 1950er Jahre hatte Manfred Lehmbruck das Raumensemble im internationalen Stil entworfen und eine zum Park hin geöffnete, vielgestaltige, großzügige Pavillon-Landschaft gebaut. Diese offene Architektur unterstützt nun kongenial den Charakter der an viele Besuchergruppen adressierten Ausstellung Ströbels.

„Narben und Ruinen“ ist eines von fünf Themenfelder überschrieben. Wer Pforzheim kennt, ahnt, dass an dieser Stelle die Stadtgeschichte Eingang finden muss. Wer den großen Ausstellungsraum betritt, sieht sich mit einer riesigen, fragilen Wandkonstruktion konfrontiert, einem vier Meter hohen Gespenst auf wackeligen Beinen. Den Kopf bildet ein stark vergrößertes Schwarzweissfoto, das - von einem erhöhten Standpunkt aus aufgenommen - eine Stadt in Ruinen zeigt. Die Aufnahme steht auf dem Kopf, so dass die gezackte Silhouette der Szenerie zum Fransenpony wird. Es handelt sich um ein Bild des zerbombten Pforzheim, gefunden in Marseille, abgedruckt in einer alten französischen Zeitschrift als Beleg des Sieges der Alliierten. Im Vordergrund ragt ein verkohlter Baumstamm in die Höhe. Durch die Umkehrung des Motivs, von oben und unten, wird er zum dominierenden grafischen Element. Die schwarze Linie geht über in eine von drei Latten-Konstruktionen, die bis zum Boden reichen. Überreste, Fragmente, fotografische Dokumente werden durch künstlerische Transformation zu etwas Neuem.

Gewalt und Elend sind jetzt woanders, im Jemen, in Syrien, in Afghanistan. Über viele Jahre führten Stipendien die Künstlerin nach Frankreich, in die USA und nach Australien, aber auch an Orte, an denen sie als Europäerin ein Fremdkörper war. Sie nahm Kontakt mit der jeweiligen Kunstszene auf, woraus ein Netzwerk entstand, das zum Resonanzraum ihrer Arbeit wurde. Der Globale Süden ist für sie nicht mehr nur „Géographie de la peine capitale“, eine Geografie der Höchststrafe, wie eine kleine Papierarbeit heißt, sondern ein Ort, wo Freunde und Kollegen leben und arbeiten. Die Collage zeigt in schwarzer Tusche zwei Palmen und darüber den Titel, ausgeschnitten aus einer vergilbten Zeitung.

Der Kampf gegen koloniale Aphasie ist eine Energie, die dieses Werk durchpulst. Eine andere Konstante ihrer Arbeit ist die Politik des Körpers, speziell des weiblichen Körpers. In Pforzheim reichte eine kleine Korrektur aus, um eine große Wirkung zu erzielen. Normalerweise steht die Skulptur „Sinnende“ von Wilhelm Lehmbruck aus dem Jahre 1913/14, ein Frauen-Torso, also eine nackte Frauenfigur ohne Arme, Unterschenkel und Füße, im Foyer des Reuchlinhauses. Für die Dauer der Ausstellung blickt die Bronze-Statue wie eine Besucherin auf eine Wand mit Papiercollagen. Sie ist nun nicht mehr die Betrachtete, sondern durch ihre neue Position zur Betrachterin geworden. Dass sie schwarz ist, fällt einem erst nach einer Weile auf. Wenige Schritte weiter begegnen Besucherinnen einem anderem Alter Ego, einer mit weißer Tusche auf einen Spiegel gezeichneten, afrikanischen Frau. Auch sie ist nackt. Das Motiv ist einem Buch aus der Kolonialzeit entnommen.

Ein Lattenkonstruktion deutet einen Innenraum an, Feldbetten
Themenfeld Hands of War: Die Künstlerin schuf zwei neue Arbeiten für die Ausstellung im Kunstverein, die sich mit der Geschichte der Stadt Pforzheim auseinandersetzen.

"Hands of War“ heißt das benachbarte Themenfeld, das den verwirrenden Beziehungen zwischen Hand und Handlung, Tat und Tätern nachgeht. Auch an dieser Stelle bezieht sich die Künstlerin auf die Stadtgeschichte. Pforzheim war nicht nur Standort einer Rüstungsindustrie, sondern auch eine nationalsozialistische Stadt mit Lagern für Zwangsarbeiter, zudem war sie ein Zentrum für die Deportation von Juden und Oppositionellen.

Im großen Saal des Reuchlinhauses deutet eine Latten-Konstruktion eine Zellenarchitektur an, mit Fotografien bedruckte Stoffe fungieren als Wände, Feldbetten stehen für - Gefangene, Verwundete, Ausgebombte? Es liegen Handschuhe mit meterlangem und kurzem Arm über den Wänden und den Betten, in Ton geformte ineinandergelegte Hände liegen darunter, auf unscharfen Fotografien erkennt man Hände, die Orden an die Brust von Soldaten heften, oder Hände, die sich auf eine Brüstung stützen. Die Szenerie hat etwas Spukhaftes, Verlassenes, Undurchsichtiges. Schwarzweiß sind die Handschuhe - so wie es auch helle und dunkelhäutige Menschen gibt? Während ihrer Recherche für diese Arbeit ist die Künstlerin auf eine außergewöhnliche Geschichte gestoßen. Zu sehen sind nur zwei Fotografien, die zupfende Finger zeigen. Am Boden liegen Fingerkuppen, in Ton geformte Körperfragmente. Sie sollen an die indische Prinzessin Noor Inayat Khan erinnern, die in Frankreich lebte und als Sitar-Spielerin für die Résistance spionierte. Sie wurde verraten und in Pforzheim gefoltert, vergewaltigt und von dort aus in den sicheren Tod geschickt.

In „Hands of War“ verweben sich das Spiel der Hände und der Gesten mit dem historischen Geschehen von Orten und Zeiten. Französische Generäle heften algerischen Soldaten Orden an die Brust, Soldaten ergeben sich, Kinder werfen sich Trümmersteine zu. Hände, Handlungen, Taten, alles vermischt sich und kulminiert in der Frage, wo wir eigentlich heute stehen, was wir tun - und was wir unterlassen.

Damit ist diese Kunst fraglos politisch. Doch zieht sie zugleich nahezu schlafwandlerisch alle Register der zeitgenössischen Kunst. Es ist eine künstlerische Arbeit, die durch Themen, Genres und Gattungen migriert, die Sprache und Zeichen nutzt, Ornamente und Muster umdeutet, die Eigenschaften von Materialien einsetzt und Fragmente aus dem Alltag symbolhaft auflädt. Durch die Inversion, die Umkehrung von Zuordnungen, bricht sie Zuschreibungen auf, und das Vorläufige, das Fragment erweist sich Garant für den Beginn einer neuen Erzählung.

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