Im Herz des Klimawandels

Das Ausstellungsprojekt "Critical Zones" schafft neue Verbindungen zwischen Künstlern, Natur- und Kulturwissenschaftlern

Von Carmela Thiele

Sonia Levy Violette Korallen in Großaufnahme.

Dieser Debattemuseum-Beitrag ist eine aktualisierte und erweiterte Fassung eines Artikels, der am 24. März 2020 in der taz erschienen ist.

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Der Soziologe Bruno Latour arbeitet seit Jahrzehnten an einer Annäherung von Natur- und Kulturwissenschaften. Der Kampf gegen den Klimawandel ist Teil seiner umfassenden Neukonzeption des politischen und ökonomischen Denkens, wie er es in seinem "Terrestrischen Manifest" formuliert hat. Für ihn ist klar, dass nur ein neues Naturverständnis die Wende in der Klimapolitik bringen kann. Die von ihm initiierte Ausstellung "Critical Zones - Horizonte einer neuen Erdpolitik" im ZKM Karlsruhe vereint Wissenschaft und Kunst auf gedanklicher und sinnliche Ebene. Die aufgrund der Pandemie zunächst Ende Mai nur digital eröffnete Schau soll am 24.Juli für Besucher zugänglich werden.

Das Wasser säuselt, tropft, schlägt auf. Der Strengbach liegt in den Vogesen und gibt der dort angesiedelten hydrochemischen Forschungsstation (OHGE) ihren Namen. 165 Kilometer weiter nordwestlich ist der Fluss im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Form einer Hörstation präsent. Seine Stimme wird zum Soundtrack für ein lange vorbereitetes Unternehmen, das die besten Kräfte aus Wissenschaft, Kultur und Medienkunst bündelt. Am offiziellen Eröffnungstermin stand Covid-19-beding nur ein kleiner Teil der Ausstellung „Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik“, die zentrale Installation, das „Observatorium“ und die virtuelle Plattform, die neue Standards im Bereich digitaler Ausstellungsformate setzt.

Das Observatorium sei das Grundprinzip der gesamten Ausstellungsprojekts, sagt Bettina Korintenberg vom KuratorInnen-Team der ZKM. Observare heiße beobachten, aber auch für etwas Sorge tragen, etwas achten, etwas wertschätzen. Es ginge aber nicht darum etwas zu kontrollieren, also anthropozentrisch zu versuchen, die Natur umzuformen, sie sich untertan zu machen, was im Zeitalter des Anthropozäns zum Klimawandel geführt habe. Vielmehr sollten Prozesse verstehbar gemacht werden, um einen neuen Umgang mit dem zu entwickeln, was wir gewohnt sind, Natur zu nennen.

Aus Messdaten eine neue Landschaft erschaffen

Mit anderen Worten: wir sollen uns daran gewöhnen, den Wald, das Feld, die Wiese, den See, das Gebirge, das Meer als interaktive Systeme sich bedingender Faktoren zu begreifen, die sich beständig verändern. Im „Observatorium“ solle Landschaft durch die Linse von Messinstrumenten dargestellt werden, sagt die Architekturhistorikerin Alexandra Arènes, wir alle müssten uns als Faktoren solcher Datenflüsse begreifen. Zusammen mit dem Architekten Soheil Hajmirbaba entwickelte sie auf der Basis des geologischen Profils des Openair-Labors Strengbach eine raumgewordene Erzählung des Vorzeigeprojekts französischer Umweltforschung. Metallleisten deuten das Erdniveau an, das sich bis ins nächste Stockwerk des Lichthofs schraubt. Wasserauffangbecken und mit Folien überzogene Holzgestelle stehen für Messstationen, mit denen seit 1985 in Strengbach der Lifestatus der Flüsse, die Zusammensetzung des Niederschlags, der Vegetation und der Luft gemessen wird.

Ein großer Raum mit Stellwänden, auf denen Videos projiziert werden, und anderen Einbauten.
Alexandra Arènes und Soheil Hajmirbaba haben für die Ausstellung „Critical Zones“ im ZKM das in den Vogesen gelegene Observatorium Strengbach modellhaft nachgebaut.
© Foto: Felix Grünschloss 2020

Wer die Ausstellung betritt, befindet sich symbolisch unter Erdniveau. Das Wasser gurgelt, auf schultafelgroße Platten sind Videos von der Forschungsstation gebeamt. Es sind jedoch nicht irgendwelche Aufnahmen. Sie stammen von Sonia Levy, einer auf die Zusammenarbeit mit NaturwissenschaftlerInnen spezialisierte Künstlerin, die 2016 an dem von Bruno Latour konzipierten experimentellen Programm für politische Künste in Paris teilgenommen hat. Sie filmte die ForscherInnen in Strengbach bei der Kontrolle der Messgeräte im Schnee und umgeben vom sich dunkel abzeichnenden Baumbestand, als wäre nichts natürlicher und selbstverständlicher als ihre Tätigkeit vor Ort.

Die Dimensionen des Klimawandels begreifen

Die Geochemikerin und Leiterin der OHGE Marie-Claire Pierret betont, wie wichtig es im Vorfeld der Ausstellung gewesen sei, viel Zeit miteinander verbracht zu haben und viel miteinander gesprochen zu haben. Seit langem bringt der Soziologe und Philosoph Bruno Latour Kultur- und Naturwissenschaftler ins Gespräch. Mit der großangelegten ZKM-Ausstellung trägt dieser Dialog erstmals auch nach außen hin sichtbar Früchte. Von der Umweltpolitik sei er enttäuscht, sagt Bruno Latour, deshalb habe er dieses Projekt in Karlsruhe gestartet. Uns fehle das Empfinden für die Dimensionen, in denen der Klimawandel die Grundlagen des Lebens auf der Erde bedrohe. Über das „Vehicle der Kunst“ wäre es vielleicht möglich aus unserem Zustand der Desorientierung „zu landen“, terrestrisch zu werden, sich endlich als Teil der Natur zu begreifen.

In den vergangenen zwei Jahren erkundete er mit Kunstwissenschaftlern und MedienkünstlerInnen in einem Forschungsseminar an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe experimentell Strategien der Kommunikation sowie körperlich erfahrbare Wege für das große Umdenken. Alle während des Seminars entstandenen Projekte flossen in die Ausstellung, den Katalog oder die virtuelle Plattform von „Critical Zones“ ein. Mit Alexandra Arènes und dem Geophysiker Jérôme Gaillardet arbeitet Latour schon seit langem an einer imaginären Kartografie, die die von Wissenschaftlern seit mehreren Jahrzehnten als solche definierte „Kritische Zone“ sichtbar machen soll. Die Kritische Zone umfasst den fragilen Bereich von rund 30 Kilometern, der von Erdschichten unter dem Grundwasser bis über die Baumwipfel reicht und menschliches Leben ermöglicht. Diese Schicht überzieht wie ein dünner Biofilm den Planeten. Der menschliche Lebensraum ist also keine Kugel, sondern eine Haut, eine Membran aus interagierenden Organismen.

Bildschirm, der einen älteren Herrn und eine junge Frau zeigt.
Die Karlsruher Ausstellung „Critical Zones“ basiert auf dem „Terrestrischen Manifest“ des Soziologen Bruno Latour, der an der Online-Eröffnung am 22. Mai 2020 nur digital teilnehmen konnte.
© Foto: Felix Grünschloss 2020

Für dieses Update menschlicher Vorstellungskraft suchte Bruno Latour nach Bildern und Geschichten. Die Kreativen sollten sie liefern, etwa der erfolgreiche Forscher-Künstler Julian Charrière. In einem Berliner Depot warten seine monumentalen lithiumhaltigen Salzsäulen „Future Fossil Spaces“ aus Bolivien auf ihren Transport in die Karlsruher Ausstellung. Auch optisch weniger spektakuläre Werke wie das Archiv des amerikanischen Öko-Kunst-Pioniers Peter Fend aus den 1970er Jahren sollen zum Umdenken motivieren. Dazu gesellt sich Caspar David Friedrichs düstere Vision „Felsenriff am Meeresstrand“ aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Vordergründig zeigt das Bild eine Küstenszene, im Verständnis des Malers gibt es seine Empfindung im Angesicht der Landschaft wieder.

Teilnehmendes beobachten lernen

Ohne den Geist von Strengbach und Bruno Latours verzweigtes Netzwerk würde sich „Critical Zones“ nicht von anderen Ausstellungen unterscheiden, in denen Künstler den Klimawandel thematisieren. „Critical Zones“ ist zugleich politisches Statement und Feldversuch. Latours Lehrstunde des teilnehmenden Beobachtens verspricht so etwas wie die Krönung seines Lebenswerks werden.

Bis zum 24. Juli sollen alle vorgesehenen Kunstwerke im ZKM angekommen sein, die covid-19-bedingt noch nicht angeliefert und aufgebaut werden konnten, und für das Publikum zugänglich sein, sagt Peter Weibel. Die virtuelle Ausstellungsplattform gibt schon einmal Einblick in das Projekt. Unter dem Druck des Lockdowns haben Medienkünstler und Programmierer des ZKM in Kooperation mit den eingeladenen KünstlerInnen digitale Versionen der vorgesehenen Arbeiten erstellt. Hinter getaggten Stichworten wie „Politics of Plants“, „Contamination“ oder „Metamorphosis“ verbergen sich datenbasierte 3D-Videos von atmenden Bäumen, virtuell begehbare unterirdischen Höhlen und die Einöde auf dem Mars. Bislang sind rund zwölf solcher digital erweiterten künstlerische Arbeiten zu sehen.

Das Foto zeigt von von Ferne eine riesige Staubwolke.
Forensic Architecture, Cloud Studies – Forensic Architecture ist eine 2011 gegründete unabhängige Kunst- und Rechercheagentur unter Leitung von Eyal Weizman mit Sitz am Centre for Research Architecture, Goldsmiths, University of London.
Forensic Architecture

Die Struktur der Plattform ist kongenial zum neuen, von Latour geforderten Naturverständnis konzipiert: Wer sich einloggt, gilt als „Entität“ unter anderen „Entitäten“, die Spuren hinterlässt, deren Klicks die Choreografie der interaktiven Seite verändert.

Qualitativ besonders hervorstechende filmische Arbeiten der Ausstellung ist das Cloud-Project der Gruppe Forensic Architecture, Sie analysierte die chemische Zusammensetzung von Wolkenformationen, die durch Bombenabwürfe entstanden sind, und lieferte den politischen Kontext der aus der Ferne harmlos wirkenden Waffen. Kontemplativ im Sinne von Bruno Latours Schule des teilnehmenden Beobachtens agiert die 2017 begonnene Filmstudie "For the Love of Corals" von Sonia Levy. Über ein ganzes Jahr begleitete die Künstlerin die Meeresbiologen und Aquarium-Experten des Londoner Horniman Museums bei ihrer Arbeit. Ihnen war es erstmals gelungen, Korallen des Great Barrier Reef ex situ zu züchten. Ihre Kamera unterscheidet nicht zwischen Mensch und Koralle, so scheint es. Die Koralleneier pulsieren und teilen sich, die Museumsmitarbeiter prüfen in ruhiger Routine den Status von Licht und Wasser. Sie simulieren die klimatischen Bedingungen, die diese Korallenarten bevorzugen. Dabei achten sie auf die simulierte Strahlungsdichte des Lichts, saisonale Temperaturunterschiede und sogar die Einhaltung von Mondzyklen.

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Das 400-seitige Katalogbuch „Critical Zones. The Science and Politics of Landing on Earth”, herausgegeben von Bruno Latour und Peter Weibel, erscheint in englischer Sprache bei MIT Press. Mit Texten u.a. von Dipesh Chakrabarty, Ali Gharib, Jerôme Gaillardet, Donna Haraway, Karen Holmberg, Joseph Leo Koerner, Timothy Lenton, Richard Powers, Isabelle Stengers und Jan A. Zalasiewicz.

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