Hören ist das neue Sehen

Podcasts im Museum stehen für lebendige Vermittlung

Von Carmela Thiele

11. Oktober 2019

Das digitale Angebot von Museen wächst stetig. Aber warum sollte man nun auch noch Podcast anbieten? Das Wort Podcast setzt sich aus den Worten ipod, also dem Namen eines digitalen Speichermediums und broadcast, Sendung zusammen. Podcast ist ein Audioformat, das gespeichert und wieder abgespielt werden kann. Für manche Museen sind Gesprächsformate geeignet, für andere kann ein gut gemachter Erzählpodcast die bessere Wahl sein. Wie mitreißend eine solche Produktion sein kann, hat das Städel Museum in Frankfurt am Main im Vorfeld ihrer Ausstellung "Making van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe" gezeigt.

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Ein Bild ist verschwunden, und zwar nicht irgendeines, sondern das Bildnis von Dr. Gachet, gemalt von Vincent van Gogh, eines der teuersten Kunstwerke der Welt. In der Ausstellung „Making van Gogh“ im Frankfurter Städel Museum wird nur sein Rahmen hängen, stellvertretend für das Gemälde, das einst dem Museum gehörte. 1937 beschlagnahmten es die Nationalsozialisten als „Entartete Kunst“ und verkauften es ins Ausland. Die Geschichte des Porträts gleicht einem Krimi, geeignet für eine große Erzählung über einen empfindsamen Maler und seine Zeit, aber auch über den Zusammenhang von Kunst und Kommerz. Was lag näher, als aus dem Stoff eine Podcast-Serie zu machen? Bislang sind solche Formate in Museen noch die Ausnahme, das gilt zumindest für Podcasts mit Hörspielcharakter, die von Profis gemacht sind.

Die Podcast-Serie „Finding van Gogh“ hat das Radio- und Filmautoren-Team Johannes Nichelmann und Jakob Schmid geschrieben und produziert. In der Rolle des recherchierenden Reporters führt er die Hörer*innen in das Depot des Städelmuseums in Frankfurt, zum Grab van Goghs in Auvers-sur-Oise und nach New York, wo er die Kunsthistorikerin Cynthia Saltzman trifft, die bereits Ende der 1990er Jahre ein Buch über die spektakuläre Geschichte des Dr. Gachet-Porträts geschrieben hat. Der Journalist befragte mehr als 15 Expert*innen zu den unterschiedlichsten Aspekten der Bild-Odyssee. Die Hörer*innen erfahren, wer Dr. Gachet war, wie das Bild überhaupt in den Besitz des Städel Museums kam, wie es dreizehn Mal den Besitzer wechselte und 1990 in einer historischen Auktion für 82,5 Millionen Dollar verkauft wurde. Dann verlor sich seine Spur. Das Gemälde war endgültig zum Spekulationsobjekt geworden und damit entwertet in seiner Funktion als Kunstwerk, denn das lebt von der Interaktion mit dem Publikum. Die große Frage, wer für diesen Verlust verantwortlich ist und heute das Bild besitzt, bildet den roten Faden der fünfteiligen Serie.

Ein alter Bilderrahmen auf einer Staffelei
Der leere Bilderrahmen von Vincent van Goghs „Bildnis des Dr. Gachet“ im Depot des Städel, 2001

Wer die erste Episode von der Städel-Webseite, von Spotify oder Deezer runterlädt und anklickt, wird sofort eingesogen vom Geschehen. Musik, Atmo, die authentischen Stimmen und der lebendige Erzählstil fühlen sich gut an. „Wenn wir etwas machen, dann richtig“, sagt Pamela Rohde, Leiterin der Presse und Onlinekommunikation des Städel Museums. „Das Städel ist in der Konzeption und Produktion digitaler Angebote wie Digitorials, Apps oder Games führend. Auch da sind Storytelling und eine inhaltsstarke Vermittlung zentrale Aspekte.“ Wichtig sei auch, dass das Projekt im Dialog mit Expert*innen aus dem Haus, dem Kurator der Ausstellung, der Provenienzforscherin und einer Mitarbeiterin aus der Abteilung Bildung und Vermittlung entwickelt wurde. Die Idee zu dem Podcast hatte die Social-Media-Mitarbeiterin Sarah Omar, die auch die Projektleitung der mehr als ein Jahr in Anspruch nehmenden Produktion übernommen hatte.

„Der van-Gogh-Podcast ist ein echter Coup“, sagt die Podcast-Expertin Tine Nowak zu der neuen Produktion der Frankfurter Gemäldegalerie. „Storytelling im Museum funktioniert nicht immer. Noch nie hat ein Museum in Deutschland so viele Ressourcen in einen Podcast als Marketinginstrument investiert. Das ist bis jetzt einzigartig.“

Die Bildungswissenschaftlerin weiß, wovon sie spricht. 2013 startete sie den Podcast „Kulturkapital“, für den sie bis heute Episoden rund um das Thema digitale Medien und Bildung produziert. Das ist ein Gesprächspodcast mit verschiedenen Gästen zu verschiedenen Themen. Sie arbeitet zudem im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main als Projektleiterin von „Leben & Lernen X.0“. Hier gibt es unter anderem einen Erklärpodcast zum Thema Digitaler Wandel. In „Finding van Gogh“ fänden sich Stilelemente von Podcast-Serien, wie sie derzeit in den USA erfolgreich seien, sagt sie, etwa die vom Chicago Public Radio 2013 produzierte Blockbuster-Serie „Serial“, eine Kriminalgeschichte um ein verschwundenes Mädchen in Baltimore, die auf einem authentischen Fall beruht und von rund 50 Millionen Menschen abonniert wurde.

Die Tradition des "German Hörspiel"

Sind also erzählerische Podcasts eine amerikanische Erfindung? Reportage-Elemente seien Teil des klassischen Radiofeatures, sagt „Finding van Gogh“-Autor Johannes Nichelmann. Der Mitarbeiter des Deutschlandfunks schreibt und produziert seit zehn Jahren Hörstücke mit Reportage-Charakter. Das sei sein Stil. Der öffentlich-rechtliche Hörfunk stellt bereits seit Jahren große Teile seines Programms als „Podcasts“ zum Download zur Verfügung. Das ist insofern nichts Neues mehr. Doch seit einem Jahr läuft der unter anderem von Johannes Nichelmann verantwortete Kultur-Podcast „Lakonisch Elegant“, in dem die freie Rede, das Erzählen, das starre Reglement einer bis auf die Sekunde durchgetakteten Sendung bricht. „Für die Hörfunkanstalten sind Podcasts eine tolle Form, ihre Produktion zu verstetigen“, sagt auch die Medienwissenschaftlerin Nele Heise. Auf Experten-Foren werde sie immer wieder auf das „German Hörspiel“ angesprochen. „Wir haben eine ganz alte Tradition, die wiederbelebt werden muss.“

Podcast ist jedoch nicht gleich Podcast. Die Bandbreite, die sich etwa bei einem Besuch der Podcast-Suchmaschine Fyyd auftut, ist erstaunlich. Geordnet nach Kategorien und Unterkategorien kann jeder seinen speziellen Podcast finden. Wer „Museum“ eingibt, stößt auf einen professionell gemachten Storytelling-Podcast zu einem Pyramidenfragment aus dem Ägyptischen Museum Berlin. Er wurde produziert vom FU-Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ als Folge der Reihe „Hinter den Dingen“. Kooperationspartner ist Deutschlandfunkkultur. Eine echte Fundgrube ist auch Der Bayern 2-Podcast-Newsletter, der in jeder Folge Podcasts zu einem aktuellen Thema empfiehlt.  

Üblicher im Museum ist der Gesprächspodcast. Tine Nowak lud 2016 für Ihre Kulturkapital-Episode „Was haben Podcasts Museen zu bieten – und umgekehrt“ den Initiator des vielleicht ersten Museumspodcasts Michael Merkel ein. Der Sammlungsleiter des Archäologischen Museums in Hamburg betreibt privat den Podcast „Hafenradio“, eine Plauderei über Hamburger Kulturthemen, die eher selten in den Medien in Erscheinung treten. Der Podcast-Begeisterte setzte sich in seinem Museum nicht nur dafür ein, dass digitale Angebote zur Selbstverständlichkeit werden. Seit 2017 gibt es auch einen Museumspodcast, den jeder über die Museumsseite oder Wissenschaftspodcast abonnieren kann. Für Michael Merkel ist das Gespräch eine extrem wichtige Form der Kommunikation. Auch Podcasts, die von Museumsbesucher*innen gemacht würden, wie „Exponiert – der Museumspodcast aus Berlin“ von Ulrike Kretzmer, seien für die Museen Gold wert, weil sich darin Reaktionen auf eine Ausstellung differenzierter äußern als durch einen kurzen Facebook-Post.

Podcast als PR-Tool?

Podcast sei zunächst einmal nur ein Distributionsformat des Audio-Journalismus, sagt Nele Heise. Das sei um 2005 schon einmal Thema gewesen, sei aber wieder verpufft, weil die Voraussetzungen fehlten: Digitalisierung, Smartphone, Social Media. Der Markt in Deutschland sei sehr viel kleiner als der amerikanische. Das liege auch daran, dass Deutschland in der Digitalisierung ins Hintertreffen geraten sei. Mit Netflix hätten sich die Leute daran gewöhnt, digitale Formate on demand zu konsumieren. Genaue Zahlen zum Online-Gebrauch lassen sich über Online Audio Monitor abrufen. Laut deren Studie von 2018 nutzen 58 Prozent der deutschen Bevölkerung Online-Audio-Angebote, das sind 40,9 Millionen Personen über 14 Jahren. Die meisten Nutzer laden Musik herunter oder hören Webradio. Hörbücher und Hörspiele konsumieren 11 Prozent aller Nutzer im Internet. Nur 13 Prozent hören Podcasts. „Bis es ein festes PR-Tool wird, dauert es noch eine Weile“, sagt Nele Heise. Schon allein weil es schwierig sei, den Erfolg zu messen – wenn man von reinen Abrufzahlen einmal absehe.

Das Medium Podcast ist unverbraucht und eine willkommene Abwechslung nach viel Lektüre analog wie digital. Der Van-Gogh-Podcast bietet eine wohltuende Fülle von Stimmen, sinnlichen Eindrücken, Gedanken und Informationen, die auf angenehme Weise ins Ohr kriechen. Und zwar bevor sich der eine oder andere vielleicht entschließt auch die Ausstellung zu besuchen. Das unterscheidet den Erzählpodcast vom Audioguide, der verlangt, parallel zu hören und zu sehen. „Was viele zum Hören treibt, ist dieses spezielle Moment zuzuhören. Man stellt sich etwas vor, entwickelt eine Fantasie, fokussiert auf einen Sinneskanal“, sagt Nele Heise, selbst ein leidenschaftlicher Podcast-Fan.

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