Fragen, die uns Angst machen

Das Wilhelm-Lehmbruck-Museum muss sich neu erfinden – Das ideale Kunstmuseum (3)

Von Carmela Thiele

Foto: Thomas Köster Gebäude in bei Abendrot

8. Dezember 2018

Das Wilhelm-Lehmbruck-Museum war einmal der Stolz der prosperierenden Industriestadt Duisburg, ein europäisches Zentrum moderner Skulptur. International anerkannte Künstler wie Eduardo Chillida, Claes Oldenburg und Joseph Beuys nahmen den Wilhelm-Lehmbruck-Preis entgegen und trugen sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Vierzig Jahre später sagt die Direktorin Söke Dinkla, der Skulpturbegriff habe sich aufgelöst. Sie will das Museum ins 21. Jahrhundert holen - aktuell mit einem Projekt von Jochen Gerz.

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Wer hier wartet, wartet gerne. Im Konferenzraum ist alles aus Holz und Stahl, klare Linien, funktionales Mobiliar, verglaste Wand ins Grüne. „Es war schon mutig, in den 1960er Jahren in Duisburg so einen Glaskasten hinzubauen“, sagt Söke Dinkla, seit 2013 Direktorin des Wilhelm-Lehmbruck-Museums (WLM). Zu dem Glaskasten kamen der Lehmbruck-Trakt und ein Erweiterungsbau aus Beton. Alle drei Gebäude atmen den Geist der Moderne, sind auf den Kantpark hin konzipiert, weitläufig und unaufgeregt.

Was ist ihre Idee für das ideale Kunstmuseum? Die Kunsthistorikerin sagt, was viele ihrer Kolleginnen heute sagen. Sie wolle daran arbeiten, dass das Museum auf die Gesellschaft zugeht, „und im idealen Fall natürlich auf alle Teile unserer Gesellschaft“. Ganz gleich, ob jemand etwas über Kunst weiß oder nicht. Diese Offenheit sei allerdings eine echte Herausforderung. 

„Das Lehmbruck“ verstand sich, wie alle Kunstmuseen, lange als bürgerliche Institution, in der zwar Vermittlung groß geschrieben wurde, aber außer Frage stand, dass die Kunstwerke im Mittelpunkt stehen und nicht die Besucher. Das soll sich jetzt ändern, ohne die eigene Geschichte über Bord zu werfen. Söke Dinkla sagt auch, dass das Museum ein Ort der Tradition sei, an dem Wissenswertes vermittelt werde. Sie ist sich aber auch bewusst, an einem Wendepunkt zu stehen. Das Museum müsse sich auch mit unangenehmen Fragen befassen, mit Fragen, die uns Angst machen.

Porträt eines Mannes
Jochen Gerz verwandelte das Museum in ein Buch und in eine Skulptur. Auf der Fassade sind seine Reflexionen über sein Leben und sein Werk zu lesen, die sich wie eine Geschichte Deutschlands seit 1945 lesen.
Foto: Sonja Rothweiler

Fragen stellen, das ist eine Kernkompetenz von Jochen Gerz, der "den Glaskasten" des Lehmbruck-Museums gerade auf seine Art bearbeitet hat. Der 78-jährige Künstler denkt schon mehr als die Hälfte seines Lebens über die zwiespältige Rolle von Kunst und Kultur nach, über ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Söke Dinkla hatte ihn zu einer Retrospektive eingeladen, obwohl sie weiß, dass Gerz seit langem nicht mehr im traditionellen Sinne ausstellt, sondern Projekte zu gesellschaftlichen Themen initiiert. Ein frühes Beispiel ist das Mahnmal gegen Faschismus in Hamburg-Harburg. Damals waren Passanten eingeladen, Kommentare zur NS-Zeit auf einer bleiummantelten Säule zu hinterlassen, die sukzessive in den Boden abgesenkt wurde, wenn die erreichbare Fläche vollgeschrieben war. 60 000 Menschen hinterließen auf der 12 Meter hohen Säule ihre Meinung. 

Auch in Duisburg wollte Jochen Gerz möglichst viele Leute und nicht nur die klassischen Museumsbesucherinnen erreichen. Zugleich aber wollte er ein Fazit seines Werks ziehen. Seine Lösung ist einfach, aber auch anspruchsvoll. Er ließ seine Memoiren auf die Glasfassade des Lehmbruck-Museums plotten. Er schrieb von seiner glückliche Jugend in den Ruinen, über seine Liebe zum Schreiben und zu den Büchern, und wie er entdeckt hat, selbst Teil der Gesellschaft zu sein, jemand, der sich zu dem, was geschieht, verhalten muss. Das Museum ist damit zum Buch geworden, in dem sich die Geschichte des Jochen Gerz wie ein Rückblick auf die Geschichte der BRD liest. 

Um einen größeren Besucherkreis auf Gerz „THE WALK – Keine Retrospektive“ (bis 5. Mai 2019) aufmerksam zu machen, publizierte die Rheinische Post im Auftrag des Künstlers und des WLM die vielen Anmerkungen des Textes, die eine Timeline historischer Daten ergab, als Beilage. Im Vorwort wurden die Leser darüber aufgeklärt, dass sie den Haupttext auf der Fassade des Wilhelm-Lehmbruck-Museums finden würden. Die Aktion habe sich gelohnt, erzählt die Direktorin. Viele Besucher seien mit dem Heft in der Hand zum Museum gekommen. 

Museum mit Skulpturen
Innen und Außen: Der Text auf der Glasfassade ist nur von außen lesbar. Der Steg bringt die Besucher nahe an die Schrift heran. Aus Betrachtern werden Leser. Auch Leser der Skulptur Museum?
Foto: Guido Meinecke

Was aber wird mit dem aufwendigen Projekt gewonnen? Auf halber Höhe verläuft ein Steg um das Museum. Neugierige nehmen das Museum vielleicht aus einer anderen Perspektive war, und wer in den Fassadentext hineinliest, wird mit dem eigenen Leben, der eigenen Zeitgenossenschaft konfrontiert. Was war mir in meiner Jugend wichtig? Welche historischen Ereignisse haben mich ganz persönlich betroffen? Aber selbst wer tiefer einsteigt und den kompletten mehr als 50-seitigen Essay Contemporaneities von der Homepage des Museums herunterlädt und studiert, wird zwar mit Jochen Gerz Museumkritik im Detail konfrontiert, er hat aber nichts über das Wilhelm-Lehmbruck-Museum und seine 10 000 Werke umfassende Sammlung erfahren. 

Aber natürlich gilt auch für das Lehmbruck, was für andere Museen gilt: Ein Wandel der Perspektive ist unabdingbar geworden, Sammlung hin oder her. Gerz kritisiert in seinem Text die Institution Museum ungewöhnlich scharf. Ein Museum ohne Zuschauer sei wie ein Fußballverein auf dem Relegationsplatz, schreibt Jochen Gerz. „Der Trainer muss gehen. Aber die Museen sind die meiste Zeit leer, und wenn man Schulklassen und Lehrer bei ihren Pflichtbesuchen beobachtet, schämt man sich als Künstler, der Grund für so viel Langeweile und Frust zu sein.“ Menschen zu Betrachtern zu erziehen, das sei Unsinn. Man könne nicht gar nicht zum Betrachter erzogen werden, dazu, „so wenig zu zählen“, um auf der Seitenlinie des Lebens herumzulungern. 

„Jochen Gerz sagt aber auch, wer ins Museum geht, begegnet sich selbst“, ergänzt Söke Dinkla, die schon mehrfach mit dem Künstler zusammengearbeitet hat. Mit dem Museum verbinde Gerz eine Art Hassliebe. Denn im Museum würden wir mit Dingen konfrontiert, die wir im Alltag nicht zulassen könnten. Neue Perspektiven eröffnen neue Möglichkeiten: Was die Museumsdebatte angeht, hat die Direktorin des WLM gepunktet. Und ganz nebenbei hat sie mit dem Projekt an die Tradition des WLM angeknüpft und das Museum selbst durch den Steg in eine Skulptur verwandelt.

Raum mit Filmprojektion, einem Relief an der Wand und einer Sitzbank im Vordergrund
William Kentridge zeichnet mit Kohle Bildergeschichten, aus denen er Animationsfilme macht. „Mine“ (1991) schildert Apartheit, Ausbeutung und Kolonialismus - den Albtraum Südafrikas. Das Relief zeigt einen Bergmann mit Grubenlampe. Wilhelm Lehmbruck schuf den Entwurf 1905/06 für das Grab eines Bergbauingenieurs.
Foto: William Kentridge
Die WLM-Ausstellung „Reichtum: Schwarz ist Gold“ (2018) zeigte Kunst aus Kohle. Der Land-Art-Künstler Robert Smithson sammelte 1968 auf einem Zechengelände in Oberhausen Schlacke und stellte sie mit einer genauen Kartierung seines Fundortes aus. Reiner Ruthenbeck war fasziniert von der fragilen Form von Aschehaufen (vorne).
Foto: Volker Döhne
Ein Stück Kohle in Form eines Diamants
Wertvoll oder zum Verfeuern? Lucy heißt der schwarze Diamant aus Kohle von den Alicja Kwade (2004)
Foto: Matthias Kolb

Wie aktuell das Thema Skulptur ist, zeigt ein anderes Projekt des Museums. Das WLM liegt nicht im Nirgendwo, sondern am Rande des Ruhrgebiets. Anlässlich des Kohleausstiegs 2018 präsentierten 17 der 20 RuhrKunstMuseen Ausstellungen, die dem „schwarzen Gold“ gewidmet waren. Das Lehmbruck-Museums konzentrierte sich mit seiner Ausstellung „Reichtum: Schwarz ist Gold“ auf die Verwendung der Kohle in der zeitgenössischen Kunst. 

Es stellte sich heraus, dass sich Künstlerinnen weltweit mit dem fossilen Brennstoff auseinandergesetzt haben. Mal geschah dies ganz unmittelbar, etwa als der New Yorker Pionier der Land-Art, Robert Smithson, 1968 für seine erste Ausstellung in der Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer auf dem Areal der GuteHoffnungsBerghütte in Oberhausen-Sterkrade Schlacken für eine seiner legendären Nonsite-Präsentationen sammelte. Site/Nonsite – mit dieser Gegenüberstellung betonte Smithson den Unterschied zwischen einer Exkursion an einem realen Ort und ihrer Übertragung in einen Ausstellungskontext. Die Schlacken präsentierte er in geometrisch geformten Eisenbehältern neben Kartierungen des untersuchten Geländes.

Der Südafrikaner William Kentridge hingegen erzählt in seinem Animationsfilm „Mine“ von menschenunwürdigen Bedingungen in afrikanischen Bergwerken, von der Ausbeutung der Erde und der Menschen, von Apartheit und Kolonialismus. Seine mit schwarzer Kohle Blatt für Blatt gezeichnete poetisch-fantastische Geschichte konfrontiert den Betrachter aber auch mit den Gewissensqualen des weißen Minenbesitzers, in dessen Kopf sich die Bilder zu einem monströsen Albtraum formieren. Jüngere Künstlerinnen dagegen nahmen meist ironisch Bezug auf die Mehrdeutigkeit des Materials. Alicja Kwade etwa veredelte Kohle, indem sie es wie einen Diamanten formte oder Briketts mit Blattgold überzog, also dinghafte Skulpturen schuf, die auf die Spirale des Wachstums und ihren ökonomischen Kontext anspielten. 

Der Lehmbruck-Trakt: Der WLM besitzt rund 900 Werke von Wilhelm Lehmbruck. 2008 erwarb die Stadt den Nachlass des Bildhauers.
Foto: Dejan Saric
 Museum mit Skulpturen
Ein Europäischer Zentrum moderner Skulptur: Werke von Max Bill, Constantin Brancusi oder Alberto Giacometti gehören zu der 10 000 Objekte umfassenden Sammlung des WLM.
Foto: Dejan Saric

Doch steht das Wilhelm-Lehmbruck-Museum nicht nur für die Vergangenheit, für den Reichtum der Montanindustrie oder für das Rheinland und seine lebendige Kunstszene. Es ist auch ein Künstlermuseum, das dem 1881 in Duisburg-Meiderich geborenen Wilhelm Lehmbruck gewidmet ist. Zu den bedeutendsten Werken des Bildhauers gehört der „Gestürzte“, eine Figur eines am Boden kriechenden Mannes mit überlängten schmalen Gliedern und gesenktem Kopf. In dieser Skulptur spiegelt sich der Zusammenbruch einer ganzen Nation nach dem Ersten Weltkrieg. 

Wilhelm Lehmbruck war kein Avantgardist, der die Motive oder die Mittel der Bildhauerei radikal in Frage stellte. Er schuf seine Figuren als Sinnbilder mentaler Zustände, er zeigte den vom Lärm der Zeit gepeinigten Menschen. Joseph Beuys, der 1986 mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis ausgezeichnet wurde, sagte in seiner Dankesrede, dass Abbildungen der Werke Lehmbrucks ihn zum Kunststudium inspiriert hätten. Mehr noch als die Werke von Auguste Rodin rührten die Skulpturen Lehmbrucks eine Schwellensituation des Plastischen an, die sich nicht nur im Räumlichen manifestiere, sondern auch im Geistigen, im Sinnenden, Denkenden. Diese Form der Plastik sei nicht nur ein Äquivalent zur materiellen, räumlichen Welt, sondern weise über sie hinaus. 

Es gibt also eine enge Verbindung zwischen Wilhelm Lehmbruck und Joseph Beuys. Und gerade Beuys hat wie kein anderer den Skulpturbegriff erweitert und damit auch seiner Auflösung Vorschub geleistet. Seine Idee der Sozialen Plastik verlagerte die Form- und Materialprozesse der Skulptur auf Formierungsprozesse der Gesellschaft. 1971 gründete Beuys das Büro für direkte Demokratie und diskutierte ein Jahr später auf der Documenta lieber 100 Tage lang mit den Besuchern als ein fertiges Kunstwerk hinzustellen. Doch markiert diese radikale Geste nicht das Ende der langen Geschichte der Skulptur, die bis in die Antike zurückreicht. Sie ist vielmehr eine ihrer vielen grandiosen Metamorphosen. 

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